Crossing Europe ’14: Kino-Brücken nach China

Linz – Gestern ist das Crossing Europe 2014 zum elften Mal zu Ende gegangen. Grandiose Werke der jungen europäischen Filmkunst waren zu sehen, unter ihnen drei Dokumentarfilme, die sich mit dem Land der Mitte und dem Kulturtransfer zwischen Österreich und China beschäftigen. 

In der oberösterreichischen Hauptstadt wurden von 25.-30. April wieder sehenswerte Filme gezeigt, Talks organisiert, Nightlines getanzt und so dem unerschöpflich reichen europäischen Gegenwartskino gehuldigt. Höhepunkte in diesem Jahr waren unter anderem Jonathan Glazers rätselhaftes Sci-Fi-Märchen Under the Skin mit einer düsteren Scarlett Johansson, Dario Argentos Hyper-Trash-Bearbeitung Dracula 3D, Robin Campillos überwältigendes Drama Eastern Boys oder Jakob Lass‘ ausgelassener, neo-romantischer Liebesfilm Love Steaks. Vielfalt ist die große Stärke dieses Festivals, sie verursacht aber auch die Qual der Wahl für Besucher. Aus 184 Filmen an vier Spielorten musste gewählt werden, je nach Präferenz konnte man seinen Fokus anders gewichten. In jedem Fall sah man Filme, die den Weg in den österreichweiten Vertrieb in der Regel nicht schaffen.

Nach der Durchquerung Europas landete man früher oder später in China. Drei Dokumentarfilme aus dem Programm boten jeweils andere Perspektiven auf China. Ein guter Grund, das Thema filmübergreifend zu betrachten. China ist eines der größten und das bevölkerungsreichste Land der Erde. Derzeit von mehr als siebenprozentigem Wirtschaftswachstum beglückt, ist es auch mit rasender Urbanisierung, gesellschaftlicher Veränderung und sozialer Ungleichheit konfrontiert. Der Fortschritt geht rasant voran, Stadtplaner kommen kaum mit neuen Entwürfen nach. Noch immer ist Kohle der Hauptenergieträger, drastische Umweltverschmutzung die Folge. Als neue Wirtschaftsmacht Nummer Eins und mit seiner sanften politischen und flutartigen ökonomischen Öffnung gen Westen eignet sich China derzeit besonders gut für dokumentarische Betrachtungen. Wer dabei auch gleichzeitig einen Fuß in Österreich hat, kann interessante Phänomene der gegenseitigen Beeinflussung aufzeigen.

(c) Crossing Europe

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Das Heile-Welt-Syndrom
Ella Raidels Dokumentarfilm Double Happiness hat das Festival eröffnet. Er stellt auf humorvolle, künstlerische Art und Weise die Planung und den Bau jenes Hallstatt-Imitats in Südchina vor, das vor zwei Jahren für Aufregung im Blätterwald gesorgt hat. Das Original, ein traditionsreiches oberösterreichisches Postkarten-Dorf, das idyllisch am Ufer des Sees liegt, ist UNESCO-Weltkulturerbe und stellt mit seiner abgeschlossenen Märchenwelt für Chinesen offenbar den Inbegriff von Schönheit dar. Darum haben sie es kurzerhand kopiert und es spiegelverkehrt in der subtropischen Provinz Guangdong aufgebaut, darum inszenieren etliche Brautpaare ihre Hochzeitsfotos mit starrem Lächeln vor dem Seepanorama, darum gibt es dieses „österreichische Disneyland“, wie Raidel den Ort nennt. In Hallstatt ist die Welt noch heil und die Luft noch rein. Kein Wunder also, dass angesichts der Empfehlungen für mehrere chinesische Großstädte, aufgrund der Feinstaubbelastung nicht mehr auf die Straße zu gehen, Sehnsuchtsorte wie dieser gefragt sind. Die Durchführung des Projektes erfolgte durch den chinesischen Großkonzern Minmetals, der sein Geld mit Kohlehandel verdient und das doppelte Hallstatt als Investorenprojekt sieht. Es wäre fast unbemerkt gebaut worden, wäre nicht die Hallstätter Hoteleigentümerin Monika Wenger auf eine chinesische Kopistin in ihrem Hotel aufmerksam geworden, die an detaillierten Abbildungen und Plänen gesessen hat. Die Aufregung über die schamlose Kopie war anfangs vor allem bei Hallstättern und besonders bei Wenger groß, der Film enthält einige ihrer spöttischen Kommentare. Mittlerweile freuen sich aber beide Seiten an der Kopie, profitieren sie doch gegenseitig von der medialen und in Konsequenz auch touristischen Aufmerksamkeit, die dem Klon zuteil geworden ist.

Der Film öffnet mit einer Chinesin im Dirndl, die sich genüsslich vor alpenländischem Bergpanorama sonnt. Schräge Bilder wie dieses, die kulturquerende Stilisierung und der Spaß am Kitsch machen den Reiz des Films aus. Raidel, die in Taiwan und Österreich lebt, spielt gekonnt mit der Erwartungshaltung der Zuseher und verwischt die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion. Diese Gratwanderung interessiert sie besonders, wie sie im Interview sagt. Mal schwenkt die Kamera über eine originalgetreue Hallstatt-Miniatur, als wäre sie real, dann lassen Effekte reale Ortsszenen wie architektonische Renderings wirken. Man sieht – anfangs etwas konstatiert und später belustigt – Alpenblasmusik in China und chinesische Lampione in Hallstatts Schanigärten. Dann wieder österreichische Nonnen beim Essen und gleich darauf Chinesen beim Beten. Nach einer Zeit fragt man sich, wo der Film gerade weilt, ob das nun chinesischer Kitsch oder oberösterreichische Folklore ist, ob die Wände durch leichtes Antippen umfallen würden und wie groß der Unterschied zwischen Heimatliebe und Exotismus ist. Die Form des Filmes spiegelt den Inhalt. Durch Montage und Parallelisierung werden die Unterschiede zwischen sachlicher Beobachtung und inszeniertem Schauspiel verwischt, genauso wie die Trennung von Original und Kopie unscharf wird. Was ist nun Bühnenbild, was Original, was Imitat und was tausendjährige Kultur? Fragen wie diese drängen sich auf. Filmische Brücken von einem zum anderen Schauplatz gibt es zuhauf, Bilder von verdoppelten Schildern, Brunnen und Giebeln und geschickte Match-Cuts verstärken noch die Engführung.

Der Titel ist mehrdeutig: Er steht im Chinesischen für die Vermehrung des Glücks bei der Vermählung; vielleicht aber ebenso für das doppelte Glück, das durch Kopien von Elektronikartikeln, Möbeln, DVDs, Mode oder eben auch ganzer Dörfer entsteht. Raidel führt allgemein ins Treffen, dass die Nachahmungen, die bei uns so bekannt sind, anders als hierzulande nicht als Ramschkopie und damit als Abwertung, sondern als wichtige Lernstücke gesehen werden können. Der südkoreanische Philosoph Byung-Chul Hahn hat dafür einen eigenen Begriff verwendet und beschreibt in seinem Buch Shanzhai – Dekonstruktion auf Chinesisch das Kopieren als Kulturtechnik traditioneller chinesischer Maler, die auf dem Weg zur Meisterschaft ersteinmal Nachbildung erlernen müssen. In der Moderne kommt diese Fähigkeit vor allem bei Elektronikartikeln wie dem iPhone-Imitat zum Einsatz: Durch versiertes Klonen und die stetige Verbesserung und Erweiterung des Produkts ist die Kopie oft besser – und deutlich billiger – als das Original. So kann sich auch die immens große chinesische Mittelschicht, die viel ärmer als die europäische ist, Luxusgüter westlichen Zuschnitts leisten.

Die rücksichtslose Zueigenmachung lässt den Zuseher wahrscheinlich nicht nur positiv über die chinesische Gegenwartskultur denken. Doch Raidel urteilt nicht. Sie zeigt zwar die Faszination der Chinesen für Pop-up-Kopien – es gibt in China auch ein Fake-Venedig, ein spanisches Villendorf, Paris-Klone oder die Geisterstadt Ordos, alles Beispiele für in Windeseile aus dem Boden gestampfte Projekte nach europäischem Vorbild. Raidel spricht den Chinesen aber nicht eigene Kreativität oder Eigenständigkeit ab. Als Gegengewicht lässt sie auch eine sehr gewissenhafte Stadtplanerin und den chinesischen Stararchitekten Ma Yansong zu Wort kommen. Letzterer hat ureigene Vorstellungen von moderner Architektur. Zusätzlich sieht man ein Modellbaustudio, in dem Häuser in hoher Meisterschaft bis ins kleinste Detail als Miniatur nachgebaut werden. Im Interview sagt Raidel, dass es ihr besonders wichtig war, die Porträtierten nicht lächerlich zu machen. Eine erneute Gratwanderung, die ihr gut gelungen ist. Gelächter gab es natürlich trotzdem, aber ob das  eher auf die Befremdung des Kulturversatzes oder die bewusste Überzeichnung mancher Szenen zurückzuführen ist, bleibt unklar.

Besonders wohnlich wirkt das chinesische Hallstatt nicht – vielleicht sind auch deshalb bisher keine reichen ChinesInnen dort eingezogen. Anna Katharina Laggner begründet das bei der Nachbesprechung so: Kultur als Ganzes sei nicht übertragbar, nur kulturelle Artefakte könnten transferiert werden.

Das konstruierte Pseudo-Hallstatt in Raidels Film ist nur Fassade, die Kirchen sind nicht zum Beten geeignet, der See ist nicht maßstabsgetreu, alles wirkt surreal und wie ein Filmset – und wird auch als solches verwendet. Raidel macht sich das zunutze, indem sie ihre Darstellerin offensichtlich in schauspielerischer Funktion einsetzt und sie für die Kamera Lieder interpretieren oder Posen nachstellen lässt. Man bekommt sogar den ersten chinesischen Popsong, „The moon represents my heart“, vor glitzernder Abendstimmung zu hören. Das ist kitschig und amüsant, lässt einen aber immer auch über die Mentalität der ChinesInnen grübeln. Ist das bloße oberflächliche Romantik? Warum diese Hingabe zu Österreich? Meinen die das ernst?

Bei alldem erfährt man jedenfalls nicht nur viel über das Projekt, die chinesische Herangehensweise und Kultur, sondern man hinterfragt durch den auffälligen Vergleich auch das eigene Selbstverständnis von Heimat. Neben dem großartigen Unterhaltungswert macht diese fast ethnografische Vorgehensweise den Film so wertvoll. Raidel sagt, sie habe oft nicht gewusst, ob sie nun einen Heimatfilm, eine Soap-Opera oder einen Dokumentarfilm drehe – in diesem Fall ist die Entscheidung aber gar nicht so wichtig, zeigt doch Double Happiness mit seinen Brücken und Schnitten auf gekonnte Weise, dass ein Film alles auf einmal sein und dadurch gewinnen kann.

Megacities der Zukunft
Ecopolis China der jungen finnischen Regisseurin Anna-Karin Grönroos beschäftigt sich mit zwei Visionen für die ökologische Gestaltung von Ballungszentren. Man muss sich das vor Augen halten: In China geht gerade die größte Migrationsbewegung aller Zeiten vor sich, im Zuge derer eine Milliarde Menschen auf der Suche nach Glück und Wohlstand vom Land in die Städte zieht oder neue Megacities im Nichts entstehen lässt. Das verlangt nach nie dagewesenen Lösungen. Ballungsräume sind immer ein Brennpunkt für die Analyse von Gesellschaftsdynamiken – diesen Gedanken hat der jüngst so unerwartet verstorbene Filmemacher Michael Glawogger mit seinem Film Megacities verfolgt, und er ist auch Grönroos Ausgangspunkt für einen Blick in die Zukunft. Ihr Film zeigt zwei Visionäre, die in China ihre Vorstellungen vom Wohnort der sauberen Zukunft verwirklichen wollen.

Der eine, Eero Paloheimo, ist ein weißbärtiger, sympathischer und idealistischer finnischer Architekt, welcher nach erfolgloser Suche in Europa nun in China Investoren für seine Eco City gewinnen will. Der andere, Zhang Yue, ist ein superreicher Geschäftsmann, der erste Chinese, der ein Privatjet besessen hat und ein Träumer, dessen radikaler Gesinnungswandel vom Geldhai zum Bewahrer ihn zur Vision einer „Sky City“, eines „grünen“ Wolkenkratzers nie gesehener Dimensionen geführt hat. Die Ziele der beiden Protagonisten sind ähnlich, die Hauptaussage lautet: „Aufwachen!“, die Herangehensweisen sind jedoch verschieden: Während Paloheimo unermüdlich auf Konferenzen und Geschäftsreisen nach China geht, um die Dringlichkeit der Rettung des Planeten zu betonen und dabei irgendwann durch Bürokratie, Kommunikationsschwierigkeiten und Verschleppung seines Anliegens überdrüssig wird, ist Yue unaufhörlich auf der Jagd nach Superlativen und diktiert seinen Arbeitern nicht ohne Egomanie, was sie zu tun haben. Dem einen fehlt es an Finanzierung, dem anderen an Bodenhaftung für sein Projekt.

Der Film verfolgt mit großer Empathie und schnörkelloser Erzählhaltung die Anstrengungen der beiden Weltverbesserer und er profitiert durch die Differenzen, die sich durch die unterschiedlichen Charaktere ergeben. Schlussendlich wird ersichtlich, dass hier ein ähnliches Problem besteht wie bei der Hallstatt-Kopie: Durch die totale Programmierung des Städtebaus kommt die Emotion abhanden. Eine am Brett künstlich entworfene und in schnellem Tempo hochgezogene Stadt ist seelenlos, sofern ihre Entstehung nicht die Menschen einbezieht. Und tut sie das, wie in Paloheimos Fall, finden sich keine Ermöglicher. Der alte weißbärtige Finne scheitert schließlich ermüdet an seinen Idealen und dem Mangel an Kontakt zu den Höchstrangigen der Partei, ohne die nichts geht. Und es drängen sich weitere Parallelen zu Europa auf: Die rastlose Errichtung tausender Hochhäuser zum Wohnen und die Spekulationen am Realienmarkt lassen einen an die spanische und amerikanische Immobilienblase denken. Es scheint denkbar, dass auch in China irgendwann eine platzt.

Migration mit umgekehrten Vorzeichen
Judith Benedikts Doku China Reverse, die wie auch Raidels Film in Linz Weltpremiere gefeiert hat, zeigt wiederum Ähnlichkeiten zu beiden Filmen. Ihr Regiedebüt zeigt sehr persönlich Schicksale von ChinesInnen in Österreich. Alle drei Filme sind an Menschen interessiert, doch wo es Grönroos und Raidel stärker um Urbanisierung und Architekturvorhaben sowie kulturelle Austauschphänomene geht, thematisiert Benedikt die Migration.

Ab Maos Tod 1976 und bis kurz nach dem Tian’anmen-Massaker 1989 sind sehr viele Chinesen nach Österreich gekommen und haben hier Restaurants gegründet. 80 Prozent der hierher ausgewanderten Chinesen arbeiten in der Gastronomie, die übrigen zumeist im Import/Export oder in Reisebüros. Vor allem aus der Kleinstadt Qingtian sind Menschen nach Österreich gekommen – nach Benedikts Aussage kommt mehr als die Hälfte aller China-Restaurant-Betreiber aus dieser Stadt, die in China selbst allerdings nur wenig bekannt ist. Sie lebt vom Geldfluss der Auslandschinesen und ist klein, aber sehr reich. Die ersten Chinesen von dort sind schon in den 1920er-Jahren nach Wien gekommen, anfangs haben sie Schnitzereien aus Speckstein importiert, dann vor allem Gastronomie betrieben. Viele haben sich hier vom Restaurantmitarbeiter zum Betreiber hochgearbeitet.

(c) Crossing Europe

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Seit den 80er-Jahren hat sich allerdings das österreichische Einwanderungsgesetz verschärft und die wirtschaftliche Dynamik umgekehrt, was zu verstärkter Wiederabwanderung führt. Derzeit kommen nur noch vereinzelt chinesische Immigranten und die Arbeitskräfte für chinesische Restaurants werden rar, dafür gehen viele wieder in die Heimat zurück. Sie importieren auch häufig Wein und Kaffee nach China. Der Bedarf an westlichen Genussmitteln ist dort stark gestiegen, der westliche Lebensstil gilt als großes Vorbild des neuen Reichtums. Bis zu 70 Prozent Profit lassen sich herausholen mit dem eleganten österreichischen Lebensstil, daher springen viele auf den Kulturexport-Zug auf.

So auch der Unternehmer Shan Jiaqian, der in Wien mit einem Restaurant angefangen hat, nun die Mr. Lee-Kette betreibt und gegenwärtig dabei ist, in China Franchisefilialen der Neusiedler Coffeshop Company mit Wiener Flair zu etablieren. Man wird an Klein-Hallstatt und den Trademark-Export aus Double Happiness erinnert, wenn man die chinesischen Filialen der Kaffehauskette sieht. Wiener Melange gibt es dort genauso wie Sacher- oder Schwarzwälder-Kirsch-Torte, das Design imitiert in gold und weiß den Schönbrunn-Stil. Derzeit gibt es in China drei Filialen, das Geschäft läuft gut. Andernorts in China sehen wir ein Mozart-Hotel, das zur „Essence of Europe“-Kette des schon sehr früh wieder zurückgekehrten Kollegen Shans gehört. Jeden Abend spielt hier ein Kammermusikquartett Johann Strauss und Mozart und die Karte bietet teure europäische Gerichte an, die man wahlweise auch in separierten Räumen verzehren kann, wie in China üblich. Erneut wird man als Zuseher stutzig; wieso fasziniert die Chinesen unsere Schönbrunn-Sissi-Mozart-Kultur so und warum imitieren sie gerade österreichische Klischees? Benedikt sieht vor allem den Verlust riesiger kultureller Schätze während der zehnjährigen Kulturrevolution als Grund dafür an, wieso Chinesen so viele Dinge von außen heranholen. Da ein Großteil der jahrtausendealten Kultur zerstört wurde, wird das fehlende Schöne durch kulturelle Elemente aus dem Ausland kompensiert. Dass besonders Österreich gefragt ist, mag am Alter und der Qualität hiesiger Kultur liegen, die leichte Vermarktbarkeit von Klischees tut ihr übriges dazu. Das Neujahrskonzert in der „Goldenen Halle“ in Wien ist, wie auch Hallstatt oder Salzburg, einer der Höhepunkte für alle Chinesen.

Rund 100 Interviews hat Benedikt insgesamt geführt. Die im Film porträtierten drei Charaktere sollen die Erfahrungen chinesischer MigrantInnen in Wien repräsentieren. Sehr persönliche Sequenzen zeigen die Mentalität der hier gebliebenen Auslandschinesen. Sie sind fleißig, zukunftsorientiert, sie streben nach Profit und nach dem Aufstieg in höhere Gesellschaftsschichten, mit flexiblen Geschäftsmodellen und dem Anspruch auf beste Bildung für die nachfolgenden Generationen. Sie sind genügsam und anpassungsfähig und bleiben oft unter sich. Ihre Kinder gehen häufig auf Privatschulen wie das Sacre Coeur oder die Amerikanische Schule, was sie sich einiges kosten lassen.

Der Film zeigt auch weniger bekannte Seiten der Wiener ChinesInnen, zum Beispiel den chinesischen Frauenverein. Hier treffen sich seit 1998 Wiener Chinesinnen und singen im Chor fröhliche Lieder, unter anderem natürlich aus Sound of Music, sie veranstalten Reisen und genießen ausgelassen feiernd und tanzend die Freizeit, die in den letzten Jahren anfällt. Eine Möglichkeit, die es früher nicht gegeben hat, sie ist erst mit der zweiten und dritten Generation entstanden. Durch die hinzugekommenen Kinder und den gewachsenen Wohlstand ist das Leben einfacher geworden. Man muss nicht mehr durchgehend arbeiten und kann sein Leben öfter genießen. Dadurch macht sich auch stärkeres Selbstbewusstsein und mehr Temperament bemerkbar. Obwohl die besten finanziellen Zeiten vorbei sind, ist Österreich nach wie vor ein guter Ort zum Leben. Geschäfte kann man ja immer noch in China machen. Benedikts Doku ist sachlich und präzise, sie bietet ganz nahen Einblick in das Leben unserer chinesischen Mitmenschen. Bewundernswert, welchen Zugang Benedikt zu den porträtierten Personen gefunden hat. Der Film hat auch lustige und berührende Momente, insgesamt geht es aber eher um Erfahrungsvermittlung als um künstlerische Ambitionen.

Brückenmenschen
Nachdem man drei Filme über China und seine Menschen gesehen hat, ergeben sich viele Zusammenhänge. Alle Filme sind empfehlenswert, ergänzen sich doch die Ansätze sehr gut zu einem umfassenden Bild. Brückenmenschen – so heißen in China jene AuslandschinesInnen, die woanders ihr Glück suchen. Ein schöner Ausdruck, der die Erfahrungen der drei Filme auch gut zusammenfasst.

Brücken bauen, das will auch das Crossing Europe in Linz. Die besprochenen Dokumentarfilme haben neben den vielen anderen faszinierenden Werken dazu beigetragen, den geistigen Abstand zwischen Österreich und anderen Erdgebieten zu verringern und Austausch auf künstlerischer, filmischer, kultureller und sozialer Ebene voranzutreiben. Danke dafür. Schön wars. Bis zum nächsten Jahr.

Der Autor Timon Mikocki ist als Gastautor für mokant.at tätig.

Passend dazu: Blog vom Crossing Europe 2012

Fotos: (c) Crossing Europe

Filminfo: Double Happiness (Ella Raidel, Ö / CH 2014) wird in Österreichs Kinos zu sehen sein, ein Starttermin steht noch nicht fest.
Ecopolis China  (Anna-Karin Grönroos, FIN 2013) wird leider nicht in Österreich zu sehen sein.
China Reverse (Judith Benedikt, Ö 2014) startet voraussichtlich im Jänner österreichweit in den Kinos.

 

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