Trend: Kompetenz statt Auswendiglernen

Seit 2004 wird in Österreichs Schulen anders unterrichtet – mehr Kompetenz, weniger Wissen lautet das Motto, das Österreichs Schüler im internationalen Vergleich nach vorne bringen soll.

Die enttäuschenden Ergebnisse der PISA-Studie aus dem Jahr 2003 sind vielen noch in bester Erinnerung. Obwohl die Aussagekraft dieser Studie oftmals bezweifelt wird, hat sich in Österreich seither einiges getan. Neben Projekten wie der Gesamtschule und der Zentralmatura wurde auch der Lehrplan grundlegend reformiert. Weg vom reinen Wissenserwerb, hin zur Kompetenzenvermittlung lautete das Motto der Lehrplannovelle 2004.

Was im Berufsleben gefragt ist
Von 1989 bis längstens 2008 galt der alte Lehrplan, der den Erwerb von Wissen in den Vordergrund stellte. Dagegen ist der Lehrplan von heute verstärkt auf die Förderung von Selbst- und Sozialkompetenzen ausgerichtet – Kompetenzen, die Wissen mit Können verbinden sollen. Ziel ist zum einen die Entwicklung der eigenen Begabung, zum anderen die Fähigkeit und Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, oder mit anderen zu kooperieren und Initiative zu entwickeln.
„In Wahrheit ist es für das spätere Leben völlig unbedeutend zu wissen, wann die Schlacht von Gettysburg stattfand, oder wie sich Nacktschnecken vermehren“, betont Martin A., der Deutsch- und Geschichte an einer AHS unterrichtet, und anonym bleiben möchte. „Viel wichtiger ist es zu lernen, mit Problemstellungen umzugehen oder Zusammenhänge verknüpfen zu können.“ Die Lehrkräfte haben dabei freie Hand bei Material- und Themenwahl. „Wir dürfen die Themengebiete beliebig zusammenstellen, behandelt werden müssen nur all jene Themen, die eine historische Relevanz für die Gegenwart haben, wie etwa der Nationalsozialismus, die römische Geschichte oder die Sklaverei in den USA”, meint Martin A. weiter.

Schwarze Schafe
Trotz des neuen didaktischen Zugangs in Österreichs Schulen, gibt es immer noch – meist ältere – Lehrer, die nach dem alten, ihnen gewohnten Lehrplan unterrichten. „Es kommt immer auf den Lehrer an, wie er den Lehrplan umsetzt, stellt Martin A. klar. „Die meisten halten sich aber an die neuen Richtlinien, weil sie sehr sinnvoll sind.” Laut dem BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens) sollen die Änderungen primär vom traditionellen Auswendiglernen wegführen, dessen Sinnhaftigkeit den meisten Schülern sowieso nicht einleuchte. Die ohnehin bereits immense Verantwortung der Lehrkräfte, ist mit dem neuen Lehrplan um ein weiteres Stück angestiegen.

Leistungsüberprüfung mittels Operatoren
Essentieller Baustein der neuen Lehrpläne sind sogenannte Operatoren. Dabei handelt es sich um Verben, die dem Schüler verdeutlichen sollen, mit welcher Handlung die jeweilige Aufgabe zu bewältigen ist. „Operatoren helfen bei der Formulierung klarer Aufgabenstellungen”, erklärt Martin A. „Sie müssen in der Matura-Frage vorkommen, bei herkömmlichen Testungen derzeit noch nicht, dies wird aber empfohlen.“ Unterteilt werden diese Operatoren in drei unterschiedliche Anforderungsbereiche, mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden.
Operatoren wie „nennen“ oder „beschreiben“, die dazu dienen angelernte Fakten  oder wichtige Sachverhalte wiederzugeben, gehören beispielsweise dem Anforderungsbereich I an. Zum Anforderungsbereich II zählen Operatoren wie „folgern“ und „begründen“, die die Schüler dazu animieren sollen, vielschichtige Grundgedanken logisch zu entfalten. Den größten Schwierigkeitsgrad stellen Operatoren des Anforderungsbereichs III dar, bei denen die Schüler persönliche Meinungen äußern oder eine Problemstellung durch Pro- und Contra-Argumente behandeln müssen.

Zentralmatura steht bevor
Auch die Zentralmatura, die ab dem Schuljahr 2014/2015 in Österreichs Gymnasien durchgeführt wird, baut auf dem Konzept der kompetenzorientierten Aufgabenstellung auf. Ob die Zentralmatura auch wirklich eine sinnvolle Neuerung ist, darüber sind sich aber nicht alle Lehrer einig. „Man kann dadurch auf die einzelnen Stärken und Schwächen einer Klasse nicht mehr so gut eingehen”, meint beispielsweise Andreas W., AHS-Lehrer für Religion und Informatik. Auch er will anonym bleiben.
Besonders bei der mündlichen Matura müssten Lehrer in Zukunft mit gravierenden Einschränkungen leben. „Wir Religionslehrer müssen in Zukunft einen Themenpool von 24 Themen vorlegen. Zwanzig davon müssen dann alle Religionslehrer behandeln und nur vier Themen dürfen individuell bestimmt werden. Da kommt es gelegentlich schon zu Diskussionen, weil es teilweise große Differenzen in der Unterrichtsgestaltung gibt.”

Blick in die Zukunft
Eine kompetenzorientierte mündliche Maturafrage im Fach Deutsch wäre demnach zum Beispiel:

Nenne die wichtigsten Änderungen der Lehrplanreform 2004. Erstelle anschließend ein kurzes Konzept, wie du eine Unterrichtsstunde im Fach Deutsch nach neuem Lehrplan gestalten würdest. Erörtere abschließend, welche Vor- und Nachteile der neue Lehrplan bietet.

Titelbild: (c) Dominik Knapp

Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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