Kommentar: Neonazis aus Unwissen

Der Holocaust kann nie zu lange her sein, um an ihn zu erinnern

Foto: Raimund Appel

Foto: Raimund Appel

„Es ist ja schon so lange her. Reicht es nicht irgendwann? Sollte man das nicht endlich mal hinter sich lassen?“ – Genau 65 Jahre ist es jetzt her, seit das KZ Mauthausen von US-Truppen befreit wurde. Für viele Menschen lang genug, um nicht mehr daran denken zu wollen. „Ich möchte nicht die ganze Zeit hören, dass alle Österreicher schuld sind, warum soll ich an etwas schuld sein, was ich überhaupt nicht gemacht habe?“, meint etwa Publizistikstudentin Eva. Sie weiß, dass es schrecklich war, aber irgendwann ist es genug. Vielleicht hat Eva tatsächlich schon genug gehört und gesehen. Vielleicht hat sie tatsächlich schon genug von den Gräueln der NS-Zeit. Nicht, weil sie nicht mehr will, sondern einfach, weil sie nicht mehr kann.

Man müsste meinen, dass wir heutzutage an schreckliche Bilder aus dem Fernsehen gewöhnt sind. Aber als wir uns in der 7. Klasse den Film „Die Todesmühlen“ angeschaut haben, der zeigt, was die Alliierten bei der Befreiung von Konzentrationslagern gesehen haben, mussten einige den Raum verlassen, weil ihnen schlecht wurde. Die anderen hatten blankes Entsetzen in den Augen. Nach dem Film sprach lange Zeit niemand auch nur ein Wort. Und jeder wusste: Noch eine Minute mehr und man hätte es nicht mehr ertragen.

Man könnte sich jetzt die Frage stellen, ob man Menschen solche Filme zumuten darf. Vielleicht muss man es sogar, wenn man sich die Situation von vielen Jugendlichen jetzt anschaut: SMS werden verschickt mit dem Aufruf, das Judentum zu verabscheuen, an Stammtischen hört man „Witze“ à la: „Was ist der Unterschied zwischen Juden und Moslems? Die Juden haben es schon hinter sich.“

Alles überzeugte Neonazis? Nein, alles Jugendliche, die mit „rechtsradikal“ gar nichts zu tun haben wollen und für die das Wort „Antisemit“ eine Art Schimpfwort ist. Jugendliche, die, wenn man sie drauf anspricht, das „nicht ernst gemeint“ haben. Eigentlich hätten sie auch überhaupt nichts gegen Juden. Gerade einmal drei Prozent der 16- bis 18-Jährigen stufen sich selbst als eindeutig rechts ein. Viele andere sind nicht aus Überzeugung rechtsradikal, sondern einfach aus Unwissen.

Studien belegen, dass in Schulen, in denen auch aktueller Antisemitismus und Rassismus zum Thema gemacht und diskutiert werden, am wenigsten davon unter den Schülern verbreitet ist. Totschweigen hingegen führt zur Verbreitung von einem Gedankengut, von dem die meisten gar nicht wirklich wissen, was es eigentlich bedeutet.

Deswegen ist es wichtig, über die Vergangenheit zu reden. Es geht dabei nicht um Schuld. Natürlich will niemand schuld sein an etwas, das er nicht gemacht hat. Aber Verfolgung beginnt nicht mit Konzentrationslagern. Verfolgung beginnt mit Hetze und Hetze bei Hassbotschaften, die akzeptiert werden, weil sie „eh nicht ernst gemeint sind“. Deswegen wird Mauthausen nie „lange her“ sein. Es sollte wie ein Brandmahl in jeden Menschen aus jedem Land eingebrannt sein, als eine Erinnerung daran, wozu Menschen fähig sind.

Der Film „Die Todesmühlen“ hat damals übrigens nicht nur Bestürzung ausgelöst. Nachdem der erste Schock vorbei war, haben die meisten beschlossen, sich gegen Antisemitismus und Rassismus zu engagieren: Hier und jetzt.

 

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.