Paul-Julien Robert: „Autorität gibt es überall“

Ehemaliges Mitglied der Muehl-Kommune und Regisseur Paul-Julien Robert im Gespräch

1990 wurde die Muehl-Kommune nach der Verurteilung von Otto Muehl wegen Kindesmissbrauch und Verstoß gegen das Suchtgiftgesetz aufgelöst. Viele Kinder der zweiten Generation hatten keine Eltern oder wussten schlichtweg nichts von ihnen. Paul-Julien Robert hatte mehr Glück: Er zog mit seiner Mutter nach Zürich. 2007 begann er mit ihrer Hilfe, mehr über den Selbstmord von einem seiner möglichen Väter in der Kommune zu recherchieren. Aus diesem Vorhaben entstand schließlich der Film „Meine keine Familie“, der 2012 den Wiener Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewann. Wie fühlt es sich an, einen so persönlichen Film an die Öffentlichkeit zu bringen? Paul-Julien Robert im Gespräch über Reue, die Beziehung zu seiner Mutter und Vergangenheitsaufarbeitung.

mokant.at: Welche drei Begriffe fallen dir ein, wenn du „Otto Muehl-Kommune“ hörst?
Paul-Julien Robert: Kindheit, Otto Muehl und … hmm, Zerfall.

mokant.at: Wieso Zerfall?
Paul-Julien Robert: Weil die Zeit, in der die Kommune zerfallen ist, für mich schon eine entscheidende war. Ich hatte noch Glück, dass das vor meiner Pubertät passiert ist. Das hat mein Leben schon total verändert.

mokant.at: So negativ behaftet klingen die Begriffe jetzt nicht. Ich hätte mir vielleicht eher Worte wie „Zwang“ erwartet.
Paul-Julien Robert: Ich kann das auch gar nicht so negativ behaften, weil die Zeit immer irgendwie meine Kindheit bleiben wird und somit ein Teil meines Lebens ist. Die Dinge, die ich dort erlebt habe, sind Erfahrungen und wie man damit umgeht ist etwas anderes. Ich will nicht sagen, dass alles, was ich dort erlebt habe, negativ war. Ja, das System und die Geschlossenheit war schon etwas sehr Spezielles. Klar gab es Zwänge und klar gab es Autorität, aber die gibt es überall.

mokant.at: Was hat dich konkret dazu gebracht, den Film zu drehen? Ein bestimmtes Ereignis oder schlicht das Bedürfnis, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen?
Paul-Julien Robert: Es war Neugier. Ich habe am Anfang ganz gezielt begonnen, über ein bestimmtes Ereignis zu recherchieren – das war der Selbstmord von Christian (Anmerkung der Redaktion: einer der möglichen Väter von Paul-Julien Robert). Ich wollte wissen, was damals passiert ist. Und dann habe ich bemerkt: Wenn ich darüber einen Film mache – und ich wollte darüber einen Film machen, das war geplant und ich wusste ja auch von dem Archivmaterial am Friedrichshof – dann kann ich die Kommune nicht weglassen. Dadurch wurde das persönlicher und persönlicher, denn ich konnte und wollte über die Kommune ja nur meine Geschichte erzählen und nicht objektiv wiedergeben, wie damals was geschehen ist.

mokant.at: Also kein bestimmter Auslöser, der dich dazu gebracht hat, dich mit deiner Vergangenheit in der Kommune zu befassen?
Paul-Julien Robert: Nein. Damit befasst habe ich mich schon länger. Als ich aus der Kommune rausgekommen bin, habe ich zehn Jahre lang gar nicht darüber gesprochen, was passiert ist. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute das sowieso nicht verstehen. Als ich in Wien auf die Universität gekommen bin, habe ich gemerkt, dass da durchaus Interesse an meiner Vergangenheit herrscht und habe dann auch viele Arbeiten zu diesem Thema gemacht. Die waren allerdings nicht in der Größenordnung des Filmes, dazu war erst jetzt die passende Zeit. Ich habe vor allem bei der älteren Generation bemerkt, dass dadurch Interesse an der Geschichte und eine viel bessere Aufarbeitung möglich ist.

mokant.at: Hast du mit deinen Freunden über deine Erlebnisse gesprochen?
Paul-Julien Robert: Doch, das immer.

mokant.at: Bist du in da in deinem Umfeld auf Verständnis gestoßen?
Paul-Julien Robert: Auf der Akademie sofort, aber die Studenten dort wussten schon ein bisschen was darüber. Mit denen bin ich auch auf den Friedrichshof gefahren und wir haben das gemeinsam angeschaut. In der Schule habe ich kaum mit meinen Mitschülern gesprochen, da hatte ich allerdings auch nicht viele Freunde.

mokant.at: Die soziale Integration war also ein schwieriger Teil des neuen Lebens außerhalb der Kommune?
Paul-Julien Robert: Am Anfang, das waren für uns alle die schwierigsten Jahre. Da waren einerseits die neue soziale Situation und andererseits die Spaltung mit unseren Eltern. Ich hatte zum Glück schon noch meine Mutter, aber einigen von uns ging das nicht so. Die gingen entweder zu ihren Großeltern oder standen völlig alleine da.

mokant.at: Wie bist du nach der Schließung der Kommune mit deiner Mutter klar gekommen? War da deinerseits Wut da?
Paul-Julien Robert: Ich habe mich gefreut, dass ich mit ihr leben konnte. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass sie nicht in Zürich wohnen bleibt, sondern nach Wien zieht. Da war mein Freundeskreis und meine Welt. Ich bin dann zu ihr nach Zürich gegangen, wusste aber, dass ich wieder weggehe, sobald sie mich lässt. Ich bin mit fünfzehn Jahren dann schon wieder nach Wien.

mokant.at: Wie hat deine Mutter auf die Idee, diesen Film zu drehen, reagiert? Hatte sie nie Angst davor, ihre private Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen?
Paul-Julien Robert: Es war nicht von Anfang an klar, dass sie eine Hauptprotagonistin wird. Wie gesagt, anfänglich ging es vor allem um den Selbstmord von Christian. Als dann klar wurde, dass es in dem Film mehr und mehr um ihre Geschichte geht, hat sie mich trotzdem weiter voll unterstützt.

mokant.at: Hattet ihr beide nie Angst davor, eure sehr persönliche Geschichte der Öffentlichkeit preiszugeben?
Paul-Julien Robert: Kunst ist immer sehr persönlich und privat. Wenn ich Bilder male oder Fotos mache, gebe ich auch einen Teil von mir preis. Insofern hatte ich davor keine Angst. Natürlich hatte ich eine gewisse Verantwortung gegenüber meiner Mutter und auch den anderen Protagonisten gegenüber. Da war ich froh, dass sie mir dieses Vertrauen geschenkt haben. Bei den Gesprächen im Film denkt man ja auch nicht daran, dass das an die Öffentlichkeit kommt.

mokant.at: Hat das Projekt die Beziehung zu deiner Mutter belastet?
Paul-Julien Robert: Ich habe jetzt vier oder fünf Jahre an dem Film gearbeitet, natürlich verändert sich da etwas. Aber jede lebendige Beziehung verändert sich. Im Leben meiner Mutter hat sich ja in dieser Zeitspanne auch etwas getan. Sie hat zu arbeiten aufgehört, ist zurück nach Frankreich gezogen. In unser beider Leben sind viele Dinge passiert. Das hat unsere Beziehung zueinander wahrscheinlich sogar mehr beeinflusst als der Film. Wir hatten vorher ein gutes, vertrautes Verhältnis und haben es immer noch. Der Umgang mit unserer Vergangenheit ist dadurch allerdings auch nicht leichter geworden, sondern unverändert geblieben.

mokant.at: Wie oft hast du den Film in fertiger Form mittlerweile gesehen?
Paul-Julien Robert: Ich glaube, zwei oder drei Mal im Kino.

mokant.at: Was für Gefühle hat es bei dir ausgelöst, als du ihn zum ersten Mal in fertiger Form gesehen hast?
Paul-Julien Robert: Die Premiere war ja bei der Viennale. Da habe ich davor schon so oft Teile des Filmes gesehen, dass ich irgendwie schon damit abgeschlossen hatte. Es war dann einfach ein fertiger Film. Die Dinge, die man sieht – die damals geschehen sind – das war eben die Vergangenheit. Damit in die Öffentlichkeit zu gehen, das war dann eher der unbekannte Schritt, ein Abenteuer. Das hat aber gar nicht direkt etwas damit zu tun, was man inhaltlich im Film sieht.

mokant.at: Wie war es, dass bisher ungeöffnete Archivmaterial vom Friedrichshof zu sehen?
Paul-Julien Robert: Es war eine Riesenneugier da. Ich habe dann Kassette für Kassette durchgeschaut und es gab so viele spannende Momente; man steckt die Kassette rein, drückt auf „Play“ und weiß nicht, was da jetzt kommt und wer da drauf ist. Am Anfang habe ich es geschafft, und sonst hätte ich das alles auch nicht geschafft, die Aufnahmen mit einer großen Distanz zu sehen. Ich habe gedacht: Diese Welt existiert seit zwanzig Jahren nicht mehr und somit existiert auch der Junge aus dem Videomaterial nicht mehr, der da drinnen gelebt hat.

mokant.at: Du hast also nur jemanden gesehen, nicht dich?
Paul-Julien Robert: Ja genau, er war jemand. Ich konnte schon nachvollziehen, wie es dem Jungen gegangen sein muss, aber er war kein Teil von mir. Das ist allerdings mit der Zeit gekommen und das war ein emotionaler, schwieriger Schritt: sich einzugestehen, dass man dieser Junge ist und einen diese Zeit auch extrem geprägt hat.

mokant.at: Gab es je einen Moment, in dem du es bereut hast, den Film gedreht zu haben?
Paul-Julien Robert: Ja. Ich denke aber, das ist bei jedem Film so. Filme dauern ziemlich lange, in meinem Fall waren es fünf Jahre. Du trägst Verantwortung und du steckst da deine ganze Energie rein. Die ganzen Konflikte, die du im Leben so hast, fließen auch mit rein, du bekommst nie Rückmeldung und es heißt immer: dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. Klar denkt man da oft: Für wen mache ich das? Wen interessiert das überhaupt? Die Ausdauer, trotzdem dran zu bleiben, ist eine sehr wichtige Qualität beim Filmemachen und aus dieser Herausforderung lernt man auch sehr viel.

mokant.at: In dem Film spielen ja auch Freunde von dir, die auch ehemalige Kommunenmitglieder sind, eine große Rolle. Hattest du zu denen vor dem Film schon Kontakt?
Paul-Julien Robert: Ja. Ich habe mir bewusst die ausgesucht, zu denen ich engeren Kontakt pflege. Das sind extrem enge Freunde von mir.

mokant.at: Ist die gemeinsame Aufarbeitung ein wichtiger Aspekt in diesen Freundschaften? Spricht man über die Erinnerungen an die Zeit in der Kommune?
Paul-Julien Robert: Ich glaube sogar, dass eben diese Aufarbeitung die stärkste Bindung ist. Gar nicht so das gemeinsam Erlebte, sondern eher die Aufarbeitung. Ich merke auch, dass ich zu den ehemaligen Mitgliedern, die das Erlebte aufarbeiten wollen, eine viel engere Beziehung habe, als zu denen, die darüber nicht sprechen.

mokant.at: Hast du Otto Muehl jemals wieder getroffen?
Paul-Julien Robert: Ja, bei seinen Ausstellungen in Wien zum Beispiel.

mokant.at: Hast du das Gefühl, er hat ein Reuegefühl verspürt?
Paul-Julien Robert: Ich kenne ihn nicht so gut und habe mich auch nicht so intensiv mit ihm als Person beschäftigt. Im Archivmaterial habe ich einen Film gefunden, der aus 1991 stammt, also aus der Zeit, kurz bevor er verurteilt wurde. Da hatte er ein Reuegefühl. Als er aus dem Gefängnis rauskam, hat er sich allerdings auf einmal wieder rein als Opfer der Gesellschaft gesehen. In den Gesprächen, die ich im Laufe der Zeit mit ihm persönlich hatte, habe ich auch kein Schuldgefühl bemerkt.

mokant.at: Hattest du bei seiner öffentlichen Entschuldigung nach seinem Gefängnisaufenthalt das Gefühl, dass sie ehrlich gemeint war?
Paul-Julien Robert: Das Leopold Museum hat ihm damals Druck gemacht, sich zu entschuldigen. Sonst hätten sie die Ausstellung über ihn nicht machen können. Er hat sich also nie bei einem der Kinder, der Missbrauchsopfer, direkt entschuldigt. Ich denke also nicht, dass das eine Entschuldigung ist, die von den Opfern angenommen werden kann. Ich persönlich habe durch die Gespräche Frieden mit ihm geschlossen.

mokant.at: Zum Thema Frieden schließen: Am Ende des Filmes wurde ein Wiederzusammentreffen der ehemaligen Kommunenbewohner gezeigt. Waren die Entschuldigungen, die die erste Generation der Kommune dort ausgesprochen haben, ehrlich?
Paul-Julien Robert: Sie waren sicher ehrlich, sie waren nur komischerweise wieder zu einer Performance gemacht. Sie haben das wieder für die Öffentlichkeit gemacht. Es ist ja nicht so, als hätten die ehemaligen Mitglieder seit der Schließung der Kommune nie wieder untereinander Kontakt gehabt. Ich mag wirklich fast alle von diesen Menschen, sie hatten ja keine bösen Absichten, sie haben eben sich selber da drinnen verloren. Die Entschuldigungsrede war schon wichtig und berührend. Der erste Schritt in der Aufarbeitung ist eben, darüber zu reden. Der zweite Schritt ist dann, das emotional auch zu verarbeiten. Das ist sicherlich der schwierige und schmerzhaftere Teil, dazu muss man auch bereit sein.

mokant.at: Würde ein Zusammenleben in einer Kleinfamilie für dich in Frage kommen?
Paul-Julien Robert: Ja. Der Begriff ist für mich natürlich komisch geprägt. Wenn ich Kinder haben werde, werde ich das nicht nur zu zweit schaukeln, da nimmt man gerne Hilfe aus seinem Umfeld an. Aber verantwortlich für das Kind sind eben Mutter und Vater.

Titelbild: (c) Raimund Appel

Judith Schrenk ist als Redakteurin für mokant.at tätig.

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