Marinaleda: Eine Utopie?

In Marinaleda bestimmen alle gemeinsam die Zukunft. Zumindest auf den ersten Blick.

In der kleinen Halle haben sich etwa zweihundert Menschen versammelt. Es sind ältere Frauen und Männer in einfacher Arbeitskleidung. Ihre Hände sind groß und kräftig, ihre Gesichter faltig und von der Sonne gebräunt. Sie sitzen auf den kleinen Klappstühlen, die sorgsam aufgereiht in Richtung des Rednerpultes stehen. Sie unterhalten sich ausgelassen. Der ein oder andere wirft zwischendurch schon einen Blick auf die Tribüne. Sie wissen, dass dort gleich Jose Manuel Sanchez Gordillo erscheinen wird. Ihr Bürgermeister. Er wird ihnen sagen, was zu tun ist. Er hat es die letzten 40 Jahre gewusst. Er wird es auch heute wissen, wenn sie über die nächste Regierung Andalusiens entscheiden sollen.

Foto: (c) Michel Mehle

Der sozialistische Traum
Als der Bürgermeister die Bühne betritt, wird es langsam ruhig im Saal. Er hat sich in den Farben seines Dorfes gekleidet. Rot steht für den Sozialismus. Weiß für den Frieden und Grün für die Hoffnung auf eine bessere Welt. Er stellt sich vor das überdimensionale Wandgemälde, das sich hinter dem Rednerpult von einer Seite zur anderen erstreckt. Es zeigt den Marsch der Arbeiter auf „El Humoso“. „Der Rauchige“ ist ein 1.200 ha großes Stück Land, das Sanchez Gordillo damals mit eben diesen Dorfbewohnern besetzt und schließlich gewonnen hatte. Damit hatte alles begonnen. 1980, als ihm 700 Menschen durch die Hitze Andalusiens zur Finka des Großgrundbesitzers „Duque de Infantado“ folgten. Sie besetzten die leerstehende Finka und traten in einen Hungerstreik. Sie machten damit auf die schändlichen Arbeitsbedingungen auf den Feldern der Großgrundbesitzer aufmerksam, unter denen Marinaledas Bewohner litten. Die Alten erinnern sich noch gut an diese Zeit. Hunger war an der Tagesordnung. Bildung gab es keine. Sanchez Gordillo hatte es sich in den Kopf gesetzt, das zu ändern.

„Sie werden uns Terroristen nennen“
Arbeit sollte nicht mehr dazu dienen, Einzelne auf Kosten Vieler zu bereichern. Arbeit sollte ein Grundrecht des Menschen sein. Für alle zugänglich und in Würde. Über 10 Jahre kämpften die Bewohner Marinaledas für dieses Ziel. Sie marschierten ein ums andere Mal nach „El Humoso“. Auch dann, wenn die Guardia Civil, die Spanische Polizei, versuchte sie mit Knüppel in ihr Dorf zurück zu prügeln. Schließlich schafften sie es. 1991, als die Sowjetunion zusammenbrach, gab die Regierung Andalusiens nach, kaufte dem Duque das Land ab und übergab es der Bevölkerung von Marinaleda. Wenn die Alten davon erzählen, spiegelt sich Stolz in ihren Gesichtern. Das Gemälde vom Marsch auf „El Humoso“ ragt jetzt wie ein Symbol alter Kraft hinter dem Bürgermeister hervor. Jetzt, als er wieder um ihre Stimmen kämpft. Es ist derselbe Kampf wie damals. Auch die Feinde sind dieselben geblieben: „Sie werden uns Terroristen nennen, weil wir nicht für die Schulden der Banken bezahlen wollen! Die Sozialdemokraten spielen dieses Spiel mit, weil auch sie Kapitalisten sind! Deswegen dürfen wir keine Regierung mit ihnen bilden. Und deswegen will ich jetzt eure Meinung hören: Die Leute, die glauben, dass die Vereinigte Linke nicht mit den Sozialdemokraten regieren darf, heben jetzt die Hand!“ Unter den gemalten Arbeitern von „El Humoso“ erhebt sich ein Meer aus Händen. „Gegenstimmen?“ Keine.

Ein möglicher Weg aus der Krise
Das Dorf, das gerade gegen eine Regierung der Linken mit den Sozialdemokraten in Andalusien gestimmt hat, ist fast in ganz Spanien bekannt. Sie vergleichen es mit dem Dorf von Asterix und Obelix, das seine Lebensweise gegenüber einer fremden Umgebung verteidigt. Nur, dass sich hier statt Galliern und Römern, Kommunisten und Kapitalisten gegenüberstehen. Für viele ist Marinaleda ein Symbol für einen anderen Weg geworden. Den, außerhalb des Neoliberalismus. Vielleicht auch für einen möglichen Weg aus der Krise. Nachdem die Dorfbewohner von Marinaleda „El Humoso“ gewonnen hatten, begannen sie die Güterproduktion zu vergemeinschaften. Sie gründeten eine Kooperative, die darauf ausgerichtet war, Arbeit für möglichst viele zu schaffen. Heute sind etwa 300 Personen, der Großteil der arbeitenden Bevölkerung, in ihr beschäftigt. Sie bauen Oliven, Artischocken, Paprika und Bohnen an und verarbeiten sie in eigenen Fabriken weiter.

Die Bedingungen unter denen sie das tun, sind für alle gleich. 6,5 Stunden Arbeit am Tag, 32,5 Stunden die Woche, zu einem Gehalt von 1.200 Euro im Monat. Der Bürgermeister, der seit seinem Amtsantritt 1979 jedes Mal wieder gewählt wurde, brüstet sich damit, dass es in Marinaleda fast Vollbeschäftigung gibt, während der Rest von Andalusien unter einer Arbeitslosenquote von 35% erdrückt wird. „Auch wir spüren die Krise“, räumt er im Interview ein, „Aber hier verteilt sie sich auf alle. Wenn es nicht genügend Arbeit gibt, melden sich die Leute turnusmäßig arbeitslos. So wird die Krise nicht auf dem Rücken einzelner ausgetragen.“ Der 63 jährige mit Rauschebart und Palästinenserhalstuch a la Che Guevara bezeichnet sich als Antikapitalist und Utopist. „Die Linke muss eine utopische Partei sein. Aber sie muss diese utopischen Ziele auch erreichen können.“

Ein Haus kostet 15 Euro im Monat
Es sieht so aus, als hätte er diese Ziele erreicht. Das Dorf, mit Straßennamen wie „Che Guevara“ oder „Libertad“, besitzt mittlerweile die Infrastruktur einer Kleinstadt. Ein Kindergarten, eine Volks- und Mittelschule. Eine Fernseh- und Radiostation, zwei Schwimmbäder, mehrere Tennisplätze. Aufgrund der sozialen Idee, die hinter all dem steht, muss niemand mehr als 12 Euro Monatlich für die Benutzung einer öffentlichen Einrichtung bezahlen. Das Herzstück der kommunalen Sozialpolitik ist das Bauprogramm. Wer sich in Marinaleda ein Haus bauen will bekommt Grundstück, Maurer und einen Architekten gratis zur Verfügung gestellt. Unter deren Anleitung arbeiten sie dann an ihrem eigenen Haus. 90 m² Wohnfläche, 100 m² Hinterhof.

Jedes dieser Häuser sieht exakt aus, wie das andere. Die Arbeitszeit, die die Bauherren am Bau verbringen, wird ihnen dabei vom Kredit gutgeschrieben. Solange sie dort leben, müssen sie dann 15 Euro im Monat für den Kredit zurückzahlen. „Es dauert Generationen bis das abbezahlt ist“, sagt Carmen. Sie arbeitet für die kommunale Verwaltung und lebt selbst in einem dieser 15-Euro Häuser. „Aber genau das ist der Sinn der Sache. Während ich das Haus abbezahle, kann ich es nicht verkaufen, sondern nur vererben. Das heißt, es kann nicht mit dem Grundrecht eines Menschen, mit dem Dach über dem Kopf spekuliert werden. Das ist die Idee hinter diesen Häusern. Und die finde ich richtig“. Auf die Frage, ob sie sich als Kommunist sehe, lacht sie: „Ich versuche jeden Tag einer zu sein.“ Dann wird sie wieder ernster. „Es ist schwer als kommunistische Insel, mitten im Kapitalismus zu existieren.“

„Marinaleda ist im Prinzip fremdfinanziert“
Und tatsächlich, der Traum bröckelt. Wer genauer hinsieht, merkt wie schwer es für Marinaleda ist, seiner sozialistischen Idee treu zu bleiben. Die Güter, die die Kooperative produziert, werden an „kapitalistische“ Handelsketten, wie die spanische „Carrefour“ verkauft. Teilweise musste die Kooperative auf maschinelle Produktion umsteigen und Arbeitsplätze abbauen, um weiterhin lukrativ zu bleiben. Sogar das kommunale Bauprogramm existiert nur, weil es jährlich mit bis zu 200.000 Euro von der andalusischen Regierung subventioniert wird. Der Vertrag läuft allerdings nur noch bis nächstes Jahr. Wegen der Wirtschaftskrise ist keine Verlängerung geplant.

„Marinaleda ist im Prinzip fremdfinanziert. Die Kooperative, die Traktoren, die Schwimmbäder. Alles mit dem Geld der Andalusischen Regierung.“ Hypolito Aires hat den  Blaumann, den er sonst trägt, extra für das Interview durch ein frisch gebügeltes Hemd ersetzt. Er und sein Kollege Pradas sind die einzig übrig gebliebenen Sozialdemokraten in der Lokalregierung von Marinaleda. „Wir waren mal Sieben“, doch die Lügen des Bürgermeisters hätten sie an den Rand der Gemeinde gedrängt. Zu den Versammlungen gehen sie nicht. „Dort werden wir als Faschisten beschimpft. Und der Bürgermeister hält niemanden auf. Kommunikation ist nicht möglich.“ Es gäbe Leute, die sie wählen würden, doch aus Angst würde sich niemand öffentlich dazu bekennen. So verbringen sie die meiste Zeit in seiner Tankstelle am Rande des Dorfes und sprechen mit Journalisten, die etwas über die Schattenseiten des Modells „Sanchez Gordillo“ erfahren wollen.

Es ist schwer eine Revolution zu gewinnen. Aber es ist noch schwerer eine zu halten
„Die Dorfversammlungen sind eine Lüge“, sagt Aires. Wenn der Bürgermeister nach der Meinung der Leute fragt und diese per Handzeichen, sichtbar für oder gegen eine Sache stimmen müssen, wer würde sich da noch trauen, gegen seinen Willen zu stimmen? Wer dies doch tue, der werde aus dem Dorf gemobbt. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Familie aufgrund der „Utopie“ zerrissen werde. Außer ihm und seinem Kollegen Pradas, würde sich allerdings niemand trauen, darüber zu sprechen. Auch die französische Journalistin, Florence Landriod, die seit mehreren Monaten mit den Bewohnern Marinaledas zusammenlebt, ist skeptisch, wenn es um „den Willen der Volkes“ geht.

Sie wollen, dass das System weitergeht
Aber aus einem anderen Grund als Hypolito Aires: „Die Leute nehmen die Meinung des Bürgermeisters an. Aber nicht, weil sie Angst haben ihm zu widersprechen“, meint die Journalistin. „Das spielt auch eine Rolle, aber eine kleine. Viel wichtiger ist, die Leute wollen, dass das System weitergeht. Dass ihr Lebensstandard erhalten bleibt. Sie interessieren sich nicht sonderlich für Politik. Und solange er es richtet, könnte er wahrscheinlich auch von den Sozialdemokraten oder sogar von den Konservativen sein.“ Aires beruhigt das nicht. „Es ist fast unmöglich, kein Teil des kommunistischen Systems zu werden. Wer in der nächsten Saison arbeiten will, muss sich an einem bestimmten Tag beim Bürgermeister eintragen. An diesen Tagen ist er aber meist auf Protestmärschen oder Besetzungen irgendwo in Andalusien. Wer nicht mitkommt und protestiert, der bekommt de facto keine Arbeit.“ Auf die Frage hin, ob ihm Marinaleda wie eine Diktatur erscheine, sagt Aires einfach: „Es ist eine Diktatur“. Was er allerdings nicht sagt, ist, dass die Menschen in Marinaleda, im Gegensatz zu anderen Diktaturen, frei sind zu gehen.

Die, die studieren, gehen weg
Das ist das andere Problem, das die Utopie von Marinaleda hat. Viele Junge wollen das Dorf verlassen. Kaum einer weiß das besser als Joaquim. Er unterrichtet die Jugendlichen in Sport und ist täglich mit ihnen auf dem Sportplatz oder in der Turnhalle. „Die Jugend hier unterscheidet sich nicht wirklich von der Jugend irgendwo auf der Welt. Sie interessieren sich für Sport, fürs Fortgehen, fürs andere Geschlecht. Aber die meisten kümmern sich nicht um eine sozialistische Idealvorstellung. Du musst auch denken, was sind das für Jugendliche hier? Nimm 50 Jugendliche. Davon werden 40 Feld- oder Fabrikarbeiter. Und die 10, die studieren, gehen weg.“ Wie dann der sozialistische Traum von Marinaleda weitergehen werde? Die Frage scheint ihn fast traurig zu machen: „Ein paar interessieren sich, wenn sie älter werden, für die Ideologie hinter Marinaleda. Aber die meisten beschäftigen sich nicht damit. Das war die Idee ihrer Eltern. Sie haben ja auch alles, was sie brauchen. Alles, wofür wir gekämpft haben ist da. Marinaleda ist komplett.“

„Etwas von der Welt sehen“
Ich komme später selbst mit ein paar Jugendlichen ins Gespräch. Die drei Jungs in Trainingsanzügen gehen gerade mit ihren Hunden spazieren. Einem Rotweiler und einem Dobermann. Bei einem der drei Jungs funkelt ein Glitzersteinchen im Ohr. Aus der Hosentasche des anderen dröhnt ein Reggaeton-Mix. Als sie hören, dass ich aus Deutschland komme lächeln sie: „Ah, da gibt es hübsche Mädchen“, sagt einer. Er selbst wolle aber lieber in die Schweiz gehen, weil es da mehr Arbeit gibt. Warum er nicht hierbleiben wolle, wo es doch auch hier Arbeit gäbe? „Ich will auch etwas von der Welt sehen. Im Dorf ist es auf Dauer einfach zu langweilig.“ Es gibt freilich auch welche, die anders denken. Serjio ist 25. Als wir ihn treffen, hält er einen Plan für eine Veranstaltungswoche im Mai in der Hand. Er hat sie selbst organisiert. Unbezahlt, für die Gemeinschaft. Hauptberuflich arbeitet er für das Rathaus. Er unterrichtet Geschichte, nach dem eigentlichen Unterricht. „Bei mir lernen die Kindern etwas über die Geschichte, die nicht in der Schule gelehrt wird.“ Seine Klasse ist gut gefüllt. 15 – 20 Kinder besuchen regelmäßig seine Stunde.

Der ewige Revolutionär
Es ist schwer eine Revolution zu gewinnen. Aber es ist noch schwerer, eine zu halten. Sanchez Gordillo hat das Dorf zu dem gemacht, was es heute ist. Darin sind sich alle einig. Um das aufrecht zu erhalten, kämpft er am allermeisten. Vielleicht ist auch das der Grund, warum seit über 40 Jahren niemand anderes an der Spitze des kleinen andalusischen Dorfes stand. Ich frage den Sportlehrer Joaquim, wie ein Marinaleda ohne Sanchez Gordillo aussehen würde: „Dann wird es Marinaleda so nicht mehr geben. Das Dorf lebt von dieser Idee des Bürgermeisters. Ich kenne viele Personen hier und es gibt viele fähige, intelligente Leute unter ihnen. Aber es gibt keinen zweiten Sanchez Gordillo. Denn er tut nichts anderes als Möglichkeiten auszukundschaften, das Leben der Leute hier zu verbessern.“ Gordillo selbst, sieht seine Rolle weniger direkt: „Ich bin nur die moralische Stütze des Dorfes. Ich bin die Courage. Und wenn ich ermordet werden sollte, dann würde der Geist von Marinaleda nicht sterben, weil die Leute nicht sterben. Die Leute tragen den Gedanken weiter. So wie bei Che, der in einer kleinen Schule ermordet wurde und dessen Idee heute noch lebt.“

Herzlich Willkommen zu Linea Directa
Später sitzt Sanchez Gordillo in dem kleinen Fernsehstudio seines dorfeigenen Fernsehsenders. Fünf Kameras sind auf ihn gerichtet. Drei gehören der Fernsehstation „Marinaleda TV“. Die anderen beiden, ausländischen Reportern, die extra für seine heutige Ansprache angereist sind. Der ewige Revolutionär sieht müde aus. Ein Klopfen ertönt. Sanchez Gordillo reißt sich zusammen und blickt fest in die Kamera. Als das Rote Licht aufleuchtet begrüßt er die Einwohner seines Dorfes Marinaleda. „Bienvenidos a Linea Directa“ – „Herzlich Willkommen zu Linea Directa“. Wie jeden Samstag spricht er eine Stunde über den Dorfeigenen Fernsehsender „Marinaleda TV“ zu seinen 2.700 Bürgern. Er spricht über die politischen Vorgänge in Andalusien und in der Welt. Er erklärt, warum das normale Fernsehen die Jugend verdirbt und erinnert, warum sie noch kämpfen. Zumindest die, die ihm noch zusehen.

Titelbild: flickr.com/Comisión de Audiovisuales Acampada Zaragoza (cc)

Michel Mehle ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: michel.mehle[at]mokant.at

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