Depression: Unsichtbarer Feind

Im Winter können sich Depressionen aufgrund des Lichtmangels verstärken. Eine Betroffene erzählt von einer Erkrankung, die immer noch mit Vorurteilen und Mythen besetzt ist.

„Das Schlimmste ist das Gefühl, alleine dazustehen. Der Situation völlig ausgeliefert zu sein. Ich will dann rennen, flüchten, und weiß nicht, wohin.“ Die junge Frau wird nicht wegrennen können, wie sie inzwischen weiß. Um vor etwas flüchten zu können, muss man wissen, wie es aussieht und sehen, woher es kommt. Doch das leere Gefühl, das sie seit ihrer Jugend verfolgt, immer wieder zupackt und nicht loslassen will, ist unsichtbar. Es nistet sich ein in ihrem Kopf und stiehlt ihre Energie. Wenn sie morgens aufwacht, ist es schon da, lähmend und ungesehen von anderen.

„Reiß dich zusammen!“ – das ist für die 33-Jährige, nennen wir sie Simone, eine der schlimmsten Reaktionen. „Bei Menschen, die Depressionen noch nie erleben mussten, fehlt oft das Verständnis“, sagt sie. „Nicht, weil sie es nicht versuchen. Sie können es halt schwer nachvollziehen, warum man nicht einfach aufstehen kann.“

Mangelnde Sichtbarkeit
Auch Sina Bründler ist der Meinung, dass die mangelnde Sichtbarkeit von psychischen Krankheiten eines der größten Probleme ist. Sie ist verantwortlich für die Unternehmenskommunikation von pro mente wien. Der Verein stellt Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Lebensbereichen Wohnen, Arbeit und Freizeit bereit und unterstützt selbstorientierte Projektarbeit. Durch ihre Tätigkeit weiß Sina Bründler von den Mythen und Vorurteilen, mit denen Depressionskranke noch immer konfrontiert sind: „Wenn sich jemand ein Bein bricht, sagt niemand, dass er sich doch endlich aufraffen und die Wäsche aufhängen soll. Menschen mit Depressionen werden aber immer noch oft als zu schwach oder zu faul angesehen. Das wertet ab und verletzt.“ In einer von pro mente geführten Selbsthilfegruppe trifft Simone einmal pro Woche auf Menschen, die ihre Ängste teilen. „Wenn ich hier etwas erzähle, weiß ich, dass viele dasselbe auch schon erlebt haben und genau wissen, wie es mir geht. Das nimmt einem eine gewisse Last.“

Das Gefühl, ausgeliefert zu sein
Das Verständnis, das ihr in der Gruppe entgegen gebracht wird ist umso wichtiger, seit sie neben der Depression noch ein zweites Leiden hat. Dieses tritt vor allem in Situationen auf, in denen Simone das Gefühl hat fest zu sitzen und ausgeliefert zu sein: „Auf einer Zugfahrt von Prag nach Wien habe ich auf einmal gemerkt: Ich komme hier nicht raus. Meine Knie wurden ganz weich und ich dachte, ich werde wahnsinnig. Ich war mir sicher, an einem Herzinfarkt zu sterben.“ Damals war ihr noch nicht bewusst, dass es sich um eine Panikattacke handelte. Als das nach mehreren Erlebnissen dieser Art diagnostiziert wurde, war Simone einerseits erleichtert, dass es kein körperliches Problem war. Auf der anderen Seite, sagt sie, hadert man dann mit dem Schicksal: Warum hat ausgerechnet sie das? Reichen nicht die Depressionen?

Mit den Jahren kann Simone etwas besser damit umgehen. Oft schafft sie es sogar, eine Panikattacke abzufangen, indem sie ruhig atmet und sich verinnerlicht, dass sie sich den Herzinfarkt nur einbildet. Wenn ihr das gelingt, fühlt sie sich weniger hilflos und ausgeliefert. Die Depressionen lassen sich allerdings nicht „wegatmen“ – besonders nicht in dieser Jahreszeit. „Im Herbst und Winter habe ich viel weniger Energie als sonst. Mich für Dinge aufzuraffen und das Aufstehen in der Früh fällt mir dann extrem schwer. Dazu kommt, dass ich während der Arbeit kein Tageslicht sehe.“

Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit
Dabei ist genau das Licht ein entscheidender Faktor für unser Wohlbefinden. Dunkelheit bewirkt, dass sich der Melatoninspiegel erhöht und der Mensch müde wird. Gleichzeitig wird Serotonin abgebaut – das sogenannte Glückshormon, das den Schlafrhythmus, Sexualtrieb, Gemütszustand  und die Körpertemperatur steuert. Ist das Licht auch tagsüber schwach, kann das auch bei gesunden Menschen zu Müdigkeit, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit führen. Wenn das zu einer depressiven Verstimmung wird und in mehreren aufeinander folgenden Wintern auftritt, spricht man oft von einer saisonal abhängigen Depression (SAD) oder „Winterdepression“. In Österreich sind laut einer epidemiologischen Studie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien rund 200.000 Menschen davon betroffen.

Darüber, ob man bei der komplexen Thematik von psychischen Erkrankungen überhaupt von solchen festgelegten Kategorien sprechen kann, lässt sich streiten. Bei pro mente wird dafür plädiert, den Begriff nicht zu inflationär zu verwenden: „Saisonale Prävalenzen kommen durchaus vor, zum Beispiel kann jemand eine leichte Depression haben, die verstärkt im Winter vorkommt. Wir grenzen das aber nicht strikt in ‚Winterdepression’ und ‚normale Depression’ ab“, erklärt Sina Bründler.

Winterdepression als Zivilisationskrankheit
Auch Primar Dr. Albert Lingg vom LKH Rankweil möchte nicht vorschnell diagnostizieren. Oft sei es auch für Experten nicht einfach, zwischen einer handfesten Depression und einem harmlosen Novemberblues zu unterscheiden. Der Hormonhaushalt reagiere auf die Jahreszeiten und somit sei eine gewisse Ausprägung einer depressiven Verstimmung durchaus normal. Der Leiter der Psychiatrie II sieht die sogenannte Winterdepression außerdem „ein Stück weit als Zivilisationskrankheit“. Beim tagtäglichen Weg von der Wohnung mit dem Auto zur Arbeit und wieder zurück würden frische Luft und Tageslicht einfach zu kurz kommen.

Um den Lichtmangel während ihres Arbeitsalltags auszugleichen, hat sich Simone vor etwa einem Jahr eine Tageslicht-Lampe zugelegt, die jeden Tag während dem Frühstück eingeschaltet ist. Die medizinische Lampe produziert eine Lichtintensität von bis zu 10.000 Lux und simuliert so einen sonnigen Tag. Während sie sich dem Kunstlicht aussetzt, werden glücksschaffende Botenstoffe wie Serotonin wieder aktiviert. „Das bewirkt natürlich kein Wunder, aber es hilft schon ein bisschen“, meint sie.

Bei Patienten mit weniger starken Depressionen reicht der Einsatz einer Lichttherapie oder eine Veränderung der Lebensumstände manchmal für eine Genesung aus, wie Primar Lingg erzählt: „Ich hatte zum Beispiel einen Patienten, der seinen Arbeitsplatz in eine Firma wechselte, deren Büroräume sich unter einem großen Glasdach befanden. Im darauf folgenden Winter blieben die Depressionen aus.“ Aus diesem Grund plädiert er dafür, mit einer gesunden Lebensweise vorzubeugen – entscheidend sei der Aufenthalt im Freien.

Sinnstiftende Arbeit
Ganz ohne Medikamente würde es für Simone besonders im Herbst und Winter nicht gehen. Sie vertritt die Devise „so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig“, und legt großen Wert darauf, arbeiten zu können. „Ich brauche einen geregelten Tagesablauf, der mir Struktur gibt“, ist sie sicher. Außerdem gebe der Job ihr Kraft: „Ich arbeite mit Menschen zusammen und es kommt viel Dankbarkeit zurück. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, hilft sehr.“

Bis Simone so offen und reflektiert über ihre Krankheit sprechen konnte, sind viele Jahre vergangen. In ihrer ersten Selbsthilfegruppe hat sie kein Wort gesagt, die Überwindung war zu groß. Dass sie mittlerweile den Mut aufbringt, von ihrer Geschichte zu erzählen, ist ein Ausdruck für ihren tiefen Wunsch nach gesellschaftlichem Verständnis. Das leere Gefühl, der unsichtbare Feind  – er soll endlich sichtbar gemacht werden.

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

1 Comment

  1. palzer.he@sbg.at'

    haus am bach

    9. März 2014 at 18:56

    Aus eigener, leidvollen Erfahrung weiß ich, wie unendlich belastend und einengend Depressionen sein können. Viele Jahre litt ich darunter und kenne die damit verbundenen Ängste nur allzu gut. Habe eine jahrelange Psychotherapie gemacht und meine Lebensqualität hat sich extrem verbessert. So eine Therapie ist zwar sehr langwierig und auch kostspielig, aber meiner Meinung nach der einzige Weg aus den Depressionen herauszukommen und den „unsichtbaren Feind“ endlich sichtbar zu machen. Viel Kraft…. man kann es schaffen!!!

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