Sensylis: „Wir reißen euch die Köpfe ab!“

Elias, Julian und Matthias von Sensylis über schräge Auftritte und ihre empfindsame Seite

Sensylis ist eine österreichische Metal-Band, die sich in ihrer noch jungen Karriere bereits am Nova Rock, auf der Persistance Tour, am Maifest im Prater und im Gasometer die Bühne mit nationalen und internationalen Größen geteilt hat. Wir haben sie in ihrem privaten Studio getroffen. Im Interview sprechen sie über ihre Anfänge, Hoch- und Tiefpunkte, warum sie gerade die kleineren Auftritte zu schätzen wissen und warum „Wild African Zulu Fire Sauce“ nicht unbedingt der beste Name für eine Sauce ist.

Foto: Raimund Appel

Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Beginnen wir chronologisch: Wie hat das Ganze mit euch angefangen, wie habt ihr euch kennen gelernt – wie ist es zur Bandgründung gekommen?
Elias: Willst du beginnen? (An Matthias gerichtet)
Matthias: Ich rede ja sehr gerne, wenn es um Bandthemen geht. Deswegen hat er mich jetzt … Egal! Angefangen hat das Ganze so: Ich war mit dem Julian schon im Kindergarten und mit dem Elias war ich in einer Klasse in der Dritten, im Gymnasium. Wir sind dann eigentlich immer befreundet geblieben, jeder hat so seine Bands gehabt. Unter anderem der Elias seine Band – Wie hat die geheißen?
Elias: Dimebag.
Matthias: Aja, benannt nach Dimebag Darrell natürlich. Jedenfalls haben sie einen Auftritt gehabt im Fifty in Asperhofen und haben einfach nicht geprobt. Der Auftritt sollte am Freitag stattfinden und am Dienstag ist ihr Gitarrist dann draufgekommen, dass er eigentlich gar nicht auftreten will.
Elias: Dann hab‘ ich halt den Besitzer vom Fifty angerufen und ihm gesagt, dass wir Probleme mit dem Gitarristen haben und nicht auftreten können – dem war das aber egal und er hat gemeint ich muss einen Ersatz suchen. Wir hatten damals eigentlich noch gar keine Band und haben uns nur zum Jammen getroffen. Wir hatten in Wahrheit nur ein angefangenes Lied. Das war eben am Dienstag.
Matthias: Genau! Das heißt, wir hatten noch bis Freitag Zeit eine Band zu gründen und vollständig zu machen. Der Bruder vom Elias, der Mani (der ehemalige Bassist der Band; Anmerkung der Redaktion), ist dann noch dazu gekommen und wir waren vollständig. Wir haben dann in drei Tagen vier Lieder und ein Cover geschrieben oder sowas in der Art.
Julian: Waren es nicht sogar zwei Cover? Von Trivium „Rain“ und von As I Lay Dying „Through Struggle“.
Matthias: Aja! Die anderen Lieder haben halt so ausgeschaut, dass wir beim Auftritt lauter A4-Zettel als Schummler für die Abläufe herumliegen gehabt haben und die waren halt einfach … absolut scheiße! Für den Refrain gab’s ein paar Textpassagen und sonst ist der Elias einfach vorne gestanden und hat ins Mikrophon geschrien, ohne einen Text.
Elias: Wir hatten einfach die Zeit nicht, um Texte zu schreiben und ich hab‘ halt einfach gesagt: „Im Fifty hört man eh nix – ich plärr einfach rein!“ Dadurch, dass relativ viel Stammpublikum von der Band da war, mit der ich eigentlich auftreten hätte sollen, hat das einfach voll hingehaut.
Matthias: Ja, so sind wir halt entstanden! Ich weiß noch genau, wie wir uns am Freitag vor dem Auftritt hier getroffen haben und überlegt haben, wie wir uns eigentlich nennen sollen.

mokant.at: Wie ist es zu dem Namen gekommen und was bedeutet er eigentlich?
Matthias: Internet – Lateinwörterbuch! Wir waren damals einfach alle ärgste Trivium-Fans und das war eine Art Anlehnung.
Elias: Lateinische Wörter hören sich einfach meistens gut an! So sind wir dann halt auf „Sensylis“ gekommen. Das heißt übersetzt „Wir reißen euch die Köpfe ab!“
Matthias: … Nein, es heißt „Empfindsam“. (alle lachen)
Elias: Aber immer, wenn uns die Leute gefragt haben, haben wir halt, weil „Empfindsam“ total untypisch für eine Metalband ist, „Wir reißen euch die Köpfe ab“ gesagt.  Wobei man’s ja eigentlich ein bisschen anders schreibt in Latein – also ist Sensylis eigentlich ein Eigenname.
Matthias: Ja, wenn man einen Buchstaben austauscht! Kreativ oder?! (lacht) So sind wir dann halt ins Fifty gefahren und es war sicher unser schlechtester Gig, aber den Leuten hat’s getaugt und das hat uns halt die Motivation gegeben weiterzumachen. Das war einfach total chaotisch, aber das war in unser Bandgeschichte dann noch öfters so. Aber bei sowas kommt einfach am meisten raus, wenn man nicht groß nachdenkt und einfach macht.

Foto: Raimund Appel

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mokant.at: War das von den Auftritten her das Chaotischste, das euch widerfahren ist? (alle lachen)
Elias: Nein, sicher nicht! Das schlimmste war sicher in Lichtenau. Das war ganz oben im Waldviertel, im tiefsten Winter. Eine befreundete Band hat uns dort einen Gig angeboten und wir sind halt hingefahren. Dort haben wir dann in einem Erdäpfelkeller gespielt. Der war einfach wahnsinnig lang, komplett dunkel und nicht beheizt. Der Keller hat überall Löcher gehabt und wir haben auf Holzpaletten gespielt.
Matthias: Das Schlagzeug hatte keine Resonanzfelle. Nicht einmal die Bass Drum.
Elias: Ja, die wurde später ernsthaft als Mistkübel verwendet…
Matthias: Wir haben einfach nicht gewusst, was wir uns da eigentlich ausgemacht haben – als junge Band nimmt man halt an, was man kriegt.
Elias: Ihr hattet ja noch das Glück, dass ich mit dem Auto gefahren bin, ihr habt’s wenigsten Glühwein saufen können!
Matthias: Echt? Das weiß ich gar nicht mehr. Danke! (lacht)
Elias: Wir haben damals nicht einmal mehr ordentlich spielen können, weil unsere Finger so eingefroren waren. Aber wenn man sowas mal erlebt hat, dann weiß man gute Gigs umso mehr zu schätzen.

mokant.at: Was waren die besten Auftritte, die ihr bis jetzt hattet?
Elias: Dafür gibt’s zwei Beschreibungen. Uns taugen zum Beispiel vor allem auch die kleinen Auftritte, wo man nachher mit den Leuten was trinken kann und die kennenlernen kann. Und die andere Definition sind dann halt die wirklich wirklich großen Auftritte.
Julian: Letztes Jahr haben wir zum Beispiel in Dresden am alten Schlachthof gespielt, auf der Persistance Tour. Den Auftritt haben wir bei einem Internetvoting gewonnen. Dort haben neun Bands gespielt und sechs davon waren halt namhafte Größen, also wirklich weltweit bekannte Bands in dem Genre. Suicidal Tendencies oder Walls of Jericho zum Beispiel.
Elias: Da ist mir auch was Arges passiert. Wir waren halt alle Backstage und sind als Neulinge halt dabei gesessen und der Drummer von Suicidal Tendencies hat eine Sauce für sein Essen gesucht.
Matthias: Du musst dazu sagen, dass der Schlagzeuger übergewichtig und schwarz ist.
Elias: Afroamerikanisch, bitte! Ja, und ich hab halt gerade eine Sauce vor mir stehen gehabt und hab‘ ihm die gegeben, allerdings nicht gesehen, dass auf der Sauce „Wild African Zulu Fire Sauce“ gestanden ist. Er liest das halt und fragt mich „Are you trying to disrespect me?!“ und es haben halt alle gelacht, die waren eh alle enorm cool drauf, aber das war einfach so peinlich.
Matthias: Das war wirklich ein Wahnsinn, da willst du Kontakt aufbauen, zu bekannten Bands die halt wirklich schon was erreicht haben und das Erste, das du tust, ist dann sowas.

Foto: Raimund Appel

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mokant.at: Euer Bassist, der Mani, hat ja vor einiger Zeit aufgehört und ihr habt im Internet nach einem neuen Bassisten und einem zweiten Shouter gesucht – wie schaut es da jetzt aus?
Elias: Es schaut so aus …
Matthias: Ich weiß nicht wie viel wir darüber jetzt preisgeben sollten …
Elias: Naja, ich sag‘ einmal so: Es gibt auf jeden Fall einen Besetzungswechsel, aber im sehr sehr positiven Sinn.
Matthias: Es wird sich auf jeden Fall einiges ändern und quasi ein Sensylis 2.0 kommen. Es wird sich auch der Musikstil und das Songwriting ändern. Natürlich nicht komplett, aber wir haben uns auch extrem weiterentwickelt – wir haben jetzt davon noch überhaupt nichts veröffentlicht. Das heißt die Leute kennen noch nichts. Also einfach gespannt bleiben, ich bin mir sicher, dass das ziemlich cool werden wird.
Elias: Der Zukunftsplan ist halt, dass wir ein Album rausbringen werden. Wir nehmen uns dafür aber wirklich die Zeit, die das braucht. Weil wir wissen alle wo wir hin wollen und da muss die nächste Scheibe einfach ultra leiwand sein, weil wir wollen touren – das ist unser nächstes großes Ziel und das braucht einfach Zeit und Erfahrung.

mokant.at: Das heißt, ihr erhofft euch schon eine Art Durchbruch?
Matthias: Ja, also als österreichische Band ist der Durchbruch wie er im Bilderbuch steht schon sehr unrealistisch und das wissen wir alle. Aber uns macht’s Spaß und wir wollen einfach Musik mit Qualität machen.
Elias: Sagen wir so, wir lieben alle das Reisen und das Musik machen und das würden wir halt gerne kombinieren. Und wenn’s nur mit einem räudigen Van durch’s Land fahren ist.
Matthias: Das sind einfach die besten Erfahrungen. Selbst wenn morgen die Band aus sein sollte, was nicht der Fall ist, dann war’s für unser Leben einfach eine extreme Bereicherung und das wird’s in Zukunft genauso sein. Eben wie er sagt, durch Reisen, durch Touren, durch Weekender Auftritte, das sind alles einfach Sachen, die man als Normalsterblicher einfach nicht so erlebt und ich finde, das ist halt schon etwas Besonderes. Ich find’s cool, das machen zu dürfen.

mokant.at: Es gibt ziemlich viele Bands, die können nüchtern gar nicht auftreten und dann gibt’s wieder Bands, die trinken gar nichts. Wie macht ihr das?
Julian: Also wir haben’s schon probiert… (alle lachen)

Foto: Raimund Appel

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mokant.at: Ihr habt es nüchtern probiert oder betrunken probiert?
Julian: Sowohl als auch. Am Anfang denkt man sich halt, „Trink ma halt a Bier – wird scho nix sein“. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir Pussies sind, aber wir müssen uns einfach so konzentrieren, da bedeutet jedes Bier schon Qualitätsverlust und für mich geht da auch ein bisschen der Spaß verloren.
Elias: Also auf Deutsch gesagt: Wir trinken vor einem Auftritt gar nichts. Es hat für mich auch ganz andere Erfahrungswerte – wenn ich betrunken auf der Bühne stehe, kann ich das Ganze bei weitem nicht so genießen.
Matthias: Es gibt auch Sänger beziehungsweise Shouter, die nüchtern nicht auf die Bühne können, weil sie sonst Hemmungen haben. Das ist bei uns zum Glück gar nicht der Fall. Ich als Schlagzeuger merk‘ das wirklich schon nach einem Bier, dass die Motorik nicht mehr so exakt ist und viel langsamer wird.

mokant.at: Wenn ihr an meiner Stelle wärt, was würdet ihr noch gerne von Sensylis wissen wollen?
Elias: Gute Frage! Da können wir vielleicht gleich etwas richtig stellen. Viele Leute glauben, wir gehen nicht mehr arbeiten. Aber eine Band in unserem Status hat noch so viele Kosten: Allein eine CD-Produktion ist ein absoluter Wahnsinn. Das heißt, wir müssen alle noch schwer hackeln gehen, um das Ganze zu finanzieren. Also ja, wir müssen arbeiten gehen.
Matthias: Zum Songwriting vielleicht noch etwas: Wir schreiben die Lieder zu dritt. Das heißt, es macht jeder was. Der Elias ist mehr der, der fühlt und der Julian – natürlich fühlt der Julian auch – mehr der, der auch ein bisschen den technischen Charakter in den Liedern haben will. Das verbindet sich dann ganz gut. Wir wollen einfach, dass das Songwriting möglichst dynamisch ist und einen roten Faden hat. Wir lernen da auch laufend dazu. Ja, der Weg ist das Ziel … Ich denke, das war ein gutes Schlusswort. (lacht)


Titelbild: (c) Michael Nowak

Michael Nowak ist als Chef vom Dienst und stv. Chefredakteur für mokant.at tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Geschichte an der Universität Wien. Kontakt: michael.nowak[at]mokant.at

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