Katharina Weltecke: „Sehr traumatische Geschichten“

Foto: (c) WFP Abeer Etefa

Interview mit Katharina Weltecke vom World Food Program

Katharina Weltecke, 30, arbeitet beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Als Pressereferentin ist sie vor einigen Wochen an die Grenze zu Syrien gereist. Dabei hat sie Flüchtlingslager im Libanon und in Jordanien besucht. Mit mokant.at spricht sie über ihre Reise, die Situation in Syrien und allgemein über die Arbeit des Welternährungsprogramms.

mokant.at: Sie waren an der Grenze zu Syrien, im Libanon und in Jordanien. Haben Sie mit Flüchtlingen aus Syrien gesprochen?
Katharina Weltecke: Ja, mit sehr vielen tatsächlich. Beim UNHCR, einer weiteren Flüchtlingsorganisation, sind inzwischen in den Nachbarländern 1,4 Millionen Menschen registriert. Jordanien und Libanon tragen dabei die größte Bürde mit jeweils knapp einer halben Million Flüchtlinge. Das ist natürlich für ein ganz kleines Land wie dem Libanon (4,2 Millionen Einwohner, Anmerkung der Redaktion) eine ganz drastische Zahl. In Jordanien ist das nicht ganz anders, da ist eben auch diese Flüchtlingszahl wahnsinnig hoch. Jordanien ist eines der Länder, die unter wahnsinnigen Wasser- und anderen Ressourcenmangel leiden. Also diese Flüchtlingsanzahl ist eine große Belastung für diese beiden Länder.

mokant.at: Was sagen die Menschen?
Katharina Weltecke: Es sind, vor allem in Jordanien in den Flüchtlingslagern, über siebzig Prozent der Flüchtlinge Frauen und Kinder die über die Grenze fliehen. Es haben natürlich alle eine persönliche Geschichte erzählt. Was aber alle gemeinsam haben ist, dass sie ein Land verlassen haben, das in Scherben liegt und sich bis heute fürchten. Das, obwohl sie auf den ersten Blick in Sicherheit sind, in diesen Flüchtlingslagern. Sie haben ganz ganz große Sorge um ihre Männer, Brüder, die gesamte männliche Verwandtschaft. Sie machen sich auch Sorgen darüber was mit ihren Häusern passiert, die sie über Nacht verlassen haben mussten. Also sehr traumatische Geschichten.

mokant.at: Was ist die Hoffnung dieser Menschen?
Katharina Weltecke: Ausnahmslos haben alle gesagt, sobald der Konflikt vorüber ist wollen sie wieder in ihr Heimatland zurück. Das ist nicht in allen Krisen der Fall, zum Beispiel bei den somalischen Flüchtlingen in Dadaab (Flüchtlingslager an der Grenze zu Somalia in Kenia, Anmerkung der Redaktion) leben die Menschen schon seit zwanzig Jahren. Das ist in Syrien nicht der Fall, dort ist es wahrscheinlich dem Fall geschuldet, dass Syrien kein klassisches Entwicklungsland war. Die Menschen die ich dort getroffen habe, haben dort ein Leben geführt, dass dem unseren gar nicht so unähnlich war. Also ganz normale Berufe hatten und ganz normale Häuser hatten. Das ist ja kein klassischer Konflikt in einem Entwicklungsland wie es beim WFP Alltag wäre.

mokant.at: Wie ist die Situation in den schlimmsten Konfliktzonen, wie Aleppo und Idlib und wie kann man sich das Gefahrenpotenzial, dem WFP-Mitarbeiter dort ausgesetzt sind vorstellen?
Katharina Weltecke: Es haben alle Kollegen ganz ähnliche Szenarien geschildert und da haben alle ausnahmslos gesagt, dass sie in Gefahr sind. Besonders die lokalen Mitarbeiter. Die Hilfe ist logistisch eine wahnsinnige Herausforderung. Es gibt ganz viele Checkpoints, sowohl von Rebellen als auch von staatlicher Seite, die die Hilfskonvois überqueren müssen. WFP ist in allen 14 Gouvernements aktiv und hilft auch zwei Millionen Menschen. Es ist aber besonders schwierig, da sich die Frontverläufe täglich verschieben und dann muss auch jedes Mal wieder verhandelt werden.

mokant.at: Hatten Sie selber jemals Angst als Sie in der Region waren?
Katharina Weltecke: Wir waren etwa zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt und wurden auch immer von jordanischen Polizisten begleitet. Diese haben auch im Flüchtlingslager versucht Ordnung zu schaffen. Wir waren mit einigen Journalisten unterwegs und ich kann von keinem sagen, dass er oder sie Angst gehabt hätte. Man spürt aber nichts desto trotz, dass man nur ein Steinwurf entfernt Krieg herrscht. Das hinterlässt natürlich auch Spuren.

mokant.at: Die Mittelmeerküste Syriens ist in der Hand der Zentralregierung, die nordöstlichen Gebiete hingegen überwiegend in der Hand der Rebellengruppierungen beziehungsweise umstritten. WFP liefert Nahrungsmittel durch alle Zonen. Wie funktioniert da die Zusammenarbeit?
Katharina Weltecke: WFP ist eine humanitäre Organisation und leistet Hilfe an die betroffene Zivilbevölkerung jedweder Couleur. Dieser Auftrag wird allen Konfliktparteien gleichermaßen erklärt. An Checkpoints kommt es immer wieder zu Problemen und dann ist die einzige Möglichkeit der Regierung oder der Opposition den humanitären Charakter dieser Nothilfe darzustellen. Es kommt immer wieder vor, dass Lastwagenfahrer umkehren müssen, weil sie sich dieser Gefahr nicht stellen können und natürlich auch nicht sollen. Es kommt dann oft vor, dass sie am nächsten Tag gleich wieder losfahren um es nochmal zu probieren. Wir nutzen natürlich auch die Öffentlichkeit, wie Radio oder Zeitungen, um in Gespräche aufzurufen für die humanitäre Hilfe.

mokant.at: Wer ist dann konkret Ansprechpartner? Denn oft, besonders bei den Rebellengruppierungen, ist es nicht klar bei wem die Autorität liegt.
Katharina Weltecke: Das ist, in der Tat, ein großes Problem. Es gibt natürlich Strukturen, die die Mitarbeiter vor Ort vorfinden, gerade weil sie schon so lange dort sind. WFP verhandelt dann nicht unbedingt mit den obersten Ministerien, sondern auch mit den lokalen Regionalvertretungen.

mokant.at: Im Fall von Syrien: Ist die Zusammenarbeit mit den Regierungstruppen schwieriger oder die mit den Rebellen?
Katharina Weltecke: Das kann ich so gar nicht beurteilen. Die Kollegen die das vor Ort gefragt werden, sagen ganz deutlich, es ist nicht wichtig mit wem es einfacher oder komplizierter ist. Es gibt auf beiden Seiten Leute die die Arbeit nicht billigen. Wegen solcher Leute kommt WFP öfters ins Kreuzfeuer. Das können Regierungstruppen sein, aber genauso gut Rebellen. Die Lage ist in jeder Hinsicht schwierig.

mokant.at: Zur allgemeinen Arbeit des WFP. Ab wann greift WFP ein?
Katharina Weltecke: Da muss eine Anfrage kommen, von der jeweiligen Regierung, wenn es eine Regierung gibt. Es gibt natürlich auch Fälle wo Mandate der UN-Generalversammlung nötig sind. Ein solcher Fall ist die grenzüberschreitende Hilfe in der Türkei an der Grenze zu Syrien. WFP ist in jeder Hinsicht an die internationalen Vorgaben gebunden. Was die Arbeit nicht immer leichter macht.

mokant.at: Wie wird Zusammenarbeit mit den lokalen Machthabern abgestimmt?
Katharina Weltecke: Das kann man nicht verallgemeinern. WFP ist in jeglicher Hinsicht humanitär und versucht sich Zugang zur Bevölkerung zu verschaffen. 2010 gab es in Somalia aber auch den Fall, dass sich WFP wieder zurückziehen musste, weil die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte. Da hat WFP den Strich gezogen und sich zurückgezogen. Aber es gibt viele unterschiedliche Fälle und ich scheue mich zu verallgemeinern.

mokant.at: WFP hatte eine 2010 ein Budget von 3,82 Milliarden US-Dollar, aber nur 1,25 Milliarden US-Dollar für Lebensmittel ausgegeben. Was passiert mit dem Rest?
Katharina Weltecke: Es gibt, zum Glück, immer mehr innovativere Methoden um den Menschen zu helfen. Schwerpunkte dabei sind Gutscheine und Bargeldtransfers. WFP muss in vielen Fällen heutzutage nicht mehr in der traditionell üblichen Weise Nahrungsmittel ankaufen sondern kann mit Bargeld-Spenden auf den lokalen Märkten, wo Nahrungsmittel vorhanden sind, die Menschen unterstützen. Das haben wir im vergangenen Jahr im Niger, in der Sahelzone, gemerkt, wo die Nahrungsmittelpreise drastisch gestiegen sind. Und WFP kann in solchen Fällen besser damit helfen, als wenn wir von außen Lebensmittel in die Länder bringen. WFP unterstützt so natürlich die regionale Wirtschaft dieser Länder. Ein weiteres Element spielen die lokalen Nahrungsmittelkäufe, die wir 2011, in der Dürrekrise in Ostafrika, getätigt haben. Da konnte WFP in Uganda, das nicht so sehr von der Dürre betroffen war, Nahrungsmittel regional kaufen. Von diesem Ankauf haben mehrere Parteien profitiert, zum einen die Kleinbauern in Uganda, dann WFP weil es Transportkosten gespart hat und eben auch die Bevölkerung in den jeweiligen Ländern. Denn die Essgewohnheiten in diesen Ländern sind relativ ähnlich, der Mais wird in Uganda auf eine ziemlich ähnliche Weise angebaut wie in Kenia. Das ist natürlich ein großer Fortschritt, im Vergleich zu den 1960er Jahren, wo mit einem „one fits all“ Ansatz gearbeitet wurde. Da wurden einfach Nahrungsmittel aus den USA verteilt. Das ist glücklicherweise nicht mehr der Fall.

mokant.at: Kann es dann nicht auch passieren, dass durch die erhöhten Käufe die lokalen Preise für Lebensmittel nochmals in die Höhe getrieben werden und dadurch erst recht Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung teurer werden?
Katharina Weltecke: Theoretisch ja. Wenn man sich das im Einzelfall anguckt sieht es aber anders aus. Wir spielen ja immer mit dem Slogan, wir sind die größte humanitäre Organisation weltweit. Wenn man sich aber die Zahlen prozentual anschaut, dann sind die Zahlen verschwindend gering. Im Horn von Afrika machten die Ankäufe nur einen minimalen Anteil der regionalen Exporte aus. Ich hab aber noch nie von einem Fall gehört, dass WFP so im großen Stil einkaufen würde, dass es die Preise nach oben treiben würde. Auch wenn es theoretisch denkbar wäre. Aber die lokalen Mitarbeiter sind da sehr geschult, dass die lokalen Märkte nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

Titelbild: (c) WFP Abeer Etefa

martin.fellner@mokant.at'
Martin Fellner ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: martin.fellner[at]mokant.at

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