Expertenmeinung: Generation Mingle

(c) Georg Marlovics

Single, aber doch nicht ganz – Mingles sind Menschen in unverbindlichen Beziehungen

„Was ist das eigentlich zwischen uns?“, fragt Annabelle Moritz, nachdem sich die beiden schon seit einigen Wochen regelmäßig treffen, ausgehen und nun das erste Mal ihr Bett geteilt haben. „Du, ich hab dich voll gern und du bist echt süß, aber ich bin momentan einfach nicht bereit für eine Beziehung“, antwortet Moritz. Er ist ein sogenannter Mingle – verbindet also die Vorzüge von Beziehung und Single-Dasein. Alles völlig unverbindlich.

(c) Eric Hegmann

Foto:
(c) Eric Hegmann

Beziehungsstatus: nicht definiert
Das Wort Mingle setzt sich aus mixed und single zusammen. „Es ist eine Beziehungsform der verbindlichen Unverbindlichkeit: Verantwortung ja, aber nur bis zu einem selbstdefinierten Punkt. Das Paar lebt in der Regel nicht in einem Haushalt, pflegt eine nicht exklusive sexuelle Beziehung und verbringt gemeinsame Zeit“, so die Beschreibung von Eric Hegmann, Autor, Single- und Paarcoach. Man ist nicht offiziell in einer Beziehung, hat daher keine Verpflichtungen dem anderen gegenüber, hält sich aber in der Regel an die unausgesprochene Vereinbarung, keine anderen Leute zu daten.

Nix ist fix
Beruflich gesehen gehören die Mittzwanziger der heutigen Zeit zur Generation Praktikum, beziehungstechnisch gesehen zur Generation Mingle – Unverbindlichkeit bildet die Schnittstelle. Doch wieso passt dieses Phänomen zu unserem Zeitgeist? Die Bezeichnung dieser Beziehungsform durch das Wort Mingle hat sich noch nicht überall durchgesetzt. Regina Harringer vom Institut für Partnerschaftsberatung ist mit dem Begriff bisher noch nicht in Berührung gekommen. Auch seien ihr keine wissenschaftlichen Studien zum Thema bekannt. Jedoch, so Harringer, fänden sich auf „Lifestyle-Seiten“ im Internet einige „Experten“. Steckt hinter dem neuen Trendbegriff also doch nicht mehr als Freundschaft Plus? „Gesellschaftlich gehen wir heute mit selbst gewählten Beziehungsmodellen großzügiger um und so schließen die Mingles die Lücke zwischen Affäre, Fuckbuddies und offener Beziehung“, so Hegmann. Flexibilität nimmt einen immer größeren Stellenwert in der Gesellschaft ein. So werden auch die Beziehungskonstellationen an den sprunghaften Lebensstil angepasst.

Klischee Mingle-Mann
Ein Klischee, das bis heute fest in den Köpfen der Gesellschaft verankert ist: der bindungsunwillige männliche Single. Eric Hegmann beschreibt typische Mingles als „Menschen, die die Regeln ihrer Partnerschaft selbst bestimmen und miteinander definieren wollen, ohne auf Konventionen und Erwartungen anderer zu achten.“ Die Gründe seien individuell verschieden und von der Lebensphase abhängig. Ob es sich bei typischen Mingles um Frauen oder Männer handelt, kann Hegmann nicht näher definieren. In einem Forum auf der Onlineplattform ElitePartner.de äußert sich eine Frau, die angibt, selbst in diesem Beziehungsmodell zu leben, anonym zum Thema: „In Zeiten von beruflichem Stress, Karriereaufbau, Zeitmangel und Wohnortwechsel bin ich als Frau froh, dass es auch solche Beziehungsformen gibt. Sonst gäbe es alternativ nur entweder Beziehung oder Single.“ Eine Beziehung eigne sich allerdings momentan nicht für ihren Lebenswandel und sie fände es schade, als Konsequenz alleine sein zu müssen. Es sind folglich nicht nur Männer, die dem Trend entsprechen.

Mingle aus Bindungsangst?
Ein weiteres Vorurteil: Menschen, die nicht in festen Partnerschaften leben wollen, haben Bindungsängste. Beziehungscoach Hegmann ist davon überzeugt, dass der Großteil der Mingles lediglich für Übergangsphasen zusammen kommt: „Die meisten eint die Hoffnung auf eine harmonische und beständige Partnerschaft – nur eben irgendwann in der Zukunft und nicht mit dem aktuellen Übergangspartner.“ Doch wieso bindet man sich vorübergehend, wenn man eigentlich noch auf der Suche ist? Laut Hegmann hängt das Mingle Beziehungsmodell stark mit Selbstverwirklichung zusammen: Man sucht jemanden, der zur aktuellen Lebenssituation passt. Sobald sich die Situation ändert, trennt man sich dann, anstatt Kompromisse zu schließen. „Familienplanung erfolgt heute immer später, nämlich erst Ende 20, Anfang 30. Bis dahin möchten sich viele nicht fest binden, auch weil sie Ausbildung und finanzieller Absicherung durch Job und Karriere als wichtiger empfinden“, so Hegmann. Vorteile am Beziehungsstatus Mingle seien daher die Freiheit und Flexibilität.

(c) Alissa Hacker

Foto:
(c) Alissa Hacker

Beziehungskrisen 
Doch Mingle-Sein ist nicht immer einfach: Stellt man das Herzblatt seinen Freunden und  Verwandten vor? Kann man ihn oder sie auf Familienfeste oder Hochzeiten mitbringen? Wo liegen die Grenzen der Zukunftsplanung? Das sind die kleinen Probleme, mit denen man als Mingle täglich konfrontiert ist. Brisant wird es oft, wenn einer der Partner die Beziehung genauer definieren will. „Als Coach erlebe ich es meist so, dass sich irgendwann ein Partner verliebt und Interesse an einer festen Bindung entwickelt, während der andere nach einem vermeintlich besseren Kandidaten Ausschau hält“, erzählt Hegmann. Die meisten Menschen sehnen sich nach wie vor nach einer festen Partnerschaft.

Passend dazu: Mingles: Sex, Spaß, Pragmatismus

 Titelbild: (c) Georg Marlovics

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

2 Comments

  1. kochirulez@gmail.com'

    Petra Koch

    16. April 2014 at 10:18

    Da kann ich Coach Hegmann nur zustimmen – das Mingle-Dasein taugt wohl bestenfalls als Übergangslösung. Zu schnell werden dabei Interessenkonflikte entstehen – sicherlich weniger schnell bei Menschen mit bestimmten Lebensstilen, die neben der Freiheit von Bindung dennoch glücksspendende Beziehungsmomente erleben wollen.

    Edit: Werbe-Link zu einer Partnervermittlungsseite wurde von der Redaktion entfernt. mino

  2. tina.landauer@gmail.com'

    Tinny

    16. Februar 2016 at 11:01

    Und letztendlich ist da aber nichts neues an dem „Mingle“ Konzept. Egal ob Friends with Benefits, FuckBuddy oder einfach in altdeutsch Geliebter. Es geht auf das gleiche hinaus. Kein Commitment für das Zusammensein.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.