Gastkommentar: Kevin Bell über österreichischen Frauenfußball

Kevin Bell schreibt für über die Lage des österreichischen Frauenfußballs.

Foto: (c) Michael Kainz

Foto: (c) Michael Kainz

Am vergangenen Dienstag startete in Halmstad, Schweden, die Endrunde der elften Fußball-Europameisterschaft der Frauen. Österreichs Nationalelf ist auch diesmal nicht unter den zwölf Teilnehmern vertreten. Dabei klopfte man diesmal schon lautstark an das EM-Tor, scheiterte jedoch in der Relegation an Russland (0:2, 1:1). In der Weltrangliste kletterte das Team bis auf Rang 34 nach oben. Der Abstand Österreichs zur Weltspitze verringert sich – scheinbar.

Auf Clubebene sieht die Sache schon etwas anders aus. Primus NÖSV Neulengbach, zuletzt elfmal in Folge Meister der heimischen Bundeliga, kam in der europäischen Champions League nie über die Runde der letzten 16 hinaus. Die vollzeit-berufstätigen Amateurkickerinnen aus Niederösterreich und die Beletage, die Profis aus Lyon, Frankfurt oder Wolfsburg, trennen Welten. Angesichts der
finanziellen Voraussetzungen ist das allerdings keine Überraschung. In der kommenden Saison verfügt beispielsweise Frankfurt über einen Jahresetat von 1,8 Millionen Euro, Neulengbach muss sich mit rund einem Zehntel dessen durchschlagen.

Wie unschwer zu erkennen ist, hält sich das Interesse der Sponsoren am österreichischen Frauenfußball in Grenzen. Deren Geld hätten die Bundesligaclubs aber bitter nötig um professionellere Strukturen zu schaffen und international Schritt zu halten. Vor allem Vereine, die nicht die Erfolge des NÖSV Neulengbach verzeichnen können, Vereine die keinen Großsponsor hinter sich haben wie FSK St.Pölten-Spratzern, oder einem großen Verein entstammen wie Wacker Innsbruck, haben es in jeder Hinsicht schwer. In der höchsten österreichischen Spielklasse hat sich deshalb in den vergangenen Jahren eine Zweiklassengesellschaft gebildet, in der nur Landhaus und LUV Graz mit den Spitzenteams Schritt halten konnten. Der Rest der Liga setzt sich aus ambitionierten Ausbildungsteams mit Fußball-Talenten en masse zusammen, die dann früher oder später bei den „Großen“ landen. National fehlt den Spitzenteams also die Konkurrenz. Infolgedessen fehlt es international an Klasse – und an Geld.

Doch wer will es den potenziellen Geldgebern verdenken, dass sie sich nicht im Frauenfußball engagieren? Denn die Medienpräsenz der Vereine schwankt irgendwo zwischen überschaubar und nicht vorhanden. In puncto Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hat der österreichische Frauenfußball jedenfalls den akutesten Nachholbedarf. Zu erwarten, dass sich ein Redakteur eines reichweitenstarken, Mediums regelmäßig hinsetzt und zu den Spielen recherchiert, wäre vermessen. Dafür ist der Frauenfußball einfach noch zu klein. Die Lösung bestünde beispielsweise in der Installation eines Pressesprechers für die Liga. Bis es soweit ist, stehen die Vereine hier klar in der Verantwortung die Presse mit Informationen zu füttern und so die Chance auf Medienpräsenz zu erhöhen. Erst vor kurzem begannen einzelne Vereine, allen voran LUV Graz, die Vereinsstrukturen entsprechend anzupassen, Pressesprecher zu installieren, gezielte PR zu betreiben und Pressekonferenzen abzuhalten. Sogar einen eigenen Web-TV Channel betreibt der Club.

Ein Großteil dessen ist in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, schon vor einigen Jahren passiert. Der Frauenfußball entwickelte sich, wurde von der Gesellschaft anerkannt und entwickelte so eine ganz eigene Dynamik. Diese Entwicklung hat Österreich augenscheinlich verschlafen und fristete eher ein
Schattendasein. Ein Rückstand, dem die Vereine und der Österreichische Fußballbund (ÖFB) wohl noch länger hinterherlaufen werden. So kassieren deutsche Bundesligateams, durch Liveübertragungen in Fernsehen und Internet, beispielsweise 180.000 Euro an Fernsehgeldern. Zum Vergleich: Der ORF
produzierte in seiner Geschichte überhaupt erst zwei Frauenfußballspiele live. Man wird jedoch das Gefühl nicht los, dass beim ÖFB ein Umdenkprozess eingesetzt hat. Vor zwei Jahren eröffnete man in St. Pölten das Nationale Zentrum für Frauenfußball. Das „Frauenzentrum“, wie es unter den Spielerinnen liebevoll genannt wird, verbindet Schulalltag (Gynmasium oder Handelschule) und professionelle Fußballausbildung. Für österreichische Verhältnisse ein Meilenstein, der den zahlreichen hochtalentierten Spielerinnen aus ganz Österreich durch den Internatsbetrieb und ein gemeinsames Training bestmögliche Bedingungen bietet. Die Spielerinnen – die meisten von ihnen werden regelmäßig in die Jugendnationalteams berufen – kehren nur für die Spiele am Wochenende zu ihren
Stammvereinen zurück.

Genau hier liegt aber der vermeintliche Schwachpunkt der Frauenfußball-Akademie St. Pölten. Die jungen Talente fehlen ihren Vereinen im Mannschaftstraining während der Woche, wo das Trainingsniveau folglich sinkt. Für die dortigen Trainerteams ist es zudem schwer diese Spielerinnen zu den Spielen am Wochenende in die Mannschaft zu integrieren. Das beste Beispiel lieferte Bundesliga-Absteiger Bergheim bei Salzburg, die über zwei Jugendnationalspielerinnen aus dem Nationalen Zentrum für Frauenfußball verfügten. Diese schafften es jedoch nicht, sich im tadellos funktionierenden Mannschaftsgefüge ihres Stammvereins so unterzuordnen, dass eine Aufstellung gerechtfertigt gewesen wäre. Den Salzburgerinnen fehlte es schließlich an Qualität und Quantität. Der Gang in die zweite Liga war die Folge.

Die Qualität der sportlichen Ausbildung im „Frauenzentrum“ ist unbestritten, das zeigen beispielsweise die Erfolge der Jugendnationalteams. Geholfen ist aber hauptsächlich den Nationalteams und weniger den Stammvereinen. Weil es zudem mehr und mehr Spielerinnen ins Ausland zieht, wo sie ein noch professionelleres Umfeld vorfinden, bleibt für die österreichischen Vereine nur ein recht kleines Stück
vom Kuchen. Die mangelhafte Zusammenarbeit zwischen dem ÖFB und den Vereinen war neben der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuletzt sicher das größte Manko im österreichischen Frauenfußball und ein Grund dafür, warum die Lücke zur Weltspitze auf Nationalteamebene kleiner zu werden scheint, auf Clubebene aber größer zu werden droht.

Ein Schub, wie die WM 2011 für Deutschland war, würde jedenfalls auch der Frauenfußballszene hierzulande gut tun. Ansonsten droht die Lücke zur Weltspitze, vor allem auf Vereinsebene, weiter größer zu werden. Eine eventuelle Bewerbung Österreich für die Europameisterschaft 2017 steht aktuell übrigens im Raum. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Gastkommentar von Kevin Bell
Kevin Bell ist Redakteur bei fanreport.com, er schreibt dort vor allem über die ÖFB-Frauenliga

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