JuLis, KSV-LiLi und FEST im Streitgespräch: „ÖH ist kein Unterhaltungsverein“

Drei Fraktionen im Streitgespräch zur ÖH-Wahl: JuLis, KSV-LiLi und FEST.

Drittmittel aus der Privatwirtschaft? „Toll!“, „Problematisch“, „Eine Schande!“ – selten sind sich Claudia Gamon (Junge Liberale, JuLis), Klemens Herzog (Kommunistischer Student_innenverband – Linke Liste, KSV-Lili) und Anna Lena Bankel (Fraktion engagierter Studierender, FEST) einig. Ganz egal, ob es um Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen oder eben Sponsoring von Unternehmen geht. Bei Themen wie Feminismus und Anti-Rassismus herrscht ungewohnte Einigkeit. Bei der Frage, ob die ÖH aktiv dafür eintreten soll, ist es mit jener allerdings auch schon wieder vorbei.

mokant.at: Julia Freidl vom VSStÖ hat im ersten Streitgespräch unserer Interviewreihe zugegeben, dass das Café Rosa ein Fehler war. Würde der KSV-Lili das auch so sehen, Klemens? Immerhin seid ihr in der ÖH-Exekutive der Uni Wien.
Klemens Herzog: Die Umsetzung vom Café Rosa war sicherlich ziemlich problematisch und ist wirtschaftlich gescheitert. Für uns ist es dennoch wichtig, die Wichtigkeit von selbstverwalteten Räumen weiterhin hochzuhalten. Am Campus der Uni Wien geht diese zunehmende Kommerzialisierung weiter voran. Es war aber ein fataler Fehler, dass man versucht hat, einen basisdemokratisch organisierten Prozess von oben herab zu initiieren. Das TÜWI der BOKU ist ein erfolgreiches Beispiel für einen selbst organisierten Raum, der einfach länger gewachsen ist. Solche Projekte sollte man auch weiterhin unterstützen und forcieren.
Anna Lena Bankel:  Wenn man sich ansieht, was das Café Rosa ermöglichen wollte und das mal positiv formuliert, dann ist es eine tolle Idee, mit der wir uns auf jeden Fall identifizieren können. Im Nachhinein finde ich es schade, dass die Räume nicht weiterhin geöffnet werden, sondern dass es verschlossen ist und leer steht.

mokant.at: Soll sich die ÖH eurer Meinung nach auch gesellschaftspolitisch engagieren oder auf Bildungspolitik beschränken?
Anna Lena Bankel:  Bildungs- und Gesellschaftspolitik ist nicht voneinander zu trennen. Man kann auch nicht Sozial- von Gesellschaftspolitik trennen. Oder Sozial- von Bildungspolitik.
Claudia Gamon: Natürlich muss sich die BV (Bundesvertretung, Anmerkung der Redaktion) politisch engagieren, aber vor allem hochschulpolitisch. Dass es gewisse Verbindungen zur Gesellschaftspolitik gibt, kann ich anerkennen, auch wenn ich es nicht hundertprozentig unterstützen würde. Aber alles hat seine Grenzen. Und zwar dann, wenn jemand einen Antrag einbringt, die Westbahn wieder zu verstaatlichen oder dass sich die ÖH mit allen Gewerkschaften solidarisieren soll. Solche Anliegen nehmen viel Energie, die in der Studienvertretung notwendig ist, einfach weg. Das soll nicht der Fokus der ÖH sein und überschätzen wir uns nicht: Die ÖH wird nicht die Welt verändern.
Anna Lena Bankel:  Welche gesellschaftspolitischen Äußerungen findest du dann vertretbar?
Claudia Gamon: Bildungspolitik ist eben bis zu einem gewissen Punkt auch Sozialpolitik. Wenn ich eine bessere soziale Durchmischung an den Unis will, muss sich die ÖH auch für Veränderungen im Schulwesen einsetzen. Da ist ein Bezug zu den Studenten da.
Klemens Herzog: Was ist dann zum Beispiel mit Rassismus?
Claudia Gamon: Das ist ein Thema, das Studenten natürlich betrifft, aber es betrifft jeden Menschen. Ich finde es auch nett, dass sich in der ÖH fast alle zum Feminismus bekennen. Das sind gesellschaftlich wichtige Themen, ich glaube aber nicht, dass es die Aufgabe der ÖH ist, sie anzusprechen.
Anna Lena Bankel: Aber man ist halt sehr schnell bei diesen Themen. Ich habe letzte Woche mit jemandem gesprochen, der dagegen war, dass die ÖH Gesellschaftspolitik macht. Wir haben dann zwei Stunden über alles Mögliche diskutiert und wir waren immer wieder bei Themen wie Rassismus oder Feminismus. Das ist einfach eine Querschnittsmaterie, bei der man immer wieder landet.
Klemens Herzog: Ich selbst bin seit mehreren Jahren an der ÖH BOKU, weil vom Studium politisches Interesse vermittelt wird. Wenn ich mich dann in der ÖH engagiere, dann will ich mich nicht nur auf bildungspolitische Themen beschränken, das wäre mir viel zu langweilig. Wem macht die ÖH-Arbeit dann noch Spaß, wenn man solche Grenzen aufgezwungen bekommt?
Claudia Gamon: Tut mir leid, aber ich sehe die ÖH nicht als Unterhaltungsverein für deren Funktionäre. Ich habe auch viele Dinge, die mich außerhalb der Hochschulpolitik interessieren und deshalb engagiere ich mich auch bei den JuLis. Für die Bespaßung der Funktionäre zahlen die Leute aber keinen Pflichtbeitrag.
Klemens Herzog: Es geht auch nicht darum die Funktionäre zu bespaßen. Es geht darum, ein Angebot zu schaffen oder Informationsveranstaltungen zu organisieren.

mokant.at: In der Runde sind die Frauen in Überzahl. Braucht es also heutzutage überhaupt noch spezielle Förderung von weiblichen Studierenden wie Mentoring-Programme oder Ähnliches?
Claudia Gamon: Natürlich. Das sieht man wieder am Beispiel der WU, wo es viel zu wenige Professorinnen gibt – die kann ich an einer Hand abzählen. Und die haben oft Probleme, weil sie wegen Quotenregelungen in irgendwelchen Gremien drinsitzen und dann keine Zeit mehr haben zu forschen. Es braucht also viel mehr Frauen, weil Frauen oft zu wenig Vorbilder haben und deswegen nicht versuchen weiterzukommen – vor allem im akademischen Karrieren.
Anna Lena Bankel:  Ich denke schon, dass die Frauenquote oder ein Versuch einer Frauenquote da ganz wichtige Arbeit leistet. Das habe ich auch an der Bildenden gesehen, wo wir österreichweit die zweite Frau an der Uni-Spitze hatten. Das wäre wohl nicht passiert ohne eine Frauenquote und eine entsprechende Kultur im Haus.
Klemens Herzog: Bei Frauenförderungsprogrammen gilt: Je mehr desto besser. Ich finde auch Gendern sehr wichtig und finde es sehr spannend, dass du das nicht machst, Claudia.
Claudia Gamon: Ist mir wurscht! Die Leute sollen sagen, was sie wollen.
Klemens Herzog: Wir vom KSV-Lili finden, dass sich Geschlechterverhältnisse auch in der Sprache niederschlagen. Wenn man zum Beispiel jemandem ein Bild in den Kopf setzen will und sagt „die Informatiker“, dann kommt zumindest bei mir eine Gruppe von Männern.
Anna Lena Bankel:  Das ist auch erforscht, dass man da an Männer denkt. Ich habe lange Zeit nicht gegendert, weil ich auch der Meinung war, dass man nicht darauf reduzieren sollte. Aber es hört ja nicht beim Gendern auf. Gendern ist nur ein winziger Teil feministischer Praxis, den man sich aneignen kann, und ich finde, das ändert einfach ungemein viel im eigenen Denken.

mokant.at: Die JuLis treten für die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft zur ÖH ein. Wie stellt ihr euch das genau vor?
Claudia Gamon: Wir stellen uns das vor allem so vor, dass die Pflichtmitgliedschaft in der Bundesvertretung abgeschafft wird. Studenten müssen darüber informiert werden, was die ÖH eigentlich tut und was ihre Vorteile daraus sind, sodass sie auch mal wieder zur Wahl gehen. Eine Lobby ist nur so stark, wie die Anzahl der Leute, die sie hinter sich hat. Und die ÖH ist vor allem deshalb eine relativ schwache Lobby, weil sie nicht die Mehrheit der Studenten hinter sich hat. Die geht ja nicht mal zur Wahl.
Anna Lena Bankel:  Aber wenn es die Pflichtmitgliedschaft nicht mehr gäbe, dann wäre doch die Anzahl der Studierenden in diesem bundesweiten Verein noch kleiner. Wie wollen die dann überhaupt eruieren, was die Mehrheit der Studierenden will? Und dann gibt es ja auch auf Bundesebene Gremien, die beschickt werden müssen.
Claudia Gamon: Ja, aber die könnten nach wie vor durch die Vorsitzenden-Konferenz der ÖHs beschickt werden. Was mir fehlt in der Debatte, ist, wie man die ÖH grundsätzlich reformieren kann. Nur unseren Vorschlag zu kritisieren geht mir zu kurz. Man sollte einen Gegenvorschlag bringen, denn offensichtlich läuft es momentan nicht.
Klemens Herzog: Wieso muss man die Mitgliedschaft zwangsweise reformieren? Ich finde das System, so wie es jetzt ist, nicht so schlecht.
Claudia Gamon: Wirklich?
Klemens Herzog: Ihr habt ja im Programm, dass die ÖH den Mitgliedsbeitrag so gestalten kann, wie sie das will. Im Endeffekt haben dann nur Leute eine Interessensvertretung, die sich neben ihren prekären Anstellungsverhältnissen noch dieses Extra obendrauf leisten können. Mit so einer freiwilligen Mitgliedschaft sehe ich keine schlagfertige Interessengemeinschaft. Und wie ich aus dem Programm herausgelesen habe, geht es euch nicht nur um die BV, sondern auch um die UV (Universitätsvertretung, Anmerkung der Redaktion).
Claudia Gamon: Das ist im Programm nicht spezifisch drinnen. Grundsätzlich bin ich immer für eine freiwillige Mitgliedschaft. Bei der ÖH muss ich einen praktikablen Ansatz vertreten und das bedeutet, einmal bei der BV anzufangen. Ich würde mich nie trauen zu behaupten, dass alles gut läuft. Vor allem an der Uni Wien geht kaum jemand wählen. Offensichtlich sind die Studenten also relativ unzufrieden mit der Arbeit der Exekutive an der Uni Wien.

mokant.at: Wer soll die Finanzierug der Unis übernehmen?
Anna Lena Bankel:  Die Allgemeinheit soll die Universitäten finanzieren.
Klemens Herzog: Ich kann auch nur betonen, dass es eine Aufgabe der Allgemeinheit ist. Wenn ich an Plakaten vorbeigehe, auf denen steht „Dein Beitrag für deine Uni“, dann kann man ja auch genauso gut Gehsteiggebühren verlangen.
Claudia Gamon: Lassen wir die Kirche im Dorf. Es geht um einen Beitrag, es soll nicht das ganze Studium durch die Studierenden ausfinanziert werden. Die Politik muss dennoch ein Bekenntnis zur öffentlichen Finanzierung der Unis abgeben und das muss bis zu zwei Prozent des BIP raufgehen. Die Studiengebühren folgen für uns aus einer ganz prinzipiellen Argumentation: Wenn ich als Absolvent einer Uni je nach Studium überdurchschnittlich viel verdiene und das vor allem im Vergleich zu jemandem, der kein Studium in Anspruch genommen hat, dann ist es nur fair, dass man einen Beitrag leistet. Das sollten in etwa zehn bis dreißig Prozent der Studienkosten sein.

Anna Lena Bankel:  Es ist aber schon so, dass Akademikerinnen mehr Steuern bezahlen als andere und ich habe auch nichts dagegen, Vermögen stärker zu besteuern.
Claudia Gamon: Es wäre ja ein Vorurteil davon auszugehen, dass ein Akademiker danach zwangsweise ein größeres Vermögen hat. Und ein Tischlermeister kann auch mehr verdienen als etwa ein durchschnittlicher WU-Abgänger.
Klemens Herzog: Du hast aber auch einen gewissen Verdienstentgang während deines Studiums. Ich würde also nicht sagen, dass angehende Absolventen und Absolventinnen in Milch und Honig fließen nach ihrem Abschluss.
Claudia Gamon: Ich bin einfach der Meinung, dass man die Lasten gerecht verteilen soll. Das soll auch ein Zeichen an jene sein, die eben nicht Akademiker sind. Zur Finanzierung über den allgemeinen Steuertopf: Die JuLis sind grundsätzlich dafür, dass die Steuerlast sinkt, vor allem auch auf den Faktor Arbeit. Es ist sinnvoller, autonome Studiengebühren einzuheben, die direkt an die Unis gehen. Wenn ich das System über die Steuern finanziere, bin ich von der politischen Willkür der Regierung abhängig – und die hat noch kein Bekenntnis zur Hochschulfinanzierung gezeigt.
Klemens Herzog: Dann ist man eben nicht mehr der Willkür des Staates ausgesetzt, der ja bis zu einem gewissen Maße demokratisch legitimiert ist, sondern der Willkür der Rektorate.
Claudia Gamon: Die Uni soll sich auch selbst aussuchen, ob es in Lehre, Forschung oder eigene Stipendien geht. Damit sich eine österreichische Uni aus der Masse hervorheben kann, braucht sie budgetären Freiraum. Der sollte jeder Uni individuell zur Verfügung stehen, sodass sie sich auf Schwerpunkte festlegen kann.
Klemens Herzog: Du argumentierst, dass es wichtig ist, sich aus der Masse herauszuheben. Da schwingt wieder so eine gewisse Exzellenz und ein elitäres Verständnis mit. Wir sollten aber möglichst vielen Menschen eine breite Bildung ermöglichen und ein kritisches Verständnis der Gesellschaft fördern.
Claudia Gamon: Natürlich! Aber muss die Bildung nur Mittelmaß sein oder kann sie nicht auch für eine große Anzahl von Leuten exzellente Bildung sein?
Klemens Herzog: Ja, aber mit Zugangsbeschränkungen und mit Studiengebühren sehe ich die große Anzahl an Leuten, die ein Studium dann überhaupt noch abschließen, nicht.
Claudia Gamon: Es gibt ja genügend Länder dieser Welt, die mit unserem System der nachgelagerten Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen eine sehr hohe Akademikerquote und relativ geringe Drop-Out-Quoten an den Unis haben – beispielweise Australien. Wir haben da einfach unterschiedliche Zugänge. Wenn ich grundsätzlich davon ausgehe, dass jeder Zugang zu allen Unis haben soll und alles vom Staat finanziert sein soll, dann ist das ein anderer Zugang als der der JuLis. Da werden wir nicht zueinander finden.

mokant.at: Die Bibliothek des neuen WU-Campus wird von der OMV gesponsert – was haltet ihr von Drittmitteln aus der Privatwirtschaft?
Claudia Gamon: Toll!
Anna Lena Bankel:  Es ist eine Schande, dass das nötig ist.
Klemens Herzog: Claudia, du findest das nicht problematisch, dass ein Lehrstuhl an einem Institut, das unter anderem Nachhaltigkeitsthemen bearbeitet, von einem Unternehmen gesponsert wird, dessen Überleben vom möglichst langen Ausschöpfen von fossilen Rostoffen abhängt?
Claudia Gamon: Das ist ja umso besser, um die Unabhängigkeit der Lehre und Forschung zu beweisen. Das heißt ja nicht, dass dort nur noch Bücher über Öl-Lobbying drin sein sollen. Das wird auch nicht geschehen. Es liegt oft einfach am Charakter und der Integrität von Leuten, die darin beschäftigt sind. Und wenn sich ein Professor weigert sich beeinflussen zu lassen, dann muss er das auch nicht. Ich finde es toll, dass die Unis es schaffen, Drittmittel zu lukrieren, anstatt sich damit abzufinden, dass sie kein Geld haben. Wenn ich mich nicht beeinflussen lassen will, dann werde ich das auch nicht.
Klemens Herzog: Das hat nichts mit Integrität zu tun. Das sind einfach ökonomische Zwänge. Wenn das Geld nicht mehr fließt und ein Institut vor dem Aus steht, was machen dann die Institutsvorstände? Die richten sich natürlich schon danach. In der Forschung können sich Leute schon lange nicht mehr aussuchen, in welche Richtung sie gehen. Vielmehr müssen sie jene Projekte annehmen, bei denen das Geld reinkommt. Da zu meinen, dass die Firmen, die das sponsern, keine eigenen Interessen verfolgen, ist doch komplett naiv!
Claudia Gamon: Überhaupt nicht. Da wird komplett ausgeklammert, dass es auch ein unglaublicher Vorteil für Lehre und Forschung sein kann, wenn man mit der Privatwirtschaft zusammenarbeitet. Weil es einen Praxisbezug bringt, den die Uni sonst nicht hat, weil man viele Projekte gar nicht realisieren könnte, wenn sich kein Unternehmen daran beteiligt. Das passt sicherlich nicht für jeden Studiengang, das ist ganz klar. Aber vor allem an der WU ist es wunderbar.
Klemens Herzog: Gegen eine grundsätzliche Zusammenarbeit ist ja nichts einzuwenden, aber wie es in dem Fall ist, entstehen da enorme finanzielle Abhängigkeiten. Und dann zu behaupten, es gäbe eine freie Lehre und freie Forschung im Kapitalismus, wo sich alle Lebensbereiche einer gewissen Verwertbarkeit unterordnen, sehen wir sowieso problematisch.
Claudia Gamon: Wir sollten jetzt nicht in eine Kapitalismus-Kritik abdriften.
Klemens Herzog: Nein, wäre aber spannend. (lacht) Aber gerade bei dem Thema manifestiert sich die Problematik sehr sichtbar.

mokant.at: Wie steht ihr zu Zugangsbeschränkungen?
Anna Lena Bankel:  Zugangsbeschränkungen sind immer willkürlich! Genauso wie ich nicht losen würde, würde ich auch keine andere Zugangsbeschränkung anwenden. Es geht eher darum, Leute bereits in der Schule darauf vorzubereiten, wie sie ihre Berufswahl treffen wollen oder sie dann während der Uni zu unterstützen. Nicht durch gemeine Mechanismen wie die STEOP, sondern durch verbesserte Hochschuldidaktik.
Klemens Herzog: Auch wir stehen dafür, jegliche Zugangsbeschränkung abzuschaffen. Jeder, der sich müßig fühlt, ein Studium zu betreiben, soll dies auch machen können. Zugangsbeschränkungen, egal in welcher Form, sind einfach enorm sozial selektiv und in Österreich haben wir ohnehin eines der sozial selektivsten Bildungssysteme. Auch die Umsetzung ist teilweise absurd: Ich studiere an der BOKU, da ist das Studium der Landschaftsplanung beschränkt. Das Auswahlverfahren soll jetzt mittels Motivationsschreiben funktionieren. Da frage ich mich: Wie soll ein Maturant oder eine Maturantin formulieren können, wieso man sich in Zukunft in der Landschaftsplanung sieht?
Claudia Gamon: Das Problem der sozialen Selektion liegt nicht bei den Zugangsbeschränkungen, sondern das Problem in Österreich liegt im Schulwesen. Ich glaube, da sind wir uns sicher alle einig, dass die Laufbahnentscheidung mit zehn Jahren letztlich darüber entscheidet, wer an der Uni landet und wer nicht. Ich bin außerdem der Meinung, dass ein Motivationsschreiben eine relativ faire Zugangsbeschränkung ist. Es muss einfach die Zeit sein, dass ich mich eine Woche hinzusetze und schaue, welche  Studien es gibt, und mich informiere, ob mich die Inhalte wirklich interessieren. Das wird auch an der WU im Herbst eingeführt und das ist eigentlich das Beste, weil viele nicht wissen, was sie studieren sollen. Dann fangen sie halt BWL an und hören nach zwei Semestern wieder auf.

mokant.at: In ihrem Programm führen die JuLis unter anderem an, dass sich die Aufnahmeverfahren nach Assessment Centern richten sollen. Wie realistisch ist das auf Massenunis wie der WU, wo nicht einmal das Motivationsschreiben gelesen wird?
Claudia Gamon: Da wäre es nicht immer möglich, es kommt einfach auf die Uni an. Die WU ist ein spezielles Beispiel, die braucht generell mehr Ressourcen, weil sie einen unglaublichen Zulauf an Studenten hat. Aber in meinem Masterstudium war es auch ähnlich einem Assessment Center. Man hat sich den Lebenslauf angesehen, die Interessen, ob man sich schon international engagiert hat, was man neben dem Studium macht, die Fremdsprachenkenntnisse und es hat ein Interview gegeben. Man kann nie ein vollständiges Bild von einem Studenten haben, um wirklich zu entscheiden, ob er geeignet ist oder nicht. Aber es ist meiner Meinung nach die fairste Art und Weise, wenn man Zugangsbeschränkungen hat.
Anna Lena Bankel:  Auf gar keinen Fall! Ich kenne das aus England, da ist dieses personal statement ein ganz wichtiger Teil der zentralen Studienplatzvergabe. Das wird von allen aus der Verwandtschaft und Bekanntschaft eines Schülers und einer Schülerin geschrieben, aber bestimmt nicht von der Schülerin selbst. Wenn man auf einer guten Schule war, dann schreiben natürlich auch die Lehrer mit. Dann hat man Leute auf der Uni, die ein glänzendes Motivationsschreiben abgegeben haben, die in allen möglichen internationalen Entwicklungsprojekten aktiv waren. Aber es können trotzdem die unmotiviertesten Leute sein, weil sie da einfach nur reingeschleust wurden. Man braucht nur die richtigen Kontakte und das richtige kulturelle Kapital.
Klemens Herzog: Da möchte ich gleich anschließen. Claudia, du sprichst von möglichst fairen Zugangsregelungen und bringst als Beispiele Praktika und Auslandserfahrung. Wer kann es sich denn leisten, genau dieses Schema zu erfüllen? Leute, die einen schwachen sozialen Background haben, können nicht ein Semester oder ein Jahr ins Ausland gehen und dort von dreihunder Euro Erasmus-Förderung leben. Die Floskel „fair“ blendet immer dermaßen viel aus: Familienbackground, Geschlecht oder Migrationshintergrund.
Claudia Gamon: Ich kann die Sorge nachvollziehen, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Gruppe in unserem Studium sehr durchmischt ist. Ganz einfach weil die Leute, die für die Auswahl zuständig sind, wissen, dass eine Mischung aus Leuten mit verschiedenen sozialen Hintergründen ein unglaublicher Vorteil für die Studenten ist. Man profitiert davon, nicht nur mit Leuten zu studieren, die aus demselben sozialen Background kommen.
Anna Lena Bankel: Das stimmt. Manchmal ist es richtig langweilig an der Kunstuni.
Claudia Gamon: In meinem Studium ist es nicht so. Die Leute kommen aus verschiedenen Ländern und mit allen möglichen sozialen Hintergründen und das ist wichtig und richtig so, weil es im Endeffekt auch die Qualität des Studiums verbessert. Die Leute, die so eine Auswahl treffen, wollen die besten Studenten und ich bin mir sicher, dass sie wissen, dass die besten Studenten nicht zwangsweise jene sind, die aus den besten Haushalten kommen, das ist nämlich überhaupt nicht so. Das sind jene, die die Talente nachweisen können, die engagiert sind, in welcher Art und Weise auch immer. Letztendlich ist es auch für die Studenten besser, wenn man Zugangsbeschränkungen hat, weil sie einfach ihre Zeit effizienter nutzen können, wenn sie sich nicht durch eine STEOP durchquälen müssen.
Anna Lena Bankel:  Wir sprechen uns ja auch nicht für die STEOP aus. Es soll ja einfach qualitätsvolle Bildung für alle angeboten werden und Zugangsbeschränkungen sind einfach eine willkürliche Auswahl von Leuten. Noch dazu wollen die Unis Leute, die angenehme Studierende sind und schnell studieren. Aber das sind nicht unbedingt die Leute, die lernen kritisch zu denken oder nachher die Gesellschaft verändern können.
Claudia Gamon: Das ist ja ein erschreckendes Vorurteil, dass Unis keine kritisch denkenden Studierenden haben wollen. Du meinst also, dass sie nur Leute aus sozial starkem Background aussuchen, die unkritisch sind? Das ist doch eine absurde Vorstellung!
Anna Lena Bankel: Nein, durch bestimmte Auswahlverfahren werden ganz bestimmte Leute begünstigt und das sind die, die gut Aufgaben erfüllen können, die gut auf in ihrem Lebenslauf gewisse Soft Skills abhaken können und das ist für mich einfach nicht der ideale Mix von Studierenden.
Klemens Herzog: Das Studium Internationale Entwicklung ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass kritische Lehre immer stärker zurückgedrängt wird. Da kann man durchaus sagen, dass dies von oben vom Rektorat ausgeht, solche Studien zu verdrängen, um finanzielle Mittel für Studien freizuschaufeln, die mehr an den Arbeitsmarkt angepasst sind.

mokant.at: Wie seht ihr die stärkere Verschulung der Universitäten, die möglicherweise durch den Bologna-Prozess bedingt ist?
Klemens Herzog: Wir sehen das alles sehr problematisch. Das Studieren war früher definitiv spaßiger als jetzt, man hat viel mehr freie Wahlmöglichkeiten gehabt. In den Curricular-Kommissionen kann man noch so viel argumentieren, aber im Endeffekt scheitert alles immer an der Employability: Ob wir das überhaupt für den Arbeitsmarkt brauchen und ob es überhaupt finanzierbar ist. Es ist echt frustrierend in einer Kommission zu arbeiten, in der es sich nur um diese zwei Punkte dreht und nicht mehr um das Inhaltliche. Das sind alles Aspekte der Verschulung, die aber meiner Meinung nach nicht zwangsweise mit dem Bologna-Prozess zusammenhängen, aber durchaus dadurch gefördert wurden.
Anna Lena Bankel:  Ja, das ist richtig. Ich würde auch sagen, dass diese Verschulungswelle oft im Zuge der Umstellung vom Diplomstudium auf Bachelor und Master passiert ist und dass das ganz oft eher der Wunsch der Lehrenden war, die einfach lieber mit einem verschulten System arbeiten wollen als mit einem freiem.
Claudia Gamon: Mehr Wahlmöglichkeiten im Studium sind auf jeden Fall notwendig. Bis zu einem gewissen Grad, gibt es natürlich Kurse, die man ablegen muss. Aber es ist einfach unnötig festzulegen in welchem Abschnitt und in welcher Reihenfolge. Ein gutes Beispiel ist der WU-Bachelor, wo eigentlich alles vorgeschrieben wird und wo es quasi keine Wahlfächer mehr gibt. Das hat aber nicht viel mit Bologna zu tun. Der Bologna-Prozess ist einfach nur ganz mies umgesetzt worden in Österreich.
Klemens Herzog: Wobei gerade im Bologna-Prozess Dinge wie Employabililty festgelegt sind – dass jedes Studium ein gewisses Ausbildungsziel verfolgt. Das kann man schwer anders auslegen.
Anna Lena Bankel:  Das sind teilweise aber auch Sachen, die Studierende ein bisschen schützen in diesem Hierarchiegefälle, in dem sie sich befinden. Wenn Ausbildungsziele formuliert sind, kann man auch besser schauen, ob die Lehrenden tatsächlich das leisten, was sie leisten sollen. Da bin ich in einem Zwiespalt.

Titelbild: (c) Christina Stowasser

Christian Strobl studiert in Wien Volkswirtschaft und internationale Betriebswirtschaft. Er ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: christian.strobl[at]mokant.at

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