Türkische Journalistin: „Büros sind jetzt Schlafsäle“

Foto: (c) Martin Fellner

Ece Celik ist Journalistin in der Türkei und Teil der Protestbewegung gegen Erdoğan. Mit mokant.at spricht sie über Pressefreiheit, die jüngsten Ereignisse in ihrer Heimat und warum sie und ihre Kollegen seit Wochen in ihren Büros übernachten müssen.

Istanbul, das belebte Stadtviertel Beşiktaş. In einem typischen Straßencafé bringen mehrere Kellner das Frühstück zu Tisch. Weißbrot, natürlich. Oliven, Schafkäse, Butter, Honig, Gurken und Tomaten werden vor uns aufgestellt. In der Zwischenzeit kommt Ece Celik. Wir haben uns in dem Straßencafé verabredet um über die Arbeit von Journalisten in der heutigen Türkei zu reden.

Vor einem Jahr brachen in Istanbul die Proteste gegen die konservative AKP aus. Die meist jungen Menschen Istanbuls protestierten gegen die Planierung des Gezi-Parks – er sollte einem Einkaufszentrum weichen – in Wahrheit aber gegen den autoritären Regierungsstil unter Recep Tayyip Erdoğan. Die jungen urbanen Menschen wollten sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben zu leben haben. Die bunte Protestbewegung am Gezi schwappte auf andere Städte über und für einen Moment sah es so aus als würde dies ein politischer Wendepunkt der Türkei werden. Doch die Protestbewegung, so sichtbar sie auf der Straße und in den ausländischen Medien war, gewann bisher keine Wahlen.

foto: (c) Ece Celik

Foto: (c) Ece Celik

Ece Celik hat Wurzeln in Mazedonien und im Süden der Türkei. Sie studiert Politikwissenschaften und arbeitet als Journalistin. Zuerst tat sie das im Kulturressort der Zeitung Radikal. Sie war allerdings immer an politische Themen interessiert und schrieb auch darüber. Nach den Gezi-Protesten gründeten deren Unterstützer die Zeitung Karşı. Ece Celik begann dort zu arbeiten. Dort tummelten sich Nationalisten, Liberale und Kurden. Die einzige Gemeinsamkeit war ihre Unterstützung der Proteste.

Zweifelhafte Rekordhalterin
Auf dem Pressefreiheitsindex befindet sich die Türkei, laut Reporter ohne Grenzen, auf dem 154. Platz von 179 Ländern. Österreich ist aktuell auf Platz 12. Der Bericht beschreibt die Türkei als „zurzeit weltgrößtes Gefängnis für Journalisten“. Besonders Journalisten, die sich kritisch gegenüber Autoritäten verhielten – zum Beispiel in der Kurdenfrage – seien betroffen. „Wenn man in der Türkei Journalist ist, ist es Zufall, wenn man noch nicht verhaftet worden ist“, kommentiert Ece Celik die Pressefreiheit in ihrem Land. „Ein Kollege aus der Karşı Zeitung war vorheriges Jahr im Gefängnis. Weltweit war er der jüngste Journalist, der verhaftet wurde. Er ist 22 Jahre alt.“ Celik meint, dass Reporter deswegen oft die eigene Meinung zurückstellen und positiv über die Regierung schreiben, „weil Sie ansonsten keine anderen Anstellungen finden können“. Celik war froh bei der oppositionellen Zeitung Karşı arbeiten zu können. Im Unterschied zur vorherigen Zeitung war sie diesmal sogar sozialversichert.

Doch dabei blieb es nicht lange. Denn Karşı gab es nicht lange. Nach nur zehn Wochen war es vorbei. „Danach hatte der Besitzer, Turan Ababey, sich entschlossen die Zeitung dicht zu machen,“ sagt Ece Celik. „Es war verdächtig, dass die Zeitung vor den Kommunalwahlen gegründet wurde und danach gleich wieder zugesperrt hat. Es gibt Gerüchte, dass Ababey Verbindungen zur kemalistischen Partei CHP oder Fetullah Gülen hat.“ Fetullah Gülen ist ein Prediger. Er lebt zurzeit in den USA und hat ein umfangreiches Netzwerk aus Vereinen in der Türkei geschaffen. Letztes Jahr hat er mit Erdoğan gebrochen und befindet sich seitdem in einem Machtkampf mit der Regierung.

Occupy auf Türkisch
Die Gefeuerten ließen sich aber nicht auf die Straße setzen sondern sie besetzten kurzerhand das Redaktionsgebäude. Celik: „Sie haben uns nicht bezahlt, also haben wir die Redaktion besetzt. Wir leben dort seit dreizehn Tagen. Alle Büros sind jetzt wie Schlafsäle.“ Für die Besetzer ist es eine ganz neue und andere Erfahrung. Die junge Journalistin erzählt stolz: „Normalerweise akzeptieren gefeuerte Journalisten ihre Situation und gründen gegebenenfalls eine eigene Zeitung. Niemand widersetzt sich wie wir.“

Einige Wochen später wird das Redaktionsgebäude weiterhin besetzt gehalten. Über Facebook schreibt Celik Ende Mai wie sich die Besitznahme der Redaktion entwickelt hat. In der Türkei würden Proteste „länger dauern, wenn man wirklich etwas erreichen möchte“, sagt sie. Dennoch ist sie optimistisch, dass die Leute noch ihr noch offenes Gehalt bekommen werden. Ece Celik lässt wissen, dass diese Art von Protest weltweit erst zum zweiten Mal geschehen sei. Die erste Besetzung einer Redaktion fand ironischerweise beim früheren Erzfeind Griechenland statt – zwei Nachbarländer mit einer ziemlich konfliktreichen Vergangenheit.

Kein Erfolg für die Opposition
Der Unmut der jungen Menschen hat bisher jedoch noch nicht zu einer politischen Wende geführt. Die AKP sitzt fest im Sattel der Macht. Trotz andauernder Proteste, wie zum Jahrestag von Gezi oder dem Bergwerksunglück in Soma. „Der Besitzer der Mine in Soma ist großer Unterstützer der AKP. Die AKP ist für dieses Desaster verantwortlich!“, nimmt Celik zum jüngsten Ereignis Stellung. Die Politik unter der AKP sei deshalb verantwortlich, weil sie von den Missständen wusste und sie verdeckte. Nach wie vor ist jedoch die Mehrheit der Türken pro-Erdoğan. „Trotz all der Dinge, die zuvor herauskamen, unterstützen die meisten die Regierung. Jetzt glauben sie das Minenunglück war nur ein Unfall und die Regierung tat alles Mögliche um den Familien zu helfen und die Bergarbeiter zu retten.“

Welche Aussichten hat das Land?
Der politische Status Quo scheint jedoch trotzdem nicht besiegelt zu sein. Es hat sich einiges geändert in der türkischen Gesellschaft. Eine Aktion wie die der Redaktionsbesetzung wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. „Ich denke, das ist auch ein Ergebnis der Gezi-Proteste. Nach den Protesten im letzten Jahr fängt jeder an wegen irgendetwas zu protestieren“, meint Celik. Auf die Frage warum Erdogan noch immer so erfolgreich sei, wird zunächst mit Lachen geantwortet. „Keiner weiß es!“, sagt die junge Journalistin, gibt dann aber doch eine ausführlichere Antwort: „Als Kemal Atatürk die türkische Republik gründete, waren die Leute konservativ und sie wurden durch diese Politik unterdrückt. Das ging sechzig Jahre lang so. Seit es das Mehrparteiensystem gibt, wählt die Mehrheit rechte Parteien. Die Leute wollen zwar nicht wie im Iran sein, aber sie bevorzugen die Politik der AKP. Diese ist zwar konservativ, aber nicht so extrem. Sie sind wirtschaftlich erfolgreich und das ist das, was die Leute wollen. Ein anderer Grund ist das Versagen der Opposition. Das Verhalten der Oppositionsparteien ist immer elitär und sie sind weit davon entfernt die Probleme der Menschen zu verstehen.“

Celik ist zurzeit noch immer arbeitslos. Sie hofft weiter auf den noch nicht ausgezahlten Lohn und wird bis dahin bei der Besetzung dabei sein, lässt sie uns wissen. (Stand: Ende Mai)

Update vom 11. Juni 2014: Ece Celik hat uns berichtet, dass die Besetzung der Redaktion zu Ende ist. Die Journalisten haben sich mit dem Besitzer auf die Auszahlung der Hälfte des noch ausständigen Lohns geeinigt. Frau Celik ist glücklich, dass sie zumindest soviel bekommen haben. Einen neuen Job hat sie allerdings immer noch nicht.

Titelbild: (c) Martin Fellner

Martin Fellner ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: martin.fellner[at]mokant.at

1 Comment

  1. sarah

    12. August 2014 at 17:30

    interessanter artikel. mal sehen wie sich die situation jetzt entwickelt, wo erdogan präsident ist und noch mehr macht bekommt. aber ich frage mich, warum die leute ihn wählen. irgendeinen grund muss es ja geben. gibt es keine alternative?

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