Bonartes: „Die herrlichen schwarzen Menschen“

© Photoinstitut Bonartes

Hugo Bernatzik unternahm in den Jahren 1925 und 1927 Reisen in den damals anglo-ägyptischen Sudan. Dabei versuchte er, das „unbekannte und von der westlichen Zivilisation noch unberührte“ Afrika auf Fotografie und Film festzuhalten. Ausgewählte Bilder dieser Sammlung sind im Photoinstitut Bonartes in der aktuellen Ausstellung Die herrlichen schwarzen Menschen – Hugo Bernatziks fotojournalistische Beutezüge in den Sudan zu sehen und machen das Publikum zu Mitreisenden.

Mit der Fotografie Nummer Eins beginnt man, Schritt für Schritt die Welt in Bernatziks Augen zu sehen. Die Aufnahmen, in Bilderrahmen an den Wänden hängend, sind großteils chronologisch gereiht, sodass man direkt mit ihm mitleben kann. Der erste Teil der Ausstellung widmet sich Bernatziks Anreise und seinem Reisealltag. Die Reise mit dem Auto, die nicht immer problemlos vonstatten ging, dokumentierte Bernatzik mit mehreren Aufnahmen – so auch das Abschleppen des Autos. Das Wandbild, das die Anreise mit drei Schiffen dokumentiert, ist besonders spannend anzusehen, denn erst beim zweiten Blick erkennt man, dass die Wand, auf der die ersten Bilder hängen, ein eigenes Bild ist.

© Photoinstitut Bonartes

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Nach und nach verändern sich Bernatziks Interessenschwerpunkte. Während ihn anfangs seine Anreise und sein Reisealltag beschäftigt,  geht er bald dazu über, seine Faszination für die Kleidung der Einheimischen zu bebildern. Später konzentriert er sich auf das Aussehen der Menschen: Schmuck, Bemalungen und Frisuren werden festgehalten und manchmal auch kommentiert. So geht Bernatzik beispielsweise auf die „eigenartige Igelfrisur eines Shillukkriegers“ ein, die man nach dem Lesen dieser Anmerkung nochmals genauer begutachtet. Nach einem weiteren Wandbild, das eine Rast auf einer Autostraße zeigt (siehe Titelbild), sieht man zahlreiche Fotografien die sich mit den Jagdmethoden und  dem Handwerk der Einheimischen beschäftigen. Die Reihe dieser Aufnahmen wird unterbrochen durch den Film „Gari-Gari. Der Urruf der afrikanischen Wüste“, der auf einer Wand gezeigt wird.

Bitte Platz nehmen
Benatzik und Bedřich Machulka, der Jagdreise-Organisator, der ihn bei seinen Reisen begleitet hat, führten gemeinsam die Regie des Stummfilms. Die Lebensgeschichte jenes Dolmetschers, der Bernatzik bei seiner zweiten Reise besonders tolle Eindrücke ermöglichte, inspirierte die Handlung des Films. Zwischen den Szenen werden Kommentare eingeblendet, die die Handlung und teilweise auch Hintergründe erklären.

© Photoinstitut Bonartes

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Drei Stühle stehen vor der Filmleinwand, wenn man den Film wirklich ganz ansehen möchte, sollte man diese Sitzmöglichkeit auf jeden Fall nutzen – er dauert nämlich etwa anderthalb Stunden. Die Geduld, den Film ganz anzusehen, muss man, trotz sehr interessantem Inhalt, erst mal aufbringen. Für eine Ausstellung ist der Film etwas lange, aber es ist verständlich, dass man ihn nicht kürzen möchte.

Die letzten Fotos befassen sich auch mit der einheimischen Architektur, bevor Bernatzik sich scheinbar mit letzten Aufnahmen vom Land verabschiedet. „Mit Bedauern sehe ich den letzten ‚Jagdplatz‘ mit den schlanken Gestalten der Dinka am Horizont verschwinden“, lautet seine Anmerkung zur letzten Fotografie der Ausstellung.

Bernatzik besser kennenlernen
Wenn man der nummerierten Reihenfolge der Aufnahmen treu bleibt, erkennt man, dass sich Benatziks Interesse und sein Fokus mit der Zeit verändern. Anfangs findet er die afrikanische Kleidung interessant, konzentriert sich später auf das Aussehen und den Schmuck der Einheimischen und gegen Ende auf die Jagd und den Alltag der Menschen sowie die Architektur. Als Beobachter der Fotografien wird man von Bild zu Bild neugieriger, möchte die abgebildeten Kulturen kennenlernen, mehr erfahren. Doch zu den einzelnen Menschen, den Persönlichkeiten, bekommt man keinen Zugang. Bernatzik hält scheinbar einen emotionalen Sicherheitsabstand. Auffällig ist auch, dass kaum Kinder, Babys oder schwangere Frauen in der Fotosammlung erscheinen.

© Photoinstitut Bonartes

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Doch kennt man Bernatziks Lebensverlauf vor und nach seinen Reisen, versteht man seine Motivation, seinen Blickwinkel. Man muss wissen, dass seine erste Frau 1924 während der Schwangerschaft verstarb. Das, und auch die sprachliche Barriere können Gründe für seinen vorsichtigen und eher emotionslosen Blickwinkel sein. Die Tatsache, dass er sich mehr für die Völker, als für die menschlichen Individuen, die er fotografiert, zu interessieren scheint, ergibt auch in Zusammenhang mit seinem weiteren Lebenslauf Sinn. 1930 begann er das Studium der Völkerkunde und wurde später als Ethnologe bekannt. Die Veränderung seines fotografischen Fokus kann man schon als Anzeichen für sein wachsendes ethnologisches Interesse sehen.

Ohne Hintergrundwissen verpasst man interessante Zusammenhänge, die leider auch in der begleitenden Infobroschüre nicht vollständig angemerkt werden. Ein kurzer Blick auf Bernatziks Lebenslauf lässt einen das ganze Bild sehen und man lernt ihn durch seine Fotografien besser kennen.

Die Ausstellung ist von 1. August bis 17. Oktober im Photoinstitut Bonartes in Wien zu sehen – die Besichtigung ist jederzeit nach Voranmeldung möglich. Begleitende Vorträge gewähren einen genaueren Einblick in die Thematik.

Titelbild: © Photoinstitut Bonartes

Jasmine Schuster studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: jasmine.schuster[at]mokant.at

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