MuMoK: Das zutodetanzende Leben der Moderne

Seit März 2014 lädt das Mumok zur Ausstellung Die Gegenwart der Moderne. Die Frage, ob das utopische Projekt der Moderne noch Aktualität hat, steht dabei fast anprangernd im Raum. Die Antwort dafür sollen Werke aus der klassischen Moderne im Vergleich zu zeitgenössischen liefern.

Das erste Kunstobjekt steht auf einem runden Podest, das gerade so hoch ist, dass man super darüber stolpern kann. Darauf stehen sieben versetzt angeordnete Röhrenfernseher, die wiederum auf weißen Säulen stehen. Die Bildschirme zeigen nackte Männer und Frauen. Allen gemeinsam ist eine verkümmerte andersartige Statur, die teilweise ins skurrile übergeht. Ihre Bewegungen sind abgehakt. Wie Marionetten zucken sie vor den Augen des Besuchers und lassen ihre Glieder baumeln. Die Installation nennt sich The Rite of Spring und stammt von Katarzyna Kozyra. Die Videokünstlerin reinterpretierte 1999 das gleichnamige Ballett von Igor Stravinsky. Wie bei so vielen Kunstwerken der Moderne, lässt auch diese Installation Fragezeichen in den Köpfen der Besucher zurück. Doch das macht gerade die Moderne so interessant: das Nichtwissen, was gerade passiert. Geht man tiefer in die Materie, stellt sich heraus, dass sich die nackten Männchen im Bildschirmwald zu Tode tanzen. Kozyra will den Menschen damit den Mut geben, sich neu zu erschaffen. Schön und Gut. Nur leider fehlt der Ausstellung eine informative Ergänzung zur Installation. Nicht jeder würde in den pummeligen oder dürren Figuren das zutodetanzende neue Leben erkennen.

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© Mumok
Künstler: Richard Gerstl
Titel: Familie Schinberg

Kozyras Installation teilt den Raum mit Picassos Sitzende Frau mit Schal und einigen Werken von Paul Klee und Egon Schiele. Die Bilder schaffen es sehr gut, den Grundsatz der klassischen Moderne auszudrücken. Die Perfektion an sich wird verworfen. Mit der Moderne entsteht ein Umbruch: Es soll nicht mehr versucht werden, die Natur 1:1 wiederzugeben. Das erledigt die Fotografie oder der Film. Somit passt Kozyras zeitgenössisches Werk sehr gut zu Picasso und Co. Der Film wird neu erfunden und zeigt nicht mehr länger die reale Welt, sondern lässt einen Spielraum für Interpretation und Kunst.

Kunst oder doch Müllverwertung?
Einen Raum weiter versuchen sich zeitgenössische Künstler wie Isa Genzken, Christopher Woll und Simon Starling mit Surrealisten, Kubisten, Futuristen und Avantgardisten zu vereinen. Auch dieser Raum wirft einige Fragen auf. In der Mitte steht ein Steinblock auf einem stählernen Gerüst. Wie so oft fragt man sich, ob das nun Kunst ist oder eine Art der Müllverwertung. Vielleicht wollte die Künstlerin den Stein nicht mehr und dachte sich das Mumok könnte ihn brauchen? Nein, natürlich gibt es eine tiefergehende Erklärung für den Stein, der eigentlich eine Skulptur ist.

(c) Mumok, Künstler: Fernand Léger, Titel: Stilleben mit Früchten

© Mumok
Künstler: Fernand Léger
Titel: Stilleben mit Früchten

Ein wichtiger Hinweis für den Besuch von modernen Kunstausstellungen ist, dass man nicht auf das Objekt an sich schauen soll, sondern auf die Interpretation des Künstlers. So stellt sich heraus, dass Genzken sieben Betonskultpuren fertigte. Sie tragen den Namen Luke, weil sie alle ein Loch tragen. Das Loch im Beton soll die Fragilität des Materials hervorheben. Jedes Material hat Irregularitäten. Nur weil Beton massiv ist, heißt es nicht, dass es keine Schwachstellen hat – so auch der Mensch.

Made in Austria
Erstmals setzt das Mumok auch einen Österreich-Schwerpunkt: Zu sehen sind Zeichnungen von Josef Hoffmann, Architekturmodelle von Adolf Loos oder Fotografien von Dora Kallmus. Eines ist klar: Künstler der Gegenwart loten das Repertoire der klassischen Moderne immer wieder von Neuem aus. Die Formensprache der Moderne ist auch in den zeitgenössischen Werken zu erkennen. Die Gegenüberstellung der alten mit der neuen Generation macht den Besuchern bewusst, dass die klassische Moderne noch immer aktuell ist – vielleicht noch aktueller, als wir dachten. Das Mumok hat also sein Ziel erreicht. Natürlich handelt es sich hierbei wieder um eine der Ausstellungen, die viele Kunstmuffel zur Weißglut bringen wird. Steine? Stahlstecken? Runde Spiegel und alte, nackte Männer? Doch es rentiert sich, ein bisschen Zeit in die Ausstellung zu stecken und herauszufinden, was die Künstler wirklich mit ihren Werken aussagen wollen, auch wenn man dazu vielleicht manchmal das eigene Smartphone zu Rate ziehen muss.

Die Ausstellung läuft noch bis 8. Februar 2015

Titelbild: © mumok, Künstler: Katarzyna Kozyra the rite of spring 1999

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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