Felix Gottwald: „Die beste Lebensschule“

Der nordische Kombinierer Felix Gottwald über seine Karriere und die Zeit danach

Dreimal Gold und insgesamt sieben Medaillen bei olympischen Spielen machen Felix Gottwald zum erfolgreichsten Olympioniken Österreichs. Weitere zehn Medaillen bei Weltmeisterschaften, ein Gesamtweltcupsieg und 23 Weltcupsiege stehen als Erfolge in seiner Karriere zu Buche. Besser gesagt in seinen beiden Karrieren, denn der Kombinierer beendete bereits 2007 seine Karriere, ehe er 2009 sein „Genussprojekt“ startete und ein erfolgreiches Comeback feierte. Dieses Jahr hing er seine Lauf- und Springschuhe endgültig an den Haken. mokant.at traf den 35-Jährigen bei einem seiner Vorträge – zu einem Zeitpunkt, zu dem seine ehemaligen Kollegen bereits mitten in der Saisonvorbereitung stecken. Im Interview spricht er über seine Karriere und die Zeit danach, über den (nicht vorhandenen) Verzicht im Spitzensport und erklärt warum Doping eigentlich „lächerlich“ ist.

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Deine ehemaligen Kollegen befinden sich momentan in Vorbereitung auf die neue Saison. Herrscht bei dir Wehmut oder bist du froh dem Trainingsstress nicht mehr ausgesetzt zu sein?
Felix Gottwald: Ich hoffe, dass sie in der Vorbereitung sind. (lacht) Ich war schätzungsweise über achtzehn Jahre in der Vorbereitung und irgendwann ist es Zeit, dass du sagst „es war schön“, den nächsten Schritt machst und mit dem Spitzensport aufhörst. Es ist sowieso ein Job mit Ablaufdatum. Von dem her habe ich es eh relativ lange hinausgezögert.

mokant.at: Mit deinem Comeback?
Felix Gottwald: Genau. Da habe ich mir nochmal ein Geschenk gemacht. Aber Wehmut? Ich genieße es so wie es jetzt ist. Es ist sehr spannend, was ich im Moment mache, sei es die Vorträge, sei es die Seminare in Loipersdorf – also es ist breit gefächert, sehr abwechslungsreich. Im Spitzensport gibt es Gold – Silber – Bronze, in der Wirtschaft ist es nicht so.

mokant.at: Wie bist du eigentlich damals zur Kombination gekommen?
Felix Gottwald: Ich war immer sehr sportbegeistert, sehr sportaffin, habe immer einen großen Bewegungsdrang gehabt. Als ich ein kleiner Bub war, habe ich viel ausprobiert und mit dem Skispringen angefangen. Da hat mir dann mein Turnprofessor – die Geschichte ist eh mehr oder weniger bekannt – empfohlen, die Kombination auszuprobieren. Da wurde ich dann fündig, weil Skispringen alleine war irgendwie zu wenig, Langlaufen alleine genauso, aber die Kombination hat mich begeistert, über sehr viele Jahre.

mokant.at: Wie alt warst du da?
Felix Gottwald: Ich habe mit dreizehn zum Skispringen angefangen, was grundsätzlich sehr spät ist. Ich sag dann immer dazu, dass ich es vielleicht deshalb bis zum Schluss nicht gelernt habe. (lacht) Aber dann ist es eigentlich schnell gegangen, bin als Kombinierer mit fünfzehn ins Skigymnasium nach Stams gekommen und dann ist der Weg vorgegeben, beziehungsweise musst du dir deinen eigenen Weg im vorgegebenen Rahmen suchen.

mokant.at: Hat es eigentlich jemals die Überlegung gegeben zu den Spezialläufern zu wechseln?
Felix Gottwald: Nein, hat es nie gegeben, weil mich das alleine nicht gereizt hat. Natürlich war das Potenzial da, würde ich sagen, aber da wäre mir etwas abgegangen.

mokant.at: Theoretische Frage: Dein hypothetischer Sohn steht vor der Entscheidung für oder gegen den Spitzensport – was würdest du ihm aus deiner Erfahrung raten?
Felix Gottwald: Puh, da muss ich jetzt relativ weit vorausdenken. So wie sich der Spitzensport bei mir entwickelt hat, muss ich sagen, dass man keine bessere Lebensschule bekommen kann. Das Studium gibt es noch nirgends, wo du so viel erlebst, so viel lernst und es so klar schwarz auf weiß vor dir steht. Von dem her ist es als Elternteil die große Kunst, dass du den Kindern alles ermöglichst, dass die freie Entscheidung greift. Also zu pushen nein, unterstützen ja.

mokant.at: Du hast deine Entscheidung nie bereut, oder?
Felix Gottwald: Nein, habe ich nie bereut.

mokant.at: Wie viel Verzicht bedeutet ein Leben als Spitzensportler?
Felix Gottwald: Ich habe während meiner ganzen Karriere nie das das Gefühl gehabt, dass ich auf irgendwas verzichten hätte müssen. Ganz im Gegenteil, in Wahrheit habe ich ganz viel dazugeschenkt bekommen. In dem Moment, in dem es ein Verzicht wäre, tust du es eh nicht und musst dir einen anderen Job suchen. Wenn der Spitzensport zur Plagerei wird, musst du schauen, dass du Meter gewinnst und etwas anderes machst.

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Was war das Highlight, der schönste Moment deiner Karriere?
Felix Gottwald: Da hat es Gott sei Dank einige gegeben. Wenn ich weniger weit zurückdenke, also das Feld von hinten aufrolle – so wie ich es die meiste Zeit gewohnt war –, dann ist es zweifelsohne der krönende Abschluss, die Weltmeisterschaft in Oslo, gewesen. Wir haben zwei Mal in der Staffel gewonnen und es ist mir auch gelungen nochmal eine Einzelmedaille zu machen. Dann brauche ich gar nicht so weit zurückgehen: das war der Weltcupsieg heuer in Schonach nach meiner Schulterverletzung. Das war etwas ganz Besonderes, weil wahrscheinlich nur ich gewusst habe, wie dieser Heilungsverlauf möglich war, mit welchem Energieaufwand, mit welchem Zugang zu mir selbst. Natürlich ist der Olympiasieg, über den ich ein ganzes Buch geschrieben habe, Teil des Ganzen. Es sind auch die vermeintlich wichtigen Niederlagen, die dich wirklich stark machen. Das ist das Spannende, dass du daraus etwas lernst. Ich kann mich erinnern, 1999 ist erst so wirklich der Durchbruch gelungen.

mokant.at: Thema Doping: In Zeiten, wo Doping ein großes Thema ist, hast du ganz auf Nahrungsergänzungsmittel verzichtet, die ja bereits auch von vielen Hobbysportlern eingenommen werden. Erstens: Warum? Zweitens: Wie schwer war die Ernährung?
Felix Gottwald: Dass wir nicht alle Nährstoffe bekommen und Nahrungsergänzungsmittel brauchen, ist ja nur ein genialer Schachzug der Marketingschiene von den Produzenten und Anbietern. Dass man uns einredet, dass unsere Lebensmittel keine Lebensmittel mehr sind, das ist das andere. Natürlich musst du dich vernünftig ernähren, sprich als Ausdauersportler brauchst du viele Kohlenhydrate, die kannst du in Form von Nudeln am besten aufnehmen. Gesunde Mischkost ist wichtig, bei Fleisch war ich sehr heikel. Schweinefleisch habe ich gar keines mehr gegessen, und Fleisch nur, wenn ich gewusst habe, von welchem Bauer es her ist. Aber das Thema Doping an sich oder das Thema Betrug ist nicht nur auf den Sport begrenzt, sondern ist breit gefächert. Die Idee, dass du einen Abschneider nimmst, ist ja nicht neu, das haben einige probiert. Das hat zur Folge, dass maximal eine Katastrophe dabei herauskommt, unter Garantie ein Flächenbrand. Das sieht man jetzt in der Wirtschaft, wie alle „aufgeplattlt“ werden, das ist im Sport das gleiche. Du solltest dich ein Leben lang im Spiegel anschauen können, egal ob du im Sport unterwegs bist, in der Wirtschaft oder als Journalist.

mokant.at: Wenn man Aussagen eines Bernhard Kohl oder von vielen anderen verfolgt, bekommt man als Außenstehender den Eindruck, dass es ohne Doping im Ausdauersport gar nicht mehr geht …
Felix Gottwald: Ich bin überzeugt, dass sich manche, die diesen Abschneider wählen, nicht bewusst sind, was im mentalen Bereich alles möglich ist. Der Abschneider ist natürlich bequemer als sich jeden Tag mit sich selber zu beschäftigen. Aktiv war das bei mir seit 1995 der Fall, also es sind alleine elf Jahre bis Turin, in denen ich in einem Bereich gearbeitet habe, bei dem andere gar nicht wissen, dass es ihn überhaupt gibt. Wenn du die vollen Möglichkeiten erkennst, brauchen wir über das Doping gar nicht mehr reden, weil es eigentlich lächerlich ist.

mokant.at: Bist du optimistisch, dass man das Problem in den Griff bekommt?
Felix Gottwald: Das ist ungefähr die gleiche Frage, wie wenn du mich fragst: „Bist du optimistisch, dass es in der Wirtschaft nie mehr einen Betrug gibt?“ Wenn wir das Geld abschaffen, dann ja, solange wir das Geld haben, wird es auch Betrug geben.

mokant.at: Wie schon von dir erwähnt, hältst du Vorträge und leitest Impulstage in Loipersdorf. Was kann man sich darunter vorstellen?
Felix Gottwald: Es geht in Wahrheit um meinen Zugang zum Leben, verpackt in viele Metaphern und kombiniert mit Übungen, um es nachvollziehbar und für jedermann anwendbar zu machen. Das ist die große Kunst, die ich versuche weiterzugeben. Zum Teil auch auf die kleinste Zelle herunterzubrechen, die es gibt: das ist für viele dieser Effekt, dass Erfolg nur das ist, was aus unseren Gefühlen, aus unseren Gedanken und unseren Handlungen folgt. Es geht ums Tun. Nur zu wissen, dass unsere Gedanken die Realität abschaffen, nur zu spüren, dass es möglich wäre, ist zu wenig. Ich muss dann die Sache auf den Punkt bringen, das ist das Entscheidende.

mokant.at: Du arbeitest gerade an einem neuen Buch – um was wird es gehen, wann wird es erscheinen?
Felix Gottwald: Es ist ein Hörbuch. Es geht um die erwähnten Dinge und dass sie jeder nachvollziehen und mit Übungen kombiniert darin einsteigen kann, egal in welchem Bereich er arbeitet. Erscheinungsdatum sollte sich Ende Oktober ausgehen, spätestens aber 2012.

mokant.at: Welche Sportarten betreibst du seit deinem Karriereende, welche verfolgst du passiv?
Felix Gottwald: Passiv Sport verfolge ich ganz wenig, erstaunlich wenig, weil dann grundsätzlich weniger Zeit ist, um sich mit sich selbst zu beschäftigen, in sportlicher Hinsicht. Meine Devise ist die tägliche Sportstunde. Wenn ich – so wie heute – weniger Zeit habe oder das Wetter nicht passt, setze ich mich zumindest für eine Stunde auf den Ergometer. Heute hat es nämlich bei uns in der Ramsau geschneit – zum Langlaufen war es zu wenig Schnee, zum Laufen schon zu viel. Sonst Radfahren-Biken, Berg gehen, Laufen und Golf spielen, obwohl Golf für mich mehr ein Spiel ist. Es ist jedenfalls sehr facettenreich und der Hobbysport ist ohnehin ungleich schöner als der Spitzensport.

mokant.at: Wird man dich – wie in deiner Karrierepause – im kommenden Winter wieder als Co-Kommentator im ORF erleben?
Felix Gottwald: Nein, da wird man mich jetzt einmal nicht erleben, weil ich momentan andere Aufgaben habe. Da bleibt eigentlich zu wenig Zeit, dass ich den ganzen Winter von Donnerstag bis Montag mit dem ORF unterwegs bin. Es war eine lässige Zeit und gute Erfahrung, aber jetzt stehen einfach andere Sachen an.

mokant.at: Kannst du dir längerfristig vorstellen im Verband oder als Trainer tätig zu werden?
Felix Gottwald: Längerfristig denke ich sowieso nicht vor, weil es unsinnig ist. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Die Zukunft ist ohnehin nur ein Konstrukt unserer Vorstellung. Jetzt ist es mir einmal wichtig, dass ich in ein neues Fahrwasser hineinkomme, dass ich neue Erfahrungen sammeln kann. Gleich wieder einzutauchen und nur die Seite zu wechseln, also zum 19. Mal im November nach Kusamo zu fahren … Da ist es mir lieber ich mach etwas anderes. Auf mich warten neue Herausforderungen, auf die ich mich schon freue!

Titelbild: (c) Raimund Appel

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Christian Strobl studiert in Wien Volkswirtschaft und internationale Betriebswirtschaft. Er ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: christian.strobl[at]mokant.at

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