Kommentar: Zu viel Hitler

Sofia Khomenko über das Böse in uns allen

(c) Raimund Appel

Ich war ein kleines Mädchen, als ich ein Bild gesehen habe, das bis heute vor mir erscheint, wenn ich die Augen schließe: ein Berg voller ausgemergelter Gestalten, mit Haut überzogene verrenkte Skelette, gerade noch als menschlich zu erkennen. Ich habe erst später erfahren, dass das eine Aufnahme eines Konzentrationslagers gewesen war. Ich habe mich damals gefragt: Wie können Menschen so etwas tun oder auch nur zulassen? Ich konnte es einfach nicht verstehen. Jetzt, unzählige Bilder, Filme, Begegnungen, biografische und wissenschaftliche Texte später, kann ich es mir teilweise erklären. Verstehen kann ich es noch immer nicht.

Als ich am Samstag die Tagung „Gedächtnis-Verlust?“ besucht habe, deren Thema die Geschichtsvermittlung in der heutigen Mediengesellschaft war, kam unter anderem die Frage nach Empathie gegenüber den Tätern auf. Kann man sich in einen Täter hineinversetzen, ohne seine Taten dadurch zu verharmlosen? Kann man versuchen ihn zu verstehen, ohne ihn zu entschuldigen?

Bereits knapp nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man in verschiedenen Experimenten das Verhalten von Tätern im Nationalsozialismus zu erklären. Das berühmteste ist wohl das Milgram-Experiment. Ein Student wurde vom Versuchsleiter dazu aufgefordert einem anderen Studenten Fragen zu stellen und ihn mit Elektroschocks zu bestrafen, wenn die Fragen falsch beantwortet wurden. Die Spannung wurde immer weiter erhöht, der Student auf dem elektrischen Stuhl (der Schauspieler war, aber das wusste der andere nicht) begann zu schreien, zu weinen, zu flehen, bis er schließlich reglos in sich zusammensank. Ein Großteil der Studenten hätte den auf dem Stuhl getötet, einfach, weil er Fragen falsch beantwortet hatte.

Vom Versuchsleiter, der danebenstand, gab es nicht etwa eine Drohung, nur eine Anweisung weiterzumachen. Ein anderes Experiment war das Stanford-Prison-Experiment. Dabei wurde im Labor ein „Gefängnis“ nachgebaut. Studenten wurden nach dem Los in zwei Gruppen eingeteilt: in Gefängniswärter und Gefangene. Nach nur sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden: Die „Gefängniswärter“ hatten angefangen, ihre Mitstundenten zu demütigen und zu misshandeln.

Was scheinen uns diese Experimente zu sagen? In jedem von uns steckt ein gewisses Maß an Sadismus, wir unterwerfen uns bereitwillig vermeintlichen Autoritäten und handeln blind nach bestimmten „Rollen“ – wie eben die „Gefängniswärter“. Wenn man sich mit dem Holocaust beschäftigt, stellt man sich früher oder später die Frage: Was hätte ich damals getan? Woher kann ich sicher sein, dass ich anders bin? Die Ergebnisse der Experimente scheinen zu sagen: „Du bist nicht anders. Du hättest dasselbe getan.“ Und damit scheinen die Täter von damals nicht nur verstanden, sondern auch entschuldigt. Sie haben so gehandelt, weil sie Menschen sind.

Ist die ganze Sache damit geklärt? Wir stellen fest, wir alle sind böse, die Welt ist schlecht, dann sollten wir die Sache mit dem Holocaust einfach mal wieder vergessen? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn sowohl beim Milgram- als auch beim Stanford-Prison-Experiment haben sich viele sadistisch und autoritätshörig verhalten, aber nicht alle. Und während des Nationalsozialismus gab es viele Täter, Mitläufer und „Unwissende“, aber es gab auch Widerstand – Menschen, die sich aktiv oder passiv widersetzten. Jeder von uns kann auch zu diesen Menschen gehören. Und wir haben den Menschen von damals noch etwas voraus: das Wissen über die Geschichte, das uns sensibler, resistenter und stärker machen kann.

Die meisten der Täter, so wie die meisten der Opfer sind bereits tot. Wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, werden sich der Nationalsozialismus und der Holocaust dann endgültig in die Geschichte einreihen und vergessen werden? Oder erfährt das Thema gerade eine neue Renaissance durch die Unterhaltungsindustrie? Sollten wir uns mehr mit dem Thema auseinandersetzen oder flimmert schon zu viel Hitler über unsere Bildschirme? Wie sollen wir heute mit Nationalsozialismus und Holocaust umgehen?

Ich weiß die Antworten auf diese Fragen nicht. Deswegen möchte ich dich, liebe Leserin, lieber Leser, dazu einladen mit mir darüber zu diskutieren. Ich freue mich über Anmerkungen, Kommentare, Fragen, Kritik. Poste deine Meinung einfach im Forum oder schreib mir eine E-Mail. Vielleicht finden wir gemeinsam ein paar Antworten.

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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