Heribert Schiedel: „Wissen über Burschenschaften gering“

Heribert Schiedel über den Korporationsball und Burschenschaften

„Das Wissen in der Bevölkerung über Burschenschaften ist gering“, meint Heribert Schiedel. Seit Jahren beschäftigt sich der Rechtsextremismus-Forscher vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) mit Burschenschaften, Antisemitismus, Rassismus und der FPÖ. Burschenschafter würden versuchen, „mit der Wahrheit zu lügen“, indem sie Teile ihrer Vergangenheit verschweigen, meint Schiedel. Im Interview spricht er außerdem über Rechtsextremismus in der Justiz und warum die österreichische Bevölkerung eher für die „deutschnationale Elite in der Hofburg“, als für „krawallmachende“ Linke ist. Da Schiedel seit einigen Jahren bedroht wird, möchte er sein Gesicht dabei nicht öffentlich zeigen.

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(c) Sofia Khomenko

mokant.at: Am Freitag fand unter Protesten der Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) statt. Was genau ist eigentlich der Wiener Korporationsring?
Heribert Schiedel: Der Wiener Korporationsring ist ein Zusammenschluss von deutschnationalen, völkischen, schlagenden Verbindungen. In diesem Dachverband sind nicht nur Burschenschaften, sondern auch andere deutschnationale Verbindungen, aber die Burschenschaften geben den Ton an. Sie sind mitgliedermäßig am stärksten, sie sind auch die politischste Gruppe in diesem Milieu. Der WKR als Ganzes ist zwar nicht rechtsextrem, aber rechtsextreme Verbindungen dominieren ihn.

mokant.at: Wie stark ist das Wissen über Burschenschaften in der Bevölkerung vorhanden? Man hat das Gefühl, dass dem Ball mehr Akzeptanz entgegengebracht wird, als der Gegen-Demonstration.
Heribert Schiedel: Das Wissen ist leider immer noch sehr gering. Die Meinung in der Bevölkerung schwankt zwischen Verharmlosung und Alarmismus, wo alle in einen Topf geworfen werden. Beides ist falsch und gefährlich. So gab es in Graz vor nicht allzu langer Zeit eine Beschädigung eines katholischen Verbindungslokals, wobei die vermeintlichen „Antifaschisten“ dann behaupteten, sich nicht geirrt zu haben. Nun ist tatsächlich vieles an Männerbünden grundsätzlich zu kritisieren, aber gerade im politischen Alltag sollte doch genau unterschieden werden, ob man es mit einer konservativen oder rechtsextremen Verbindung zu tun hat. Im gegenteiligen Fall wird nur ein weiteres Zusammenrücken im Korporiertenmilieu vorangetrieben. Dies wiederum erleichtert den rechtsextremen Verbindungen, sich hinter den gemäßigten zu verstecken.

Burschenschafter repräsentieren ein sozial herrschendes, bürgerliches Milieu, das sind zum Beispiel Ärzte oder Anwälte. Wenn die auf bloß mediale Darstellung angewiesene Bevölkerung jetzt die Wahl hat zwischen lauten, Krawall machenden Demonstrierenden, die zudem mit der Polizei in Konflikt geraten und der sogenannten Elite in der Hofburg, dann wählt sie eher Zweiteres. Die Tatsache, dass der Ball in der Hofburg stattfindet, ist für viele Zuseher entscheidend: Wer in solchem Rahmen feiern darf, kann ja nicht so schlecht sein.

Was das Gedankengut angeht, so sind offener völkischer Antisemitismus und Deutschnationalismus heutzutage nicht mehr mehrheitsfähig. Der Bevölkerung sind die soziale Sicherheit und das Österreichische wichtig. Explizit Deutschnationale gibt es in Österreich maximal fünf Prozent. Viele Menschen können mit den Riten der Burschenschafter, wie etwa der Mensur, nichts anfangen und belächeln sie, dieses Belächeln kann dann aber auch zu einer Verharmlosung führen.

mokant.at: Welche Rolle spielt Antisemitismus bei deutschnationalen Burschenschaften?
Heribert Schiedel: Ist deutschnational an sich und immer auch antisemitisch? Nein, das muss man verneinen. Die völkische Radikalisierung des Deutschnationalismus war und ist jedoch nie ohne Antisemitismus zu haben. Bei Burschenschaften haben wir heute ganz selten offenen Antisemitismus, vielmehr wird er in Codes artikuliert. Aber als – wie das eine FPÖ-Vorläuferpartei in der Ersten Republik formulierte – „negative Seite“ der Volksgemeinschaftsideologie ist er nach wie vor ein tragendes Element, eine der großen Konstanten im Milieu.

mokant.at: Johann Gudenus von der FPÖ meinte, Burschenschaften seien eine bürgerliche Bewegung. Wie passt das zusammen?
Heribert Schiedel: Das ist ein Beispiel dafür, wie mit der Wahrheit gelogen wird. Es stimmt, es gab eine bürgerliche demokratische Vergangenheit der Burschenschaften, aber sie war nach der Revolution 1848 vorbei. Die Burschenschaften arrangierten sich mit der alten Herrschaft, verleugneten die revolutionäre Vergangenheit und sagten, die Juden hätten sie zum Aufstand verführt. Man ist konservativ geworden, immer stärker nach rechts gegangen und damit wurde auch der Antisemitismus immer stärker.Burschenschafter sagen auch immer: Korporationen sind 1938 verboten worden. Es stimmt, Korporationen, nämlich die katholischen, sind verboten worden. Die deutschnationalen Burschenschaften haben sich mehrheitlich feierlich selbst aufgelöst und sind im Nationalsozialismus aufgegangen. Die „Olympia“ hatte bereits 1933 das Führerprinzip angenommen und damit gewissermaßen den Anschluss vorweggenommen.

mokant.at: Was genau ist der Unterschied zwischen deutschnational und rechtsextrem?

Heribert Schiedel: Das Rechtsextreme ist eine Untergruppe des Deutschnationalen, wobei es mittlerweile auch österreichnationale Formen des Rechtsextremismus gibt. Aber im Großen und Ganzen ist ideologisch gefestigter Rechtsextremismus radikalisierter Deutschnationalismus. Der Deutschnationalismus wird überall dort rechtsextrem, wo er das völkische Moment über das Individuum stellt. Das muss man sich dann von Fall zu Fall anschauen: Wird es offensiver, militanter vertreten, dann sprechen wir von rechtsextremen Verbindungen.

mokant.at: Wenn man sich nur das Gedankengut ansieht, ist das gleich?
Heribert Schiedel: Es gibt einen gemeinsamen Konsens, der dreht sich eben darum: Unser Vaterland ist Deutschland, wir sind Angehörige der deutschen Nation. Das Bekenntnis zur deutschen Nation, zur deutschen Volksgemeinschaft oder auch Kulturgemeinschaft ist dem Bekenntnis zum österreichischen Staat übergeordnet. Dieses völkische Denken stellt das Volk vor den Staat. Dieses Volk gilt als „natürlich gewachsen“. Immer, wenn mit der „Natur“ soziale Phänomene erklärt und vor allem legitimiert werden sollen, ist das für uns ein Kriterium, um Rechtsextremismus zu vermuten.

mokant.at: Wie viele deutschnationale Burschenschafter gibt es überhaupt?
Heribert Schiedel: In ganz Österreich circa 4.000, wenn man jetzt alle zusammen mit den Mittelschulverbindungen zählt. Das ist aber nur ein Näherungswert, eine Schätzung. Dafür sind sie überproportional stark in mächtigen Positionen vertreten.

mokant.at: Wie stark ist die Verankerung an den österreichischen Unis?
Heribert Schiedel: Unterschiedlich. In den Sozialwissenschaften gibt es eher keine. In der Montanuni Leoben, bei der Medizin oder am Juridicum Wien sind es mehr. Die Burschenschaften sind historisch sehr eng mit den Unis verwoben, es gibt eine Tradition. Sie versuchen sich auch oft als unpolitische Träger von Tradition darzustellen. Es hat sich allerdings viel verändert in den 1970er-Jahren, als die Unis geöffnet wurden und weniger elitär wurden. Der Anteil der Korportierten ist seit damals immer mehr gesunken, um sich dann in den 1990er-Jahren auf deutlich niedrigerem Niveau zu konsolidieren. Die Burschenschafter begannen daher, auch aus unmittelbarem Eigeninteresse, gegen die „Massenuniversität“ zu agitieren. Unter diesem Aspekt sind auch die „Reformen“ an den Universitäten unter der FPÖ-ÖVP-Regierung zu sehen, insbesondere das Zurückdrängen der studentischen Mitbestimmung. Damit und mit der Wiedereinführung von Studiengebühren und der Etablierung von Uniräten – unter ihnen auch manch deutschnational Korporierter – sollten auch das Rad zurück gedreht und wieder günstigere Bedingungen für das Korporationswesen geschaffen werden.

mokant.at: Wie sieht es konkret am Juridicum aus?
Heribert Schiedel: Das Juridicum ist nicht mehr so deutschnational dominiert. Aktuell sind mir zwei deutschnational Korporierte im Lehrpersonal bekannt, wobei zu betonen ist, dass viele Korporierte ihre Gesinnung nicht offen vor sich her tragen. Man merkt auch bei der Justiz einen Unterschied. Früher ist es vorgekommen, dass bei einem Wiederbetätigungsverfahren der Richter mehr Schmisse im Gesicht hatte als der Angeklagte. Jetzt gibt es auch noch Burschenschafter, etwa bei der Oberstaatsanwaltschaft, aber weniger. Wobei, solange sie etwa als Richter keine Befangenheit an den Tag legen, ist das ja auch kein Problem.

mokant.at: Wenn wir bei der Justiz bleiben: In einem Interview haben Sie gesagt, dass es ein Problem ist, wenn Geschworene bei Wiederbetätigungs-Prozessen entscheiden. Warum?
Heribert Schiedel: Das Entscheidende ist immer noch die Prozessvorbereitung und -führung. Engagierte Staatsanwälte und Staatsanwältinnen, unbefangene Richterinnen und Richter und ein im Gerichtssaal herrschender Konsens, wonach die Anwendung des Verbotsgesetzes keine lästige Pflicht, sondern Erfüllung des antinazistischen Gründungsauftrages und der Verfassung der Zweiten Republik darstellt, würden zu weniger Freisprüchen führen.

Aber es ist tatsächlich ein Problem, weil die Geschworenen ja ein Querschnitt aus der österreichischen Bevölkerung sind und auch sein sollen. Über die Stimmung in dieser Bevölkerung gibt etwa eine schon ältere Studie aus den späten 1990er Jahren Auskunft, die – wie ich fürchte – immer noch aktuell ist: Demnach stimmen mehr als fünfzig Prozent dem Satz zu: „Wenn sich türkische Gastarbeiter weigern, sich anzupassen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie gewalttätigen Angriffen ausgesetzt sind.“ Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass sich Neonazis vor Gericht dauernd als Exekutoren gesellschaftlicher Stimmungen darzustellen versuchen: Man sei kein Nazi, sondern nur gegen „Ausländer“, die sich nicht integrierten. Nicht selten konnten sich die Angeklagten dann über einen Freispruch oder ein mildes Urteil freuen.

mokant.at: Gibt es da einen Unterschied zwischen Stadt und Land?
Heribert Schiedel: Am Land, also in Städten mit bis zu 10.000 Einwohnern, gab es bei der vorher erwähnten Studie über siebzig Prozent Zustimmung. In Wien waren es nicht einmal 25 Prozent. Auch neonazistische Gewalt ist in Städten geringer. Demgegenüber sind die Orte, wo alle weiß, katholisch, heterosexuell und so weiter sind, dieses Normierte, Einheitliche, idealer Nährboden für jede Ablehnung. Man kann sagen: Je weniger Ausländer es gibt, desto mehr ist Rassismus vorhanden.

mokant.at: Wie ist das zu erklären?
Heribert Schiedel: Rassismus und Antisemitismus beruhen ja nicht auf realen Umständen, sondern auf Bildern und Vorurteilen in den Köpfen. Wenn es reale Konflikte gibt, kann man sie lösen. Aber Leute vom Land haben ihre Informationen nur aus Zeitungen und nicht aus persönlichem Erleben. „Only bad news“ sind ja bekanntlich „Good news“. Aber die „Bad news“ bringen uns zu Angst und Angst bringt uns zu Hass. Am Ende steht dann oft die Gewalt.

 

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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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