Eva Voraberger: „Du kannst dich ehrlich messen“

(c) Georg Marlovics

Vor ihrem WM-Kampf am 7. September gegen Raja Amesheh baten wir Eva Voraberger zum Interview.

Eva Voraberger ist 23 Jahre jung, gebürtige Grazerin und Europameisterin im Boxen. In ein paar Wochen kämpft sie gegen Raja Amesheh um die WM Krone. Wir sprachen über ihren Weg zum Boxsport, den täglichen Trainingsablauf, Kopfarbeit und warum Boxen nicht einfach eine wüste Prügelei ist.

mokant.at: Wie bist du überhaupt zum Boxen gekommen und was hat dir von Anfang an gut gefallen? Wieso hast du es immer weiter gemacht?
Eva Voraberger: Ich habe einen Sport als Ausgleich gesucht. Ich bin zuerst beim Fight Club Graz zum Thaibox-Training gekommen und habe dort 22 Kämpfe bestritten. Kampfsport ist einfach für mich ein ehrlicher Zweikampf. Du darfst nur nach gewissen Regeln kämpfen und die bessere gewinnt – du kannst dich ehrlich messen.

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mokant.at: Wann beginnt denn die engere Vorbereitung und wie darf man sich so kurz vor deinem Kampf deinen Tagesablauf vorstellen?
Eva Voraberger: So wie heute bin ich um halb sechs aufgestanden und um sechs Uhr Laufen gegangen. Um halb acht bin ich zurückgekommen, habe zuerst gefrühstückt, natürlich nach Ernährungsplan und mich dann hingelegt. Zu 80 Prozent wird trainiert und der Rest wird für die Regeneration verwendet. Das bedeutet von Montag bis Samstag Training, Schlafen und Essen. Die letzten Wochen vor dem Kampf ist das alles, was du tust.

mokant.at: Wie sieht denn dein genauer Ernährungsplan aus?
Eva Voraberger: Meistens esse ich in der Früh Haferflocken, Joghurt und eine Banane. Dann hatte ich einen Eiweißshake, zu Mittag Putenfleisch, Reis und Gemüse. Dann gibt es wieder einen Eiweißshake und am Abend Thunfischsalat mit einem Stück Gebäck oder ein Putenfleisch. Natürlich gibt es auch Abwechslung. Am Wochenende hast du am Abend ebenfalls Kohlenhydrate wie zum Beispiel Kartoffeln, damit du deine Energien wieder aufladen kannst. Umso näher der Kampf kommt, umso mehr wird dieser Ernährungsplan genauso umgesetzt.

mokant.at: Muhammad Ali hat einmal gesagt „Es sind nicht die Berge vor uns, die uns aufhalten, sondern der Schotter in unseren Schuhe.“ Gibt es Laster oder Kleinigkeiten, mit denen du jeden Tag kämpfen musst?
Eva Voraberger: Naja, zurzeit ist mein Wille und mein Ehrgeiz so groß, dass es mir in dem Sinne eigentlich nicht schwerfällt, meinen Tagesablauf einzuhalten. Ich mache das ja, weil ich weiß, was ich will und das es ohne all das nicht geht. Wenn ich nicht um sechs Uhr laufen gehe, macht es meine Gegnerin und ist mir somit um etwas voraus. Wenn ich im Auto sitze und wir fahren Richtung Laufstrecke, denke ich mir schon oft „Ich will Licht!“ Aber wenn du dann mit dem Laufen beginnst und du den Kampf wieder im Kopf hast, geht alles wieder von alleine. Dafür hast du ja auch deinen Trainer und dein Team, die dich immer wieder pushen.

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mokant.at: Beim Boxen ist ja viel Technik, wie zum Beispiel die Schrittfolgen im Spiel: Ist Boxen eigentlich auch sehr viel Kopfarbeit?
Eva Voraberger: Ja. Hände und Füße müssen eins sein, du musst Atemübungen machen, die Koordination und auch die Reaktion müssen stimmen – du trainierst wirklich alle Bereiche beim Boxen. Wenn ich oftmals eine Stunde lang Technik trainiere, bin ich am Ende total verschwitzt. Auch die Kopfarbeit kann sehr anstrengend sein. Du musst ständig nachdenken und nachher bist du auch wirklich müde. Das alles letztendlich automatisch abläuft ist das Schwierigste.

mokant.at: Beim Boxen muss man Schmerzen einstecken können. Wie gehst du damit psychologisch um?
Eva Voraberger: Wenn du Angst um dein Gesicht oder deinen Körper hast, dann bist du falsch beim Boxen. An sowas habe ich auch noch nie gedacht. Wenn ich jeden Tag fortgehe und meine fünf Mischungen trinke, mache ich den Körper sicher mehr kaputt, als wenn ich Boxen gehe. Wir arbeiten professionell: Wenn wir verletzt sind, haben wir Ärzte, die uns helfen. Wir werden jährlich untersucht und müssen Kontrollen bringen. Man muss also diesbezüglich keine Bedenken haben.

mokant.at: Bist du nicht trotzdem auf eine gewisse Art und Weise eitel, so wie jeder Mensch auch?
Eva Voraberger: Wenn ich mit meinen Freundinnen fortgehe, schaue ich schon darauf, was ich trage. Ich achte auf mein Aussehen und bin genauso eitel, aber wenn ich im Ring stehe, ist das was ganz was anderes. Da ist es mir egal, ob meine Haare links, rechts oder geradeaus stehen, Hauptsache ich gewinne. Für den Sieg ist mir diesbezüglich alles egal.

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mokant.at: In den Interviews wirkst du immer sehr freundlich, bodenständig und offen. Wie schaltest du im Ring auf Aggressiv-Modus? Oder haben wir da eigentlich ein ganz falsches Bild vom Boxen?
Eva Voraberger: Das glaube ich schon. Es ist einfach ein Messen, aber auf eine sportliche Art und Weise. Deine Gegnerin steht dir einfach im Weg für deinen Titelgewinn. Um Hass oder sonstiges geht es dabei nicht. Du musst deine Wut immer unter Kontrolle haben. Wenn man wild hineinschlägt und auf die Technik vergisst, kann das ins Auge gehen. Du hast natürlich Emotionen und bist vor dem Kampf nicht die beste Freundin der Gegnerin, aber sobald der Kampf zu Ende ist, umarmt und bedankt man sich. Es sind wirklich nur die zehn Runden, indem du dem Menschen gegenüber zeigen willst, dass du die Bessere bist.

mokant.at: Ist es schon vorgekommen, dass Menschen dir gegenüber meinten, dass Boxen eigentlich nur etwas für Männer ist? Musst du diesbezüglich mit vielen Vorurteilen kämpfen?
Eva Voraberger: Nein, das hat noch niemand mir gegenüber erwähnt. Ich sage immer: Ich boxe nicht gegen Männer, ich boxe gegen Frauen und deswegen ist es auch ein Frauensport. Die Männer messen sich und die Frauen ebenso – im Boxstudio bist du ein Kämpfer oder eine Kämpferin. Wir leben jetzt im Jahre 2013 und auch die Frauen boxen und zwar schon auf einem sehr hohen Niveau. Mir würde jetzt kein Erlebnis einfallen, wo ich mit einem Mann verglichen wurde.

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mokant.at: Gab es jemals Personen in deinem Umfeld, zum Beispiel in deiner Familie, die gesagt haben: „Hey Eva, mach was ‚Gescheites‘, studier doch Betriebswirtschaft“?
Eva Voraberger: Meine Mama war eigentlich froh, dass ich einen Sport als Ausgleich gefunden habe. Sonst stehen eigentlich auch alle hinter mir. Vielleicht war Boxen für meine Mama nicht der gewünschte Werdegang, aber sie sieht, dass ich darin erfolgreich bin und das Team, das hinter mir steht. Sie ist auf jeden Fall sehr stolz auf mich. Also von dem her passt das schon.

mokant.at: Du trainierst ja auch mit Kindern. Viele Leute sagen, dass Boxen aggressives Verhalten fördert. Werden dadurch nicht aber eher Energien und Aggressionen abgebaut?
Eva Voraberger: So ist es. Die Kinder, die mit mir trainieren sind fünf Jahre alt und haben Disziplin, sie hören auf mich. Sie lernen respektvoll, mit älteren Personen umzugehen. Auch die Eltern erzählen davon, dass die Kinder im Kindergarten viel ruhiger geworden sind. Ich sage den Kindern auch, dass sie ihre Energien auf der Matte raus lassen können, aber sobald ich höre, dass sie die Techniken im Kindergarten oder in der Schule anwenden, ist es aus. Das ist es den Kindern auch nicht wert, sie wollen ja immer wieder zum Training kommen und dadurch machen sie das auch nicht.

mokant.at: Es ist somit die Aufgabe der Trainerin, den Kindern eine gesunde Einstellung zum Boxsport zu vermitteln.
Eva Voraberger: Das würde ich auch sagen. Es ist ja nicht nur das Boxen. Du lernst auch mit der Ernährung umzugehen. Wir haben ebenso Kinder, die übergewichtig sind. Wenn die dann mit einem Saft zum Training kommen, sagen wir ihnen oft, das Wasser trinken gesünder ist. Auf die Trainerin, zu der die Kinder aufschauen, hören die Kinder natürlich leichter als auf die Eltern. Vor allem, wenn die Trainerin diese Dinge selber vorlebt.

mokant.at: Du kämpfst am 7. September um den Weltmeistertitel gegen Raja Amesheh. Wie schätzt du deine Gegnerin und deine eigenen Chancen ein?
Eva Voraberger: Sie hat eine gute Kampfbilanz und ich schätze sie als sehr starke Gegnerin ein. Die Chancen sind immer 50:50, es kommt auch auf die Tagesverfassung an. Im Moment bin ich mental und körperlich topfit und es gibt nichts, was mich daran hindern könnte, dass ich den Sieg mitnehme. Ich werde alles geben, damit ich den Gürtel bekomme.

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mokant.at: In den letzten Jahren ging ja alles sehr schnell. Erst vor ein paar Monaten bist du Europameisterin geworden, jetzt kommt der Kampf um den Weltmeistertitel.
Eva Voraberger: Klar, die Gegnerinnen werden zwar stärker, aber ob es jetzt um die EM oder WM geht, ändert nicht wirklich etwas. Wir haben uns bis jetzt auf jeden Kampf zu 100 Prozent vorbereitet. Für diesen Kampf noch ein bisschen intensiver, aber vom Kopf her ändert das nichts. Mein Manager würde mich nicht gegen eine Gegnerin kämpfen lassen, bei der er weiß, dass ich es nicht schaffen könnte.

mokant.at: Deine Gegnerin Raja Amesheh hat vor zwei Wochen ein Video auf youtube gestellt, indem sie dich Eva Vorarlberger nennt. Die österreichischen Bundesländer scheint sie also schon gut zu kennen.
Eva Voraberger: Was sie gemacht hat, war respektlos. Es war beabsichtigt, denn sie weiß, wie man meinen Namen richtig ausspricht. Aber entscheidend ist, was am 7. September im Ring passiert. Ob sie dann nachher noch Vorarlberger sagt, das werden wir schon sehen.

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mokant.at: Das sind so kleine Psychospielchen.
Eva Voraberger: Ja, das ist ganz normal, das muss man wegstecken können. Wenn sie es nötig hat sowas zu sagen, dann soll sie es machen. Mir ist es egal, sie kann sagen, was sie will.

mokant.at: Eine Frage noch zum Abschluss: Mein Opa meinte, Boxer hatten früher oftmals unerlaubterweise Eisenplatten vorne in den Handschuhen, um härter schlagen zu können. Ist das wahr oder glaubst du, dass er mir da irgendeine Geschichte aufgetischt hat?
Eva Voraberger: Ich glaube, das ist eine Geschichte. Bei uns werden die Handschuhe kontrolliert. Sie werden gewogen und du bekommst sie erst eine Stunde vor dem Kampf. Und selbst unmittelbar vor dem Kampf werden sie noch einmal kontrolliert. Wie das früher war, kann ich nicht sagen, aber ich kann es mir kaum vorstellen.

mokant.at: Dann weiß ich wenigstens schon, wem ich dieses Interview als erstes zum Lesen gebe. Ich danke dir und alles Gute für deinen Kampf um den Weltmeistertitel!

Titelbild: (c) Georg Marlovics

Manuel Stenger war als Redakteur für mokant.at tätig

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