Trend: Herr Sorge vs. Samy Deluxe

Samy Deluxe ist zurück! Neues? Nur Name, Aussehen und Musikgenre

Genau dieses überarbeitete Auftreten hat für eine Menge Gesprächsstoff gesorgt. „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ heißt sein aktuelles Werk, welches anlässlich des – Gott sei Dank gut überstandenen – Weltuntergangs eine Woche zuvor releast wurde. Herr Sorge versucht sich mit diesem Album in einer komplett neuen Musikrichtung, welche er „fröhliche Weltuntergangsmusik“ nennt. Vielleicht hat der Künstler damit einen neuen Trend gesetzt, wer weiß.

Foto: (c) Universal Music, Philipp Rathmer/EMI Music Germany, David Königsmann

Foto: (c) Universal Music, Philipp Rathmer/EMI Music Germany, David Königsmann

Verschwörungstheorien und das eigene Ding
Der neue Charakter entstand nach Fertigstellung des Albums SchwarzWeiss, erzählt Herr Sorge im Interview mit 16bars. Das Projekt entwickelte sich in eine komplett andere Richtung als geplant, sodass es falsch gewesen wäre „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ unter dem Namen Samy Deluxe herauszubringen, zumal er es sich dadurch vermutlich mit den eingefleischten Hip-Hop Fans verscherzt hätte. „Ein Künstler muss sich weiterentwickeln, er kann nicht jahrelang das gleiche machen“, ist Herr Sorge sich sicher. Es bedarf gewissen Mutes, sich aus den Zwängen der Klischees zu befreien und „sein Ding“ zu machen. Herr Sorge hat da seine eigene Ansicht: „Ich finde es wichtiger, dass ich immer das mache, wonach ich mich gerade fühle. Nur weil ein paar 15-jährige Hip-Hopper sagen ‚Herr Sorge ist schwul, weil er sich schminkt‘, will ich nicht in ein paar Jahren zurückblicken und mir denken: Wieso habe ich dieses Projekt damals nicht durchgezogen?“

Geburt von Herr Sorge
Samy Sorge (nein, der Name Herr Sorge kommt nicht aus dem Nichts) erzählt im Interview mit 16bars, dass er für sein Vorhaben ganz tief in seine Fantasiewelt eingetaucht ist und inmitten eines Sorgenblumenfeldes unter einer Trauerweide den kleinen Herrn Sorge fand. Der Künstler besitzt schon seit seiner Geburt ein melancholisches Gemüt. Er ist schließlich in seiner frühen Jugend einem Wanderzirkus beigetreten, denn er wollte unbedingt ein Clown werden – ein Unterhalter, der die Menschen von ihren Sorgen befreit. Im Laufe der Jahre verwirklichte sich sein Traum und er wurde schließlich zum „Starclown“. Es gab nur einen Nachteil: Die Sorgen, die der Unterhalter den Leuten nahm, sammelten sich in seiner Seele. Daraus entstand, so kann man sagen, ein depressiver Clown. Um diese Sorgen besser zu verarbeiten, begann der Künstler, seine Gefühle in Gedichten und Liedern auszudrücken.

Passend zu seiner inneren Gefühlswelt ist auch sein Style sehr ungewöhnlich. Manche finden, Herr Sorge sähe Captain Jack Sparrow zum Verwechseln ähnlich. Auch der Pirat greift ins Schminktäschchen, hat lange Haare und einen Bart und kleidet sich sehr verrückt. Die anderen erinnert Herr Sorge und seine Fantasiewelt eher an „Alice im Wunderland“ von Tim Burton. Man merkt, dass sich der Künstler in diesem Charakter sehr wohl fühlt und die Rolle 1a spielt. Denn abgesehen von seinem Aussehen, drückt sich Herr Sorge sehr adäquat und niveauvoll aus und bevorzugt es, gesiezt zu werden. Dieses Verhalten und somit die Rolle, soll sich ganz klar vom Rapper Samy Deluxe abgrenzen. Man könnte auch meinen, dass dieses Projekt seine Weiterentwicklung beziehungsweise seine persönliche Entfaltung darstellt.

Bild: (c) David Königsmann

Foto: (c) Universal Music, Philipp Rathmer/EMI Music Germany, David Königsmann

170-Grad-Wendung
Die Musik auf dem Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“  ist um 170-Grad das Gegenteil von dem, was Samy Deluxe gemacht hat. Die zehn Grad Abzug gelten dem Rap, welchem der Künstler auch hier vereinzelnd treu geblieben ist. Leider unterstützt ihn „Autotune“ viel zu oft, obwohl Herr Sorge gesanglich gar nicht so schlecht unterwegs wäre. Den Sound beschreibt Universal Music folgendermaßen: „Musikalisch treffen dunkle Beats auf sphärischen Gesang und zerrende Synthesizer auf melodische Geigen- und Bläser-Arrangements.“ Für alle, die mit dieser Aussage eher wenig anfangen können, reicht diese Kategorisierung: düsterer aber fröhlicher Weltuntergang. Die Texte sind sehr gesellschaftskritisch, aber diesen Umstand ist man bereits von Samy Deluxe gewöhnt.

Songs wie „Zukunft Vorbye“, „Idiokratie“ und „Amnesie International“ lassen hören, dass Herr Sorge der Meinung ist, dass sich die Menschheit selbst zu Grunde richtet. Auch wenn der Künstler persönlich nicht daran geglaubt hat, dass die Welt am 21.12.2012 untergeht, geht er davon aus, dass, wenn wir unser Verhalten nicht ändern, es bald dazu kommen wird. Zwischendurch lockern Gedichte von Herrn Sorge selbst oder auch von Flomega (einer der Acts, mit denen der Künstler zusammengearbeitet hat) auf, wobei diese teilweise ein bisschen verstörend wirken können. Auch bei diesem Album sollte man sich das Lyricsheftchen zur Hand nehmen, sonst verpasst man schon mal jeden zweiten Vergleich oder Witz.

Herr Sorge ist kein Samy-Fan
Auf die Frage im Interview von 16bars, welche Verbindungen zwischen Herrn Sorge und Samy Deluxe bestehen, meint dieser, dass es sich um eine künstlerische Schizophrenie handelt, die er selbst nicht kontrollieren kann. Herr Sorge ist eine Kunstfigur, die alles, wenn auch mit einem Augenzwinkern, eher negativ beäugt. Samy Deluxe hingegen feiert sich selbst und hatte eher „Alter Ego“-Projekte am Start. Interessant zu erwähnen ist, dass Herr Sorge kein Fan von Samy Deluxe ist. Er schätzt zwar, was der Rapper in den vergangenen Jahren gemacht hat und schaut sich das eine oder andere von ihm ab, aber hält sich insgesamt für den besseren Songwriter. „Während Samy Deluxe immer betont, wie großartig er sich selbst findet, schreibt Herr Sorge im Vergleich dazu, wie schlimm er alle anderen findet.“ So beschreibt der Künstler kurz und knackig das Verhältnis der beiden Figuren.

Natürlich gibt es geteilte Meinungen über Herrn Sorge. Wer sich nun durch die Kommentarliste auf YouTube scrollt, der scrollt lange. Viel Gesprächsstoff hat dieses Projekt ausgelöst. Top Comments: „wieso samy wieso??“ und „was ist mit dem passiert altha.“ Aber man liest nicht nur negatives Feedback: „..an den Rest, die die Botschaft nicht ganz verstehen können: Hr. Sorge ist leider nicht allmächtig und kann leider nicht alle dazu bewegen, über den Tellerrand zu blicken,“ oder „Die Texte sind halt nicht für jeden, weil man muss ja denken.“

Alle, die doch lieber Samy Deluxe hören, müssen sich noch etwas gedulden. Erst Ende 2013 ist wieder ein Hip-Hop/Rap-Album geplant. Auch auftrittsmäßig sieht es für Rap-Fans zurzeit schlecht aus – in nächster Zeit wird nur Herr Sorge auf der Bühne stehen. Als kleine Aufmunterung ruft man sich einfach diese kleine Wahrheit in den Sinn: „Vorfreude ist die schönste Freude.“

Titelbild: flickr.com/filedump (cc)

Barbara Tiefenbacher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.tiefenbacher[at]mokant.at

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