Hermann Nitsch: „Ich habe nichts zu verbergen“

Hermann Nitsch spricht über seine Kunst, wie man sich Blut beschafft und wovor er sich ekelt

Vor allem durch seine umstrittene Aktionskunst und Schüttbilder bekannt geworden, zog Hermann Nitsch in den Sechzigern nicht nur Aufmerksamkeit auf sich, sondern wurde auch wochenlang hinter Gittern gesperrt. Die Konfrontationen mit den Behörden veranlassten ihn schließlich zur Übersiedlung nach Deutschland. 1971 kaufte er gemeinsam mit seiner Frau Beate das Schloss Pinzendorf in Niederösterreich, wo noch heute seine Theater- und Malaktionen stattfinden. Im Interview erklärt er, was er mit Menschen macht, die seine Kunst nicht akzeptieren wollen, wie man problemlos an eine gewaltige Menge Blut kommt und wovor es dem Aktionskünstler ekelt.

Foto: (c) Laura Lindmeier

Foto: (c) Laura Lindmeier

mokant.at: Sie hatten in den vergangenen Jahrzehnten großen Einfluss auf die österreichische Kunstszene, insbesondere die Wiener Kunstszene, und haben sich als der umstrittenste Künstler des Landes einen Namen gemacht. Sind Sie darauf stolz?
Nitsch: Jeder, der in einer bestimmten Disziplin etwas leistet, der ist schon ein bisschen stolz drauf.

mokant.at: Zielen Sie mit ihrer Kunst explizit darauf ab, umstritten zu sein?
Nitsch: Ich muss das machen, weil ich um diese Art von Wahrheit kämpfe und da ist mir die Reaktion wurscht. Es war immer schon so. Wenn jemand was Neues gemacht hat, dann hat er Schwierigkeiten gehabt. Bei den Impressionisten haben sich die Leute maßlos aufgeregt. Heute hängen deren Bilder im jedem Arztwartezimmer.

mokant.at: In den 1960er-Jahren mussten Sie wegen Ihrer Kunst oftmals wochenlang ins Gefängnis. Was ist anders geworden? Haben Sie das Gefühl, dass sich Ihre Kunst oder die Art, wie die Menschen damit umgehen, verändert hat?
Nitsch: Ich glaube nicht, dass sich meine Kunst verändert hat. Ich glaube auch nicht, dass sich die Menschen verändert haben. Ich glaube eher, dass man sich daran gewöhnt hat.

mokant.at: Sie möchten damit sagen, dass sich Ihre Kunst über die letzten Jahre in keinster Weise verändert hat?
Nitsch: Sie hat sich entwickelt, ihrem Wesen nach, aber nicht in dem Sinne, dass sie den Leuten kulinarisch leichter verträglich geworden ist.

Foto: (c) Laura Lindmeier

mokant.at: Welche Symbole finden sich in Ihren Bildern?
Nitsch: Viele Symbole und Symbole verschiedener Kulturen und Religionen. Symbole, die immer wiederkehren, sind Tod und Auferstehung. Das ist ein ganz wesentliches Symbol. Es kommt immer wieder vor.

mokant.at: Welche Künstler haben Ihnen bisher als Inspirationsquelle gedient?
Nitsch: Die ganze Kunstgeschichte. Vom Anfang bis zur Gegenwart. Sehr nahe stehe ich den österreichischen Künstlern um die Jahrhundertwende. Also: Klimt, Schiele, Kokoschka, Schönberg.

mokant.at: Das Leopoldmuseum zeigt derzeit, zum ersten Mal in Österreich, Ihre grafischen Kunstwerke. Was kann man sich von der Ausstellung erwarten?
Nitsch: Ich habe versucht meine Architekturzeichnungen und meine grafischen Arbeiten zu zeigen, aber im Grunde genommen ist es eine kleine Retrospektive, die meine Möglichkeiten zeigt. Und immer mein Theater.

mokant.at: Wenn man den Namen „Nitsch“ hört, verbindet man diesen oft ausschließlich mit Ihrer Aktionskunst. Soll die Ausstellung im Leopoldmuseum auch eine andere Seite von Ihnen zeigen?
Nitsch: Nein, es soll sich mein Werk immer deutlicher zeigen. Und umfassender. Ich halte keine Seite meiner Arbeit im Verborgenen. Ich habe nichts zu verbergen.

mokant.at: Welche weiteren Pläne haben Sie neben der Ausstellung im Leopoldmuseum?
Nitsch: Das nächste ist das Sechstagespiel. Es ereignet sich in Prinzendorf. Das ist in der Nähe von Mistelbach, im Weinviertel. Es handelt sich um ein Drama, das sechs Tage dauert.

Foto: (c) Laura Lindmeier

mokant.at: Was kann man sich unter dem Sechstagespiel vorstellen?
Nitsch: Da müssen Sie hingehen. Oder meine bisherigen Fotos und Dokumentationen studieren. Es gibt eine Partitur. Musik spielt eine große Rolle, wie bei einer Oper. Das muss erlebt werden, das kann man nicht beschreiben. Viele Elemente sind gleich und viele sind anders. Es läuft schon auf eine gewisse Struktur hin.

mokant.at: Welche Materialien verwenden Sie dabei am häufigsten?
Nitsch: Das weiß man ja: Blut ist immer im Spiel, Gedärme, nackte, menschliche Körper und so weiter.

mokant.at: Hat sich bei einem Aktionstag schon einmal jemand übergeben?
Nitsch: Einmal. Ein Akteur, ja. Das haben wir sogar gefilmt. (lacht) Aber es kommt eher sehr selten vor.

mokant.at: Was sagen Sie all jenen, die Ihre Kunst nicht akzeptieren können, nicht akzeptieren wollen?
Nitsch: Ich lasse sie in Ruhe und wünsche mir, dass sie mich auch in Ruhe lassen. Es gibt welche, die mich nicht in Ruhe lassen, die protestieren. Das sind keine Akteure, sondern Menschen aus der Außenwelt. Vor dem Schloss haben sie protestiert, Tierschützer zum Beispiel. In letzer Zeit war es eher ruhig.

Foto: (c) Laura Lindmeier

mokant.at: Wie kommt man überhaupt an so eine Menge Blut? Könnte ich, als Privatperson, zum Metzger gehen und
mir das einfach so beschaffen?
Nitsch: Da gehen Sie zu einem Metzger. Dem kaufen Sie immer wieder was ab. Und dann sagen Sie, Sie würden so und so viel Blut brauchen und dann verkauft er es ihnen sehr billig, weil meistens schütten Sie es ja weg.

mokant.at: Gibt es dafür irgendwelche Auflagen, wieviel man als Privatperson kaufen kann und darf?
Nitsch: Ich weiß es nicht. Da gibt es keine Grenzen. Man kommt überhaupt gar nicht in diese Situation, solche Auflagen zu kreieren oder vermeiden zu müssen.

mokant.at: Gibt es irgendetwas wovor Sie sich ekeln?
Nitsch: Mir ekelt vor Skifahrern. Vor Sportlern. Vor Touristen. Menschen, die den Kopf voll haben mit Sport und Urlaub. Vor Journalisten, die sehr viel Unheil anrichten. Die haben schon Kriege bewirkt.

mokant.at: Essen Sie Blutwurst?
Nitsch: Ja, liebend gerne.

Titelbild: flickr.com/Franz Johann Morgenbesser (cc)

Alexandra Gritsevskaja ist Geschäftsführerin von mokant.at. Zuvor war sie auch als Redakteurin tätig.

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