Pussy Riot: „Putin hat verloren“

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Die nicht inhaftierten Mitglieder von Pussy Riot sprechen im E-Mail-Interview über den Prozess

Seit ihrem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale, bei der sie die Gottesmutter darum baten, Russland von Wladimir Putin zu befreien, sitzen drei Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot in Untersuchungshaft. Am Montag, den 30. Juli, hat der Prozess gegen sie begonnen: Sie werden wegen „Rowdytums aus religiösen Motiven“ angeklagt. Die Verfolgung durch die Justiz machte die Frauen international bekannt und führte zu einer breiten Welle der Unterstützung; Kritiker befürchten einen politischen Schauprozess. In den letzten Tagen hat sich auch Wladimir Putin für ein mildes Urteil ausgesprochen. Bereits im Mai gaben die nicht inhaftierten Mitglieder der Band mokant.at ein exklusives Interview. Jetzt nehmen sie per E-Mail noch einmal zu den jüngsten Ereignissen Stellung.

mokant.at: Zu Wochenbeginn startete der Prozess gegen drei Mitglieder von Pussy Riot. Stehen sie tatsächlich wegen Rowdytums vor Gericht oder wegen ihres politischen Protestes?
Pussy Riot: Sie sind deswegen vor Gericht, weil unsere Gruppe möchte, dass unser Land progressiv ist, anstatt konservativ zu sein.

mokant.at: Wenn der Prozess tatsächlich aus politischen Gründen geführt wird, warum hat man die Frauen dann nicht schon früher verhaftet? Pussy Riot kritisiert Wladimir Putin ja schon lange.
Pussy Riot: Nach unserem Auftritt am lobnoje mesto (befindet sich auf dem Moskauer Roten Platz; Anmerkung der Redaktion) hat man begonnen, uns genauer zu beobachten. Der Auftritt in der Kathedrale hat den Anlass für die Verhaftung gegeben, da es jetzt einen angeblich religiösen Kontext gibt.

mokant.at: Die Anwältin der Klägerseite Larisa Pavlova sagt, beim Prozess gehe es nicht um Politik, sondern um „Rowdytum aus religiösen Motiven“. Hat sie völlig Unrecht?
Pussy Riot: Völlig. Die Klägerseite benutzt die Religion für ihre eigenen Zwecke. Es ist ihr sehr wohl bewusst, dass der Prozess politisch ist, auch wenn der Name Putin nie offen genannt wird.

mokant.at: Welche Rolle spielt die russisch-orthodoxe Kirche in diesem Prozess?
Pussy Riot: Sie wird benutzt. Aber sie wissen nicht, wo sie hineingeraten sind: Das, was Kafka, Dante oder Gogol beschreiben, haben wir jetzt hier, im Jahr 2012.

mokant.at: Wie viel politische Macht hat die russisch-orthodoxe Kirche?
Pussy Riot: Wir haben keine weltliche Gesellschaft, daher ist die Macht der Kirche grenzenlos.

mokant.at: Bei Gericht haben die angeklagten Frauen gesagt, dass sie mit ihrem Auftritt moralisch falsch gehandelt haben. Seid ihr derselben Meinung?
Pussy Riot: Die Frauen haben gesagt, dass sie sich bei den Menschen entschuldigen, deren Gefühle verletzt worden sind. Das ist so, das sehen wir genauso: Wir wollten niemals Menschen beleidigen oder kränken.

mokant.at: Bereut ihr euren Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale?
Pussy Riot: Nein.

mokant.at: Habt ihr keine Angst davor, dass man euch auch festnehmen könnte?
Pussy Riot:  Wenn du in einem solchen Staat lebst, verstehst du, dass du jederzeit ins Gefängnis kommen könntest, und das ohne Grund. Der Staat opfert das Leben von Menschen, um bestehen zu bleiben. Wir haben keine Angst mehr; unsere Sicherheitsvorkehrungen sind minimal. Es ist jetzt sowieso bekannt, wer wer ist; unsere Telefone werden abgehört, die Post geöffnet.

mokant.at: Die Zeitschrift „The Observer“ hat euch eine Titelgeschichte mit dem Titel „Kann Pussy Riot Putin bezwingen?“ gewidmet. Wie würdet ihr diese Frage beantworten?
Pussy Riot: Ja, Pussy Riot wird es gelingen. Putin hatte schon zu dem Zeitpunkt verloren, als er die Justiz eingeschaltet hat.

mokant.at: Im Interview mit dem „Guardian“ habt ihr gesagt, dass Putin Angst vor euch hat. Warum denkt ihr das?
Pussy Riot: Man sieht es an seiner Reaktion. Aber prinzipiell kämpfen wir nicht gegen Putin, sondern gegen das, was er mit dem Land macht. Den Platz des Diktators wird ein Diktator einnehmen.

mokant.at: Auf eurem Blog schreibt ihr, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, bis Putin die Länge der Haftstrafe nennt, die er für das „Punk Gebet“ bemessen hat. Ist alles schon entschieden?
Pussy Riot: Dass alles schon entschieden ist, sagt man nicht so gerne.

mokant.at: Hängt die Zukunft von Pussy Riot davon ab, wie das Urteil ausfällt? Wie wird es weitergehen?
Pussy Riot: Wir warten das Urteil ab – und werden weitermachen.

Titelbild: Pussy Riot

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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