Kunstforum: Ein Ort aus Jetzten

Stephanie Pflaums Installation Ein Ort aus Jetzten ist im Tresor des Bank Austria Kunstforums zu sehen – noch bis 13. Juli kann man die Arbeit der zeitgenössischen, österreichischen Künstlerin betrachten. 

Die vielen kahlen Stufen, der noch viel kahleren Treppe, führen hinab ins Dunkle; runter in den Tresor. Das schummrige Licht an der Decke führt die Besucher in einen großen Raum, in dem sich wiederum ein kleinerer Raum befindet. Der Raum im Raum ist schwarz und hebt sich kontrastartig von den weißen Wänden des großen Raumes ab. Das grelle Licht innerhalb der Installation dringt durch zwei, kleine, enge Türen und wirft einen geheimnisvollen Schatten um den schwarzen Koloss.

Im Kaninchenbau
Die Installation löst eine kurzzeitige Überforderung des Sehsinns aus. Die Eindrücke preschen ohne Rücksicht auf einen ein, als wäre man, wie Alice in einen Kaninchenbau gefallen und steht nun mitten im Wunderland. Altes Mobiliar, wie eine Couch, deren graue Füllung aus den Seiten herausquillt, oder ein kaputter Luster an der Decke und abertausende kleine Kleinigkeiten warten darauf, bestaunt zu werden – und staunen wird man.

Pflaums Installation soll die Fusion des Alten und des Neuen, des Gebrauchten, Verbrauchten und Glänzenden, Strahlenden zeigen. Es wirkt beinahe so, als würde man ein kleines, verwunschenes Häuschen in einem abgelegenen Wald betreten. Auf den ersten Blick wirkt es etwas schmuddelig aber dennoch zeigt die Installation auch eine schöne Seite: Der Efeu wächst über die Einrichtungsgegenstände, die bunten Blumen und Gräser sprießen aus allen Ecken und Kanten der Installation. Der Perserteppich am Boden ist alt und runzelig, Perlenketten hängen wirr von den Balken und Kleinkram wie Glitzer, Steine, klitzekleine Figürchen sind liebevoll in jedem Winkel platziert. Obwohl alle abstrusen Dinge nur so vor Heterogenität sprühen, haben sie eines gemeinsam: Gips. Es scheint, als wäre der Gips das einzige Element, das alles verbindet und dem ganzen einen Sinn gibt. Von oben bis unten sind die Gegenstände mit Gips bemalt, bekleckert oder beklebt. Alte, graue Dinge erstrahlen durch das reine Weiß in neuer Blüte.

Herz und Hirn
Schnell schießen lauter Bilder eines möglichen Bewohners solch einer skurrilen Häuslichkeit durch den Kopf. Ein Waldgeist, ein Messie, eine verwirrte alte Frau oder ein Kind, das sich beim Malen zu sehr ausgetobt hat? Die Installation hat auf den ersten Blick jedenfalls etwas Feengleiches, Zauberhaftes. Auf den zweiten Blick mag man die vielen kleinen Dinge genauer betrachten. Überall sind Plastikorgane zu sehen. Kinderkleider hängen von der Decke, die Lampen wurde mit langhaarigen Perücken überhängt, verbrannte Bilder scheinen zwischen den Plastikblumen hervor, weiße ellenlange Kleider wurden mit Efeu und roter Farbe zerstört oder neu erschaffen – wie man es sehen möchte. Die Überpräsenz der Plastikorgane, wie Herz oder Gehirn, lassen neugierig werden. Herz und Hirn gelten als Zeichen, dass wir uns oft nicht einig sind, wem wir folgen sollen. Herz oder Hirn? Herz oder Hirn? Vielleicht bekommt man ja beim Anstarren der Plastikorgane endlich eine Idee, welchem Organ man zukünftig mehr vertrauen kann.

Happening Behübschung
Pflaum hat viele versteckte Hinweise in ihre Installation eingebaut. Metaphern, Symbole, Zeichen die schwer dechiffrierbar erscheinen. Zentral für sie ist die „Behübschung“ aller Dinge. Auch in unserem Leben versuchen wir viel Schlechtes oder Altes durch neue, schönere Dinge zu behübschen. Wir versuchen unser Inneres mit einer versteckten Maske der Äußerlichkeit zu versehen oder durch einen Charakterzug, der gar nicht zu uns gehört zu behübschen.

Die Installation erinnert an die Vorläufer der Happening-Bewegung oder des amerikanischen Environments. Vielleicht mag der Eine oder Andere auch an Kurt Schwitters Merzbau denken. Man sollte mindestens sieben Minuten im Ort aus Jetzten verbringen. Die Lichteffekte auf sich beruhen lassen und versuchen, so viele Eindrücke, wie möglich zu erhaschen, auch wenn die Reizüberflutung vielleicht die Oberhand gewinnt. Man kann und wird auch nicht alles verstehen. Das ist aber auch nicht der Sinn der Sache. Fazit: Sehr sehenswert!

Titelbild: (c) Stefanie Pflaum, Rauminstallation/Detail 2, Foto: Jo Molitoris

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.