Metapedia: Rechte Fühler im Weltnetz

Die Website Metapedia verbreitet rechtsextremes Gedankengut – und die österreichischen Behörden schauen zu.

Er erscheint unter den ersten Suchergebnissen, wenn man bei der google.at-Suche „Juden“ eingibt. Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Wikipedia-Artikel. Der Inhalt scheint seriös und fundiert, durch die Vielzahl an Quellenangaben – darunter auch viele von Juden geschriebene Werke – wirken die Informationen sachlich und objektiv. Dann aber bleibt der Blick bei der Bildergalerie hängen. Sie zeigt eine Aneinanderreihung von angeblich typisch jüdischen Gesichtern, wie Tierarten nach bestimmten Merkmalen geordnet. „vorderasiatische Rasse“ steht etwa unter einem Foto, „mit nordischem Einschlag“ unter einem anderen.

Beim nochmaligen und diesmal genaueren Durchscrollen fallen nun etwa beim Kapitel „Das jüdische Volk“ Formulierungen auf, die böse Erinnerungen wachrufen. „Rassenloses Gemisch“, „jüdisches Volk in ihren Wirtsländern“, ein unkommentiertes Zitat des bekennenden Antisemiten Theodor Fritsch (1852-1933), in dem er Juden als eine „typische Entartungsrasse, das entmenschte Menschentum“, bezeichnete.

Typhusepidemie statt Holocaust
Spätestens jetzt wird klar, dass man nicht bei Wikipedia gelandet ist. Bei einem Klick auf die Hauptseite kann man sehen, wo man sich statt dessen befindet: „Willkommen bei Metapedia, der alternativen Enzyklopädie vorrangig für Kultur, Philosophie, Wissenschaft, Politik und Geschichte“. Obwohl medial kaum beachtet, ist Metapedia.org den deutschen Behörden wohlbekannt. In den Verfassungsschutzberichten mehrerer deutscher Bundesländer wird die selbsternannte alternative Enzyklopädie erwähnt und als rechtsextremistisch eingestuft. Im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2008 wird zusätzlich betont, dass metapedia-Artikel „eindeutige geschichtsrevisionistische und das NS-Regime verharmlosende Züge tragen“.

So schreibt Metapedia etwa über den Holocaust: „Infolge der während des Zweiten Weltkriegs eskalierten Typhusepidemie wurden in deutschen Konzentrations- und Arbeitslagern spezielle Räumlichkeiten zur desinfizierenden und entwesenden Durchgasung von Gegenständen eingerichtet. Zur Bekämpfung der Kleiderläuse kam das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B zur Anwendung.“ Weiters steht geschrieben: „Trotz der drastischen Seuchenbekämpfungsmaßnahmen forderte die Typhus-Epidemie gerade in den Arbeitslagern zahlreiche Todesopfer.“

Durch das Nutzen der mediawiki-Software ist Metapedia eine (fast) perfekte Wikipedia-Kopie: Design, Aufbau und Funktionen sind die gleichen. Um die minimalen Unterschiede zu bemerken, muss man mindestens zweimal hinsehen. So ziert etwa statt einer Weltkugel der steinerne Kopf eines jungen Mannes die linke obere Ecke der Website. Seine Gesichtszüge sind kantig, er blickt mit Entschlossenheit und Erhabenheit, gleichzeitig aber mit leerem Blick an denen, die ihn betrachten, vorbei. Dabei handelt es sich um einen Ausschnitt der Skulptur „Die Jünglingsgestalt“ des deutschen Künstlers Arno Breker, Hitlers Lieblingsbildhauer, dessen Figuren den gesunden, arischen Menschentyp verkörperten und verherrlichten.

Bei Google.de wird Metapedia nicht angezeigt
2006 in Schweden entstanden, kann Metapedia mittlerweile in zahlreichen Sprachen, von Ungarisch bis hin zu Spanisch gelesen werden. Laut Impressum zeichnet die Firma „NFSE Media AB, Sweden“ mit Sitz in Linköping für die Internetpräsenz von Metapedia verantwortlich. Weil der Sitz der Website im Ausland liegt, ist es für österreichische oder deutsche Behörden schwer gegen Metapedia vorzugehen. So meint etwa Corinna Bochmann von der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gegenüber mokant.at, die Bundesprüfstelle habe Metapedia als strafrechtlich relevant bewertet, weil in diversen Artikeln der Holocaust geleugnet werde. Die zuständige Staatsanwaltschaft Köln habe das Verfahren jedoch eingestellt, weil kein Beschuldigter zu ermitteln war.

Es sei aber dennoch gelungen, die Zugänglichkeit von Metapedia.org einzuschränken, erklärt Bochmann. So hat die Bundeprüfstelle Metapedia in die Liste der jugendgefährdenden Medien aufgenommen. Das hat größere Konsequenzen, als man auf den ersten Blick meinen könnte: Große deutsche Suchmaschinenanbieter haben sich nämlich dazu verpflichtet, Internetseiten, die auf dieser Liste sind, nicht anzuzeigen. Und tatsächlich: bei Google Deutschland ist eine Suche nach Metapedia vergeblich. Man findet lediglich Websites, auf denen über das Internetportal berichtet wird und zum Abschluss der Suchergebnisse folgenden Satz: „Aus Rechtsgründen hat Google 1 Ergebnis(se) von dieser Seite entfernt.“ Dass jemand zufällig über Metapedia stolpert, ist somit praktisch unmöglich.

Österreichische Stellen fühlen sich unzuständig
Von Google Österreich aus ist Metapedia hingegen weiterhin problemlos zugänglich. Metapedia selbst lobt Österreich dafür: Jugendlichen aus dem österreichischen Teil Deutschlands sei es – im Gegensatz zur BRD – „von offizieller Seite gestattet eine politisch weitgehend unzensierte Suchmaschine zu verwenden und auch hier zu lesen.“

Die Verantwortung für ihre Untätigkeit schieben sich die österreichischen Behörden gegenseitig zu. Eine bundesweite Jugendschutzbehörde gibt es hierzulande nicht, Jugendschutz ist Sache der Länder. Auf die Frage, ob in Österreich ein ähnliches Vorgehen gegen Metapedia.org möglich wäre wie in Deutschland, verweist das Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend sofort auf die Länder: „Sie sind auch für die Beurteilung, welche Medien als jugendgefährdend einzustufen sind, und für die Verfolgung derselben zuständig“, meint Andreas Unterberger von der Abteilung für Jugendpolitik.

Beim Landesjugendreferat Niederösterreich  ist man hingegen der Meinung, solche Dinge seien eigentlich beim Jugendministerium zu deponieren und dass man eine Bundesprüfstelle brauche. In der Bundeshauptstadt wacht der Magistrat der Stadt Wien über den Jugenschutz. Auch hier erklärt man sich in Sachen Metapedia für unzuständig. Während der Magistrat empfiehlt unsere Anfrage an das Justizministerium zu richten, rät Unterberger vom Jugendministerium sich in Bezug auf nationalsozialistische Inhalte an das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) zu wenden oder auf  www.stopline.at anonym Meldung zu erstatten. Aus dem Landesjugendreferat NÖ heißt es zu Metapedia: „Bei Themen, die das Verbotsgesetz betreffen, ist die Staatsanwaltschaft Wien die einzig richtige Stelle.“

Verfahren ist derzeit abgebrochen
Eine Email-Anfrage von mokant.at bei der NS-Meldestelle des BVT führt zunächst allerdings nur zu einer automatisch generierten Antwortmail. Viel Zeit in der Warteschleife und Telefonate mit mehreren Mitarbeitern des Innenministeriums später, meldet sich schließlich ein Rechtsextremismus-Experte der Behörde: „Die Seite ist uns seit eineinhalb Jahren bekannt und ist an die Staatsanwaltschaft Wien übermittelt worden“. Die erste Anzeige sei  am  17. Juli 2012 erfolgt. Das Problem sei aber, dass der Betreiber in Schweden ist: „Es gibt ein Problem in der Zusammenarbeit mit Schweden, dort gibt es kein Verbotsgesetz. Wenn bekannt wäre, dass ein österreichischer Staatsbürger beteiligt ist, könnte man gegen ihn vorgehen.“ Ob es österreichische Beteiligung gibt, ist jedoch bislang nicht bekannt.

Ebenso ist bislang nicht geklärt, was mit der Anzeige weiter passiert. „Das Verfahren ist derzeit abgebrochen“, sagt Nina Bussek von der Staatsanwaltschaft Wien im Gespräch mit mokant.at. Bis Redaktionsschluss waren keine näheren Details verfügbar.

Blase_rot-150x150Bis Sommer 2014 wurden Hinweise an die Meldestelle NS-Wiederbetätigung nicht vertraulich behandelt. Wie sieht es jetzt aus?

*Update 23.10.2016: Die Seite Metapedia.org ist in Österreich seit Februar offline. Bei den Google-Suchergebnissen scheint sie jedoch noch auf.

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

8 Comments

  1. Rodja

    9. Januar 2014 at 01:19

    Wirklich teuflische Sache. Als ich Infos über „Spreelichter“ (Rechte rennen mit Fackeln und weißen Masken durch Ortschaften und inszenieren sich als Massenbewegung) suchte, bin ich beim Googlen darauf gestoßen – es wurde mir als zweiter Link vorgeschlagen. Der erste war ein so genannter „Dokumentarfilm“ (der aber auch von den Rechten stammen dürfte) über das Verbot der „Spreelichter“.

  2. Dietmar Schoder

    30. Mai 2014 at 21:02

    Was ist daraus geworden? Metapedia ist absolut unerträglich!

  3. Sofia Khomenko

    3. Juni 2014 at 10:20

    Seither ist von der Seite der Justiz her nicht viel passiert. Unsere letzte Anfrage wurde gar nicht beantwortet. Wir werden in nächster Zeit wieder eine verschicken und da noch einmal nachfragen.

  4. Frank56

    22. März 2015 at 16:02

    Metapedia ist eine unzensierte Suchmaschine, und ich benutze sie oft und gerne.

    • Frank57

      23. März 2015 at 18:06

      Metapedia ist definitiv keine Suchmaschine.

    • niklas

      9. Dezember 2015 at 02:46

      Tja damit haste dich jetzt als … geoutet. Unzensiert? Nein. Es werden einfah nur Lügen verbreitet.

  5. Brigitte Kratzwald

    23. März 2015 at 18:01

    Auch mir wurde die Seite heute an zweiter Stelle, gleich nach Wikipedia angezeigt, als ich nach den „Protokolle der Weisen von Zion“ suchte. Sehr verwirrend – und sehr entlarvend der Eintrag unter dem Stichwort „Österreich“!

  6. Lea Marschall

    3. September 2016 at 08:16

    Hast du Systemling Dich schon mal gefragt, warum es zensiert wird in der BRD?

    Weil die BRD Schiss hat!

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