Erotik-Masseurin: „Ich verkaufe meinen Körper …“

„ … aber nicht mehr meinen Geist“: Erotik-Masseurin Eva erzählt von ihrem Arbeitsalltag

Wer ihre Wohnung betritt, wird bereits im Vorzimmer von allerlei Düften willkommen geheißen. An der Wand ist ein kleines, dezentes Holzregal mit dunklen Fläschchen befestigt. „Das sind ätherische Öle“, erzählt Eva (Name von der Redaktion geändert, Anmerkung), eigentlich Pädagogik-Studentin, die seit vier Jahren ihr Geld mit Erotikmassagen verdient. „Jeder Kunde darf sich sein eigenes Öl aussuchen. Ich habe sie selbst gemischt und für Stammkunden kreiere ich eigene Kombinationen, von denen ich denke, dass sie ihr Wohlbefinden steigern können.“ Ich bekomme nach einem interessierten Blick ein Zitrus-Vanille-Zimt-Fläschchen in die Hand gedrückt und setze mich auf einen gemütlichen Korbsessel im Wohnzimmer. Nach einem kurzen Riecher an der Duftkombination muss ich überrascht feststellen: Das passt zu mir – besser  hätte ich es selbst gar nicht aussuchen können.

„Normalerweise frage ich Neukunden an dieser Stelle, was sie von einer Erotikmassage erwarten und erkläre, wie das bei mir so abläuft, dann schicke ich sie duschen“, erzählt Eva munter drauf los. Ich bekomme statt der Dusche einen Yogi-Tee und im Laufe dieses Vormittags ein paar interessante Einblicke in das Leben einer Person, zu der das Wort „Prostituierte“ so gar nicht passen will – obwohl sie mit ihren Kunden manchmal auch Sex hat. Auch Eva selbst hält nicht viel von dieser Berufsbezeichnung und den damit verbundenen Klischees.

Als sie mir dicke Socken für meine nackten Füße bringt und so ganz nebenbei fragt, was ich denn so alles wissen will, meine ich, ohne dabei auf meine vorbereiteten Interviewfragen zu schauen: „Ja, wie läuft das denn bei dir so ab?“ Es ist schon jetzt wie ein gemütlicher Teeplausch – wie ein Nachmittag bei einer Freundin. Ich beschließe also, dass ich den Zettel mit den Fragen nicht mehr brauche.

Höhepunkt inkludiert, Sex nicht
„Also, nach dem Erstgespräch und der Dusche bekommt jeder Mann einen Baumwollkimono oder ein großes Tuch, in das er sich wickeln kann – je nach Vorliebe und was gerade frisch gewaschen ist.“ Eva deutet auf einen kleinen Holzschrank, danach begleite ich sie ins Massagezimmer. Der kleine Raum erinnert ein wenig an Tausendundeine Nacht. Er ist in einem abgedunkelten Fuchsiafarbton gestrichen; am Boden befindet sich eine übergroße gemütliche Matratze, die mit einer orientalischen Decke bezogen und Platz für unzählige bunte Polster ist. Ein Dimmer und Kerzen sorgen hier abends für angenehmes Licht.

Auch einige Massage-Accessoires sehe ich in einem gemusterten Körbchen neben dem Bett: große, verschiedenfarbige Federn, Seidentücher, eine Augenmaske und ein rundes kleines Kartonbehältnis mit der Aufschrift „Honeydust“ – zartes Puder, das man mit einem beigepackten Federpinselchen auftragen und dann von der Haut ablecken kann. „Nur zu behaart darf der Mann dazu nicht sein“, lacht Eva, „sonst muss ich die Haare im Anschluss wie eine Katze wieder hochwürgen.“ Generell entscheidet in erster Linie sie und erst dann der Kunde, welche Accessoires aus dem Korb zum Einsatz kommen. Auch sonst gilt für die Studentin eine klare Grenze, die sie den Herren bereits vor der Massage mitteilt: Alles kann, nichts muss.

Soll heißen, die Massage des Geschlechtsteils bis zum Höhepunkt ist inkludiert, Eva selbst entscheidet, ob es im Zuge dessen auch zu Oral- und/oder Geschlechtsverkehr kommt. Das Kondom ist dabei Pflicht und wird auf keinen Fall diskutiert. „Die Männer sind bei der Erotikmassage in der Regel sehr passiv; sie empfangen die Berührungen und Streicheleinheiten und auch der Verkehr wird zumeist passiv genossen.“ Eva ist also die Handelnde.

„Kann mir Menschen aussuchen, mit denen ich arbeite“
Was als Möglichkeit zur Finanzierung des Studiums gedacht war, wurde für Eva bald zur Leidenschaft. „Ich mache meinen Job sehr gerne. Früher habe ich als ungelernte Kraft in einem Büro gearbeitet. Nachdem ich gekündigt wurde, wurde ich von einer Leihfirma von einem Einsatzort zum anderen geschickt. Bezahlung und Behandlung waren teilweise unter jeder Kritik. Ich bin mir damals vorgekommen wie eine Leibeigene. Irgendwann hat das Studium sehr darunter gelitten, ich kam einfach nicht weiter und ich hatte alle möglichen psychosomatischen Erkrankungen. Nun verkaufe ich meinen Körper, aber nicht mehr, wie damals, meine Seele, meinen Geist“, ist die 34-Jährige überzeugt. Und weiter: „Ich kann mir nun die Menschen aussuchen, mit denen ich arbeite. Hingegen aller Vorurteile, die man meiner Berufsgruppe gegenüber hegt, suche ich mir meine Kunden sehr wohl aus; die werden dann sehr oft zu Stammkunden.“

Die Männer, die ihr beim telefonischen Erstkontakt unsympathisch seien, würde sie gar nicht erst in ihre Massagepraxis lassen. Denn die Freiheit zu wählen, mit wem sie Kontakt hat, ist Eva wichtiger als alles andere. Daher würde sie auch nie in einem Massagesalon arbeiten wollen.

Verrechnet wird nach Zufriedenheit
Die Kosten für eine Erotikmassage betragen 120 Euro. Ein stolzer Preis, wie ich finde – zumal man nie weiß, wie das Vergnügen ausgeht. Ich versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Eva bietet dabei ein besonderes Extra an: Sie verrechnet nicht nach Stunden, sondern nach Zufriedenheit. „Ich habe mich bei einer erfahrenen Freundin, die sich intensiv mit Tantra (indische Lehre, die sich mit der Kunst  der Berührung beschäftigt, Anmerkung) befasst, in der Massagekunst ausbilden lassen. Bei ihr habe ich gelernt, dass körperliche und besonders sexuelle Begegnungen etwas ganz Besonderes sind, die eine Vor- und Nachbereitung brauchen. Zeitstress wäre da fehl am Platz. Und auch wenn ich nicht mit jedem Kunden Verkehr habe, möchte ich doch, dass dieser mich zufrieden verlässt – nein, dass wir beide zufrieden auseinander gehen. Das kann ich, denke ich, auch ganz gut vermitteln, weshalb die meisten Männer wieder kommen. Für einige werden diese Kontakte zum fixen Bestandteil ihres Terminkalenders.“

Aber stressen lasse sie sich nicht: „Ich habe nie mehr als drei Klienten am Tag und Termine werden immer einige Tage vorher ausgemacht; so einfach vor der Tür braucht mir keiner stehen!“ Deshalb hat Eva auch alle Inserate gelöscht, die einmal von ihr geschalten wurden. Sie lebt von ihren Stammkunden und der Mundpropaganda. Häufig kämen Herren, die von bereits bestehender Massagekundschaft geschickt würden. „Männer reden scheinbar miteinander über käuflichen Sex, Frauen denke ich nicht, weshalb auch noch keine in meiner Praxis war. Schade eigentlich“, bedauert sie lachend. Finde ich auch, denn darüber hätte ich gerne mehr gewusst.

Keine Scham
„Ich schäme mich nicht für das, was ich tu, aber andere Menschen würden es“, antwortet die zierliche Blonde auf meine Frage, warum sie eigentlich anonym bleiben möchte. „Ich komme ursprünglich aus dem ländlichen Umfeld. Ich bin seit bald fünfzehn Jahren in Wien, aber meine Eltern und Verwandten leben immer noch am Land. Würde dort einer erfahren, womit ich in der Stadt mein Geld verdiene, wäre das sehr unangenehm für sie. Es ist mir lieber, dass sie nichts wissen und so soll es auch bleiben.

Doch es gibt noch einen Grund: Mit der Anmeldung ihres Gewerbes und der damit verbundenen Steuerpflicht nimmt die Studentin es nicht so genau. „Ich habe in meinem Leben nie auch nur eine Beihilfe von unserem Sozialstaat gesehen oder bezogen. In Zeiten, in denen ich trotz Berufstätigkeit kaum genug zum Leben hatte und daneben noch die Studienberechtigungsprüfung ablegte, wurde mir jede Unterstützung verwehrt. Das war damals sehr hart. Seit ich fünfzehn bin, habe ich meine Existenz immer selbst gesichert. Ich liege dem Staat nicht auf der Tasche, warum er also mir?“

Zukunftsaussichten
Was sind Evas Wünsche für die Zukunft? „Gerne würde ich noch mein Studium im alten Diplomstudiengang beenden, ob sich das allerdings ausgeht, bleibt dahingestellt“, beantwortet sie meine Frage. Einen typischen „Nine to five“-Job würde sie nach dem Abschluss allerdings nicht mehr annehmen. „Ich war lange genug Sklavin der sogenannten Arbeitswelt“, meint sie.

Auch zum Thema Partnerschaft hat die Erotikmasseurin ihre ganz eigenen Ansichten: „Mir geht es gut; um meine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen, muss ich nicht nach irgendeinem Bürojob noch in stinkenden Bars und Discos rumhängen, um mich von Betrunkenen ansprechen zu lassen. Doch wenn mir ein fester Partner fehlt, und das kommt öfter vor als mir lieb ist, denke ich daran, dass fast die Hälfte meiner Kundschaft einen Ehering trägt …“

Titelbild:  flickr.com/Thomas Wanhoff

 

Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

2 Comments

  1. Reichend

    15. November 2015 at 14:18

    Als introvertierter und sexuell komplett unerfahrenger junger Mann, der sich sowohl danach sehnt, angenehme und erotische Berührungen / Massagen zu empfangen und zu geben, wirkt diese Beschreibung sehr beeindruckend.

    Ein Tausch der „Dienstleistungen“ wäre mir zwar lieber, ist aber außer Reichweite für mich. In dieser Form würde ich auch gerne dafür zahlen. In Kontaktanzeigen kann ich aber leider keine Masseurin finden, die eine ähnliche Qualität wie „Eva“ zu haben scheint. Freue mich über Hinweise als Antwort hier oder Email an lolru5@yahoo.com.

  2. Nicole Schaller

    29. Februar 2016 at 00:40

    Mein geliebter Freund hat das Borderlinesyndrom. Könnt ihr uns helfen?
    Mit freundlichen Grüßen

    XXX

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