Katerina Cerná: „Schreiben bedeutet, sich selber lesen“

(c) Edi Haberl

Katerina Cerná gewann den Exil-Literaturpreises 2013 – ein Interview über Flucht und Identität.

Mit ihrer Kurzgeschichte „Verschifft“ gewann Katerina Cerná kürzlich den ersten Preis des Exil-Literaturpreises „Schreiben zwischen den Kulturen“ 2013. Die Geschichte erzählt von zwei Schwestern, die von der Mutter aus ihrer Heimat herausgerissen werden. Sie fliehen von Tschechien nach Österreich, in die sogenannte Freiheit. Eine Autobiografie? Manche sagen, Autobiografie sei ein Merkmal von Migrationsliteratur, sogar ein Merkmal jeder Literatur. Ob die Fluchtgeschichte der jungen Autorin ihre eigene ist, erzählt sie im Interview.

mokant.at: Wie viel von dir selbst steckt in der Protagonistin Ivana?
Katerina Cerná: Die Frage kommt natürlich sehr oft: Ist das autobiografisch, oder wie viel davon ist autobiografisch? Für mich ist es so, dass jede Geschichte, sobald sie aufgeschrieben ist, fiktiv ist. Selbst in einer Autobiografie stecken so viele Lücken und Filter. Die Erinnerung ist nichts Hundertprozentiges, da sie an sich schon subjektiv ist. Wenn ich etwas aufschreibe, dann bewege ich mich auf dem Gebiet der Fiktion. Authentische Emotionen können auf mehren Wegen entstehen: Es kommt nicht darauf an, ob jemand ein Ereignis tatsächlich selbst erlebt, oder ob er es erzählt bekommen hat. Genauso kann es sein, dass jemand eine emotionale Situation erlebt und sie nicht bildhaft darstellen kann – einfach weil er kein Geschichtenerzähler ist. Insofern finde ich es immer schade, wenn man auf der Suche nach der Wahrheit ist. Und ja, es ist sehr autobiografisch – trotzdem ist es auch Fiktion.

mokant.at: Du lebst seit deiner Kindheit in Österreich, wurdest sozusagen aus deiner Heimat Tschechien herausgerissen. Hast du im Schreiben, in der Literatur, etwas zum Festhalten, ein neues Zuhause gefunden?
Katerina Cerná: Nein, so würde ich es nicht bezeichnen. Für mich sind es immer die Menschen, die ein Zuhause ausmachen. Im Englischen gibt es diesen Satz: „Home is where the heart is.“ Dort, wo die Emotionen zuhause sind – da, würde ich sagen, finde ich meines. Das Schreiben ist wie ein Ventil, um etwas zum Ausdruck zu bringen. Es hält mich an schwierigen Tagen über Wasser, ist Teil meines Zuhauses. Auch weil ein Stück von meinem Herz drinnen steckt.

mokant.at: Wie lang schreibst du schon?
Katerina Cerná: Länger als ich schreiben kann. Mit dem Kindergarten – ich war etwa fünf – sind wir in die Bibliothek gegangen. Jedes Kind durfte sich ein Buch ausleihen. Zu diesem Zeitpunkt war ich erst kurz in Österreich und konnte noch nicht gut Deutsch. Noch dazu habe das Konzept Bibliothek nicht gekannt; ich habe auch einfach nicht verstanden, was die zu mir gesagt haben. Ich habe gedacht, mir wurde das Buch geschenkt und habe es mit nach Hause genommen. Es war ein Bilderbuch. Vor dem Schlafengehen habe ich immer wieder darin gelesen, mir die Bilder angeschaut – ich konnte ja noch nicht lesen.

Dazu habe ich dann meine eigene Geschichte geschrieben – in Kritz-Kratz-Schrift. Später hieß es irgendwann, ich solle das Buch zurückgeben. Meine Verwirrung war groß: Das Buch wurde mir ja geschenkt. Als ich meinen Fehler erkannte, schämte ich mich, dass ich etwas hineingeschrieben hatte. Mir was es irrsinnig peinlich – und dann wurde ich auch noch dafür geschimpft. Damals schon habe ich mich unverstanden gefühlt. Für mich war es nicht irgendein Kritz-Kratz, sondern eine Geschichte, die ich geschrieben hab. (lacht)

mokant.at: Bei deinem Umzug von Tschechien nach Österreich hast du einen neuen, „österreichischen“ Namen angenommen. Wurdest du, wie in deiner Kurzgeschichte „Verschifft“, dazu gedrängt, deinen tschechischen Namen aufzugeben?
Katerina Cerná: Ja, der Name wurde mir gegeben. So, wie in der Geschichte. Die Mutter hat gesagt: „Ihr – meine Schwestern und ich – bekommt jetzt österreichische Namen.“ Beim Amt mussten wir uns einverstanden erklären – und das war’s. Damals war ich froh über meinen neuen Namen – Katherina Höller. Der Vorteil war, wir sind in der Oststeiermark aufgewachsen, wo ich sehr viel Rassismus erlebt habe. Noch dazu sind wir viel umgezogen. Jeder Umzug bedeutete eine neue Schule, neue Freunde. Mit meinem österreichischen Namen bin ich nicht mehr aufgefallen, habe ganz normal Deutsch geredet.

Wenn ich nicht gesagt habe, dass ich in Tschechien geboren bin, dann hat das keiner gemerkt. Der Name war für mich wie eine Schutzmaske – aber eben immer eine Maske. Die Namensänderung von Seiten meiner Mutter bedeutete auf jeden Fall Flucht. Meine Mutter wollte einfach ihre Vergangenheit auslöschen. Indem ich so tue, als würde etwas nicht existieren – indem ich etwas überschreibe –, ist es für mich Leugnung von Realität. Eine Form von Flucht.

mokant.at: Seit einigen Jahren hast du wieder deinen alten Namen angenommen. Was bedeutet diese Rückkehr zu einer alten Identität für dich?
Katerina Cerná: Man kann natürlich darüber spekulieren. Man kann sagen: Klar hätte ich auch wieder zu schreiben begonnen und Erfolg gehabt mit einem österreichischen Namen. Doch irgendwas hat sich in mir getan, in mir geändert. Fast zeitgleich mit meiner Namensänderung hat mein literarischer „Erfolg“ begonnen. 2008, etwa ein Monat nach meiner Namensänderung, hatte ich meine erste Lesung. Nur einen kleinen Part, ausgehend von einer Schreibwerkstatt. Auf den Flyern ist noch mein alter österreichischer Name gestanden. Seitdem gehe ich meinen Weg, bin immer wieder auf der Suche nach den richtigen Abzweigungen. Vor kurzem habe ich gelesen: „Schreiben bedeutet, sich selber Lesen.“ Da steckt für mich ganz viel Wahrheit drinnen. Mein tschechischer Name und die schriftstellerische Arbeit sind eng mit einander verknüpft: Mein Schreiben ist eine Suche nach der eigenen Identität, den eigenen Werten.

mokant.at: In deiner Kurzgeschichte steht der Konflikt von Flucht in ein anderes Land mit der Flucht vor einem Selbst im Mittelpunkt. Inwiefern hast du den Umzug von Tschechien nach Österreich als Flucht erlebt?
Katerina Cerná: Für mich ist so eine Wurstsemmelmigration keine Flucht. Flucht bedeutet für mich zu fliehen, wenn in meinem Land Krieg herrscht, ich politisch verfolgt werde, oder wenn ich wegen meiner religiösen Zugehörigkeit oder sexuellen Orientierung verfolgt werde. Dann fliehe ich. Meine Mutter ist nicht geflohen. Sie ist einfach weggegangen, hat sich ein besseres Leben erhofft. Diese Hoffnung verbindet viele Leute, die emigrieren. Ich habe das damals nicht als Flucht empfunden – steht auch so im Text. Meine Mutter hat gesagt, wir besuchen meinen Onkel,
und ich habe einfach nicht verstanden, warum wir jetzt nicht mehr nach Hause fahren. Lange habe ich darauf gewartet, dass wir endlich nach Hause fahren. Irgendwann war klar für mich, dass wir jetzt dableiben.

mokant.at: Du sagst, das Verhältnis zur deiner Mutter ist nicht gut. Bestehen zwischen der Mutter in deiner Kurzgeschichte, die sehr negativ dargestellt wird, und deiner echten Mutter Parallelen?
Katerina Cerná: Ja. Ich weiß nicht, ob negativ das richtige Wort ist. Meine Mutter ist im realen Leben, im alltäglichen Leben, einfach nicht vorhanden. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das sehr wohl irgendwie separieren: meine Verletzung und die Notwendigkeit meiner Mutter, zu handeln. Das ist der Hintergrund. Ich würde nicht sagen, dass ich meiner Mutter gegenüber negativ eingestellt bin. Es gibt eine Verletzung, und dann gibt es dieses Verständnis. Beides muss aber darin resultieren, dass ich keinen Kontakt mehr mit ihr haben kann. Da sind einfach sehr viele Dinge passiert, die von ihrer Seite nicht anerkannt werden.

Als Tochter verspüre ich natürlich den Wunsch, dass sie mich einmal ansieht, dass sie hinschaut zu dem, was passiert ist. Das tut sie aber nicht. An diesem Punkt wird für mich eine Beziehung unmöglich. Ich hege eine Mutter-Tochter-Beziehung in mir, und ich schaue, dass die immer so gesund und positiv wie möglich bleibt. Aber das ist eine Fiktion. Im realen Leben kann das halt nicht stattfinden.

mokant.at: Der Exil-Literaturpreis will Autorinnen und Autoren, die aus einer anderen Muttersprache kommen und in deutscher Sprache schreiben, fördern. Worin bestehen deiner Meinung nach die Probleme in Österreich zu schreiben, wenn man nicht hier geboren ist?
Katerina Cerná: Erst einmal glaube ich, dass man das pauschal nicht sagen kann. Jemand, der seit drei Jahren in Österreich ist, kämpft mit anderen Problemen, als ich, die seit 24 Jahren hier lebt. Es kann ein großer Vorteil sein, aus einem anderen Land zu kommen, nicht nur eine Sprache gut zu beherrschen, Bilder und idiomatische Wendungen von einer Sprache in die andere transportieren zu können, einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen. Doch es gibt nicht nur Vorteile.
Oft besteht die Situation, dass Menschen mit Migrationshintergrund in nicht so guten Verhältnissen – vor allem wirtschaftlichen – aufgewachsen sind. Es gibt das Phänomen, dass Eltern zu Hause einen Hochschulabschluss gemacht haben, der hier aber nicht anerkannt wird. Hier sind sie Putzfrau und Automechaniker. Es entstehen Traumata bei den Eltern und das spiegelt sich auch in den Kindern wieder.

Noch dazu kommt die Konfrontation mit Rassismus. Wird das Kind als Migrant von den Eltern nicht ernst genommen, dann glaube ich, dass sich das ganz massiv auf Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl auswirkt. Und das wiederum wirkt sich darauf aus, ob ich einen Weg als Schriftstellerin, Musikerin, oder Bilderhauerin einschlage. Oft stellt sich die Frage nach Kunst überhaupt nicht.

mokant.at: Welche Tipps kannst du jungen Autorinnen geben, damit sie Erfolg im
Schreiben haben?
Katerina Cerná: Wenn du diesen Weg gehst, egal was Leute dir sagen oder nicht sagen, egal wie sehr du zweifelst, mach’s trotzdem! Suche immer wieder Wege, Hürden zu umschiffen! Ich habe auch nach wie vor Krisen, zweifle und habe Angst, dass eine Quelle versiegt. Aber letztendlich besteht die Frage, ist denn dieser Erfolg überhaupt so wichtig? Immer wieder wenn irgendwelche Zweifel kommen, habe ich mittlerweile schon ein Package an Strategien, wie ich das unterlaufen kann. Ständig muss ich mich selber austricksen. Wenn ich an einem Text arbeite und es hakt an einer Stelle, setze ich mich und sage mir: „Okay, du musst nur einen Satz schreiben.“ Der Tick ist, dass es bei diesem einen Satz nicht bleibt. Auf den Punkt gebracht: Was rate ich jemanden? Es tun. Und gut auf sein Herz hören.

Titelbild: (c) Edi Haberl

Klara Kostal ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: klara.kostal[at]mokant.at

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