Zwischen Gaffern und Rüschen: Lolitas in Österreich

Zum 19. Mal trafen sich die Lolitas Österreichs im Juli in Wien, um ihre Outfits zu präsentieren, sich auszutauschen und ihre Freundinnen zu treffen. mokant.at war für die diesjährige Szenenreport-Reihe dabei.

Wien, Juli, 28 Grad, Sonne – das Make-Up sitzt. Jede Brise ist wie ein Stück Himmel für die bunten Lolitas, die sich am Stubentor treffen – denn Schweiß und Schminke vertragen sich bekanntlich nicht. Und Schweiß ist bei zahllosen Schichten von Stoff und Kleidern vorprogrammiert. Passanten drehen sich um, als das Grüppchen größer und größer wird: Mädchen in Pastelltönen, in Schwarz, in Erdtönen gesellen sich hinzu, begrüßen sich mit Küsschen. Ihre Kleider sind mit verschiedensten Elementen versehen, von Süßigkeiten und Cupcakes bis hin zu gotischen Kirchenmustern ist alles dabei. Die aufgerissenen Augen der umstehenden Menschen werden ignoriert, Fragen von Fremden jedoch durchaus beantwortet. Was sie denn machen, wer sie denn seien, will ein amerikanischer Tourist wissen.

Sweet – Gothic – Classic
Mit jungen Mädchen, die eine Affäre mit älteren Männern haben, haben die hier anwesenden Lolitas wenig zu tun. Die Lolita-Szene hat ihren Ursprung in Japan und Lolitas sind Mädchen, die sich in schmuckreiche, viktorianisch angehauchte Outfits werfen, begleitet von aufwendigen, detailreichen Accessoires. Unterschieden wird von den Mädchen grundsätzlich zwischen Sweet Lolitas, die sich auf Pastelltöne und süße Motive spezialisieren, Gothic Lolitas, deren Kostüme von der Gothic-Szene angehaucht sind, und Classic Lolitas, die eher mit schlichten Elementen und weniger Farben arbeiten – so erklärt es Lolita Eva, die extra aus Linz zum Lolita-Treffen angereist ist.

Auf die Frage, ob sie sich denn als Lolita bezeichne, folgt bei Lolita Joey ein klares „Ja!“. Sie ist seit sieben Jahren dabei –  eine beachtliche Zeit für einen Trend, der erst Anfang des 21. Jahrhunderts nach Europa gefunden hat. Durch ihre Liebe zur japanischen Kultur sowie Mangas und Animes und die Fachzeitschrift Daisuki ist sie schließlich auf Lolitas gestoßen. Bei ihren Treffen schießen sie zunächst Fotos. „Da schauen wir alle noch frisch aus“, meint Joey. „Meistens geht’s dann ins Museum, oder was eben gerade passt. Nachher gehen wir immer essen und tratschen einfach.“

(c) Romina Schalling

(c) Romina Schalling

Manga trifft Viktoria
Beweggründe zur Szene sind unterschiedlich: Liebe zur japanischen Kultur, Interesse an Geschichte, die Gothic-Szene. Die Faszination zum Stil scheint bei vielen ähnlich. Eva ist vor allem von der Eleganz der Lolitas begeistert. „Es hat einfach diesen Charme aus dem viktorianischen Zeitalter und des Rokokos und andererseits auch der Vintage-Fashion“. Auch die Hintergründe der Mädchen scheinen alle ähnlich; viele sind in den Zwanzigern und studieren oder stehen am Anfang ihres Berufslebens, welches beim Warten auf ihre Fotosession auch Hauptthema der Gespräche der Mädchen ist.

Ganz ohne Nachteile scheint die Lolita-Fashion allerdings nicht, denn für die Kleider und Accessoires müssen die Mädchen einiges hinblättern, obwohl viele Second Hand oder von Indie-Marken kaufen. Auf die Frage, wie viel sie denn bereit seien zu zahlen, meinen Aurîs und Bianca: „Zwischen 200 und 400 Euro für das Kleid, um die 80 Euro für die Bluse darunter. Strümpfe kosten dann meistens auch nochmal 20. Und Accessoires sind abhängig – da gibt’s billigsdorfer Accessoires von Modeschmuckketten oder handgemachte von großen Marken ab 30 Euro aufwärts.“

Ungefragte Attraktion
Zuständig für die offiziellen Fotos ist der Fotografie-Student Robert. Eigentlich hatte er nur Motive für ein Projekt an der Uni gebraucht und sei dann über Bekannte auf Lolitas gestoßen. Der Mix aus japanischen und europäischen Elementen habe ihn jedoch so fasziniert, dass er auch heute gerne zu Treffen kommt, um Aufnahmen von den Mädchen zu machen. Auf der kleinen Ungarbrücke werden die Fotos geschossen – und das nicht nur von ihm.

Mehr als ein Mal bleibt ein Passant oder eine Passantin stehen, um sich selbst ein Erinnerungsfoto von den bunten Lolitas zu schießen – auch ungefragt. „Wenn sie einfach stehen bleiben und ein Foto machen haben im Normalfall die wenigsten ein Problem. Aber an sich würde man sich schon wünschen, dass sie wenigstens fragen“, meint Jörg, ein junger Mann, der seine Freundin begleitet. Er steht dem Hobby seiner Freundin sehr positiv gegenüber, findet es gut, dass Lolitas zu dem stehen, was ihnen gefällt. Wieder nähert sich ein Fußgänger interessiert und fragt nach. Er kennt Lolitas bereits aus dem Fernsehen sagt der ältere Herr, findet gut, dass sich die Mädchen öffentlich treffen und tun, was ihnen Spaß macht.

(c) Romina Schalling

(c) Romina Schalling

GLAM – Ganz normale Mädchen
Den Überblick über das Fotoshooting und die ganze Organisation hat Dani, die schon seit zehn Jahren Lolita ist und den Trend in Österreich durch regelmäßige Treffen öffentlich gemacht hat. Mittlerweile gibt es auch einen Gothic Lolita Verein Österreichs, GLAM genannt, der sich um Treffen und Events für die Szene kümmert. „Wir erhoffen uns einfach von der Vereinsgründung, dass wir die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, was wir hier tun und wer wir sind. Gothics und Punks sehen die Leute auf der Straße und können sie einordnen. Wenn man uns auf der Straße sieht, sind die Leute total verwirrt. Ich habe die Hoffnung, dass die Leute uns einfach kennen lernen und verstehen, dass wir einfach kulturinteressierte, normale Mädchen sind, die normale Sachen machen, wie essen gehen oder Party machen.“

Die Lolita-Szene ist nicht die einzige, die mokant.at unter die Lupe nehmen will. Bleibt dabei für einen Crashkurs durch die Szenenlandschaft in Österreich!

Titelbild: (c) Romina Schalling

Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

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