Essl Museum: Schokoladenspinat und Blutaltar

Das Essl Museum lockt noch bis 24. August mit der hochkarätigen Ausstellung Made in Austria nach Klosterneuburg. Ob der Mix österreichischen Kunstschaffens funktioniert?

Wie schnell man von Wien aus in Klosterneuburg ist, darf verwundern. Wie unhübsch und clash-haft zum schmucken Stadtbild der weiße Kobel in der Wiese emporragt, weniger. Wahrscheinlich faszinieren gerade diese Gegensätze. Denn zu Unrecht steht dieses (Privat-)Museum den Wiener Prestigehäusern nach: Im Depot stapeln sich Meisterwerke der Gegenwartskunst, in den Schauräumen begeistert die luftige und offene Architektur. Und das MuMoK ist von außen ja bekanntlich auch keine Schönheitskönigin.

© Essl Museum

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Sonne für die, die auf dem Lande weinen
Made in Austria beginnt organisch – an der Quelle, am Wasser, bei Friedensreich Hundertwasser. Er teilt sich den ersten Raum, Galerie 1, mit Max Weiler, der ebenfalls Landschaft und Organik in seiner Kunst zentriert. Die Gegenüberstellung der beiden Künstler funktioniert nur bedingt – man tendiert automatisch zu der etwas verständlicheren und bekannteren Formensprache Hundertwassers. Die vegetativen Formen und Farben bieten einen leichteren Einstieg in die abstrakte Landschaftsmalerei: Sonne für die, die auf dem Lande weinen und Der Schokoladenspinat verleiten zur genaueren Betrachtung.

Arnulf Rainer zur Linken und Maria Lassnig zur Rechten verlassend, gelangt man in Galerie 3 zu gleich fünf verschiedenen Künstlern. Erstaunlicherweise ist gerade dieser Ausstellungsabschnitt in sich sehr stimmig. Markus Prachensky und Wolfgang Hollegha stehen sich etwa gegenüber und ihre abstrakte, farbintensive Kunst wirkt auf den weißen Wänden besonders. Maremma oder Vögel sind Werke der Art, die gerne an den Malunterricht in der Volksschule erinnern lassen. Und so weit ist das gar nicht hergeholt, befinden wir uns zeitlich doch im Kontext der Nachkriegszeit und die abstrakte Malerei steckt in Österreich in den etwas naiven aber energiegeladenen Kinderschuhen. An der Nordwand der Galerie 3 entsteht immense Stimmung – die großformatigen Gemälde von Herbert Brandl und Hubert Scheibl zaubern sehr ausdrucksstarke, jedoch in sich sehr stimmige, Visionen an die Wand.

Sehr, sehr, sehr betrunken
Von Galerie 4 wird man mit einem riesigen plastischen Hinterteil begrüßt. Erwin Wurms Big Psycho ist ein Zentralstück und auch sonst ist die vierte Etappe der Ausstellung großteils der Plastik gewidmet. Die Stücke werden im Raum gruppiert, der rote Faden fehlt allerdings auch hier. In der linken Ecke gibt es das bereits mehrfach lackierte Sexualitätssymbol von Frank West zu sehen – die Skulptur wurde herein gerettet, nachdem sie an ihrem ursprünglichen Platz vor dem Museum mehrfach dem Vandalismus zum Opfer gefallen war. In Galerie 5 begegnet man Dem kleinen Prinz – sehr, sehr, sehr betrunken und auch die restlichen Malereien Franz Ringels erinnern mit ihren verzerrten Gesichtern und Formen an Traumszenen, aus denen man gerne aufwacht. Der nächste Raum besticht durch die Zeichnungen Günter Brus’: Die Dosimetrische Evokation erzählt von einem Wanderzirkus, der Zukunftssalon erzeugt bunte Kreidebooms. Die restlichen zwei Drittel dieses Abschnitts bestimmt Valie Export’s Aktionskunst. Die beiden Künstler verbindet hier auch nur der historischen Zusammenhang, denn Brus‘ frühe Aktionskunst wird in der Ausstellung nicht betrachtet.

© Essl Museum

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Mit seltsam düsterem Getöse ruft die letzte Galerie schon von weitem zu sich: Kommet und sehet, die Nitsch-Kapelle. Über Hermann Nitsch gibt es viel zu sagen – er spaltet die Kunstlandschaft, er erzürnt, er ekelt, er begeistert. Genau diese Kontroversen haben sich über die Jahre in ein organisches Ganzes verwandelt: Nitsch fließt. Nitsch ist das Blut. Die komplette letzte Etappe der Made in Austria ist dem Aktionskünstler gewidmet. Man trifft bekanntes: Schüttbilder, blutende Altäre und Damenbinden. Durch die Zeit fast schwarz verfärbt, klebt Nitschs Blutwerkstoff  an allen Ecken. Ergänzt werden die Einzelwerke durch aufwendig inszenierte Altäre von ehemaligen Aktionen – jeder Messbecher, jedes medizinische Werkzeug liegt penibel aufgereiht und schafft düstere Experimentierstimmung.

Viele Köche versalzen den Schoko-Blut-Spinat
Made in Austria, kuratiert von Karlheinz Essl höchstpersönlich, gibt österreichischem Kunstschaffen einen symbiotischen Schauplatz. Diese Symbiose funktioniert allerdings nicht durchgehend: Immer wieder fehlt der rote Faden, der sich, wenn überhaupt, nur durch Hintergrundwissen erzeugen lässt, immer wieder wirken die Werke wie eine eklektische Aneinanderreihung diverser Lieblingsstücke. Was die Ausstellung allerdings bietet, ist ein guter Überblick und der Ausstellungstext  von Karlheinz Essl ist vermutlich so informativ wie eine ganze Kunstgeschichte-Vorlesung zu dem Thema. Wer die österreichische Kunst gerne in Form eines Vorspeisentellers genießen möchte, der sei hiermit gut beraten. Satt ist man danach in jedem Fall.

 

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

2 Comments

  1. schoenfelder.kathrin@gmail.com'

    eine_katze

    25. März 2014 at 12:17

    macht mir lust jetzt auch wirklich mal ins essl-museum zu fahren, (vornehmen tut man sich ja vieles), und dann könnte ich auch gleich versuchen mir endlich eine eindeutige meinung über nitsch zu bilden… ob ich das schaffen werde?
    jedenfalls – ein sehr schöner artikel! 🙂

    • Sabrina Freundlich

      30. März 2014 at 19:50

      Das freut mich, vielen lieben Dank!

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