Porträt: Zwergenaufstand

Protest im Kindergarten: Zwei Pädagoginnen über einen Arbeitsalltag, der sie an ihre Grenzen bringt

Mitten auf dem Wiener Minoritenplatz wird ein drei Meter hohes Kartenhaus zum Einsturz gebracht – es steht symbolisch für die erste Bildungseinrichtung der Österreicherinnen und Österreicher, den Kindergarten. „Kindergarten – Achtung, Einsturzgefahr!“ war das Motto der Demo, auf der hauptsächlich Frauen ihrem Unmut Ausdruck verliehen. Kein Wunder, sind doch laut Statistik Austria 98 Prozent der Elementarpädagoginnen weiblich.

Kindergärtnerin Magda (Name von der Redaktion geändert) sieht darin auch die Hauptursache für die schlechten Arbeitsbedingungen, vor allem aber für die, wie sie meint, unterdurchschnittliche Bezahlung ihrer Leistung. „Ein Mann würde für so wenig Geld nie arbeiten gehen müssen“, ist sie sich sicher. „Er gilt nach wie vor als der Familienerhalter. Gäbe es mehr Männer in dem Job, wäre auch die Bezahlung besser. Eine Frau gilt immer noch als Zuverdienerin, die zusätzlich zum Gehalt des Mannes noch ein bisschen Geld nach Hause bringt. Blöd nur, dass ich meine Familie alleine mit meinem Job durchbringen muss, wie viele andere Kolleginnen auch. Diesen gesellschaftlichen Wandel hat der Staat als Hauptarbeitgeber von Elementarpädagogen anscheinend verschlafen.“

Massenkindhaltung
Doch nicht nur die schlechte Bezahlung treibt die unzufriedenen Pädagoginnen immer öfter auf die Straße, auch die Rahmenbedingungen sorgen bei den Elementarpädagoginnen für Unmut. „Offiziell bin ich für 24 Kinder zuständig, durch Krankenstände und fehlendes Personal sind es mittlerweile oft über 30, die ich gemeinsam mit einer Halbtagsassistentin betreuen muss – reine Massenkindhaltung statt gezielter Kleinkindpädagogik“, schildert die 34-jährige Magda, die in einem Kindergarten der Stadt Wien tätig ist, ihre Situation. Sie möchte lieber anonym bleiben; vor allem ihre Chefin, die Leiterin der Tagesstätte, würde es ihrer Meinung nach nicht zu schätzen wissen, wenn jemand aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen plaudert.

Trotz steigender Kinderzahl in ihrer Gruppe soll sich Magda seit einigen Jahren um immer mehr Aufgabengebiete kümmern, für die sie gar nicht ausgebildet ist. Deutschunterricht oder interkulturelle Konfliktlösung gehören etwa dazu: „Ich betreue Fünfjährige aus elf Nationen in meiner Gruppe. Für die allermeisten findet im  Kindergarten der erste Kontakt mit der deutschen Sprache statt. Innerhalb eines Jahres soll ich diese Kinder, die oft kein Wort Deutsch verstehen, fit für die Volksschule machen – so die Vorgabe – und meine Arbeit immer umfangreicher dokumentieren.“ Ausgebildet wurde die Pädagogin für diese wichtige Aufgabe nie, außerdem fehle es an geeigneten Materialien für eine effektive Deutsch-Früherziehung im Kindergarten.

Eingeschränkter Speiseplan
Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe würden oft zu Konflikten unter den Eltern führen. Hier muss Magda vielfach als Vermittlerin einspringen: „Das Essen ist mittlerweile Hauptstreitpunkt im Kindergarten; für die muslimischen Kinder darf es kein Schweinefleisch sein, für die Hindus kein Rind und die beiden Asiaten vertragen keine Milchprodukte. Dementsprechend eingeschränkt ist unser Speiseplan, da es nicht für jedes Kind ein eigenes Menü gibt. Das missfällt dann wiederum allen Eltern.“ Bei Beschwerden sei sie die erste Anlaufstelle, bekäme den Unmut der Eltern ab, einmal sei sie sogar bedroht worden, als sie ein Weihnachtsprojekt in der Gruppe umsetzen wollte.

Auch wenn solche Bedrohungen die Ausnahme sind, bringt der Job im Kindergarten Magda und ihre Kolleginnen immer wieder an ihre psychischen und physischen Grenzen.  Langzeitkrankenstände seien an der Tagesordnung, die „Massenabfertigung“, wie Magda es nennt, tue weder den Kindern noch den Mitarbeitern gut. „Gerade Kinder aus sozial schwachen Familien, wie wir sie an unserem Standort häufiger als anderswo antreffen, bräuchten mehr Zuwendung und individuelle Förderung, damit der Schulstart gelingt“, meint die Pädagogin abschließend.

Wer zahlt, schafft an
Mit sozial schwachen Familien hat es Lisa (Name von der Redaktion geändert), die in einem Privathort arbeitet, kaum zu tun. Dafür mangelt es ihr selbst an einem: Geld. Während sich Magda und ihre Kolleginnen über ein einheitliches Gehaltsschema der Gemeinde Wien „freuen“  dürfen, lebt Lisa in prekären Verhältnissen. Verschiedene Länder und Gemeinden entlohnen ihr Kindergarten-Personal zwar höchst unterschiedlich, trotzdem zahlen sie aber weit mehr als private Erhalter.

„Ich war sehr gerne in der BAKIP (Bundesanstalt für Kindergartenpädagogik, Anmerkung der Redaktion), hab aber schnell gemerkt, dass mir die Arbeit mit den Größeren mehr Spaß macht und bin dann in den Nachmittagsbetreuungsbereich gegangen“, erzählt die 27-jährige Hortpädagogin. Je nach Wochentag und Uhrzeit betreut sie zwischen zehn und 27 AHS-Unterstufenschüler. Bei 35 Stunden pro Woche verdient sie 800 Euro im Monat. Dafür darf sie dann aber auch mittags mit den Kindern mitessen: „Nach dem Servieren, denn auch das zählt hier zu meinen Aufgaben.“

Nach dem Mittagessen wird Hausübung gemacht, Kindern vier verschiedener Schulstufen muss Lisa hier gleichzeitig helfend unter die Arme greifen. Dabei muss sie auch noch den Spagat zwischen den Anforderungen der Lehrer und Eltern schaffen. „Die Lehrer möchten, dass ich bei den Aufgaben höchstens erklärend einwirke, damit sie sehen können, wo es bei der Hausübung Probleme gegeben hat“, schildert Lisa. „Viele Eltern hingegen wollen, dass die Hausübung nach dem Hort fix fertig korrigiert ist und ohne Fehler abgegeben werden kann. Wieder andere Eltern wollen mehr Sport- und Freizeitangebote, Wandertage oder Erlebnis- und Musikpädagogik. Das Motto lautet: Wer zahlt, schafft an! Nur haben meine Kollegin und ich die undankbare Aufgabe, den Erziehungsberechtigten zu erklären, dass wir eben nur zwei Leute sind, die nicht jeden Wunsch erfüllen können.“ Häufig gebe es deswegen Beschwerden, die gleich bei Lisas Chefin landen.

„Alt werde ich in diesem Job nicht!“
Lisa ist sich sicher: „Alt werde ich in diesem Job nicht!“ Neben der geringen Entlohnung ist es vor allem der Druck der Eltern, der der Horterzieherin zu schaffen macht: „Ich kann mit 27 Kindern nicht die eierlegende Wollmilchsau spielen und jede Anforderung, die an mich gestellt wird, erfüllen!“ Dass viele Kinder in der Nachmittagsbetreuung mit den Hausaufgaben und dem Tempo der AHS heillos überfordert wären und somit einfach in der falschen Schulform säßen, machte Lisa nur einmal zum Thema beim Elternabend. „Das haben die Eltern nicht gern gehört, danach hätte mich der Schulverein fast gekündigt. Ich glaube, ich bin nur deshalb immer noch da, weil sie so schnell niemand anderen finden werden, der um 800 Euro so einen undankbaren Job macht.“

Sowohl Lisa als auch Magda sind sich einig, dass sie ihre Arbeit eigentlich gerne machen. Sie wären auch bereit, unentgeltlich mehr zu leisten, wenn es zum Wohle der Kinder wäre. „Doch im Moment gleichen viele pädagogische Tagesstätten in Österreich eher einem Aufbewahrungsort  als einer Bildungs- und Erziehungseinrichtung“, meint Magda. „Von einem international angepassten Betreuungsschlüssel von drei bis vier Personen für 20 Kinder werden wir noch lang träumen.“ In Österreich gebe es dafür zu wenig BAKIP-Absolventen, die sich nach der Matura noch in den Kindergarten oder Hort stellen wollen, gibt Lisa zu bedenken. Sie blickt resigniert in die Zukunft: „Solang wir in der Öffentlichkeit immer noch als die Kindergarten- und Horttanten gesehen werden, die halt ein bisschen spielen, basteln und Lieder singen, sind unsere Demos gerade mal ein Zwergenaufstand.“

Titelbild: flickr.com/Horia Varlan

Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

1 Comment

  1. haus am bach

    30. Januar 2014 at 17:44

    Es ist skandalös, wie wenig die Arbeit von Kindergartenpädagoginnen geschätzt wird. ES ist gut, dass die gesamte Problematik einmal aufgezeigt wird!

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