Polygame Ehe: Das neue Erfolgsmodell?

Drei Paare aus drei Generationen sprechen mit mokant.at über Liebe, Ehe und Sex

Foto: (c) Justyna Osinska

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Wer unter Ehe bloß eine altmodische Institution versteht, der könnte bei Angelika und Michael durchaus hellhörig werden. Die beiden leben nämlich ihr eigenes Konzept von Ehe und haben spezielle Vorstellungen von einer erfüllten Beziehung. Kommt dieses Modell aber auch für andere Paare infrage und macht es tatsächlich glücklich? Diese und weitere Fragen hat mokant.at drei Paaren gestellt, die in unterschiedlichen Konstellationen zusammenleben und dabei einige überraschende Antworten erhalten.

Monogam versus polygam
Michael und Angelika sind beide Ende Zwanzig und verheiratet.  Monogam lebt das Paar deswegen aber nicht. „Wir genießen alle Vorteile einer Beziehung und gleichzeitig haben wir alle Vorzüge eines Single-Daseins“, erläutert Michael. „Ich kann alles tun und lassen, was ich will. Es ist eine reine Win-win-Situation.“ Bevor Angelika und Michael zusammen gekommen sind, hatten beide nur monogame Beziehungen. Eines Tages im Urlaub eröffnete Angelika ihrem Mann, dass sie gerne auch sexuelle Erfahrungen mit Frauen sammeln würde. Das war ein Jahr nach ihrer Hochzeit. Seitdem haben beide auch außerhalb ihrer Zweierbeziehung sexuelle Erlebnisse.

Zuerst war Michael zwar skeptisch, aber das Konzept der polygamen Ehe funktioniert für die zwei bis heute. Beide bestätigen glücklich zu sein. „Wir leben nach unseren eigenen Prinzipien und machen unsere eigenen Regeln“, sagt Michael. „Wir entscheiden, was wir tun und lassen uns nichts von der Allgemeinheit oder der Kirche vorschreiben.“ Einen Weg zurück in die Monogamie gibt es, aus heutiger Sicht für Angelika und Michael nicht: „Auch wenn wir beschließen würden, wieder monogam zu leben, würde es sicher nicht auf Dauer funktionieren.“ Polyamorös sind Angelika und Michael nicht – das heißt, sie leben nicht in mehreren Beziehungen gleichzeitig. Sie haben zwar, wie sie selbst sagen, friends with benefits, mit denen sie Spaß und Sex haben, darüber hinaus jedoch gibt es keine fixen Beziehungen. „Emotional habe ich nur eine Partnerin“, sagt Michael. „Mit ihr verbringe ich mein Leben, teile meine Finanzen und Interessen. Eine zweite derartige Beziehung könnte ich nicht führen.“

Eine polygame Beziehung wäre für die Pensionisten Emilia und Karl nicht vorstellbar. Die beiden leben in einer so genannten wilden Ehe zusammen: Verheiratet sind sie nicht, leben aber dennoch seit 22 Jahren in einer monogamen Beziehung. „Wenn sich andere das so ausmachen, geht das niemanden etwas an, “ meint Emilia. „Aber für mich wäre das nichts.“ Ähnlich sehen das auch Gerlinde und Fridolin, beide Anfang Fünfzig und verheiratet. „Für mich wäre eine polygame Beziehung nichts“, meint Fridolin. Gerlinde sieht das genauso: „Wenn man jung ist, probiert man vieles aus, was ja auch gut ist. Wenn man aber den Partner fürs Leben gefunden hat, dann sucht man nicht weiter. Sex ist ja nicht nur ein mechanischer Vorgang. Liebe und Sex gehören für mich zusammen. Ich möchte meinen Partner nicht teilen, wenn ich ihn liebe.“

Eifersucht, Treue und Verlustängste
Michael und Angelika beanspruchen diese sexuelle Exklusivität in ihrer Beziehung nicht. Unter Treue verstehen sie, dass sich beide an die vereinbarten Regeln halten. Sexuelle Treue gehört da nicht dazu. Sie leben ihre Sexualität auch mit anderen Partnern. „Wir definieren unsere Beziehung nicht über das Sexuelle“, erklärt Michael. „Viele sind da zu egoistisch und wollen, dass der Partner nur mit einem selbst Sex hat. Da sind dann die eigenen Verlustängste größer und wichtiger als das Wohlbefinden und die Bedürfnisse des Partners, die manchmal eben ein anderer besser befriedigen kann, weil ich gerade nicht da bin.“ Emilia, die monogam lebt, sieht genau das anders: „Dann brauche ich keine Beziehung, wenn ich andere gut finde und mit denen Sex habe. Da fehlt eine gewisse Wertschätzung dem Partner gegenüber und das ist dann keine Treue für mich.“

Gerlinde definiert Treue ähnlich und findet nicht, dass zum Glücklich sein mehrere Partner notwendig sind: „Die Menschen sind verschieden. Manche glauben, sie versäumen etwas, aber ich hätte nicht einmal das Bedürfnis nach jemand anderem. Wenn ich jemanden liebe, muss ich mit niemandem für eine Nacht mitgehen. Manche machen das so, aber ich nicht. Ich wäre eifersüchtig und nicht glücklich.“ Die polygam lebende Angelika über Eifersucht: „Das sind Gefühle, die mit Verlustangst und Besitzansprüchen zu tun haben. Klar gibt es die bei uns auch, aber wir reden darüber. Es ist keine klassische Eifersucht, bei der dann die Teller fliegen oder so.“

Klassisch ist wohl wenig an der Beziehung von Angelika und Michael. Auch deren Umfeld reagierte anfangs überrascht. Negative Reaktionen gab es aber keine. Viele fragen sogar interessiert nach und wollen wissen, wie das bei den beiden funktioniert. Die meisten können sich aber nicht vorstellen selbst so zu leben. Lediglich Angelikas Familie weiß bis heute nicht Bescheid.

Friede, Freude, Scheidung
Auch wenn die drei Paare Treue unterschiedlich definieren, so sind sie sich beim Thema Ehrlichkeit einig: „Ehrlichkeit ist das um und auf in jeder Beziehung“, meint Angelika. „Wir erzählen uns alles und verheimlichen uns nichts. Deswegen gehen viele fremd, weil sie nicht miteinander reden, beispielsweise über sexuelle Vorlieben, die sie haben und sich das aber nicht sagen trauen. Dann holen sie sich das woanders und dann trennt man sich. Das ist ja eigentlich schade. Bei uns wären die Gründe für eine Trennung viel tiefgehender und nicht so etwas Oberflächliches wie Sex.“

Fehlende Kommunikation sieht auch Gerlinde als häufigen Grund, warum sich Paare trennen oder fremdgehen: „Viele können nicht kommunizieren und dem anderen mitteilen, was sie brauchen oder was ihnen fehlt. Am Ende geht es dann nur mehr um Kritik und gegenseitige Schuldzuweisungen. In einer Ehe ist es aber nicht immer schön und es geht auch darum, schwere Phasen zusammen zu durchstehen.“ Auch Emilias monogamer Lebensgefährte Karl meint, dass die Menschen sich heutzutage zu schnell trennen und aus banalen Gründen casino online die Scheidung einreichen. In seinem Fall sah er aber keine andere Möglichkeit als die erste Ehe nach zwanzig gemeinsamen Jahren zu beenden. Seine Ehefrau hat ihn mit seinem damals besten Freund betrogen: „Da kenne ich kein Pardon. Fremdgehen ist ein Scheidungsgrund.“

Für viele, auch junge Menschen, ist Heiraten heutzutage nicht viel mehr als eine verstaubte Tradition, die mit der heutigen modernen Lebensweise im Widerspruch steht. Vor allem für diejenigen, die den Glauben an die wahre Liebe oder den einen Partner fürs ganze Leben verloren haben. Das beweisen auch die Scheidungsraten: Laut Statistik Austria hat sich die Gesamtscheidungsrate von 26,5 Prozent im Jahr 1981 auf den bisherigen Höchstwert von 49,47 Prozent im Jahr 2007 erhöht. Das bedeutet, dass fast jede zweite Ehe geschieden wurde. Im vergangenen Jahr betrug die Gesamtscheidungsrate immerhin 42,51 Prozent.

Ist die Ehe noch zu retten?
Warum also heiraten Paare heutzutage eigentlich noch? Was genau treibt sie vor den Traualtar, beziehungsweise in das Standesamt? Während Angelika die Liebe als Hauptgrund für die Heirat nennt, waren es bei Gerlinde eher pragmatische Gründe: „Ich wollte eigentlich nie heiraten, aber als wir dann beide planten Kinder zu bekommen, wollte ich unsere Zusammengehörigkeit auch nach außen hin zeigen, zum Beispiel damit, dass wir alle den gleichen Familiennamen haben. Heiraten hat somit nichts mit Liebe zu tun. Da geht es eher um die materielle Absicherung, was vor allem dann sinnvoll ist, wenn man Kinder hat.“

Auch Angelika und Michael wollen eines Tages eine eigene Familie haben. Wie sie den Kindern dann erklären wollen, wie sie leben, wissen sie bereits: „Wenn die Kinder groß genug sind, werden wir ganz offen mit ihnen reden. Wir werden sie so erziehen, wie wir es für sinnvoll erachten. Wir leben unsere Bedürfnisse ja nicht vor ihnen aus. Aber aufklären werden wir sie darüber.“ Fridolin sieht die Lebensweise des jungen Paares etwas problematisch: „In einer polygamen Beziehung gibt es keine klare Abgrenzung und dadurch entstehen sicherlich Schwierigkeiten. Ich glaube nicht, dass solche Beziehungsexperimente funktionieren. Das hat man schon an den Kommunen in der Vergangenheit gesehen und auch da waren die Kinder oft die Leidtragenden.“ „Das finde ich nicht“, widerspricht seine Frau Gerlinde. „Wenn beide glücklich sind und es den Kindern offen sagen, sehe ich da kein Problem.“

Für Emilia und Karl war es damals einfach „normal“ zu heiraten, als Kinder unterwegs waren. „Das war einfach so“, erinnert sich Karl. „Außerdem dachten wir, es sei Liebe“, sagt Emilia über ihre erste Ehe, die 18 Jahre lang dauerte. Bis zum Tod ihres ersten Mannes. Danach hat Emilia noch einmal geheiratet: „Das war der größte Fehler meines Lebens.“ Nach Einreichung der Scheidung flüchtete sie ins Frauenhaus, weil sie Angst um ihr Leben hatte. Schläge, Misshandlungen und einen Mordversuch hat sie durchlebt. „Jetzt bin ich über 20 Jahre mit dem Karli zusammen und jetzt weiß ich, dass ich lebe.“ Heiraten war für Emilia und Karl nach den vergangenen Ehen und Scheidungen aber kein Thema mehr: „Wir haben beide so viel verloren. Das wollten wir dann nicht.“

Bei der Frage, ob man heutzutage noch heiraten soll, sind sich alle Paare grundsätzlich einig: „Wenn die Leute heiraten wollen, sollen sie heiraten“, sagt Emilia. „Aber sie sollen sich das vorher genau überlegen. Einem Partner zuliebe sollte aber niemand heiraten. Dann kann man auch ohne Heirat zusammen sein.“ Fridolin sieht die Ehe eher als überholt an: „Heiraten ist heutzutage nicht mehr so wichtig. Es ist eher ein gesellschaftlicher Zwang, aber sicher keine Notwendigkeit.“ Auch auf die Frage, wie man das eigene Leben am besten gestaltet, gibt es einen Konsens: „Man muss es für sich herausfinden“, sagt Angelika. „Das ist das Wichtige. Nicht etwas leben, das man nicht will. Es gibt kein richtig oder falsch. Jedes Paar ist individuell. Weder monogam noch polygam ist das einzig Richtige.“

Artikel von Justyna Osinska
Titelbild: flickr.com/Nestor Jarquin (cc)

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2 Comments

  1. Aimee

    10. Januar 2014 at 13:06

    Es ist immer mal wieder die Rede von Polyamorie, aber sie funktioniert für die allermeisten in der Realität überhaupt nicht. Für wenige vielleicht…Mein Partner und ich hatten das auch mal erwogen, es war – zumindest für mich – doch zu verletzend, emotional gesehen. Wir beschlossen den Rückzug ins Monogame. Leider hatte er nun an anderen Frauenkontakten seinen Spaß gefunden, er versuchte es mir zu verheimlichen, aber die entsprechenden Signale waren natürlich da. Letzten Endes habe ich ihn in einem Fremdgeher-Aufdeckportal gecheckt, er hatte noch zwei andere Beziehungen, die Frauen wussten alle voneinander nichts….Seitdem sind wir zwar noch zusammen, aber das Ende – fürchte ich – naht. Ich rate solche Experimente, dass der andere noch mit anderen Menschen Sex hat, niemanden! Die emotionale Verletzung ist zu groß!

  2. Pingback: Polygamie - neuer Trend und Erfolgsmodell? (Mokant, Juli 2103)

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