Gerhard Moßhammer: „Ich bin Europäer“

Foto: (c) Martin Fellner

Gerhard Moßhammer von Jugend in Aktion über EU-Skepsis und Jugendarbeitslosigkeit

Gerhard Moßhammer ist aktiv für die Jugend. Er leitet die österreichische Agentur Jugend in Aktion, die Jugendprojekte in ganz Österreich unterstützt. Jedes Jahr verteilt die Organisation 3,7 Millionen an EU-Fördergeldern. Über einem Becher Punsch sinnierte Moßhammer über Jugendarbeitslosigkeit und EU-Skepsis. Außerdem erklärte er, wie sein Programm genau funktioniert und was es mit dessen regelmäßig wechselnden Namen auf sich hat.

mokant.at: Sie sind der Geschäftsführer der österreichischen Agentur von „Jugend in Aktion“. Den meisten Menschen ist dieses Programm kein Begriff. Was macht es?
Gerhard Moßhammer: Wir sind ein EU-Förderprogramm. Das heißt, wir haben jährlich 3,7 Millionen Euro zur Verfügung für Jugendprojekte in Österreich. Was machen wir? Wir verschicken Jugendliche durch Europa, zum Beispiel mit dem Europäischen Freiwilligendienst, wir begrüßen Jugendgruppen bei Jugendbegegnungen in Österreich. Wir unterstützen europäische Jugendpolitik und Jugendinitiativen – das sind kleine Jugendprojekte. Wir unterstützen eine Vielzahl verschiedener Initiativen. Zurzeit sind das in etwa 350 verschiedene Projekte.

mokant.at: Warum ist dieses EU-Programm so unbekannt?
Gerhard Moßhammer: Naja, das mit dem unbekannt ist so eine Sache. In den Kreisen von den Nutzern ist es nicht so unbekannt. Natürlich haben wir immer das Problem, in alle Regionen Österreichs zu kommen. Aber wir haben auch auf kleinere Gemeinden Schwerpunkte gelegt, um nicht nur in den Landeshauptstädten präsent zu sein. Wir machen schon viel Werbung. Wir haben eine Regionalstruktur, dass man in allen Bundesländern direkt Infos kriegt. Ansonsten ist es natürlich im Vergleich zu Erasmus ein kleineres Programm. 3,7 Millionen Euro klingen jetzt viel, aber es ist nicht so viel wie für andere Programme zur Verfügung steht.

Es ist nicht so, dass es uns an Bewerbungen fehlt. Wir haben teilweise eine so große Nachfrage, dass wir Projekte ablehnen müssen. Aber natürlich wünschen wir uns, dass es noch bekannter wird, gerade bei jungen Menschen.  Was ich noch sagen will, ist, dass es dieses Programm zwar schon seit 25 Jahren gibt, es aber immer den Namen wechselt, während zum Beispiel Erasmus immer Erasmus geblieben ist. Jetzt heißt es „Jugend in Aktion“ vorher „Jugend für Europa“ und einmal hat es überhaupt nur Jugend geheißen. Und wie ihr vielleicht wisst, wird das nächste Programm YES Europe heißen. Das bedeutet, dass wir schon immer damit zu kämpfen hatten, dass wir ständig den Namen gewechselt haben. Damit war die langdauernde Erkennung dieses Programms nicht gegeben.

mokant.at: Was unternehmen Sie, um „Jugend in Aktion“ bekannter zu machen?
Gerhard Moßhammer: Wir arbeiten im Unterschied zu anderen Ländern mit Regionalstrukturen arbeiten. In allen neun Bundesländern gibt es Regionalstellen, meistens bei den Jugendinformationsstellen. Wir haben Arbeitsgruppen für die Öffentlichkeitsarbeit. Wir kooperieren mit der Österreichischen Regionalentwicklung, die das Programm in die Regionen trägt. Wir haben Facebook-Gruppen, eine Website, wir drucken Infomaterial, wir machen Informationsveranstaltungen und wir geben Interviews. Wir machen auch Events, wie zum Beispiel die europäische Jugendwoche. Wir unternehmen also eine Vielzahl an Sachen, um uns bekannter zu machen.

mokant.at: Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht immer neue Höchststände in Europa. Wäre es da nicht besser das Geld aus diesem Programm direkt für Arbeitsplätze zu verwenden?
Gerhard Moßhammer: Das ist auch eine schwierige Frage. Ich sage natürlich Nein, weil wir mit unserem Programm sich mit nicht formaler Bildung beschäftigen. Wir brauchen jetzt nicht nur Menschen, die gute Tischler oder Ärzte sind, sondern wir brauchen auch welche die gute Social skills haben. Es fehlt an so vielen Grundkompetenzen bei den Schülern, die die Schule verlassen. Man wird ziemlich schnell durch so einen Ausbildungs- und Schulbetrieb durchgelotst und dann hat man, im Unterschied zu früheren Generationen, nicht gleich einen Job. Und unser Programm trägt dazu bei, dass man viele Erfahrungen sammeln kann und vernetzt ist in Europa. Und das ist ein guter Beitrag, um neue Jobs zu schaffen und um Leuten die Chance zu geben sich umfassender zu bilden.

mokant.at: Laut einer neuen Umfrage sehen in Österreich nur 31 Prozent der Menschen die EU generell positiv. Warum glauben Sie sind die Österreicher so skeptisch?
Gerhard Moßhammer: Das ist schwer zu beantworten. Prinzipiell glaube ich, dass es für junge Menschen ein Fortschrittsprojekt ist. Jetzt wiederum haben wir eine Krise in der EU, zum Beispiel mit der Eurokrise. Kurzfristig ist ja die Zustimmung wieder gestiegen, weil man vielleicht gesehen hat, dass man im Verband dieses Problem besser lösen kann. Besonders Österreich geht es in dieser EU nicht schlecht. Schwierig ist allerdings die Solidarität mit den Ländern, die jetzt wirtschaftlich nicht so gut dastehen.

Und natürlich ist auch das Zusammenspiel der nationalen Interessen und der EU-Interessen auf politischer Ebene schwierig. Es heißt nicht, dass mit dem EU-Jugendprogramm jetzt alle Türen und Tore offen stehen. Man stößt da oft an Skepsis, weil manche meinen es sei zu kompliziert. Ich glaube es wäre wichtig, dass die EU bürgernäher werden würde. Denn die meisten Menschen wissen gar nicht, wer sie da in Brüssel vertritt. Zum Beispiel sehe ich kaum die österreichischen EU-Parlamentarier in der Zeit im Bild. Die wenigsten verbinden mit Europa irgendwelche Gesichter. Wir sagen auch immer, dass das unser Programm ein wichtiger Faktor ist für das Zusammenwachsen der Jugend aus ganz Europa.

mokant.at: Für viele Leute ist die EU ein weit entfernter Planet, der zwar einiges reguliert  und die Glühbirne verbietet, aber sonst nichts mit den Menschen zu tun hat. Warum ist diese Ansicht so weit verbreitet?
Gerhard Moßhammer: Erstens sind sich die Menschen nicht bewusst, wie sehr die EU-Politik auch nationale Politik beeinflusst. Für viele ist die EU auch hauptsächlich ein wirtschaftlicher Zusammenschluss, wo es einfach um Geld und um Wirtschaft geht und weniger für soziales Zusammenleben. Die EU hat verabsäumt diese anderen Aspekte in den Vordergrund zu stellen und jetzt wo es mit der wirtschaftlichen Situation nicht mehr so gut läuft, kommt das zum Vorschein. Ich glaube vor allem – und damit hat die nationale Politik auch schon zu kämpfen –, dass die Entfernung zu den Menschen sehr groß ist.

mokant.at: Haben Sie Verständnis für Leute, die fordern, dass auch die EU mehr sparen sollte?
Gerhard Moßhammer: Nein, die sollen eh sparen, aber nicht bei uns. (lacht) Das Problem mit dem Sparen, sei es jetzt beim Staat oder beim Privathaushalt, ist immer, wo man einspart. Wenn man jetzt Zuhause sagt, man spart bei der Kleidung oder beim Essen, dann ist das nicht anders als bei Budgetverhandlungen. Prinzipiell glaube ich, dass es wenig Verständnis gibt, wenn überall gespart wird. Andererseits muss man natürlich investieren, und ein Weg aus der Krise ist eben Investition in die Bildung und in die Jugend. Wenn man sich das gesamte EU-Budget ansieht, dann sind das geringe und kleine Ausgaben für die Jugend.

mokant.at: Kommen seit der Euro-Krise weniger oder mehr junge Menschen zu „Jugend in Aktion“?
Gerhard Moßhammer: Das ist eine gute Frage. Es ist ein europäisches Programm und da ist es natürlich von Land zu Land verschieden. In Spanien, wo noch mehr junge Menschen arbeitslos sind, ist es so, dass das Programm mehr Leute erreicht. Aber in der Krise wird es für Vereine, Organisationen und NGOs immer schwieriger, Projekte durchzuführen. Bei einem Jugendaustausch gibt es eine Kofinanzierung und viele haben schon für das Standardprogramm kaum genug Geld. Dann ist für solche „Extras“ kein Geld mehr übrig.

mokant.at: Wie viele Menschen nehmen jedes Jahr am Programm teil?
Gerhard Moßhammer: In Österreich erreichen wir in etwa 4.000 Menschen. Aber diese Zahl ist nicht ganz genau, da wir bei größeren Veranstaltungen natürlich nicht alle Leute erfassen können.

mokant.at: Von 2007 bis 2013 läuft „Jugend in Aktion“ als eigenständiges Programm der EU. Wie geht es dann weiter?
Gerhard Moßhammer: Momentan wird die neue Programmperiode verhandelt. Wie ich schon gesagt habe, soll das neue Programm mehrere, schon bestehende Programme zu einem zusammenfassen. Das betrifft vor allem „Jugend in Aktion“, aber auch weitere kleine Jugendprogramme, die von der EU direkt verwaltet werden. So wie es zurzeit aussieht, soll das neue Programm YES Europe heißen – YES für „Youth Education and Sport“. Innerhalb dieses Programms soll es einen eigenen Jugendstrang geben, in dem bestehenden Aktionen dabei sein sollen. Zurzeit ist natürlich noch nichts fix, aber es soll voraussichtlich zwischen den Bildungseinrichtungen mehr Kooperation geben. Wir rechnen damit, dass wir kommenden Juni den fixen Programmvorschlag bekommen werden.

mokant.at: Gehen Sie davon aus, dass gekürzt wird?
Gerhard Moßhammer: Wir hoffen natürlich, dass dieses Programm wächst. Aber die Verhandlungen laufen gerade. Wie viele meinen, soll man gerade in diesen schwierigen Zeiten in Bildung und in Jugend investieren. Wir hoffen, dass bei den Budgetverhandlungen natürlich gute Zahlen für uns herauskommen und wir rechnen damit, dass es eher ein größeres Volumen hat als jetzt.

mokant.at: Glauben Sie, dass die europäische Jugend den Glauben an ein gemeinsames Europa verliert?
Gerhard Moßhammer: Das hoffe ich nicht. Ich fände es schade, wenn Europa es nicht schaffen würde, jungen Menschen genügend Perspektiven zu geben – dass man sagt, das ist ein gutes Projekt und ich bin Europäer und möchte hier leben und arbeiten.

mokant.at: Wo sehen Sie die EU in zehn Jahren?
Gerhard Moßhammer: Ich bin ein Europäer und finde nach wie vor, dass Europa ein tolles Projekt ist. Und ich hoffe, dass Europa dort hingeht, wo sich die Interessen der Mitgliedsstaaten immer besser vereinigen.

Titelbild: (c) Martin Fellner

martin.fellner@mokant.at'
Martin Fellner ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: martin.fellner[at]mokant.at

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