Quarterlife Crisis: jung, gebildet, verzweifelt?

(c) Georg Marlovics

Immer mehr junge Menschen fallen in die so genannte Quaterlife Crisis. Psychotherapeutin Michaela Neufeldt-Schoeller spricht mit mokant.at über Symptome und Auswirkungen der „Modeerkrankung“.

Oft ist es die Zukunft, die uns nachts nicht schlafen lässt. „Was mache ich nur aus meinem Leben?“, fragt sich auch Mira manchmal, wenn sie abends in ihrem Bett liegt. Sie hat ein Studium in der Tasche und leitet ein Start-Up, wodurch sie ihr Leben aber noch nicht finanzieren kann. Ihren Unterhalt verdient sie über ihr zweites Standbein als Personal Trainer. Manchmal sei sie sehr unsicher, wie es mit ihrem Start-Up weitergehen wird und habe diesbezüglich Zukunftsängste. „Ist es wirklich der richtige Weg, den ich eingeschlagen habe? Hätte ich aus meinem Leben etwas anderes machen sollen?“ Das sind Fragen, die sich die Mitte-Zwanzig-Jährige stellt.

(c) Michaela Neufeldt-Schoeller

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(c) Michaela Neufeldt-Schoeller

Ich weiß nicht, was ich will!
Populärwissenschaftlich spricht man bei solchen Unsicherheiten von einer Quarterlife Crisis, einem Phänomen, das bei Leuten zwischen 21 und 29 Jahren auftreten kann. „Der Begriff postuliert das Bestehen einer Sinnkrise bei jungen Menschen nach dem Ende ihres ersten Lebensviertels. Er wurde von Alexandra Robbins, einer US-amerikanischen Journalistin, bekannt gemacht, die sich in ihren 20er-Jahren selbst in einer Krisensituation befand, die sie als typisch für ihre Generation ansah“, erklärt Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien. Mit Robbins Buch „Quarterlife Crisis – die Sinnkrise der Mittzwanziger“ wurde das Phänomen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Es setzt sich mit Fragen auseinander wie: Was mache ich, wenn ich nicht weiß, was ich will? Wie finde ich das Gleichgewicht zwischen dem, was ich machen will und dem, womit ich genug Geld verdiene? Ist mein Leben bisher in die gewünschte Richtung verlaufen oder will ich alles komplett ändern? Mit diesen Problemen war die Autorin nicht allein. Das Buch schien den Nerv der der Zeit getroffen zu haben.

Eine Frage der Generation
Früher kannte man nur das Klischee der Midlife Crisis, in der sich Fünfzigjährige Motorräder kaufen und jüngere Partner suchen: „Der Begriff Midlife-Crisis will das Lebensgefühl der 40- bis 50-Jährigen beschreiben, die sich mit schwindenden Möglichkeiten der Selbstentfaltung konfrontiert sehen. Viele wichtige Entscheidungen sind unwiderruflich gefallen, Möglichkeiten verschwunden, der Körper wird schwächer und unattraktiver.“ Heute hört man immer öfter davon, dass sich Mittzwanziger in einer Sinnkrise befinden. „Gut ausgebildete junge Menschen leiden wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtungen und dem schwindenden Vertrauen in die Problemlösungskompetenzen von Regierungen und Bürokratie unter starken Zukunftsängsten“, so Neufeldt-Schoeller.  „Sie müssen heute befürchten, keinen ihrer Qualifikation entsprechenden Job zu finden, von dem sie auch Leben können.“ Globalisierung, finanzielle Probleme und prekäre Arbeitsverhältnisse (Stichwort: Generation Praktikum) würden ebenfalls dazu beitragen, dass junge Erwachsene das Gefühl haben, nicht stark genug für „die Welt da draußen“ zu sein und selbst nichts bewirken zu können.

Krankheit oder Mode?
Wenn Mira vor ihren Mitarbeitern immer ein fröhliches und motiviertes Gesicht zeigt, zuhause aber den Kopf voll mit Problemen und Zukunftsängsten hat, lautet die Diagnose dann Quarterlife Crisis? „Ebenso wie Burnout eine populärwissenschaftliche Neubezeichnung für die altbekannte Erschöpfungsdepression ist, ist auch Quarterlife Crisis kein klinisch-psychiatrischer Begriff“, meint die Therapeutin dazu. Aus psychotherapeutischer Sicht könnte man die Quarterlife Crisis mit dem Modell der Selbstwirksamkeitserwartung erklären: „Die Selbstwirksamkeitserwartung ist die innere Überzeugung, schwierigen Anforderungen aufgrund eigener Kompetenzen gewachsen zu sein und selbst Relevantes bewirken zu können. Sie stellt eine wichtige psychische Ressource dar.“ Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung führe zu geringeren Depressionsraten und größerem beruflichen und sozialem Erfolg, eine niedrige begünstige folglich Sinnkrisen.

Eine Krise ist noch keine Depression
Wenn Miras Zukunftsängste und Selbstzweifel dauerhaft vorhanden bleiben und ihre Selbstwirksamkeitserwartung auf einem niedrigen Niveau steht, dann erst solle sie fachliche Hilfe in Anspruch nehmen, rät Neufeldt-Schoeller. Bei lang andauernder Traurigkeit, Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen oder Zukunftsängsten bestehe nämlich die Gefahr einer Depression, die durch eine Therapie sehr gut behandelbar sei. Midlife und Quarterlife Crisis jedoch seien per se keine psychischen Erkrankungen. Viel mehr würden sie ein weit verbreitetes Lebensgefühl einer bestimmten Altersgruppe beschreiben.

 

Titelbild: (c) Georg Marlovics

 

 

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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