Aufgeblättert: Wir sind alle gestört

„Der Korrupte Mensch“ von Maximilian Edelbacher, Christian Felsenreich und Karl Kriechbaum

Wer heute Zeitungen liest, beginnt an der Menschheit zu zweifeln. Grasser hier, Mensdorff dort – kein Tag vergeht mehr ohne eine skandalträchtige Enthüllung. Selbst der Bundeskanzler scheint verstrickt in zwielichtige Geschäfte zu sein, von Urvertrauen in die Politik ist keine Rede mehr. Wo sind sie nur, die supersauberen Politikerinnen und Politiker? Vielleicht gab es die überhaupt nie. Und wir kommen erst jetzt dahinter.

Zwar sind nicht unbedingt alle Menschen schlecht, doch einige fallen leichter als andere. Warum das so ist, versucht ein neues Sachbuch zu klären: „Der korrupte Mensch“ wirft laut Untertitel einen psychologisch-kriminalistischen Blick auf menschliche Abgründe. Die drei Autoren Maximilian Edelbacher, Christian Felsenreich und Karl Kriechbaum schöpfen dabei aus ihrer langjährigen Berufserfahrung in der Kriminalistik (Edelbacher), der Psychotherapie und im Wirtschaftscoaching (Felsenreich und Kriechbaum).

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Foto: (c) Hans-Georg Eilenberger

Wer ist schuld? So gut wie alle
Das Problem mit der Korruption: Es gibt mindestens so viele Definitionen von ihr wie Leute, die über sie schreiben. Die Lehrerin benotet einen Schüler schlecht, weil sie ihn nicht leiden kann: Ist sie korrupt? Ja, sagt der Psychotherapeut Kriechbaum. Sein Autorenkollege Edelbacher definiert korruptes Verhalten ganz anders und konzentriert sich auf  die Wirtschaftsmafia und bestechliche Polizisten.

Überhaupt setzen die drei Autoren sehr unterschiedliche Schwerpunkte. Das war wohl auch Sinn der Sache, aber die Antwort des Buches auf eine seiner Kernfragen fällt dadurch sehr beliebig aus: Wer ist schuld an der Misere? Kein Zweifel: die Mafia. Und der Kapitalismus. Obwohl: Der Kommunismus ist auch nicht viel besser. Und als Menschen sind wir überhaupt alle gestört.

Beschwörung der Wirtschaftsapokalypse
In dem Potpourri aus Kritik und Aufklärung kommt der Kapitalismus besonders schlecht weg. Stellenweise liest sich das so, als wollte da jemand mit der Faust auf den Tisch schlagen. Für Christian Felsenreich ist das aktuelle Wirtschaftssystem Monopoly in echt: Zu Geld kämen nur ein paar Reiche, der Rest werde abgezockt; das Primat der Finanzmärkte höhle die Demokratie aus; der Abstieg in die Diktatur sei quasi vorprogrammiert. Das kann man glauben oder auch nicht, mit seiner Beschwörung der Wirtschaftsapokalypse trifft Felsenreich aber sicher den Nerv der Zeit.

Der Fehler steckt im Kopf
Vielleicht ist das System falsch, doch der wahre Fehler steckt in unseren Köpfen. Sagt zumindest die Psychoneuronalogie, die psychische und neuronale Prozesse zusammen betrachtet. Ein Satz, der so oder so ähnlich immer wieder auftaucht: „Korruptes Verhalten ist das Resultat bestimmter Persönlichkeitsmerkmale, der gegebenen Umstände und Ereignisse sowie der aktuellen seelisch-körperlichen Verfassung.“ Warum tut die Lehrerin von oben das Falsche? Wahrscheinlich kann sie nicht anders, denn wie wir alle erledigt sie ihr mentalesDaily Business über fest eingelernte Programme.

Dann wäre da noch die lange der Liste der menschlichen Bedürfnisse: Nahrung, Sex, Entspannung, Schutz, Selbstverwirklichung und vieles mehr. Wer ein Bedürfnis nicht befriedigen kann, versucht den Mangel über Umwege zu kompensieren. Psychische Störung entstehen, Betroffene mit niedrigem Selbstwert entwickeln häufig einen Führerkomplex. Ein paar Narzissten und Soziopathen an der Spitze und voilà: Fertig ist die korrupte Gesellschaft.

Fazit
Der einzige Ausweg wäre wohl gratis Psychotherapie für alle, denn so gut wie niemand läuft störungsfrei. Nicht zuletzt wegen vieler ähnlicher Ideen kann „Der korrupte Mensch“ als Paket nicht recht überzeugen. Zu wenig Fakten, zu bunt zerwürfelt die Beiträge, zu konzeptlos die Ausführung. Eine Empfehlung gibt es für Hobbypsychologen und Fans von Max Edelbacher, der die Praxis der Korruptionsbekämpfung beschreibt. Außerdem haben die Autoren aus Zeitungsartikeln und persönlichen Anekdoten einige Korruptionsaffären der letzten Jahre rekonstruiert – gut zum Nachschlagen und manchmal ungewollt amüsant. Allein die Vorstellung vom wutschnaubenden Hans-Peter Martin mit der Hand im Schritt: einfach zu gut.

Die Rezension schrieb Hans-Georg Eilenberger

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