Trend: Facebookjunkies

Entzugssymptome und Kontrollverlust: Soziale Netzwerke werden als „Sucht der Zukunft“ gehandelt

„Hilfe, meine Tochter ist süchtig nach Facebook!“, verzweifelte Nutzer schreiben sich in einschlägigen Foren die Sorgen vom Leib. Ihre Befürchtung: Soziale Netzwerke ziehen ihre Freunde, Partner oder Kinder in den Bann. Auch diverse Suchmaschinen spucken bei der Kombination der Begriffe „Soziale Netzwerke“ und „Sucht“ eine Flut von alarmierenden Ergebnissen aus. Einige Artikel schätzen Facebook und Konsorten sogar suchtfördernder ein als Alkohol und Zigaretten. Beliebte Schlagwörter der Berichte: „Internet-Junkies“, „Kontrollverlust“ und „Sucht der Zukunft“. Dass Online-Glücksspiel und Persönlichkeitsspiele wie World of Warcraft süchtig machen können, ist nichts Neues. Doch wie ernst sind Warnungen vor sozialen Netzwerken zu nehmen?

Drei Millionen Österreicher auf Facebook
Der Internetkonsum unserer Gesellschaft entwickelt sich rasant. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest ermittelte, dass sich bereits 93 Prozent der 12- bis 13-Jährigen regelmäßig im Internet aufhalten. Programme wie Instagram und WhatsApp verändern unsere Kommunikationskultur grundlegend. Facebook hat mittlerweile drei Millionenen österreichische User. Smartphones lassen es zu, dass die Technologie ganz selbstverständlich parallel zu anderen Aktivitäten und an den unterschiedlichsten Orten genutzt wird. Offline- und Online-Welten sind längst kein Widerspruch mehr.

Wir verlernen den persönlichen Kontakt
Für den Suchtexperten Prof. Dr. Michael Musalek vom Anton-Proksch-Institut ist der Verlust des persönlichen Kontakts das größte Problem. Wer kennt die Situation nicht: Eine Runde von Freunden sitzt zusammen, doch die Gesichter der anderen sind hauptsächlich im Licht ihres Smartphone-Bildschirms zu sehen. Bei Uneinigkeiten wird sofort Wikipedia befragt und Gespräche beim Essen werden mit einem Auge auf den Handybildschirm geführt. Leuchtet dieser auf, folgt ein unwillkürliches Tippen mit dem Finger – so kann der neue Kommentar unter dem Profilfoto fast in Echtzeit gelesen werden. Musalek sieht diese Entwicklung kritisch: „Wir verlernen, mit dem anderen umzugehen. Dabei ist persönlicher Kontakt mit anderen Menschen existenziell wichtig.“

Verlustgefühle bei Facebook-Entzug
Dass für einige Menschen nicht nur der persönliche Kontakt, sondern auch soziale Netzwerke als existenziell wichtig erscheinen, zeigt die Schweizer Studie Facebookless. In dieser wurde die emotionale Bindung von 50 aktiven Facebook-Nutzern zur Plattform untersucht. Als den Probanden der Zugang zu ihrem Account für einen Monat versperrt wurde, berichteten diese von Verlustgefühlen und dem Schmerz, auf eingehende Nachrichten nicht reagieren zu können. Viele hatten das Gefühl, den Draht zur Welt zu verlieren und verspürten einen regelrechten Druck, sich wieder anzumelden. Die Ergebnisse solcher Studien werfen die Frage auf, ob derartige Abhängigkeitsgefühle als Entzugssymptome gewertet werden können. Ist es möglich, dass Liken, Kommentieren und Chatten genauso süchtig macht wie Computerspiele?

„Übertreibungen in Mainstreamberichten“
Experten warnen vor einer überzogenen Panikmache und vorschnellen Diagnosen. „Ohne das Problem wegwischen zu wollen, glaube ich, dass viele Mainstreamberichte eher zu Übertreibungen neigen“, meint zum Beispiel der Psychotherapeut Dr. Paul Braunger. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen des pathologischen Internetgebrauchs. Dass Menschen von sozialen Netzwerken „aufgefressen werden“, ohne sich wehren zu können, stelle seiner Ansicht nach eher die Ausnahme dar. Problematischer Gebrauch von sozialen Netzwerken existiere zwar, jedoch erlebe er in seiner Arbeit weit weniger Probleme im Umgang damit als mit Online-Spielsucht und Sexseiten. Ähnlich sieht dies Michael Musalek: „Wir nehmen sehr oft das Wort Sucht in den Mund, nur weil etwas übermäßig konsumiert wird.“ Suchterkrankungen seien jedoch hochkomplexe Geschehen, die aufwändige Behandlungen benötigen. Musalek plädiert deshalb für eine vorsichtige Ausdrucksweise: „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der wirklich facebook-süchtig war.“

Zwischenmenschliche Gespräche im virtuellen Raum
Das beliebte Argument von Facebook-Gegnern, dass solche Plattformen „asozial“ machen, müsse ebenfalls hinterfragt werden. Wie der Forschungsverbund Südwest ermittelte, sind nicht das Schreiben von Status-Updates oder das Hochladen von Fotos die meistgenutzten  Funktionen. Weit häufiger schicken sich die Nutzer gegenseitig Nachrichten und chatten in den Online-Communities. Soziale Netzwerke dienen also in erster Linie dazu, zwischenmenschliche Gespräche in den virtuellen Raum zu verlegen. Auch eine Untersuchung von Marketmind im Auftrag der Telekom Austria ergab 2009, dass Österreicher mithilfe sozialer Netzwerke ihre Kontakte sogar verstärken und um 27 Prozent mehr persönliche Gespräche führen. Gleichzeitig können sich die Nutzer wichtige Kompetenzen für das Berufsleben aneignen – nämlich, sich selbst gut darzustellen und sich mit den richtigen Leuten zu vernetzen.

Kontrollverlust als Alarmsignal
Problematisch sei also nicht das Internet oder bestimmte Plattformen an sich, sondern der eigene Umgang damit. Dieser wird laut Braunger dann bedenklich, wenn sich ein Kontrollverlust einstellt, also längere Onlineaufenthalte als ursprünglich vorgesehen und damit verbundene Schuldgefühle von Seiten des Nutzers. Auch ein häufiges unüberwindliches Verlangen, sich einzuloggen, eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit und mehrfach fehlgeschlagene Versuche der Einschränkung seien häufige Alarmsignale.

Grenzen setzen und Auszeiten nehmen
Wie also kann man diesem Abhängigkeitsgefühl gegenüber sozialen Netzwerken entgehen? „Wir müssen lernen, dass das Internet zwar großartige Vorteile, aber auch eine ganze Reihe von Nachteilen hat und wir uns Grenzen setzen müssen“, plädiert Musalek für mehr Medienkompetenz. Die Lösung sei nicht eine Verteufelung des Internets an sich – dazu biete es zu viele Vorteile und eine völlige Abstinenz sei auch nicht umsetzbar. Vielmehr solle Druck und Geschwindigkeit herausgenommen werden, indem bewusst mehr auf persönliche Kontakte und auf Auszeiten gesetzt werde. Auch das Institut für Jugend- und Kulturforschung Wien bezeichnet ein selbstbestimmtes „Nicht jetzt!“-Sagen als zentralen Aspekt im Umgang mit Neuen Medien. Mittlerweile gibt es eigens dafür verschiedene Anwendungen wie freedom und anti-social, die den Zugriff auf das Internet oder auf bestimmte Dienste für einen gewählten Zeitraum unterbrechen.

Musalek plädiert abschließend für eine Loslösung vom gewohnten Schwarz-Weiß-Denken in diesem Bereich: „Es geht nicht darum, ob etwas gut oder schlecht ist, sondern in welchen Bereichen es gut oder schlecht ist. Zwischen schwarz oder weiß liegen unendlich viele Farbtöne.“

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

4 Comments

  1. mp

    21. Januar 2014 at 10:56

    manchmal sind die ganzen Handysüchtigen am Tisch schon nervig. 10 Leute, jeder schaut aufs Handy. Wofür trifft man sich da überhaupt? Noch schlimmer ist’s, wenn man was spielen will und jeder die ganze Zeit abgelenkt ist. Ab und zu kann man das blöde Ding auch ausschalten

    • hundekönig

      22. Januar 2014 at 09:30

      es gibt kaum etwas nervigeres als wenn man mich mit jemandem trifft, den man schon lange nicht mehr gesehen hat und es eigentlich so viel zu reden gäbe – und dann hat die person offenbar nichts besseres zu tun als die ganze zeit sms zu tippen und facebook status zu lesen. bin schwer dafür mindestens einen tag die woche einfach das handy daheim zu „vergessen“.

  2. hutzenbiene

    21. Januar 2014 at 21:13

    kann ich so unterschreiben. in einigen bereichen sicher hilfreich, aber teilweise schon stark übertrieben- gerade, wenn man dann das wahre leben an sich vorbeiziehen lässt, um posts anderer leute darüber zu lesen.

  3. maki

    24. Januar 2014 at 12:21

    medienkompetenz medienkompetenz medienkompetenz medienkompetenz

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