Chris Moser: „§ 278a? Keine Vernunft, keine Logik“

Der angeklagte Chris Moser gibt Einblicke in den Tierschutzprozess und die Ermittlungen

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Der Tiroler Chris Moser will die Gesellschaft nicht einfach so hinnehmen wie sie ist. Statements setzt er sowohl als Künstler als auch als politischer Aktivist. Sein Engagement im Verein gegen Tierfabriken wurde dem dreifachen Vater zum Verhängnis. Chris Moser ist einer von dreizehn Angeklagten im laufenden Tierschutzprozess. Die Anklage stützt sich auf den umstrittenen Anti-Terror-Paragraphen 278 und wirft ihnen die Bildung einer kriminellen Organisation vor. Im Interview erzählt Chris Moser von den Ermittlungen, gibt Einblicke in den laufenden Prozess und sein Weltbild. Er erklärt, warum er sich wundert, dass nicht alle „aufschreien“, der Prozess seiner Meinung nach nicht wegen Straftaten geführt wird, sondern „um Wirbel zu machen“ und er seine Ruhe haben möchte, aber „als die Person, die ich bin“.

Foto: (c) Gerhard Berger

mokant.at: Du bist einer von dreizehn Angeklagten im Tierschutzprozess. Was wird dir vorgeworfen?
Chris Moser: Ich bin wegen acht Punkten angeklagt: Unter anderem weil ich die Anti-Pelz-Demos vor dem Textilgeschäft „Kleiderbauer“ koordiniert habe, weil ich über diese Kampagne öffentlich referiert habe, weil ich eine Lesung mit dem englischen Tierrechtsaktivisten Keith Mann mitorganisiert habe, weil ich Flugblätter mit der zweideutigen Aufschrift „Jäger töten!“ daheim gelagert habe und weil ich „Animal Liberation“-Workshops abgehalten habe. Die werden alle zwei Jahre organisiert, richten sich an Tierschutz-Interessenten und werden immer öffentlich angekündigt. Zudem wirft man mir vor, dass ich militante Tierrechtsaktivisten bei mir übernachten lassen habe, die an einer Demo vor der Sandoz-Fabrik in Kundl teilgenommen haben. Ich selber war nicht dort, weil ich arbeiten musste. Ich habe erst danach erfahren, dass es anscheinend in der Sandoz-Umgebung Sachbeschädigungen gab.

mokant.at: Heißt das, sie haben dich überwacht, wenn sie wissen, wer bei dir übernachtet hat?
Chris Moser: Ja, die Tierrechtsbewegung wurde nachweislich seit 2005 vom Staatsschutz überwacht und seit 2007 gab es verdeckte Ermittlerinnen, die in die Szene eingeschleust wurden, sowie Informanten aus der Szene. Die erst durch Recherchen des VGT (Verein gegen Tierfabriken, Anmerkung der Redaktion) aufgedeckte verdeckte Ermittlerin, mit dem klangvollen Decknamen „Danielle Durand“, wurde ja beispielsweise 16 Monate ins Herz des VGT eingeschleust. Ich habe zusammen mit ihr an inkriminierten Jagdstörungen und an „Animal Liberation Workshops“ teilgenommen, die ja ebenso als verfänglich in meinem Strafantrag stehen. Diese Dame wurde jetzt die letzten Verhandlungstage einvernommen, als Zeugin. Klarerweise hat sie während ihrer Zeit beim VGT nichts strafrechtlich Relevantes beobachten können. Es heißt ja, sie hätte nur zur Gefahrenabwehr eingesetzt werden dürfen, vom Gesetz her. Welche Gefahren die gute Frau aber abgewehrt haben will, blieb sie uns bisher schuldig. Einvernommen wurde die Spitzeldame übrigens verkleidet und in einem separaten Raum, angeblich weil wir, die Angeklagten samt Anwaltschaft, ihr unangenehm seien … (lacht) Da arbeitet sie 16 Monate lang mit uns zusammen, geht laut Protokoll sogar mit Aktivisten und Aktivistinnen illegal plakatieren, und traut sich dann nicht, uns gegenüber zu sitzen? Komische Agentin.

mokant.at: Letzte Woche wurde bekannt, dass auch ein zweiter Ermittler in den VGT eingeschleust wurde.
Chris Moser: Ja, uns wurde erst letzte Woche ein Bericht von einer VP (Vertrauensperson, Anmerkung der Redaktion) übergeben. Auch diese war offenbar in den VGT eingeschleust, nähere Details fehlen aber noch … Sowohl die Berichte und Protokolle der verdeckten Ermittlerin, als auch jene der Vertrauensperson fanden offenbar keine Erwähnung im Akt, obwohl das alles ab 2007 stattfand … Aber eh klar, wie’s ausschaut fehlt ja widerrechtlich alles Entlastende in den Akten.

mokant.at: Hast du eigentlich nie bemerkt, dass du observiert wirst?
Chris Moser: Nein. Das erste Observationsprotokoll ist vom Juli 2007. Sehr kurios, da stehen dann Sachen drin wie: „Herr Moser trifft mit Frau und Kindern in der p.m.k. (Innsbrucker Lokal, Anmerkung der Redaktion) ein und hat einen Druckkochtopf mit sich.“ Im Winter 2007 hat jemand den ganzen Tag unsere Haustür beobachtet. Ich wohne in der Wildschönau (Tiroler Gemeinde mit rund 4.100 Einwohnern, Anmerkung der Redaktion), da ist sonst nichts. Keine Ahnung, wo die gesessen sind. (lacht) Und bei dem besagten Tag steht, dass niemand das Haus verlassen hat. Wenn wir den Prozess verlieren, müssen wir wahrscheinlich einen Teil der Ermittlungskosten zahlen, die sich auf rund 4.800.000 Euro belaufen. Einer hat gemeint, ihr seid eh zu dreizehnt, aber fünf Millionen sind auch zu dreizehnt zu viel. (lacht) Zu wissen, du musst vielleicht ein Leben lang hackeln, um diese fünf Millionen zurückzuzahlen … Das ist unsagbar. Bei uns ging es ihnen primär darum, Bewegung aus der Szene zu nehmen. Jetzt geht es ihnen darum, den Aktionismus zu lähmen.

mokant.at: Du beschreibst ein Klima der Angst – gibt es das denn derzeit in der Szene?
Chris Moser: Es wäre gelogen, wenn man etwas anderes sagen würde. Ich glaube aber, es ist nicht so aufgegangen, wie sie es wollten. Es ist nachweisbar, dass das von Kleiderbauer ausgegangen ist. Da steht zum Beispiel im Akt, dass Herr Graf, der Kleiderbauer-Chef, gesagt hat: „Die haben mein Auto kaputt gemacht und dann habe ich den Innenminister angerufen.“ Unser Anwalt hat dann gefragt: „Und dann wurde die Sonderkommission gegründet?“ Herr Graf hat das bejaht. Da habe ich mir gedacht, spätestens jetzt müssten alle aufschreien! Er hat also gesagt, dass ihn die Demos ärgern, aber er sie nicht verhindern kann, weil sie legal sind. Und als es Sachbeschädigungen gegeben hat, hat er gefordert, dass etwas passiert. Ich habe keine Ahnung, wie das läuft, damals war der Platter noch Innenminister. Treffen die sich in der Sauna und reden über so was? Der Graf sieht das als Erpressung und er will sich von so Chaoten nicht erpressen lassen. Aber andererseits will ich das nicht aufgeben. Bei Peek & Cloppenburg hat es ja auch geklappt und vielleicht steigen ja wirklich einmal alle aus dem Pelzgeschäft aus. Und zwar nicht weil wir deren Geschäft schädigen, sondern weil wir Bewusstsein in der Bevölkerung wecken. Es reicht, wenn zwei Omis da rein gehen und fragen: Hey, stimmt das wirklich, was die sagen?

mokant.at: Die Kleiderbauer-Demos waren immer legal, weil ihr sie angemeldet habt, oder?
Chris Moser: Ja, natürlich haben wir sie bei den Behörden bekanntgegeben. Und all diese Dinge haben wir jahrelang gemacht. 2004 habe ich angefangen, Jagden zu stören. Und 2002 habe ich die ÖVP-Zentrale in Wien im Zuge dieses Tierschutzgesetzes besetzt, da war nämlich die ÖVP die einzige Partei, die sich quergelegt hat. Und all das wird mir jetzt vorgeworfen. Ich bin ja nicht nur im Tierschutz tätig: In Kärnten habe ich die Ortstafeln ausgetauscht, ich habe das Bundeskanzleramt bei Regierungsantritt blockiert – also Aktionen aus menschenrechtlicher Sicht. Und der Strafantrag ist gespickt mit solchen Sachen! Obwohl es gar nichts damit zu tun hat, steht dann: Ja, und überhaupt, der Herr Moser hat ein Straßenschild ausgetauscht und damals gab es den Verdacht auf Sachbeschädigung. Aber das ist ja der Witz am zivilen Ungehorsam! Man macht das ja nicht und rennt dann davon. Du willst ja diesen Konflikt provozieren, das ist also Teil des Konzepts, dass du erwischt wirst, dass du dich rechtfertigst und die Strafe zahlst. Deshalb habe ich ja auch immer gedacht, ich sei auf der sicheren Seite – wenn du bei solchen Sachen mitmachst, bist du gezwungen, mit dem Gesicht zu diesen Sachen zu stehen.

mokant.at: Welche Erkenntnisse aus der Observation werden dir nun von der Anklage vorgeworfen?
Chris Moser: Gar keine. Niemand von uns dreizehn ist wegen schwerwiegenden Straftaten angeklagt. Sechs Aktivisten, darunter ich, wird außer dem § 278a gar nichts vorgeworfen. Die Richterin sagt selbst, dass hier Straftaten mit unbekannten Tätern verhandelt werden. Wir sollen schuld daran sein, dass irgendwer etwas Illegales tut. Uns geht es um grundlegende gesellschaftliche Änderungen – etwa die Änderungen des Tierschutzgesetzes.

mokant.at: Und mit welchen Mitteln wollt ihr diese Änderungen herbeiführen?
Chris Moser: Neunzig Prozent von dem, was wir machen, ist eigentlich Straßenarbeit. Im Gespräch auf der Straße merkst du auch, wo Konfliktpotenzial in Sachen Tierschutz herrscht. Dann arbeiten wir mit zivilem Ungehorsam, etwa mit Besetzungen von Legebatterien. Ich will grundlegende Änderungen, weil ich mich als Anarchist sehe. Andere in der Szene bekennen sich zum demokratischen Modell und wollen es einfach verbessern. Die Gruppe, die da angeklagt ist, ist auf keinen Fall homogen.

chris moser

Foto: (c) Gerhard Berger

mokant.at: Aber ihr werdet im Zuge des Prozesses insofern als homogene Gruppe zusammengefasst, als ihr als kriminelle Organisation angeklagt seid.
Chris Moser: Ja, das ist wesentlich. Die wollten letztendlich keine Straftaten verfolgen, sondern einen Wirbel machen. Es hat ursprünglich 150 Verdächtige gegeben, angeklagt wurden dreizehn. Der Strafantrag der Staatanwaltschaft basiert auf den Abschlussberichten der Polizei. Ursprünglich gab es sogar Abschlussberichte zu 42 Leuten. Eine von denen war sogar meine Frau. Das habe ich, zum Glück, erst nach dem Gefängnis mitbekommen. Denn das Schlimmste im Gefängnis war für mich, von meinen Kindern weg zu sein. Und wenn du weißt, da sitzen irgendwo Bullen, die eigentlich wollten, dass meine Frau auch da drinnen sitzt …

mokant.at: Ist deine Frau denn auch so stark in dieser Szene drinnen wie du?
Chris Moser: Überhaupt nicht! Sie ist halt meine Frau. Und deshalb ist es klar, dass sie von den Sachen weiß, die ich mache. Aber im Grunde sind meine acht Ermittlungspunkte ja nichts, was man nicht übers Internet erfahren könnte, das sind ja alles keine Geheimnisse. Im Gefängnis habe ich mir natürlich gedacht: Scheiße, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das anders gemacht.

mokant.at: Was hättest du anders gemacht?
Chris Moser: Naja, wenn ich Rechtssicherheit habe und weiß, ich darf keine Dauerdemos machen, wie die vor „Kleiderbauer“, dann mach ich sie auch nicht. Aber wir sitzen dort wegen Sachen, die wir jahrelang unbehelligt gemacht haben. Selbst die Rechtsprofis sagen, dieser Paragraph 278a schafft Rechtsunsicherheit. Und ich bin nie naiv mit dem Rechtsstaat umgegangen. Ich wusste als politischer Aktivist immer, wo die Grenze zum Strafbaren liegt. Wir hätten uns das alle nicht gedacht und plötzlich pumpern um sechs Uhr in der Früh acht bewaffnete Kieberer an die Tür und nehmen dich mit.

mokant.at: So ist es bei dir passiert?
Chris Moser: Es war der 21. Mai 2008, kurz vor sechs, plötzlich schreit meine Frau: „Die Polizei ist da, Hausdurchsuchung!“ Dann wollte ich runtergehen, sie fragen, was sie suchen und es ihnen geben. Als ich ins Erdgeschoss runtergegangen bin, habe ich gesehen, dass in unserer kleinen Einfahrt nicht nur ein Polizeiwagen steht, sondern mehrere zivile Limousinen. Dann haben sie alles durchsucht. Sie dachten sogar, in unserem familiären Chaos Buttersäure sichergestellt zu haben. Sie haben nämlich eine Halbliterflasche mit weißer Flüssigkeit gefunden. Und ich hab mir damals schon gedacht, das wird Sojamilch sein, die meinem Sohn aus der Tasche gefallen ist. Ein Bulle hat die Flasche aufgemacht, wollte dran riechen und einer hat panisch geschrien: „Nein, tu’s nicht!“ (lacht) Mittlerweile hat eine Chemikerin im Prozess bestätigt, dass es keine Buttersäure war.mokant.at: Haben sie denn etwas Bestimmtes bei dir finden wollen?
Chris Moser: Im Nachhinein habe ich erfahren, was sie bei mir gesucht haben: Das Ganze war 2008, und im Winter 2006 hat es den letzten Buttersäureanschlag in Graz gegeben. Bei der Hausdurchsuchung haben sie einen Buttersäure-Bunker gesucht und haben überall an die Wände geklopft. Mittlerweile habe ich von der Chemikerin erfahren, dass du Buttersäure gar nicht lagern könntest, weil das so stinkt. Du müsstest das also irgendwo in der Pampa lagern, aber sie haben gemeint, wir haben’s im Gang. Die haben ja wirklich klischeehaft gesucht. Zum Beispiel haben sie einen Bolzenschneider bei mir entdeckt, den ich für das Anfertigen von Skulpturen brauche. Den haben sie mitgenommen. Ich habe gesagt, eine Flex hätte ich auch noch. Die wollten sie aber nicht. Jeder, der bei einer Straftat schnell vorgehen wollen würde, würde eine Flex verwenden, aber die haben einfach nicht gewusst, nach was sie suchen. Mein Sohn hat ein Feuerzeug in Knarrenform. Ein Bulle hat den mit dem Kugelschreiber aufgehoben und gefragt, was das denn ist. Der hat also wirklich geglaubt, dass in unserem familiären Chaos eine Knarre herumliegt … Die wollten irgendwas aushöhlen, haben irgendwas Subversives gesucht, das im Verborgenen möglichst viele Gewalttaten verübt. Und wenn draußen ein Hubschrauber gestanden wäre, hätte sie das auch nicht überrascht.

mokant.at: Wie hat deine Familie deine Festnahme erlebt?
Chris Moser: Während der Hausdurchsuchung habe ich versucht, meine zweijährige Tochter zu beruhigen, und habe mit ihr gemalt. Ich musste die fünf Stunden in Handschellen am Tisch sitzen. Irgendwann wachten die Söhne auf, kamen die Stiegen herunter, ich wollte zu ihnen hinüber, um sie zu beruhigen, und sofort hat mich ein Bulle niedergedrückt. Und das haben die alles mitbekommen. Ich könnte gar nicht so viele Kunstwerke und Aktionen machen, um diesen Staat zu demaskieren, wie es dieser eine Moment getan hat.

mokant.at: Wie offen redest du mit deinen Kindern über die Vorkommnisse?
Chris Moser: So offen wie jetzt. Die erste Woche war ich ja in Innsbruck im Gefängnis, die restlichen drei Monate U-Haft verbrachte ich in Wiener Neustadt. Mein zehnjähriger Sohn Samuel hat natürlich total geweint. Der war auch der Einzige, der das so mitbekommen hat. Samuel hat bei einem Besuch zu mir gesagt, und das werde ich nie vergessen: „Mir ist lieber, du hockst hier drinnen, als du bist einer von denen.“

mokant.at: Du wurdest als Erster der dreizehn aus der U-Haft entlassen. War das eine Erleichterung?
Chris Moser: Weil die anderen noch drinnen waren, habe ich meinen Kindern gesagt, das sei nur Urlaub. Ich habe damit gerechnet, dass die mich wieder abholen kommen. Und ich wollte nicht wieder so unvorbereitet sein, also habe ich mir einen Koffer gepackt und vor die Tür gestellt. Nach zwei Wochen habe ich eben erfahren, dass die anderen auch draußen sind, aber den Koffer habe ich noch lange dort stehen lassen. Noah, unser Mittlerer, ist einmal in der Nacht aufgewacht und hat gesagt, er habe geträumt, wir seien verhaftet worden. Und Samuel, der Älteste, hat gesagt, wenn man das vorher wüsste und sich verabschieden könnte, wäre das gar nicht so schlimm. Das ist auch der Punkt: Ich wollte nicht unvorbereitet sein. Es hat Monate gedauert, bis ich den Koffer weggeräumt habe, oder besser gesagt meine Frau.

mokant.at: Was macht das mit einem? Hast du deine Taten hinterfragt?
Chris Moser: Natürlich will ich meine Ruhe haben, aber als die Person, die ich bin. Zum Andreas-Hofer-Jahr (Gedenkjahr, das in Tirol 2009 zu Ehren Andreas Hofers, Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung 1809, gefeiert wurde, Anmerkung der Redaktion), haben wir zum Beispiel einen satirischen Film gedreht. Ich war zu der Zeit schon im Verfahren. Den Film habe ich dann auf YouTube gestellt. Zwei Tage später kriege ich eine Vorladung wegen Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole. Da sagt der Polizist zu mir: „Herr Moser, jetzt haben’s doch schon ein Verfahren laufen und jetzt das!“ Aber ich kann ja nichts dafür – da, wo ich hinsteigen will, ist ein unsichtbares „Betreten verboten“-Schild. Ich kann da nicht aus meiner Haut hinaus. Einmal haben wir ein Tierversuchslabor besetzt. Der Vorwurf lautete Hausfriedensbruch. Der Richter hat mich damals gefragt, warum ich mir das überhaupt antue, obwohl ich doch Kinder habe. Und ich habe gesagt: Nein, weil ich Kinder habe, mache ich das.

Foto: (c) Gerhard Berger

mokant.at: Gehst du davon aus, dass der Prozess mit Verurteilungen enden wird?
Chris Moser: Es gibt verschiedene Prognosen. Eine davon ist, dass wir zu einer unbedingten Haftstrafe von drei Monaten verurteilt werden. Die wenigsten rechnen damit, dass wir nochmal ins Gefängnis kommen, weil wir keine Vorstrafen haben. Aber auch eine bedingte Verurteilung bedeutet den finanziellen Ruin.

mokant.at: Du wohnst nach wie vor in Tirol, für den Prozess pendelst du nach Wiener Neustadt. Wie sieht da derzeit dein Alltag aus?
Chris Moser: Wenn ich nicht im Gericht sitze, bin ich daheim und verarbeite das Ganze in der Kunst. Für die Leute in Wien ist es einfacher, aber ich sitze 24 Stunden pro Woche im Zug weil ich hin- und herpendeln muss. Und ich habe meistens drei Tage in der Woche Verhandlung. Das heißt, ich kann nicht hackeln gehen. Ich habe jetzt ein Jahr lang nicht arbeiten gehen können, ich lebe nur von Spenden. Ich habe mir anfangs gar nicht vorstellen können, wie ich das mit drei Kindern schaffen soll. Und dann sagen die zu mir: Das hätten Sie sich früher überlegen müssen! Ja, wann und wo?

mokant.at: Über den Prozessablauf wird mittlerweile ausgiebig berichtet. Wie nimmst du ihn als Angeklagter wahr?
Chris Moser: Normalerweise kann ich gut einschätzen, was ich mache und was ich sage. Aber das Gericht ist mir so fremd. Da gibt es vollkommen eigene Spielregeln, das ist echt so, als würden sie in einer eigenen Fremdsprache reden. Nach zwei Tagen habe ich gecheckt, dass man da gegen eine Wand redet. So viel Naivität gegenüber dem Rechtsstaat habe ich nicht, dass ich mir denke, wir könnten uns da mit Vernunft oder Logik hinausreden. Denn wenn in diesem Verfahren Vernunft oder Logik eine Rolle spielen würden, dann wäre es soweit gar nicht gekommen. Drei Angeklagte haben erst zwei Wochen vor Prozessbeginn von ihrer Anklage erfahren. Und das ist unsagbar, vor allem mit dem Hintergrund, dass die Akten doppelt so viele wie im BAWAG-Prozess sind. Das heißt, die mussten sich zwei Wochen vor Prozessbeginn in diese Akten erst mal einlesen, einen Anwalt finden und so weiter!

mokant.at: Ist die Liste der dreizehn Angeklagten eigentlich nach der Schwere ihrer Tat geordnet?
Chris Moser: Eine Tat gibt es ja nicht, sie ist nach der Schwere dessen geordnet, was sie sich vorstellen. Der Martin wird ja oft als Hauptbeschuldigter bezeichnet, er steht auch auf Platz Eins dieser Liste. Ich meine, im Endeffekt geht es ja um den VGT und um den Martin zum großen Teil. Und einmal sagte der Staatanwalt süffisant: „Martin Balluch bezeichnet sich ja sogar selber als Hauptangeklagter.“ Und dann sagt der Martin: „Der Hauptangeklagte bin ich ja offensichtlich.“ Und die Richterin: „Aber die Liste ist ja alphabetisch gegliedert.“ Martins Bruder, der ja auch Balluch heißt, ist der dreizehnte Angeklagte! (lacht)

mokant.at: Bei deiner Einvernahme musstest du dich vor allem auch für deine radikale Kunst rechtfertigen …
Chris Moser: Ja, da kamen dann bei meiner Einvernahme am 18. und 22. März 2010 so lustige Fragen wie: „Haben Sie in Ihrer Kunst Ihre Gedanken und Ihre Gesinnung zum Ausdruck gebracht?“ oder „Haben Sie in Ihrer Kunst zum Ausdruck gebracht, was Sie innerlich bewegt, was Sie an Änderungen haben möchten?“ Die grotesken Fragen ließen sich weiter fortsetzen … (lacht) Sowas werde ich in einem österreichischen Strafverfahren gefragt, und zwar im Jahr 2010! Es geht hier nicht nur um Meinungsfreiheit, um Pressefreiheit und unsere Versammlungsfreiheit, nein, hier steht ganz deutlich auch die Freiheit der Kunst vor Gericht.Und ja, natürlich habe ich mich in meiner Kunst – wie das auch andere Künstler und Künstlerinnen tun – mit Radikalem und auch teilweise mit Gewaltmetaphern auseinandergesetzt, aber das fällt mir jetzt voll auf den Schädel. Denn wie soll ich der Richterin erklären, warum ich Kunstwerke mit Kalaschnikows mache – das passt für sie ja alles in ein Bild von mir hinein. Ich habe der Richterin Bilder von Brus und Helnwein vorgelegt und ihr gezeigt, dass da auch mit Waffen und Gewaltmetaphorik gearbeitet wird und sie hat „Wahnsinn“ gesagt. Und sie hat das auch wirklich so gemeint – das sind zwei verschiedene Welten. Mir kommt vor, die Richterin denkt, ich sei einfach so einer, der nur stören will. Aber das stimmt gar nicht. Ich bin ja eigentlich ein sehr gemütlicher Mensch. (lacht)
mokant.at: Wie würdest du dein Gefühl derzeit beschreiben, hast du Angst?
Chris Moser: Manchmal. Manchmal wache ich in der Nacht auf und zittere, weil ich vom Gefängnis geträumt habe. Das klingt jetzt so hühnerbrustig. Ich möchte eigentlich davon Abstand nehmen, ich bin kein Schwächling. Aber es überkommt mich immer wieder. Wir wohnen in einem 450 Jahre alten Haus und da haben wir so eine Truhe. Die habe ich unlängst mit den Kindern ausgeräumt. Plötzlich sagt Samuel: „Da habe ich mich versteckt, als sie das Haus durchsucht haben.“
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Titelbild: (c) Gerhard Berger
Julia Staller war als Chefredakteurin und Chefin vom Dienst für mokant.at tätig.

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