Aufwind: Die Entwicklung des Damenskispringens

(c) Santina Rau

Viele Jahre stand der Skisprungsport ausschließlich im Zeichen der Herren. Nun erlebte auch die Geschichte des Damenskispringens einen enormen Aufwind

Einer der zwölf komplett neuen Olympiabewerbe bei den 2014 in Sotschi stattfandenden Spielen war das Einzel-Skispringen der Damen. Dabei war Skispringen (der Herren) bereits seit den ersten Spielen 1924 in Chamonix olympische Disziplin. Bis vor kurzem war diese Sportart aber eine reine Männerdomäne. Der Skisprungsport galt dabei lange sogar als einer der  letzten, der ausschließlich von Männern auf professionell betrieben wird. Um endlich den gleichen Stellenwert wie ihre männlichen Kollegen zu erlangen, mussten die Damen einen steinigen Weg hinter sich legen. Dabei ist diese scheinbar junge Sportart gar nicht so jung wie man anhand des Olympiadebüts meinen könnte.

Damenskispringen Maren Lundby

Maren Lundby
Foto: (c) Santina Rau

Pioniere des Damen-Springens
Wie bei den Herren liegen die Wurzeln des Damenskispringens in Norwegen. So sollen bereits  Ende des 19. Jahrhunderts junge Norwegerinnen erste Sprungversuche gemacht haben. Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte der Sport im Damenbereich einen leichten Aufschwung. Im Juniorenbereich waren Mädchen und Burschen nicht getrennt, weshalb die norwegischen Mädchen Hilda Braskerud und Johanne Kolstad Achtungserfolge bei den allgemeinen Juniorenbewerben erspringen konnten. Ab Mitte der 50er-Jahre stagnierte die Entwicklung des Damen-Skispringens zunehmend und erlangte erst Anfang der 70er durch die norwegische Springerin Anita Wold Jensen neuerlich Auftrieb. Wold Jensen durfte als Vorspringerin unter anderem bei der Vierschanzentournee der Herren springen und stellte 1976 in Sapporo mit 97,5 Metern einen neuen Weltrekord auf. Der Finnin Tiina Lehtola gelang es schließlich, als erste Frau die Weite von 100 Metern zu übertreffen. Dieser Meilenstein glückte ihr 1981, wohlgemerkt 45 Jahre nach dem ersten Herren (Josef Bradl 1936).

Daniela Iraschko Skispringen Frauen

Daniela Iraschko-Stolz
Foto: (c) Santina Rau

Weitere Popularität gab es dank der Österreicherin Eva Ganster, die mit ihrem Talent und ihren Erfolgen in den 90er-Jahren das Skispringen revolutionierte. Ganster sprang als erste Frau auf einer Flugschanze und hielt mit der erreichten Weite von 167 Metern für längere Zeit den Weltrekord der Skispringerinnen. Unter anderem dank ihr genehmigte die FIS ab 1999 die Ladies-Grand-Tournee – eine kleine Wettkampfserie bestehend aus mehren Weltcuporten.

Anfänge des Continentalcups
In der Wintersaison 2004/2005 wurde auch für Damen erstmals ein Continentalcup (COC) ausgetragen. Das erste COC-Springen gewann die Österreicherin Daniela Iraschko vor der Norwegerin Anette Sagen. Diese beiden Damen dominierten in den kommenden Jahren auch das Sprunggeschehen im Damen-Continentalcup. Während Sagen auf bisher 45 COC-Sprungsiege kam, siegte Iraschko sogar bei 46 COC-Springen. Gemeinsam

Damenskispringen Anette Sagen

Anette Sagen (links)
Foto: (c) Santina Rau

gewannen die beiden alle acht COC-Gesamtwertungen von 2004/2005 bis 2011/2012.

WM und Olympia-Teilnahme als Meilenstein
In weiterer Folge bemühten sich die Top-Athletinnen darum, künftig auch bei Großereignissen an den Start gehen zu dürfen. Während FIS-Präsident Gianfranco Kasper anfangs vehement gegen die Teilnahme von Springerinnen bei Großereignissen war – weil nach dessen Ansichten die Gebärmutter der Athletinnen beim Springen zerstört werden

Foto: (c) Santina Rau

Lindsey Van
Foto: (c) Santina Rau

könne – gelang es schließlich im Mai 2006 doch, eine Teilnahme bei der WM 2009 in Liberec zu erkämpfen. Sagen und Iraschko gingen naturgemäß auch bei der ersten WM als große Favoritinnen an den Start, konnten dem Druck Skisprunggeschichte zu schreiben aber nicht standhalten. Während Sagen immerhin Bronze holte, ging Iraschko als undankbare Vierte komplett leer aus. Erste Weltmeisterin der Geschichte wurde die US-Amerikanerin Lindsey Van vor der Deutschen Ulrike Gräßler. Die Damen hatten im Gegensatz zu den Herren nur einen WM-Bewerb (auf der Normalschanze), da laut Veranstalter ein Springen der Damen auf der Großschanze zu gefährlich und für ein Teamspringen nicht die notwendige Anzahl an guten Springerinnen pro Nation gegeben gewesen sei. Die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver gingen dann ohne Beteiligung der Skisprung-Damen über die Bühne. IOC-Präsident Rogge zeigte sich von den teilweise dürftigen Leistungen bei der WM wenig beeindruckt und lehnte eine Teilnahme der Damen an den Winterspielen ab. Im April 2011 folgte dann aber die heißersehnte Nachricht, Damen-Skispringen sei offiziell ab 2014 olympisch. Um die Strukturen bis zu den Spielen noch professioneller zu gestalten und das Leistungsniveau noch ein weiteres Stück anzuheben, wurde ab der Saison 2011/2012 der FIS-Weltcup für Damen installiert.

Damenskispringen Sarah Hendrickson

Sarah Hendrickson
Foto: (c) Santina Rau

Sara(h)s dominieren FIS-Weltcup
Der seit 2011/2012 ausgetragene FIS-Weltcup stand bisher ganz im Zeichen der beiden jungen Athletinnen Sarah Hendrickson und Sara Takanashi. Von bisher 73 Weltcupbewerben (Stand 09. Februar 2016) gingen 13 an die 1994 geborene US-Amerikanerin Hendrickson und 41 an die 1996 geborene Japanerin Takanashi. Abgesehen von sechs Weltcupbewerben (in Hinterzarten 2012, Schonach und Sapporo 2013 sowie Yamagata, Oberstdorf und Hinzenbach 2015) stand immer zumindest eine der beiden Springerinnen am Podest – meist sogar beide.
Neben den beiden jungen Skisprung-Virtuosinnen konnten bisher nur Daniela Iraschko (11/AUT), Coline Mattel (2/FRA), Carina Vogt (2/GER), Anette Sagen (NOR), Jacqueline Seifriedsberger (AUT), Irina Avvakumova (RUS), Sabrina Windmüller (SUI) und Spela Rogelj (SLO) Weltcupsiege feiern.

Carina Vogt erste Olympiasiegern
Für die Olympischen Spiele in Sotschi galt abermals Takanashi als große Favoritin. Ob Dauerrivalin Hendrickson um Medaillen mitspringen wird können, stand aufgrund einer schweren Verletzung in den Sternen. Den Sieg holte sich dann überraschend aber verdient die deutsche Springern Carina Vogt, die davor zwar unzählige Podestplätze, jedoch keinen Weltcupsieg zu verbuchen hatte. Die beiden Weltcupdominatorinnen Takanashi und Hendrickson gingen komplett leer aus, während die routinierte Iraschko und die bei Großereignissen immer starke Mattel Silber und Bronze holten.

Foto: (c) Santina Rau

Sara Takanashi
Foto: (c) Santina Rau

Es wird zwar noch einige Jahre dauern, bis Damenskispringen ein ähnlich großes Interesse bei Zusehern und Medien hervorrufen wird wie jenes der Herren, doch die Imagekurve zeigt seit der ersten WM-Teilnahme steil nach oben. Mit der erstmaligen Teilnahme an Olympischen Spielen wurde ein weiterer wichtiger Meilenstein gelegt. Ausständig auf dem Weg der „Gleichberechtigung” sind dann lediglich Mannschaftsbewerbe bei Großereignissen sowie Weltcupspringen auf einer Flugschanze.

 

 

Bedeutende Springerinnen im Überblick (Stand 09. Februar 2016)
Anita Wold Jensen (NOR): Erste international populäre Springerin
Tiina Lehtola (FIN): Erster Sprung über 100 Meter (1981)
Eva Ganster (AUT): Erster Sprung von einer Flugschanze (1997 – 167 Meter)
Sandra Kaiser (AUT): Erste Siegerin bei der Ladies-Grand-Tournee (1999)
Daniela Iraschko-Stolz (AUT): Erster Sprung über 200 Meter (inoffizieller Weltrekord 2003), erste Siegerin eines COC-Springens (2004), Weltmeisterin (2011), WM-Bronze (2015) Vize-Olympiasiegerin (2014), FIS-Gesamweltcupsiegerin (2015) 11 FIS-Weltcupsiege, 46 COC-Siege
Anette Sagen (NOR): Continentalcup-Rekordgesamtsiegerin, 46 COC-Siege, 1 FIS-Weltcupsieg, WM-Dritte (2009)
Lindsey Van (USA): Erste Weltmeisterin (2009), 8 COC-Siege
Sarah Hendrickson (USA): Erste Siegerin bei einem FIS-Weltcupspringen, erste FIS-Gesamtweltcupsiegerin (2012), 13 FIS-Weltcupsiege, Weltmeisterin (2013), 4 COC-Siege
Sara Takanashi (JPN): FIS-Gesamtweltcupsiegerin (2013 & 2014), Mixed-Team-Weltmeisterin (2013), Vizeweltmeisterin (2013), 41 FIS-Weltcupsiege, 5 COC-Siege
Carina Vogt (GER): Erste Olympiasiegerin (2014), Weltmeisterin (2015) 2 FIS-Weltcupsiege

Titelbild: Irina Avvakumova – (c) Santina Rau

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Dominik Knapp ist seit März 2013 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten sowie dem Eurovision Song Contest. Kontakt: dominik.knapp[at]mokant.at

9 Comments

  1. Bernieee

    27. März 2014 at 19:36

    Schöner, informativer Überblick. Eigentlich unglaublich, dass keiner aus dem Trio Takanashi, Hendrickson, Iraschko Olympiasieger geworden ist.

  2. Sportfreak

    8. April 2014 at 02:06

    Dieser Sport nimmt langsam konkrete Formen an. Der Olympia-Bewerb war wohl einer der spannendsten und emotionalsten überhaupt in Sotschi. Die Emotionen von Vogt waren selbst für einen Österreicher einfach nur rührend und mit Iraschko und Mattel standen immerhin keine Nobodys auf den restlichen Medaillenplätzen. Ein Teambewerb gehört noch unbedingt her, der würde die jeweiligen Verbände nämlich dazu bringen zumindest vier Athletinnen zu forcieren.

    • Mayerhofer

      28. Mai 2015 at 16:33

      Die Damen interessiert doch in Wahrheit keiner. Außer den Namen Iraschko könnte in Österreich wohl fast niemand eine Springerin nennen.

      • Max Mose

        21. September 2015 at 23:08

        Das würde ich so nicht sagen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
        Eine Anna Fenninger im Skispringen würde der Popularität der Sportart aber auf jeden Fall gut tun.

  3. Der Doktor

    8. Juli 2014 at 17:30

    Also Iraschkos Leistung in Ehren, aber in Wahrheit üben aktuell rund 5 Springerinnen diese Sportart aus, die auch wirklich Talent für diese Sportart mitbringen. Die Mädls die da teilweise mitspringen, haben oft mehr Gewicht als ihre männlichen Pendants. Und wie wir wissen, trägt die Luft bei höherer Masse nicht so gut.

    • mp

      8. Juli 2014 at 17:47

      Das ist blödsinn. Das Durchschnittsalter der Springerinnen ist im Moment extrem niedrig, was zeigt, dass extrem viele Junge Talente nachdrängen und den Alten keine Chance mehr lassen. Das allein zeigt schon, was für ein Qualitätssprung da im Gange ist.

      • erw45

        9. Juli 2014 at 10:58

        Ich sehe das nicht unähnlich. Jung heißt noch nicht, dass sie auch Talent haben. Im österreichischen Fußball kommen auch laufend junge Spieler nach, wirklich talentiert sind die wenigsten.

        Damenskispringen ist momentan ein Quotensport. Sportlich nach den ersten ca. fünf Springerinnen auf Hobby-Niveau. Absolut jede junge sportliche Frau mit passendem Körperbau könnte da nach zwei Jahren Training im Weltcup mitspringen.

        Aber irgendwie muss man ja anfangen. Das Niveau wird sich kontinuierlich steigern.

  4. Dominik Knapp

    12. Juli 2014 at 11:19

    Grundsätzlich kann man dem durchaus zustimmen. Aber da man von Seiten der FIS so spät damit begonnen hat, für Damen einen ernsthaften Weltcup zu installieren, dauerte diese Entwicklung halt dementsprechend etwas länger.
    „Die erfolgreiche alte Iraschko“ als ‚Beweis‘ herzunehmen, dass die (aktuelle) Jugend kein Talent hat, halte ich aber dennoch für eine Fehleinschätzung. Es gibt auch im Herrensport unzählige Beispiele wo in hohem Alter noch sensationelle Leistungen geboten wurden und man dennoch nie gewagt hätte, der (unterlegenen) Jugend das Talent abzusprechen.
    Ich halte Iraschko einfach für eine Ausnahmespringerin, die von der körperlichen Konstitution her prädestiniert für das Skispringen ist, weiters unglaublichen Willen besitzt und (mittlerweile) auch im Kopf unglaublich stark ist. Ihre langjährige Rivalin Anette Sagen hat nämlich gegen den Großteil der aktuellen Top30-Elite nicht einmal mehr den Hauch einer Chance.

    • Maxime Musterfrau

      17. März 2015 at 15:30

      Auf der anderen Seite ist Eva Pinkelnig als „Quereinsteigerin“ ein gutes Beispiel dafür, dass die Sportart einfach noch nicht so weit ist.

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