Film/riss: The Way

Filmriss Pro und Contra: „The Way“, Drama, USA, 2010

© Luna Filmverleih

Foto: © Luna Filmverleih

Ein Vater und ein Sohn, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie trennen sich im Streit. Der Sohn stirbt im Zuge seiner Weltreise am Jakobsweg. So weit, so bekannt wirkt der Plot, hat es die Filmindustrie doch in den letzten Jahrzehnten immer wieder geschafft ähnliche Szenarien in massentaugliche Produktionen zu verwerten. So nimmt sich auch „The Way“ von Emilio Estevez diesem Tragikthema an.

Tom (gespielt von Martin Sheen) erfährt von seinem Sohn Daniel (Emilio Estevez), er wolle auf den Abschluss seiner Doktorarbeit verzichten und die Welt sehen. Für Tom ist der Schritt seines Sohnes nicht nachvollziehbar und so trennen sich ihre Wege am Flughafen unversöhnlich. Eines Tages erreicht Tom die Nachricht von Daniels Tod beim Versuch, den Jakobsweg zu bestreiten. Die Heimholaktion wird zu einem Selbsterfahrungstrip unter tragischen Voraussetzungen und mitunter ungünstigen Ereignissen.

Tom beschließt die Asche seines Sohnes am Weg nach Santiago de Compostela zu verstreuen und erfährt in dieser Zeit mehr über sich, sein Leben und seine Beziehung zu Daniel als ihm zu Beginn der Geschichte überhaupt klar war. Wild entschlossen und ohne Vorbereitung macht sich Tom auf den Weg; auf eben diesem ergeben sich Bekanntschaften, die eine oder andere Skurrilität und ein Abschluss, der einen neuen Anfang darstellt. Tom hat seinen Sohn am Jakobsweg verloren. Aber genau dort kommt er ihm so nah wie noch nie.

Pro: Vermittlung der Worte
Während mit „The Way“ die Karriere von Martin Sheen (geborener Ramón Antonio Gerardo Estévez; Anmerkung) weiter zu gehen scheint wie bisher, hat man von seinem Sohn Emilio schon lange nichts mehr gehört. Seine schauspielerische Karriere beschränkte sich bis dato auf die 80er- und 90er-Jahre mit Auftritten in den „Lethal Weapon“-Persiflagen „Loaded Weapon“ und „Men at Work“. Bekannt geworden ist Estevez durch die „Mighty Duck“-Verfilmungen, die heute noch im Sonntagsnachmittagsprogramm eher quotenschwacher deutscher Privatsender laufen.

Mit dem Film „Bobby“ machte Estevez 2006 wieder auf sich aufmerksam – diesmal allerdings hinter der Kamera. Die Kritik sowie der Erfolg waren verhalten positiv und sogar die eine oder andere Auszeichnung stellte sich ein. Dieses kleine Ausrufezeichen galt es zu bestätigen. Mit „The Way“ es das nun sichtlich gelungen.

So aufregend oder unaufregend die Story klingt, so annehmbar ist sie. Damit ist nicht nur die Zugänglichkeit im popkulturellen Sinn gemeint, sondern auch die Möglichkeit des Publikums, eigene Gedanken und Ideen zu entwickeln. Manche Aussagen im Film schaffen es, einen bis ins Tiefste zu erreichen – so plump, abstrakt oder allgemein bekannt sie auch sein mögen.

Das kann an der Mischung aus Bildsprache, traumhafter musikalischer Untermalung und den Dialogen liegen. Vielleicht aber auch, weil in der heutigen Zeit das Rezitieren von Selbsthilfebüchern genügt, um sein psychisches Seelenheil wieder in Einklang zu bringen. Der eine oder andere Satz erinnert dann tatsächlich an die einschlägige Ratgeberliteratur. Auch die Mischung aus Wut und Traurigkeit, die Martin Sheens Gesicht über weite Strecken des Films zeichnen, fördert die Vermittlung der Handlung.

Es soll hier nicht für den spirituellen Mehrwert einer Pilgerreise am Jakobsweg Werbung gemacht werden, sondern für das Sich-überwinden und Sich-auf-etwas-einlassen. Es geht um Herausforderung und Sehnsucht sowie den Gedanken, sich für etwas Zeit zu nehmen, das genau jetzt passieren muss. Diesen metaphysischen Zugang vermittelt eben nicht nur Religion, sondern auch eine Bildwelt über ein fernes Land, ein intensives philosophisches Gespräch oder das Sich-einlassen auf seine Umwelt. Genau das ist das Thema von „The Way“.

Kontra: Ein Spaziergang um den Häuserblock
So viel Positives man hineininterpretieren kann und auch vermittelt bekommt, so sehr folgt „The Way“ einer klassischen Struktur. Dies wird vor allem durch das (quasi) Happy End sowie die konventionelle Persönlichkeitsentwicklung der Hauptcharaktere unterstrichen.

Manche Dialoge wirken hölzern, wenn nicht sogar willkürlich eingeführt und aus der Luft gegriffen. Natürlich liegen zwischen den einzelnen Gesprächen kilometerlange Märsche, doch gerade das kommt im Film nur bedingt zum Ausdruck. Das macht es auch schwer zu verstehen, warum sich die Gruppe und die Beziehung der einzelnen Personen zueinander so „schnell“ verändern.

Mit einem ausgereifteren Drehbuch und einem ausgeprägten Hang zum Detail wäre dieser Film, im Gegensatz zu den Figuren, irgendwo angekommen. So handelt es sich nur um einen weiteren Neubeginn.

Rezension von Harry Stoiber
Titelbild: (c) Luna Filmverleih

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