Prostitution: Straßenstrich gestrichen?

Restriktive Regelungen drängen Wiens Straßenprostituierte ins Abseits

Foto: (c) Amila Softic

Foto: (c) Amila Softic

Eiskalter Wind peitscht durch die kaum beleuchtete Straße. Ein leerer Parkplatz breitet sich hinter einer Wand aus Gestrüpp aus. Nur der gedämpfte Lärm der Autobahn durchbricht die Stille. Unbesetzte Plastikstühle blitzen aus der Dunkelheit hervor. Vereinzelt erscheinen im Schein der Straßenlaternen schemenhafte Frauengestalten. Die nächtliche Szene am Wiener Auhof macht vergessen, dass man sich in der Stadt befindet. Das Gebiet in Hütteldorf ist eine der letzten verbliebenen Zonen, wo Sexarbeiterinnen noch an der Straße stehen.

Von der Perspektivstraße ins Abseits
Christian Knappik, Berater für Sexarbeiterinnen, lenkt seinen grünen Citroën durch Gebiete, die von vielen Wienerinnen und Wienern gemieden werden. Während er hinter dem Steuer sitzt und raucht, schweift sein Blick von einer Straßenseite zur anderen. Seine Tour führt von der Perspektivstraße über die Brunnerstraße bis hin zum Auhof. Die Perspektivstraße hatte früher einen bedeutenden Straßenstrich, heute wirkt sie wie ausgestorben. Laut Herrn Knappik stehen die Rumäninnen jetzt im Auhof und auf der Brunnerstrasse, von den Bulgarinnen weiß er selbst nichts. „Die Straßenprostitution wird immer unsichtbarer“, erklärt er. Das mache die Ausbeutung von Sexarbeiterinnen noch leichter.

2011 beschloss der Wiener Landtag ein neues Prostitutionsgesetz, das die erlaubten Zonen für Straßenprostitution neu regeln sollte. Der Straßenstrich wurde aus den Wiener Wohngebieten verbannt, legal ist er jetzt nur noch an unbesiedelten Orten oder in sogenannten Erlaubniszonen. Die Bezirksvertretungen können und sollten in Zukunft zusätzliche Bereiche für die Straßenprostitution vorsehen. Bis heute hat jedoch einzig der zweite Bezirk zusätzliche Zonen eingerichtet. Mitte Oktober hat der Gemeinderat jedoch beschlossen, die legale Prostitution auch in diesen Gebieten wieder zu verbieten.

Foto: (c) Amila Softic

Für den fast 300 Jahre alten Straßenstrich im Stuwerviertel hat das schwerwiegende Folgen. Neben der Vertreibung der Frauen in die Illegalität spüren auch die Menschen aus der Umgebung die Veränderungen. Die Polizei führte verstärkt Kontrollen durch, bei denen immer wieder auch Anrainerinnen und Anrainer angehalten wurden. Rückhalt bekommen die Sexarbeiterinnen von der Protestbewegung Rotlicht statt Blaulicht. Sie möchte den Straßenstrich im Stuwerviertel zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären lassen.

Mangelware Erlaubniszone?
Wolfgang Langer, Leiter der Wiener Meldestelle für Prostitutionsangelegenheiten der Landespolizeidirektion Wien, meint, dass keine zusätzlichen Erlaubniszonen für Straßenprostitution notwendig seien: „52 Prozent der Stadtfläche sind Grün- oder Industriezonen.“ Diese seien auf der Internetseite der Stadt Wien öffentlich einsehbar und in jedem Bezirk farblich markiert. Laut Langer sind die Sexarbeiterinnen uninformiert, weshalb sie sich nur an bestimmten Orten sammeln. Unter anderem sei das auf mangelnde Selbstorganisation zurückzuführen.

Für Sexarbeiterinnen sei die rechtliche Situation undurchschaubar, sagt dagegen Maria Hörtner von TAMPEP, der Beratungsstelle für Migrantinnen in der Sexarbeit. Sie kritisiert das neue Prostitutionsgesetz und die damit verbundenen Verschiebungen der erlaubten Zonen: „Es ist absurd zu glauben, dass die Bezirke Erlaubniszonen schaffen.“ Die gesetzliche Lage verdränge die Frauen in unsichere Gebiete am Stadtrand und führe zu einem Anstieg an Gewaltverbrechen.

Foto: (c) Amila Softic

Forderung nach mehr Rechten
NGOs fordern mittlerweile mehr Rechte für die Sexarbeiterinnen. Zurzeit hätten sie vor allem Pflichten, wie etwa die Sexarbeiterin Lily H. (Name von der Redaktion geändert) berichtet: „Jede Woche müssen wir um 8:00 Uhr zum Gesundheitsamt und wir dürfen nicht einmal in unsere Befunde einsehen.“ Sie redet sehr langsam und bedacht, aber in den Augen der zierlichen, dunkelhaarigen Frau ist die Wut deutlich erkennbar. Sexarbeiterinnen würden oft nicht ausreichend informiert, sagt Christian Knappik. Er verweist auf ein Foto von einem Aushang im Gesundheitsamt, auf dem Folgendes steht: „Ab heute (18.10.13) ist das Arbeiten im Prater verboten.“ Weiters seien die Pläne der Stadt Wien, in denen die erlaubten Zonen gekennzeichnet sind, rechtlich nicht bindend.

Randgebiet wie der Auhof bieten den Sexarbeiterinnen keine Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen oder sich im Winter aufzuwärmen. Die Beratungsstelle TAMPEP fordert diese ein und fragt immer wieder nach mobilen Toiletten bei der Stadt Wien an. Aus bürokratischen Gründen, würde das aber immer abgelehnt, wirft TAMPEP der Stadtverwaltung vor.

Regelungen vereinheitlichen
Auch Christine Nagl setzt sich mit dem Problem des Straßenstriches auseinander. Sie ist selbst ehemalige Sexarbeiterin und Leiterin einer NGO. Nagl wünscht sich vom Staat, „dass er sich mit Betroffenen und Experten zusammensetzt und nach Bedürfnissen fragt“ – und diese dann bei Entscheidungen berücksichtigt. Außerdem kritisiert sie die mangelnde Transparenz der bestehenden Regelungen. Durch die bundesweit uneinheitlichen Bestimmungen hätte kaum jemand den Durchblick. Durch die Verdrängung des Straßenstriches werde die Situation immer weniger einsehbar und der Risikofaktor Gewalt steige. Doch wo ist in einer Stadt Platz für Straßenprostitution? Christian Knappik betrachtet Plätze vor Stundenhotels als ideale Orte. Wien müsse die Straßenprostution als Teil des Stadtbildes akzeptieren und nicht einfach wegschieben.

Foto: (c) Amila Softic

Langsam rollen die Räder des Wagens über eine asphaltierte Straße. Nass liegt sie da, fern ab von den Lichtern der Stadt. Das Licht der Scheinwerfer reicht immer gerade nur für die nächsten fünf Meter. Auf beiden Seiten sind die Gestalten von Frauen zu erkennen – sie schwirren im Licht der vorbeifahren Autos umher. Die Kälte lässt ihre Gesten hektisch erscheinen, gemurmelte Wortfetzen hängen wie gefroren in der Luft. Noch bevor sie sich auflösen, verliert sich das Leuchten des Autos in der Ferne. Zurück bleibt – nicht lange – die Stille der Nacht.

Artikel und Bilder von Amila Softic, Klara Kostal, Andreas Jahn und Katharina Egg
Die Autorinnen und Autoren absolvierten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein Praktikum bei mokant.at

Titelbild: (c) Nils Hamerlinck