21er Haus: Utopie Gesamtkunstwerk

We are Utopian craftsmen. We are deranged.
Die Ausstellung „Utopie Gesamtkunstwerk” im 21er Haus zeigt Utopisches im neuen Belvedere-Außenquartier./font>

Was früher einmal Südbahnhof war, ist heute Abrissschlucht. Doch Gegensätze ziehen sich bekanntlich an und so hat es sich zugetragen, dass seit Ende letzten Jahres eine Kulturoase dem ausgemergelten Südbahnhof-Ostbahn-Überbleibsel gegenübersteht. Das 21er Haus, die neue zeitgenössische Tochter des Wiener Belvedere, nistet und brütet im Schweizergarten, im wohlig warmen Glaskubus. Die Eröffnung fand Mitte November des vergangenen Jahres statt. Adaptiert und erweitert wurde das 21er Haus von Adolf Krischanitz, einem Schüler des ursprünglichen Museumspavillion- und Nachkriegs-Architekten Karl Schwanzer.

i tried my best to drink myself out of the picture
Begrüßt wird man in der Ausstellung von einem Kirchenmodell zur Rechten und von einer mixed-media-Installation zur Linken. Dieser Einstieg vermittelt direkt die Gesamtstimmung des Unterfangens: Gegensätze, Skepsis, Vielfältigkeit. Wer den ersten Gesamteindruck verarbeitet hat und dann dem natürlichen Rechtsdrall folgt, der macht vermutlich bald Bekanntschaft mit Monica Bonvicinis Glaswandinstallation. „We Finally Built Walls” entstand aus Sicherheitsglasscheiben der Dachfenster der Wiener Secession – Textstellen aus ihrem Werk dienen in diesem Artikel als Abschnittstitel.

a universal transparency, a special penetration
Vorbei an Gerhard Rühms Reizwortzeichnungen ist es jetzt nicht mehr weit zu Christian Jankowskis Telemistica. Im Filmformat wird geschildert, wie der Künstler bei italienischen TV-Wahrsagern um esoterische Hilfestellung bittet. Ob sein Kunstprojekt wohl Erfolg haben wird, möchte er wissen. Der Lebensberater mischt sogleich die Karten, verspricht dem Künstler Erfolg und manövriert sich unwissend in eine komische Situation, in der er selbst sich mitten im Projekt befindet.

…and the ubiquitous flow of air
Bekannte österreichische Moderne sind ebenso vertreten wie ambitionierte Nachbarn: zwei von Hermann Nitschs Schüttbildern (1997) haben ihren Weg in das 21er Haus geschafft, präsentiert in der üblichen religiösen Symbolik über einer altarähnlichen Aufbaut und erweitert um eine Videodokumentation zu seiner Aktionskunst. Valie Export ist mit einer gefilmten Bühnendarstellung vertreten, in der sie die Spaltung der Gesellschaft demonstriert. Das restliche Programm ist reichhaltig: Die Künstlergruppe Superflex hypnotisiert uns in die Finanzkrise, Paul McCarthy sperrt Figuren in den Basement Bunker, Hermann Painitz planiert die Alpen, und Thomas Hirschhorn assoziiert Schraubenschlüssel und Spinoza mit der Konsumpolitik.

little dust is needed
Die Verbindung von Kunst und Leben in ein Gesamtkunstwerk ist eine Idee, der die Avantgarde entgegenstrebte. Das 21er Haus bietet nun zeitgenössischen Künstlern den Raum, um mit frischem, skeptischem Blick auf die Konzeption des Gesamtkunstwerks und die Gesellschaftsgeschichte zu sehen. Am Ende der Reise, wenn man den Glaskubus langsam verlässt und noch mal zurückblickt, bleibt, was Monica Bonvicini zu Beginn (zumindest bei Besuchern mit Rechtsdrall) vorgelegt hat: „a universal transparency, a special penetration, and the ubiquitous flow of air.”

Die Ausstellung Utopie Gesamtkunstwerk lädt bis 5. Mai zum Besuch in einen neuen Museumsraum

Artikeluntertitel aus Artikeltitel aus (c) Markus Schinwald, Dicttio Pii, 2001.
Titelbild: (c) Michael Leischner; Belvedere

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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