Dating: A Tinderella Story

„Tinder is how people meet. It’s like real life, but better!“ 

Mit diesem Slogan wirbt die seit 2012 bestehende Flirt-App. Ihr Ziel ist es, Benutzern das Kennenlernen von Singles in der näheren Umgebung zu erleichtern. Wir fragten uns, ob man den Traumpartner wirklich mithilfe eines Datingwerkzeugs kennen lernen kann und schickten eine Autorin in den Selbstversuch.

„Kennst du schon diese neue Flirt-App? Tinder?“, fragt mich eines Abends eine Freundin und hält mir ihr Smartphone unter die Nase. Auf ihrem weißen Display scheint eine rote Flamme auf, die sich dann in ein Bild eines gutaussehenden jungen Mannes verwandelt. „Mit dieser App lernst du in null Komma nichts deinen Traumprinzen kennen!“, schwört sie und führt mich in die Welt des modernen Datings ein.

Die Frage ist: Hot or Not?
Das Prinzip ist simple. Innerhalb weniger Sekunden registriert man sich über Facebook und pimpt das Profil mit Fotos, auf denen man so gut ausschaut, dass man sich selbst nicht mehr erkennt. Sicherheitshalber kann man dann noch den Suchumkreis eingrenzen, die Altersgruppe und das bevorzugte Geschlecht wählen. Fertig.

Auf der Startseite erscheinen einige Bilder von wildfremden Personen. Mit Sixpacks, café-latte-brauner Haut und einem Zahnpastalächeln à la Kaugummiwerbung versuchen sie ihre Gegenüber zum Sabbern zu bringen. Tinder bietet jetzt zwei Optionen: wenn die vorgeschlagene Person gefällt, dann drückt man auf das Herz und wenn nicht, dann auf das X. Drücken beide auf das Herz, öffnet sich ein Chatfenster und man kann dem zukünftigen Herzblatt aus freien Stücken Nachrichten zukommen lassen.

Das Gute daran: keiner kann sehen,  von wem er oder sie ein X bekommen hat. Meine Daumen zischen über das Display und verschenken nach Lust und Laune Herzen. Herz, X, Herz, X, Herz. Es wird schon fast zu einer neuen Nebenbeschäftigung. Auf einmal starren mich haselnussbraune Augen an. Alex (*Namen von der Redaktion geändert) vierundzwanzig Jahre alt. Er ist groß wie ein Baum und hat so festes braunes Haar, dass man daraus noch zusätzlich drei Perücken machen hätte können. Natürlich bekommt er sofort ein Herz. Auf einmal vibriert mein Handy. „It’s a match! Alex und du steht aufeinander!“ verkündet mir Tinder.

Mein Herz pocht plötzlich so heftig, als wäre ich ein verliebter Teenager aus der Unterstufe, die gerade auf OneDirection trifft. Ein schlichtes „Hi“ von Alex führt auch schon zu einem Lächeln. Erschreckend was ein schönes Foto alles auslösen kann. Auch wenn Photoshop womöglich mehr dafür konnte als  seine Eltern.

„Schaust du Austria’s Next Topmodel?“
Nach einer Unzahl von simplen Smalltalkphrasen schickt er mir auf einmal folgende Frage: „Schaust du Austria’s Next Topmodel?“ Nein, antworte ich. „Na dann musst du es jetzt anfangen! Ich bin nämlich in der kommenden Staffel dabei ;)“ Das erklärt auch die vielen Oben-Ohne Fotos. Alex meint, er wäre genau der Richtige für das Castingformat. Seit ihm seine Exfreundin ein Fotoshooting geschenkt hat, weiß er, dass er zum Modeln geboren ist. Man könnte in dieser Hinsicht sein Balzverhalten hinterfragen. Wir schreiben noch einige Tage hin und her. Als ich jedoch vergesse, auf eine Nachricht zu antworten, und einen Tag später zurückschreibe, bekomme ich plötzlich keine Nachrichten mehr zurück. Vielleicht schlendert er ja in diesem Moment über den Catwalk. Von mir bekommt er heute auf jeden Fall kein Foto.

Kaum hat sich die Flirtgeschichte mit Alex verflüchtig, ergibt sich das nächste Match. „Und wie geht’s jetzt weiter hier? Ich bin in elektronischen Dates nicht so gut, aber dafür sehr gut in echten Dates!“, schreibt mir der fünfundzwanzigjährige Nico. Er versucht mit einem Lächeln und einem Bild von Hangover-Star Zach Galifianakis zu punkten. Ich beschließe bei ihm etwas experimentierfreudiger zu sein. Als er fragt, was ich so mache, meine ich, Glückskeksautorin zu sein. Er antwortet nach drei Sekunden, dass er Modellbauer für Lego ist. Später stellt sich heraus, dass er in Wahrheit Medizin studiert. Wir verabreden uns noch am selben Tag für ein Date. Da sich jedoch etwas in meinen Terminkalender schiebt und ich ihm absage, war er so sauer, dass er mich blockiert. Man merke: Ein First-Date verschieben zu wollen ist keine so gute Idee. Vor allem wenn es sich um sensible Lego-Modellbauer handelt.

„Vielleicht habe ich ja mit dem dreiundzwanzigjährigen Timo mehr Glück…“, denke ich und begutachte seine Profilfotos. Er hat stechend blaue Augen und eine kleine Stupsnase. Plötzlich blinkt das Nachrichtensymbol. „Und die Jennifer macht am Montag was genau?“, schreibt er mir. Ich ignoriere die Tatsache, dass nur seltsame Menschen einen in der dritten Person anschreiben und meine, dass ich nichts vorhabe. Ohne wenn und aber lädt er mich ins Café Korb ein.

Ein Korb im Café Korb?
„Möchten Sie bestellen oder warten Sie noch?“, fragt mich der Kellner mit dem Monokel, als ich seit zehn Minuten auf Timo warte. Langsam kommt mir in den Sinn, dass er mir vielleicht einen Korb im Café Korb geben will und ich nur das Wortspiel nicht verstanden hab! Ich beschließe noch zu bleiben aber nach dreißig Minuten werde ich peinlich berührt aus dem Café stürmen! Gerade möchte ich sauer meine Tasche packen, als er mit seinen Händen den Vorhang an der Türe zur Seite schiebt und mit roten Wangen auf mich zukommt. Wir umarmen uns und setzen uns etwas hilflos. Er trägt einen khakifarbenen Mantel und wirkt auf mich wie ein junger Leutnant Gustl. Als er mir erzählt, dass er ein Wiener Theaterschauspieler ist, weiß ich auch warum.

Ich bin überrascht, dass wir uns so frei und natürlich miteinander unterhalten können. Allerdings wirkt unser Treffen mehr wie ein Rollencasting als ein romantisches Date. Auf einmal fuchtelt er mit zwei Karten herum. „Möchtest du mich auf das Kabarettdebüt meines bestens Freundes begleiten?“, fragt er charmant.

Ein nicht ganz so flotter Dreier
Als wir gerade für unsere Gästelistenkarten anstehen, merke ich, wie sich eine kleine blonde Frau an mir vorbei zwängt. Er umarmt sie etwas zu lang und stellt sie mir als eine Schauspielschulkollegin vor. Während der Vorstellung beginnt er sie regelmäßig an ihren Oberschenkeln zu berühren. Dann flüstert er ihr einige Dinge ins Ohr und das Lachen das aus ihrem Mund zu mir hinüber donnert, ist lauter als das ganze Gelächter des Publikums. Es scheint, als hätte er mein Dasein komplett vergessen. Date? Was für ein Date denn? Timo spricht nur mit mir, wenn sie ihm gerade keine Aufmerksamkeit schenkt. Da kapiere ich es erst, er hat mich nur mitgenommen, um sie eifersüchtig zu machen. Na boom! Was für ein Abend! Ich lasse mich noch zu einem Trostdrink von ihm einladen und gehe dann nach dem Kabarett Nachhause. In diesem Sinne sind wohl doch nicht alle guten Dinge drei.

Prince Charming findet man mit Tinder vielleicht nicht so schnell. Wer allerdings auf Abwechslung steht und etwas Verrücktes ausprobieren möchte, ist bei dieser Flirt-App genau richtig. Der Vorteil bei Tinder: Mann muss keine lästigen Fragen wie: „Magst du lieber Hunde oder Katzen?“ beantworten und kann sofort mit dem flirten loslegen. Es ist billig, schnell und unkompliziert. So kann man auch leicht ein paar Leute aus der Umgebung kennen lernen.

Titelbild: flickr.com/MyDear Valentine

 

 

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

2 Comments

  1. Pingback: Tinder-Typen und warum du dafür nicht unbedingt notgeil sein musst | Kollektiv Denkfabrikat

  2. holterdipolter@mail.ru'

    Yann Polter

    26. März 2015 at 16:32

    Der einzigartige Vorteil von Tinder: Mit Tinder kann man rasend schnell jemanden zum Poppen finden wenn’s denn gerade juckt. Niemand muss, jeder kann. Für Jemand der Jemanden zum Heiraten, Kinder machen und Häuschen abzahlen sucht, für den/die eignen sich andere Methoden wohl besser.

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