Gleichberechtigung: Das F-Wort

Immer mehr weibliche Stars grenzen sich öffentlich vom Feminismus ab und sind Vorbild für eine ganze Generation. Warum der Begriff in Österreich auf wenig Akzeptanz stößt und was die Power Puff Girls damit zu tun haben.

„Ich bin keine Feministin, aber ich glaube an die Stärke von Frauen“, erklärte die Sängerin Katy Perry in einem Interview. Ein ähnliches Statement war auch schon von Kelly Clarkson zu hören: „Nein, ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen – dieses Wort ist zu stark.“ Auch die Schauspielerin Susan Sarandon möchte sich vom Feminismus abgrenzen, da viele Menschen dabei „an eine Horde kreischender Tussis“ denken würden, „nur weil du gleiche Bezahlung, Rechte, Bildung und Krankenfürsorge forderst.“

Der Begriff „Feminismus“ ist anscheinend einer, der bei vielen Menschen negative Konnotationen hervorruft. Doch sind die Bilder und Stereotypen der Klischee-Feministin echt und wenn nicht, woher kommen sie?

Wenig Akzeptanz in Österreich
„Ich glaube, dass es eine ganz gefährliche Differenz gibt zwischen dem, was Feminismus will und dem, wie er in der Alltagswelt gesehen wird“, meint Sabine Harrer dazu. Die Kulturwissenschaftlerin beschäftigte sich als Lektorin an der Anglistik Wien und der IT University Kopenhagen bereits viel mit Fragen zum Thema Macht, Identität und Repräsentation in unserer Gesellschaft. „Die Bewegung steht für Gleichstellung, hinterfragt vieles kritisch und hat bereits wichtige Errungenschaften wie das Wahlrecht für Frauen erkämpft. Ich kenne niemanden, der sich bewusst gegen diese Ideale stellen würde“, meint sie. Trotzdem sei Feminismus für Viele ein rotes Tuch.

Eigene Erfahrungen würden ihr zeigen, dass das „F-Wort“ gerade in Österreich sowohl im Alltag als auch im Berufsleben hinderlich sei und oft mit Extremen verbunden werde. In ihrer Funktion als Lektorin in Wien habe sie zum Beispiel sehr vorsichtig mit dieser Bezeichnung umgehen müssen, um nicht auf Ablehnung zu stoßen: „Wenn man sich hier offen als Feministin deklariert, ist das fast schon vergleichbar mit einem Selbstschuss ins Aus.“ Bei Studien- und Forschungstätigkeiten in Amsterdam und Kopenhagen habe sie eine viel stärkere Akzeptanz des Themas erlebt. In Skandinavien kenne sie viele Männer, die sich ganz selbstverständlich mit dem Feminismus identifizieren. „Es ist ungemein wichtig, dass auch Männer die Stimme ergreifen, da sie am längeren Ast sitzen und deshalb mehr Einfluss haben. In Österreich habe ich das in dieser Form noch nicht erlebt.“

(c) Kate Beaton

(c) Kate Beaton

„Strohfeministinnen“ in Film und Fernsehen
Ein von manchen Bloggern und Medien aufgegriffener Ausdruck, der den schlechten Ruf des Feminismus teilweise erklärt, ist der von „Straw Feminists“. Der Begriff ist im deutschen Sprachraum kaum bekannt und bezeichnet eine feministische Version von sogenannten Strohmännern: Also fiktive feministische Figuren, die verfälschte Argumente der Bewegung hervorbringen. Sie verkörpern dabei alle möglichen Vorurteile über Feministinnen und sind durch ihre überzogene Darstellung leicht angreifbar.

Der Begriff verbreitete sich im Internet vor allem durch einen Comic der Künstlerin Kate Beaton und wurde auch in einem Youtube-Video des Kanals Feminist Frequency aufgegriffen. Darin kritisiert die Bloggerin Anita Sarkeesian die Darstellung feministischer Charaktere in Film, Fernsehen und Popkultur. Diese seien meist „gezielt übertriebene feministische Karikaturen“ mit groben Vereinfachungen, Falschdarstellungen und Stereotypen. Hollywood-Autoren würden sich auf diese Weise verzweifelt von allem distanzieren wollen, was mit der feministischen Bewegung zu tun haben könnte und diese damit diskreditieren, meint Sarkeesian.

Männerhassender Zickenterror
Ein Beispiel einer solchen Straw Feministin sieht Sarkeesian in der Figur Marcy D’Arcy aus der Serie Eine schrecklich nette Familie. Die Rolle der lästigen Nachbarin stelle Feministinnen als kastrierende Frauen dar, die ihre fügsamen, dummen Männer entmannen und dominieren. Auch Sabine Harrer sieht dieses Bild der unterdrückenden, aggressiven Männerhasserin als ein weit verbreitetes Vorurteil. Nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen hätten ein solches Bild von Feministinnen, wodurch auch ein Keil zwischen Frauen getrieben werde: „Wir kämpfen nicht mehr füreinander und werden argwöhnisch: Haben wir jetzt eine Emanze vor uns oder eine ‚normale’ Frau?“

Dass sich diese Frage überhaupt stellt, beweist für Harrer die Wirksamkeit des Strohfeminismus. Auf eine Art, meint sie, könne man das sogar mit der mittelalterlichen Hexenverfolgung vergleichen: „Es wurde nicht danach gefragt, ob es Hexen gibt, sondern wer eine Hexe ist. Meiner Meinung nach ist es bei Strohfeministinnen das Gleiche: Das Extremistische und Gefährliche wird kollektiv gespürt und der Mythos aufgebauscht – durch Angsterziehung  im Alltag, subtil und von frühester Kindheit an.“ Natürlich gebe es im Feminismus – wie überall – Ausnahmen und Negativbeispiele, sie selbst sei jedoch im echten Leben noch keiner Strohfeministin begegnet.

Für die Kulturwissenschaftlerin ist Straw Feminismus also ein Mythos, der dazu dient, die Bezeichnung Feminismus negativ aufzuladen: „Die Grundlage dafür ist, dass von einer Welt ausgegangen wird, in der alle bereits gleichberechtigt sind.“ Dies sei in der westlichen Gesellschaft zwar auf der rechtlichen Ebene bereits der Fall, jedoch nicht auf der sozialen. Durch den Mythos einer bereits erreichten Gleichberechtigung würden Feministinnen als lächerlich und extrem dargestellt – ganz nach der Devise: „Wer jetzt noch kämpft, ist von gestern.“ In der Öffentlichkeit stehe der Feminismus oft für Zickenterror, der nichts mehr zur Verbesserung der Welt beiträgt und einfach nur ein Frust-Akt von Frauen ist, die in ihrer eigenen Weiblichkeit versagen. Im Video von Anita Sarkeesian findet sich passend dazu eine Figur aus dem Film Natürlich Blond: Der Begriff „Semester“ wird in einer Szene von einer Studentin als böse Verschwörung gegen Frauen interpretiert, da dieser das Wort „Samen“ (engl. “Semen“) beinhalte.

© Warner Bros. Entertainment Inc, 2001

(c) Warner Bros.
Entertainment Inc, 2001

Power Puff Girls vs. Super-Emanze
Eine der offensichtlichsten Straw Feministinnen taucht in der Folge Kriminelle Gleichberechtigung der Comicserie Power Puff Girls auf. Darin bekämpfen die Mädchen eine Bösewichtin namens Femme Fatale, die durch das Venussymbol auf ihrer Maske und ihrem Kostüm sofort als Emanze erkennbar ist. Die Power Puff Girls werden durch Femme Fatale dazu beeinflusst, alltägliche Dinge als eine Verschwörung gegen Frauen zu interpretieren und Unterdrückung zu sehen, wo keine vorhanden ist. Anita Sarkeesian sieht diese Episode vor allem darum problematisch, da Femme Fatale einige gute Argumente wie den Mangel von weiblichen Superhelden in unserer Popkultur anspreche. Kritikpunkte wie Mobbing von Mädchen auf Schulhöfen würden tatsächlich existieren, in der Serie jedoch ins Lächerliche gezogen. Sarkeesian bemängelt, dass die Power Puff Girls als witzige, unabhängige und starke junge Frauen das Potenzial einer Vorbildfunktion hätten, jedoch strikt von feministischen Ideen abgegrenzt werden.

(c) Kate Beaton

(c) Kate Beaton

Medien als Abschreckungsinstrument
Solche extremen Darstellungen von Straw Feminists in den Medien fungieren laut Sabine Harrer als Abschreckungsinstrument. Dies funktioniere ihrer Ansicht nach auch ganz gut, denn der Feminismus werde so in eine Ecke gedrängt, mit der sich kaum jemand identifizieren wolle. Sie erinnert sich, das Wort Feministin bereits im Kindergarten als Schimpfwort gehört zu haben und bis in ihre Studienzeit selbst ein negatives Feminismusbild gehabt zu haben: „Als mir damals eine Studienkollegin erzählt hat, dass sie einen feministischen Forschungszweig wählt, habe ich das nicht verstanden. Meiner Meinung nach hatten es Frauen, die das brauchen, wahrscheinlich noch nicht geschafft, wirklich kritisch zu denken und brauchten ein Frustrationsforum, um sich auszutoben.“ Erst im Laufe der nächsten zwei Jahre sei sie nach und nach zu der Einsicht gekommen, „dass man soziale Gleichstellung kritisch hinterfragen kann, sich als Feministin fühlen kann und trotzdem noch ein Mensch ist“. In ihrem Video spricht auch Anita Sarkeesian davon, dass sie junge Frauen oft sagen höre: ‚Ich glaube an Gleichberechtigung, bin aber keine Feministin!’

Die Angst vor dem „F-Wort“ hat laut Sabine Harrer einen ganzen Rattenschwanz an Folgen. „Dadurch, dass der Feminismus als bedeutungslos dargestellt und strukturelle Unterdrückung nicht wahrgenommen wird, gelten beispielsweise Opfer sexueller Belästigung oft als selbst schuld.“ Deshalb sei es extrem wichtig, das Wort positiv aufzuladen und Gegenbilder zu dem der frustrierten, lustfeindlichen und gestrandeten Emanze zu zeigen. Dies könne aber nur durch Aktionen und offenen Diskurs passieren: „Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass Feminismus kein Label ist, das nur Frauen beschreibt, sondern vielmehr das gelebte Bewusstsein von Gleichgerechtigkeit. Jeder Mensch kann sich damit identifizieren – egal ob männlich oder weiblich.“

Titelbild: mokant.at Montage > flickr.com/USnationalarchives

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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