Chronic City: „Müssten der Cirque du Soleil sein“

Chronic City sehen sich nicht als Teil der Ö3-Debatte, schreiben gerne von Jonathan Lethem ab und haben für ihr Album Geräusche aus der halben Welt aufgenommen.

Für das Interview mit mokant.at haben sich Emanuel und Florian von der österreichischen Electro Pop-Band Chronic City ordentlich herausgeputzt. Beide tragen ein weißes Sakko mit weißem Hemd darunter. Auf den ersten Blick sehr elegant, jedoch nur bis sie in die Brusttasche greifen und durch Knopfdruck dafür sorgen, dass die Sakkos blau zu blinken beginnen. Die außergewöhnlichen Kleidungsstücke haben sie extra vom anderen Ende der Welt einfliegen lassen. Irgendwie sind die Sakkos symbolisch für Chronic City. Denn auch das im März erschienene Debüt-Album Nom de Guerre der beiden sympathischen Herren ist außergewöhnlich und hat Elemente aus aller Herren Länder. Von herkömmlichen Alben unterscheidet sich Nom de Guerre vor allem insofern, dass fast jedes Lied in einer anderen Band-Besetzung gespielt wird.

chronic city 1

Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Euer Projekt basiert darauf, dass ihr quasi das Grundgerüst der Band seid und euch für jedes Lied verschiedene Musiker dazu holt. Was erhofft ihr euch davon?
Emanuel: Eine normale Band, wie man sie kennt – also wenn man jetzt zum Beispiel in der Schule seine vier Freunde hernimmt und sagt man macht gemeinsam Musik – bei der klingt jeder Song so wie die Band halt eben klingt. Unsere Idee war, dass jedes Lied seine eigenen Elemente hat, die es von den anderen unterscheidet.
Florian: So kreativ man auch ist, irgendwann hat man Grenzen. Durch neue Leute bekommt man auch immer wieder neue Inputs mit denen man nicht gerechnet hätte. So kann man, auch wenn man sagt, dass es in eine bestimmte Richtung gehen soll, mal komplett ausbrechen. Solange es funktioniert und für alle Beteiligten zufriedenstellend ist.

mokant.at: Wie genau entsteht dann ein Lied?
Emanuel: Das ist von Song zu Song verschieden. Entweder wir haben Songs, zu denen wir schon Vorlagen und Skizzen haben, die also relativ ausproduziert sind. Da haben wir dann konkrete Vorstellungen und holen uns Musiker dazu, bei denen wir denken: „Der könnte da extrem gut reinpassen“. Oder wir haben eben ein sehr rohes Ding und denken uns: „Der hat eine perfekte Stimme oder der macht coole Musik in die Richtung – geben wir dem eine Chance, tauschen wir uns aus, vielleicht wird das gemeinsam ein toller Song“.
Florian: Es ist also sehr unterschiedlich in welchem Stadium da jetzt die Gäste einsteigen.

mokant.at: Die Menschen, die ihr euch dann dazu holt kennt ihr persönlich oder sind das bis dato Fremde, die ihr irgendwo einmal singen gehört habt?
Emanuel: Prinzipiell ist es so, dass wir die wenigsten der Leute, die wir an Board geholt haben, vorher wirklich gekannt haben. Wir haben Adressen herausgefunden, sind durch Österreich gefahren, haben den Reinhold Bilgeri in Vorarlberg aufgenommen, haben in Wien eine Kirche aufgenommen, haben Geräusche außerhalb von Europa aufgenommen. Wir haben einfach immer alles gesucht, das gut passen könnte. Wir haben aber auch oft Leute kontaktiert und mit denen etwas erarbeitet, sind dann aber am Abend dagesessen und haben eingesehen, dass es nichts wird, dass es einfach nicht passt. Das gibt es natürlich auch.


mokant.at: Ihr spielt im Anschluss hier im B72 noch ein Konzert, jetzt fehlt euch aber für 90% eurer Lieder die Besetzung. Wie funktioniert das dann?
Florian: Wenn gerade zufällig jemand in der Stadt ist, mit dem wir etwas aufgenommen haben, sind wir natürlich froh den auch auf die Bühne zu bekommen. Ansonsten haben wir mit dem Tarek einen sehr soliden Live-Sänger, der jedes Lied so performen kann, dass man es gut erkennt. Aber natürlich bringt er dann auch in jedes Lied einen eigenen Charakter ein.

mokant.at: Das heißt der arme Kerl muss dann alles können, was die ganzen Gast-Sänger in den Liedern können?
Florian: Der ist nicht arm, der ist gut! (lacht)
Emanuel: Wir haben jetzt erst im Flex ein Konzert gespielt, wo viele Gäste dabei waren. Wir versuchen wie gesagt so viele dieser Leute wie möglich zu den Konzerten zu holen, aber wenn man auf eine Tour geht, dann funktioniert das einfach nicht. Dafür müssten wir der Cirque du Soleil sein. Dementsprechend muss es einer machen und das klappt auch sehr gut.

chronic city 2

Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Wie reagieren da die Leute die eure Musik live hören wollen darauf?
Florian: Bis jetzt haben wir auch live immer super Feedback bekommen, das spricht denke ich dafür, dass es gut passt.
Emanuel: Es sind ja auch keine Songs, die zwingend von ihren Akteuren leben müssen, sondern sie sollen ja auch als Songs an sich gut sein. Ein guter Song funktioniert meiner Meinung nach egal ober er auf Akustik-Gitarre oder E-Gitarre interpretiert wird, vom einen Sänger zum anderen. Ein guter Song – ich hoffe, dass wir welche haben – sollte also eigentlich in jeder Form funktionieren.

mokant.at: Euer Bandname ist von einem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem inspiriert, diesem habt ihr sogar einen Eintrag auf eurer Website gewidmet. Warum genau dieses Buch? Worum geht es darin?
Emanuel: Also den Roman nennt man ja auch den „New York-Roman“, aber es ist schwierig hier jetzt kurz eine Buchbesprechung anzureißen. Es ist meiner Meinung nach ein virtuos geschriebener Roman, der irrsinnig facettenreich ist und auch in ganz viele Richtungen ausschlägt. Das erschien uns inhaltlich dann doch passend.
Florian: Er geht teilweise auch sehr ins Surreale und nimmt eine Second Life-Basis auf und auch das passt irgendwie recht schön. Also diese verschwimmenden Grenzen. Wir sind ja auch keine klassische Band, sondern haben verschwimmende Grenzen.

chronic city 3

Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Ihr habt in einem Porträt vom Kurier gesagt, dass ihr den Herren kontaktieren werdet, sobald eure EP draußen ist. Das ist mittlerweile schon einige Zeit her, habt ihr es getan?
Florian: Wir haben tatsächlich einmal kurz Kontakt gehabt, aber wir müssen jetzt noch einmal mit unserem Album anklopfen.
Emanuel: Er weiß auf jeden Fall, dass es uns gibt. Tatsächlich sind auf unserem Album auch einige Textfragmente von ihm drinnen. Nachdem wir beschlossen haben uns Chronic City zu nennen, wollten wir natürlich auch wissen, was das eigentlich für ein Typ ist und wie der tickt. Dazu haben wir das Internet durchforstet und haben auf seiner Website einen Bereich gefunden der „promiscuous materials“ heißt. In diesem Bereich sind Songtexte drinnen, bei denen er sagt, dass Bands, Solokünstler oder wer auch immer diese auf freier Basis verwenden dürfen. Als wäre es geplant gewesen.
Florian: Lethem hat jetzt auch ein neues Buch herausgebracht …
mokant.at: … also werdet ihr euren Bandnamen jetzt ändern?
Florian: Ja, mit jedem neuen Buch von Lethem. (lacht)
Emanuel: Ich finde Chronic City aber eh recht prägnant als Namen, wie findest du ihn?
mokant.at: Ich muss zugeben, dass ich die ganze Zeit an Capital Cities denken muss.
Emanuel: Ja, da war natürlich blöd, da nennst du deine Band Chronic City und ein halbes Jahr später kommt eine Band raus, die nennt sich Capital Cities… Man muss aber auch zugeben, dass unser Name offenbar allgemein einer ist, den man sich nicht ganz leicht merkt. Dir fällt Capital Cities ein – wir wurden auch schon Chorus Circle, Critical Choice oder Comical City genannt. Wir müssen halt noch daran arbeiten, dass uns die Welt erkennt.
Florian: Aber solange sie uns zum Lachen bringen ist das gut so.

mokant.at: Aus gegebenem Anlass muss ich euch das jetzt fragen: Ihr seid eine junge aufstrebende österreichische Band, die durchaus Ö3-tauglich wäre. Auf FM4 werdet ihr bereits gespielt. Hattet ihr auch schon Kontakt mit Ö3? Fühlt ihr euch als österreichische Band benachteiligt?
Emanuel: Ich weiß nicht, ob wir überhaupt Teil der Diskussion sind. Ich fühle mich sehr wohl damit, dass wir einen Sound machen, der von FM4 und einigen anderen Radios gefördert wird.
mokant.at: Aber wird man Chronic City demnächst auch auf Ö3 hören können?
Florian: Wir würden uns natürlich sehr freuen darüber, aber die Entscheidung liegt nicht bei uns.
mokant.at: Trotzdem noch einmal die Frage: Glaubt ihr, dass ihr es als österreichische Band schwerer habt auf Ö3 gespielt zu werden als wenn ihr jetzt zum Beispiel aus Australien wärt?
Emanuel: Ich glaube, dass wir auch aus Australien nicht Musik machen würden, die Ö3-Musik wäre.
mokant.at: Aber ihr macht ja Ö3-taugliche Musik?!
Emanuel: Wie machen Ö3-Musik?
mokant.at: Naja, wenn MGMT, Empire of the Sun oder The Naked and Famous schon auf Ö3 gespielt wurden, dann seid auch ihr Ö3-tauglich.
Emanuel: Die sind Ö3-Musik?
mokant.at: Wurden zumindest schon öfters gespielt.
Emanuel: Naja, ich will natürlich prinzipiell in jedem Radio gelaufen werden. (lacht)
Florian: Wir sind auch für Radio Steiermark zu haben!
Emanuel: Versteh‘ mich nicht falsch, unsere Nummer mit Reinhold Bilgeri wurde sogar auf Radio Vorarlberg gespielt, wo sonst tendenziell eher die Humptata-Musik läuft. Aber ich fühle mich von der Diskussion trotzdem nicht wirklich angesprochen. Aber stimmt, der Walter Gröbchen hat uns in der Presse auch als Ö3-tauglich bezeichnet, uns und 200 andere.

chronic city 4

Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Ein anderes heikles Thema ist die Unterfinanzierung junger österreichischer Bands, euer Album war für ein erstes Album ein finanziell sehr aufwendiges. Wie war das überhaupt realisierbar?
Florian: Wir hatten das Glück, dass uns einige Förderungen zugesprochen wurden, aber natürlich war einiges aus der eigenen Kassa zu bezahlen. Im Endeffekt war es ein Nullsummen-Projekt, worüber man auch froh sein muss. Wegstecken kann man sich da gar nichts.
Emanuel: Es ist jetzt auch nicht so, als hätten wir in Tonstudios übernachtet. Es war sehr viel „Do it yourself“, also zum Beispiel mit dem Laptop durch die Gegend fahren und aufnehmen. Was stimmt ist, dass wir in einer Zeit sind, in der Musik nicht unbedingt dazu taugt dich am Leben zu erhalten. Man muss das aus dem Motiv heraus machen, dass man in irgendeiner Art und Weise Kunst machen will. Aber dass man damit reich wird, das steht auf sehr tönernen Füßen.

mokant.at: Könntet ihr euch als österreichische Band eigentlich auch vorstellen deutschsprachige Lieder zu produzieren?
Florian: Vielleicht als eigene Projekt-EP, aber sicher nicht auf einem Album.
Emanuel: Ich glaube, dass wir uns beide prinzipiell nicht verschließen würden, aber das müsste man ausprobieren… Wieso? Singst gerne auf Deutsch und möchtest ein Lied machen?!
mokant.at: Ja, ich bin ein unglaublich talentierter Sänger…
Florian: Also allgemein finde ich es nicht so passend, aber vielleicht werden wir ja noch überrascht und finden jemanden der das gerne machen würde.
Emanuel: Die schönsten Sachen kommen raus, wenn man sie einfach probiert.

Titelbild: (c) Raimund Appel

Michael Nowak ist als Chef vom Dienst und stv. Chefredakteur für mokant.at tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Geschichte an der Universität Wien. Kontakt: michael.nowak[at]mokant.at

1 Comment

  1. jennifer.tillmann@hotmail.com'

    Frau Bildbetrachtung

    30. April 2014 at 18:01

    Wieder mal echt tolle Bilder!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.