Felix Wagner: „Sehe mich nicht als Politiker“

Foto: (c) Georg Marlovics

Bundesschulsprecher Felix Wagner spricht bei einem Punsch über seinen Einfluss 

Ein Bundesschulsprecher? So was gibt‘s? Was macht der eigentlich? Hat er in der Bildungspolitik etwas mitzureden? Seit dem 30. September bekleidet der Niederösterreicher Felix Wagner dieses wenig wahrgenommene Amt. Er wurde mit einer gewaltigen Mehrheit mit 95 Prozent der Stimmen gewählt. In seiner einjährigen Amtszeit will Felix der „idealen Schule einen Schritt näher kommen.“ Im Interview erzählt er von seinem Engagement, seinen Forderungen, was er von den Ideen von Bildungsministerin Claudia Schmied hält und wie viel Einfluss er wirklich hat.

Bild: (c) Georg Marlovics

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mokant.at: Seit wann bist du an Politik interessiert, wie bist du Bundesschulsprecher geworden?
Felix Wagner: Ich war letztes Jahr in der HTL Mistelbach Schulsprecher. Das Interesse wurde durch die Leute aus meiner Klasse geweckt, die mich gefragt haben, ob ich das nicht machen will. Das war für mich ein Vertrauensbeweis. Bei uns ist es so, dass sich wenige für die Schülervertretung melden, weil es viel Arbeit und ein undankbarer Job ist. Ich hab für die Landesschülervertretung kandidiert und bin zum BMHS-Landesschulsprecher (Berufsbildende und mittlere höhere Schulen, Anmerkung) gewählt worden. Und dann hab ich gedacht: Vielleicht geht ja noch mehr.

Für mich ist Schülervertretung eigentlich gar keine Politik, sondern Interessenvertretung. Ich sehe mich selbst nicht als Politiker, weil sie eher ein Image haben, an dem ich mich nicht gern orientieren möchte. Uns geht es darum, dass wir für die Schülerinnen und Schüler das Beste herausholen.

mokant.at: Du maturierst dieses Jahr, wie bringst du Schule und deine Arbeit als Bundesschulsprecher unter einen Hut?
Felix Wagner: Es ist so, als hätte man neben der Schule einen Ganztagsjob. Ich habe in den meisten Fächer unter der Hälfte Anwesenheit. Ich bin meinen Lehrern echt dankbar, dass sie mir andere Möglichkeiten bieten, damit ich zu meiner Note komme. Den verpassten Stoff muss ich natürlich zuhause nachlernen. Ich habe echt eine 100-Stunden-Woche mit der Schule und der Schülervertretung. Jedes Wochenende und jeder Nachmittag ist sozusagen ausgebucht.

mokant.at: Hat sich diese Veränderung auf deine Noten ausgewirkt?
Felix Wagner: Ja, eigentlich schon. Im Moment weiß ich es noch nicht genau, weil ich noch kein Zeugnis bekommen habe. Ich habe davor immer einen guten oder ausgezeichneten Erfolg gehabt, das werde ich dieses Jahr definitiv nicht schaffen.

mokant.at: Und das stört dich nicht?
Felix Wagner: Nein, es stört mich deshalb nicht, weil ich der Meinung bin, dass man in der Schule ist, um etwas zu lernen. Ich nehme von der Schule das mit, was ich für später brauche, mache aber nebenbei noch etwas anderes, von dem ich genauso viel, wenn nicht sogar mehr profitieren kann.

Bild: (c) Georg Marlovics

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mokant.at: Was macht ein Bundesschulsprecher eigentlich?
Felix Wagner: Wir (die Bundesschülervertretung, Anmerkung) gehen mit den Anliegen der Schülerinnen und Schüler ins Ministerium. Wir haben regelmäßig Sitzungen mit dem Bundesministerium, wo auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied anwesend ist. Dort sprechen wir unsere Forderungen aus. Zum Beispiel bezüglich der Verschiebung der Zentralmatura letztes Jahr, die wir verschieben wollten, weil die Vorbereitungen nicht gepasst haben. Meine Vorgängerin Conny Kohlmann hat eine Bürgerinitiative gestartet, wodurch es im Endeffekt, auch durch den medialen Druck, geklappt hat. Wir versuchen die Anliegen der Schülerinnen und Schüler mit Nachdruck zu vertreten. Nicht nur zu sagen: „Ja wir hätten gerne“, sondern auch wirklich am Ball zu bleiben.

mokant.at:
 Kann man davon ausgehen, dass die Anliegen realisiert werden, oder wird über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg entschieden?
Felix Wagner: Es war fast immer so, dass in den Sitzungen über die Forderungen gesprochen wurde, aber das war’s dann auch schon. Die Unterrichtsministerin war im letzten Jahr bei den Sitzungen meistens gar nicht anwesend, sondern nur Vertreter. Aber gerade die Verschiebung der Zentralmatura war ein riesengroßer Schritt, der gezeigt hat, dass wir durch unsere Initiative etwas verändern können. Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Wir haben bei unserer letzten Sitzung gefragt, ob es schon eine Lösung bezüglich der Zentralmaturavorbereitungen gibt und es wurde gesagt, dass wir noch in dieser Woche eine E-Mail zugeschickt bekommen würden. Das ist jetzt vier Wochen her. Man kann sich nie sicher sein, dass die Leute ehrlich sind.

mokant.at:
 Inwieweit hat man ein Mitspracherecht?
Felix Wagner: Es gibt kein gesetzlich verankertes Mitspracherecht, zum Beispiel ein Vetorecht in der Schülervertretung oder ein Gremium, wo wir mit abstimmen dürfen. Wir können zwar sagen, wir hätten es gerne so, aber ob es dann auch so passiert, ist eine andere Frage. Deshalb fordern wir auch schon ganz lang einen Bundesschulgemeinschaftsausschuss, in dem die Schülerinnen und Schüler ein Mitstimmrecht haben.

mokant.at: Was sind deine derzeitigen Hauptforderungspunkte?
Felix Wagner:  Einerseits das Mitspracherecht der Schülerinnen und Schüler durch einen Bundesschulgemeinschaftsausschuss. Also ein Gremium, in dem sie wirklich über Reformen mitbestimmen dürfen.

Andererseits mehr Schulautonomie: Wir möchten, dass die Direktoren der Schulen mehr Entscheidungsfreiheit über ihr Personal haben. Sie sollen Lehrer selbst einstellen und auch selber Konsequenzen ziehen dürfen. Alles sollte in der Schule selbst geregelt werden und nicht zentral. Es würde bei Weitem schneller und unkomplizierter gehen.

Der dritte Punkt, der mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist die individuelle Interessenförderung, dass möglichst jeder Schüler auf das eingehen kann, was ihn wirklich interessiert. Es gibt zahlreiche Bücher, zum Beispiel „Die Durchschnittsfalle“ von Markus Hengstschläger, die sich damit beschäftigen, dass es ganz wichtig ist, dass sich Jugendliche beziehungsweise Kinder mit dem beschäftigen dürfen, mit dem sie sich beschäftigen wollen. Deshalb war meine erste Forderung auch, dass es in der Schule weniger darum gehen sollte, Schularbeiten beziehungsweise punktuelle Prüfungen zu schaffen, sondern vielmehr projektorientiert zu arbeiten. Es sollte die Möglichkeit geboten werden, die Hälfte aller Schularbeiten durch wissenschaftliche Arbeiten ersetzen zu können, aber nicht zu müssen. Gerade in der Oberstufe sollte man dieses Konzept umsetzen.

Bild: (c) Georg Marlovics

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mokant.at: Wie kannst du deine Ideen dann am besten umsetzen?
Felix Wagner: Alle wissen, dass das Bildungssystem nicht perfekt rennt. Aber man weiß nicht, wie man es anpacken soll. Daher ist es wichtig, dass neue Ideen kommen. Ich kann zum Teil auch nur hoffen, dass die Inputs von Leuten aufgegriffen werden, die ein gesetzlich verankertest Stimmrecht haben – im Gegensatz zu mir.

mokant.at: Viele Schülerinnen und Schüler wissen gar nicht, dass es einen Bundesschulsprecher gibt. Woran liegt das?
Felix Wagner: Die Schülervertretung ist zu wenig präsent. Was mich sehr stört, ist, dass es nach wie vor nicht im Lehrplan verankert ist, dass man über die Schülervertretung lernt. Über einen Landtag oder über eine Nationalrat lernt man ja auch, aber warum nichts über die eigene Vertretung? Das ist ein Punkt, den ich nicht verstehe. Das sollte schon in der Unterstufe gelehrt werden, denn schon da gibt es Klassensprecher. Die Schülerinnen und Schüler sollten darüber informiert werden, dass es eine Schülervertretung gibt, wie sie aufgebaut ist und auch wer die Leute sind.

mokant.at: Inwieweit decken sich deine Forderungen eigentlich mit dem, was die Unterrichtsministerin Claudia Schmied plant und macht?
Felix Wagner: Es gibt schon einige Sachen, die sich decken, zum Beispiel ist die Schulautonomie auch eine ihrer Meinungen, also dass die meisten Sachen möglichst am kleinen Standort geregelt werden. Ich würde da noch weiter gehen und wie schon erwähnt sagen, dass der Direktor die Lehrer selbst einstellen darf. Genauso was die individuelle Förderung angeht, wobei mir hier ihre Konzepte dahinter fehlen.

Ab 2018 wird es die modulare Oberstufe geben, die so funktioniert, dass semesterweise benotet wird und nicht das ganze Jahr. Wenn man zum Beispiel in der siebenten Klasse im ersten Semester in Mathe negativ ist, bleibt man nicht sitzen, sondern kann die Note mit einer Prüfung ausbessern. Da sagt Frau Schmied, dass das individuelle Förderung ist, weil jemand der in einem Fach nicht gut ist, nicht sofort wiederholen muss. Das ist im Grunde eine gute Sache, aber ich verstehe nicht, dass man nicht gleich weitergeht und sagt, man kann sich auch die Module selbst aussuchen. Aber prinzipiell vom Willen her, denke ich schon, dass wir einer Meinung sind.

mokant.at:
 Was denkst du von der Gesamtschule?
Felix Wagner: Ich denke, dass die Gesamtschule hauptsächlich ein Austausch der Türschilder wäre. Genauso wie es jetzt mit der Hauptschule passiert. Ich finde es zwar gut, dass die Hauptschulen aufgewertet werden, aber ich bin mir nicht sicher, ob es klappt. Die Hauptschule heißt zwar jetzt neue Mittelschule, aber eigentlich ist es dasselbe. Ich glaube, dass es den Schülerinnen und Schülern in den Klassen nichts bringen wird.

mokant.at: Ich möchte dich noch mit ein paar Zitaten aus der aktuellen Bildungsdebatte konfrontieren: Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl meint, dass wir in Zukunft einen Fachkräftemangel erleben werden. Wie siehst du das mit den „Maturalehrlingen“?
Felix Wagner: Ich glaube auch, dass es einen Fachkräftemangel geben wird, weil immer mehr Leute höhere Bildung erreichen. Man sollte die Lehren mehr stärken, deshalb ist das Konzept Lehre mit Matura ganz toll. Ich habe selbst, bevor ich in HTL gegangen bin, überlegt, ob ich nicht eine Lehre machen will, weil mir die Matura nicht vorenthalten wird. Dadurch gibt man den Lehrlingen auch die Möglichkeit, danach noch studieren zu gehen.

mokant.at:
 Staatssekretär Sebastian Kurz reichen neun Jahre Schulpflicht nicht. Er fordert, dass Jugendliche verpflichtend bis zum Hauptschulabschluss in der Schule bleiben, um eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Stimmst du dem zu?
Felix Wagner: Nein, ich fordere als Schülervertreter nicht mehr Schulpflicht (lacht). Man muss sich schon überlegen, welche Lösung man zum Beispiel für Schülerinnen und Schüler, die in der Hauptschule zweimal die Klasse wiederholen und dann die Schule abbrechen, findet. Aber ich glaube auch nicht, dass eine längere Schulpflicht die Lösung wäre. Ich fände es sinnvoller, dass man Konzepte schafft, um ihnen die Möglichkeit zu geben, etwa einen Lehrberuf zu ergreifen. Also dass sie doch noch an Bildung kommen.

Bild: (c) Georg Marlovics

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mokant.at: Genforscher Markus Hengstschläger fordert die Ausdehnung der Schulpflicht auf den „Abschluss der mittleren Reife – egal wie lang man dafür braucht.“ Ist das ein realistisches Ziel?
Felix Wagner: Nein, ich sehe das wieder als zusätzliche Pflicht und das ist nicht die Lösung. Ich finde das Konzept des „Interessenskompetenzcheck“ nach der vierten Klasse sehr gut. Das ist so etwas Ähnliches wie ein Berufsberatungstest, nur ausgedehnter und mit mehr Sachen zum Angreifen. Das bedeutet, nicht nur dort sitzen und Fragebogen ausfüllen, sondern auch praktisch in Berufe hineinschnuppern, damit ihnen die Möglichkeiten aufgezeigt werden, was sie alles machen können. Das würde mehr bringen, als sich noch länger der Schule zu verpflichten.

mokant.at:
 Man kann sich nur als Bundessprecher aufstellen lassen, solang man Schüler ist. Würdest du es noch mal machen, wenn du könntest?
Felix Wagner: Ich würde es sicher noch einmal ein erstes Mal machen, aber kein zweites Mal. Ich bereue es auf keinen Fall, es macht mir wirklich Spaß, aber ich glaube, dass das niemand zwei Jahre lang durchhält. Ich profitiere davon, dass ich bis zur fünften Klasse immer ein guter Schüler war. Wenn ich auch schon in der vierten Klasse die ganze Zeit nicht in der Schule gewesen wäre, hätte ich die Matura sicher nicht geschafft. Also ein Jahr ist gut – aber das reicht auch schon. (lacht)

Titelbild: (c) Georg Marlovics

Barbara Tiefenbacher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.tiefenbacher[at]mokant.at

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