Amani Abuzahra: Jung, stark, Muslimin

Amani Abuzahra im Interview über falsche Rollenklischees und Koran-Übersetzungen

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Amani Abuzahra ist Österreicherin und gläubige Muslimin. Für sie kein Widerspruch, sondern gelebte Realität. Dass das nicht alle so sehen, erlebt Abuzahra immer wieder. Als Vorstandsmitglied von „Junge Musliminnen Österreich“ (JMÖ), einem unabhängigen Verein, möchte sie jungen Musliminnen Stärke zusprechen. JMÖ ist in seiner Art einzigartig – sie ist die einzige deutschsprachige Organisation, die sich speziell an Musliminnen ab fünfzehn Jahren wendet und falschen Rollenklischees entgegen wirken möchte, wie Abuzahra im Interview erzählt.

mokant.at: Was kennzeichnet junge muslimische Frauen in Österreich aus der Sicht von „Junge Musliminnen Österreich“ (JMÖ)?
Amani Abuzahra: Wir sehen uns einerseits als Österreicherinnen und andererseits als Musliminnen. Für uns ist das kein Widerspruch. Mit der zweiten und dritten Generation ist eine neue Phase angebrochen. Es geht um einen Perspektivenwechsel. Es geht darum, dass man den Fokus wegführt von dem Migrantinnendasein, hin zu einem Dasein als österreichische Muslimin.

mokant.at: Auf der JMÖ-Website steht, euer Ziel ist, dass die muslimische Frau für Bildung, Stärke, Modernität und Aktivismus steht. In Österreich wird aber die muslimische Frau eher mit Rückständigkeit und Unterdrückung assoziiert.
Abuzahra: Das Bild der unmündigen, rechtlosen Muslimin wird großteils durch die Medien transportiert. Sie wird durch das Kopftuch als muslimische Frau erkannt und damit werden automatisch alle negativen Islam-Assoziationen, wie Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Terrorismus, auf sie übertragen. Wenn man sich die Realität von muslimischen Frauen ansieht, muss man auch sagen, dass es noch sehr viel innermuslimischer Aufklärungsarbeit bedarf. Wir versuchen mit Projekten muslimische Frauen dazu zu befähigen sich ein eigenes Bild über ihre Rolle im Islam zu machen. Dass sie sich überlegen: Was habe ich denn überhaupt für Rechte, wie ist meine Rolle? Ist es wirklich so, dass ich diejenige bin, die sich dem Mann unterzuordnen hat? Wir versuchen, muslimische Mädchen dazu zu befähigen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

mokant.at: Und wie ist die Rolle der Frau im Islam?
Abuzahra: Frau und Mann sind gleichberechtigt. Es gilt das Prinzip der gegenseitigen Beratung, die Pflicht von Mann und Frau ist es, sich zu ergänzen. Ansonsten ist es aber eine sehr komplexe Frage: Es gibt nicht die muslimische Frau. Muslimische Frauen bewegen sich genauso in einem Spannungsfeld wie Frauen anderer Religionsbekenntnisse und Weltanschauungen. Sie müssen schauen, wie sie ihr Leben managen mit Beruf, Studium, Kindern, Familie, Karriere und so weiter. Da gibt’s ganz unterschiedliche Lebenskonzepte.

mokant.at: Aus Ihrer Sicht sind Männer und Frauen im Islam vollkommen gleichberechtigt?
Abuzahra: Ja, sie sind gleichberechtigt.

mokant.at: Es gibt aber Stellen im Koran, aus denen hergeleitet wird, dass der Mann im Islam der Frau übergeordnet ist, etwa dass der Mann das Familienoberhaupt ist und die Frau ihm nur als Beraterin zur Seite steht.
Abuzahra: Wenn man den Koran liest, muss man die Stellen in einen aktuellen Kontext einbetten. Man muss sich fragen: Wie ist die Realität, in der wir leben und wie kann ich diese Stellen innerhalb dieser Realität verstehen? Ich verstehe die Rolle der Frau, auch aus dem Koran abgeleitet, überhaupt nicht als eine untergeordnete. In der Realität gibt es ganz unterschiedliche Familienzusammenstellungen, wo die Frau das Familienoberhaupt ist und das Sagen hat, wo die Frau vierzig Stunden arbeiten geht und der Mann auf das Kind aufpasst. Vor allem in meiner Generation, in der viele in Österreich aufgewachsen sind, gibt es ganz unterschiedliche Lebenskonzepte. Sie alle stimmen mit dem Islam überein.

mokant.at: Es gibt aber auch Frauen, die systematisch unterdrückt werden. Die Männer, die sie unterdrücken, beziehen sich dabei auf den Koran.
Abuzahra: Es gibt natürlich viele Frauen, die auf das Mutter- und Hausfraudasein beschränkt sind. Ich finde, wenn die Frau das möchte, dann soll sie auch so leben. Problematisch ist es, wenn die Männer, Väter oder Brüder hergehen und sagen: Du bist eine muslimische Frau und die Religion schreibt dir vor, dass du daheim bleiben musst. Da wird der Islam schlicht und einfach missbraucht.

mokant.at: Es gibt ja eine Stelle im Koran, die Gewalt an Frauen zu legitimieren scheint. Da steht: Wenn sie widerspenstig ist, dann müsse man sie zurechtweisen und wenn das nicht reicht, schlagen.
Abuzahra: Diese Stelle ist sehr oft mit dem Wort „schlagen“ übersetzt worden, womit ich nicht einverstanden bin. Es gibt im Arabischen für verschiedene Wörter unterschiedliche Bedeutungen. Der Übersetzer bringt immer seine Perspektive mit ein und das ist beim Koran meist eine männliche Perspektive. Hier tut sich aber sehr viel in der muslimischen Community. Die Frauen beginnen, sich selbst mit diesen Textstellen auseinanderzusetzen.

Das Wort für „schlagen“ lautet im Arabischen „daraba“. „Daraba“ bedeutet auch „loslassen“. Warum nimmt man in der Übersetzung das Wort „schlagen“? Es gibt jetzt viele Gelehrte, die sagen: Es macht doch viel mehr Sinn, die Stelle mit dem Wort „loslassen“ zu übersetzen. Nämlich in dem Sinn, dass, wenn die Ehe nicht mehr funktioniert, wenn das miteinander Sprechen nicht mehr funktioniert, es am meisten Sinn macht loszulassen und sich scheiden zu lassen.

mokant.at: Kann man auch eine richtige Muslimin sein, ohne das Kopftuch zu tragen?
Abuzahra: Sicher kann man das. Es ist eine Entscheidung, die jede Frau, jedes Mädchen für sich selbst treffen muss. Das ist nicht der Maßstab für eine gute Muslimin.

mokant.at: Die Islamkritikerin Seyran Ates meint, das Kopftuch sei ein politisches Symbol, es demonstriere die Unterordnung der Frau und reduziere sie zum Sexualobjekt.
Abuzahra: Wenn man sich mit dem muslimischen Kopftuch auseinandersetzt, dann sollte man sich auch anschauen, warum die Frauen es tragen und das kann aus ganz unterschiedlichen Gründen sein. Ein Motiv ist, dass das Kopftuch einen Teil der Identität der muslimischen Frau ausmacht. Es drückt die Zugehörigkeit zum Islam, zur Religiosität aus, stellt eine spirituelle Verbindung zu Gott dar. Es gibt im Koran zwei Verse, die über die islamische Kleidung sprechen und für viele Frauen ist es wichtig das umzusetzen. Manche Frauen tragen das Kopftuch auch aus Modebewusstsein, andere aus Gewohnheit. Es gibt Mädchen, die dazu von den Eltern oder sonst wem gedrängt werden. Aber das jetzt hochzupushen und zu sagen, das ist die Mehrheit der muslimischen Frauen, damit habe ich ein Problem.

mokant.at: Was bedeutet es für Sie persönlich?
Abuzahra: Für mich persönlich ist es Ausdruck meiner religiösen Identität. Als ich begonnen habe den Islam zu praktizieren, mich näher mit der Religion zu beschäftigen, war es so, dass ich mich Gott über den inneren Weg immer mehr genähert habe, aber äußerlich war das nicht erkennbar. Mir war wichtig, dass ich diese innere Veränderung auch nach Außen trage.

mokant.at: Also haben Sie es gemacht, um Ihre religiöse Identität zu zeigen?
Abuzahra: In erster Linie war’s für mich. Es war eine Phase, wo ich mich sehr viel mit mir selber beschäftigt habe. Ich habe so eine starke Veränderung gespürt, dass ich mir dachte: Es fehlt noch was, ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und eben auch die islamische Kleidung tragen. Ich war damals 19 oder 20 Jahre alt und es war eine sehr bewusste Entscheidung. Es war für viele eine Überraschung, auch für meine Eltern. Meine Mutter trägt zum Beispiel kein Kopftuch. In der Arbeit haben alle gesagt: Was? Du?

mokant.at: Werden Sie seither anders behandelt?
Abuzahra: Die Leute gehen schon anders mit mir um. Teilweise sind sie interessierter, möchten wissen, warum man das macht. Man kommt auch viel schneller ins Gespräch über Religion und Kultur. Also ich erlebe das oft durchaus positiv. Aber es gibt auch negative Aspekte, wo es zu Diskriminierung oder Rassismus kommt. Ich persönlich erlebe es nicht so oft, aber höre viele Geschichten von anderen muslimischen Mädchen, die aufgrund des Kopftuchs diskriminiert werden.

mokant.at: Was für Diskriminierungen sind das?
Abuzahra: Teilweise glauben die Leute, dass ich nicht normal deutsch sprechen kann. Damit habe ich grundsätzlich kein Problem, aber ich habe dann ein Problem, wenn sie merken, ich kann Deutsch, und trotzdem so mit mir reden, als ob ich sie nicht verstehen würde. Manche Menschen gehen mit dir um, als ob du weniger Verstand hättest. Sie haben dieses Bild von der unmündigen muslimischen Frau und behandeln sie dann auch so. Sie behandeln dich wie einen Menschen, der weniger wert ist.

Diskriminierung passiert auf verschiedenen Ebenen. Es kann in der Uni bei mündlichen Prüfungen sein oder in der Arbeitswelt. Auf der gesetzlichen Ebene ist der Islam seit 1912 in Österreich eine anerkannte Religion. Es sollte eigentlich überhaupt keine Benachteiligungen geben, aber in der Gesellschaft gibt es sie.

mokant.at: Werden Muslime als Teil der österreichischen Gesellschaft betrachtet?
Amani Abuzahra: Teilweise. Es gibt schon viele positive Erfahrungen. Wir haben Projekte und Kooperationen mit nicht-muslimischen Organisationen und Vereinen und es funktioniert wirklich wunderbar. Also ich persönlich würde das nicht so pauschalisieren, so wie manche sagen: „Die Österreicher wollen uns eh nicht. Es ist egal, was wir machen.“ Ich sehe das überhaupt nicht so. Für mich sind das aber auch nicht wir und die anderen. Ich sehe mich selber als Österreicherin. Es gibt Rassismus, es gibt Diskriminierungen, das passiert aber Menschen, die nicht Muslime sind, genauso.

mokant.at: Laut einer Studie vom Marktforschungsinstitut GfK zum Thema Integration sind es aber vor allem Muslime, die sich benachteiligt fühlen – über fünfzig Prozent. Warum ist das so?
Abuzahra: Die Musliminnen und Muslime, die in Österreich aufgewachsen sind, sehen sich als Österreicherinnen und Österreicher und möchten in ihrer österreichisch-islamischen Identität anerkannt werden. Sie werden aber oft nicht als Österreicher akzeptiert. Man sieht sie als Muslime und automatisch als Ausländer. Es wäre ein wichtiger Ansatz, dass man beginnt, Musliminnen und Muslime als normalen Teil der Gesellschaft zu sehen, als Österreicherinnen und Österreicher mit einer islamischen Religion. Wenn man immer nur die Religion in den Vordergrund stellt, sieht man nur das Trennende. Es gibt aber auch sehr viele verbindende Elemente.

mokant.at: Bei derselben Studie gaben 45 Prozent der türkischen Muslime „mangelndes Einverständnis mit der österreichischen Gesellschaft, ihrer Lebensweise und dominierenden Werten“ an. Wie erklären Sie sich das?
Abuzahra: Das ist genauso eine Sache mit der Anerkennung. Was passiert bei diesen Studien? Es sind oft polarisierende Fragen, das merkt man auch an diesem Statement. Das sind dann solche Fragestellungen wie: Bist du Moslem oder bist du Demokrat? Bist du für Gott oder bist du für den Staat? Man hat dann das Gefühl, dass es zwei Gegenpole sind. Entweder Islam oder Demokratie. Entweder Muslim sein oder Österreicher. Und wenn die Muslime erleben, dass sie in ihrer österreichischen Identität nicht anerkannt werden, aber in ihrer muslimischen sehr wohl, dann sind sie eher dazu geneigt, sich für „Muslim“ oder „Islam“ zu entscheiden. Es heißt aber in Wirklichkeit nicht, dass sie sich nicht als Österreicherinnen und Österreicher sehen oder gegen die Demokratie sind.

Die Musliminnen und Muslime in Österreich erkennen die österreichische Verfassung und die Demokratie an und gerade das macht Österreich ja so lebenswert für sie. Das stellt für sie überhaupt keinen Widerspruch zum Islam dar. Hier wird in der Theorie ein Problem, ein Gegensatz kreiert, der für mich in der Praxis nicht da ist.

mokant.at: Das erwähnte Statement war in der Studie aber nicht die Antwort auf eine Frage, die als Gegensatz formuliert war, sondern eben auf die Frage nach dominierenden Werten.
Abuzahra: Aber was sind denn dominierende Werte? Was versteht der Autor darunter? Ich persönlich denke, dass viele Muslime gar nicht genau wissen, was damit gemeint ist oder vielleicht davon ausgehen, dass sie sich entscheiden müssen. Also mich würde das Demokratieverständnis der österreichischen Mehrheitsbevölkerung auch interessieren. Was versteht sie unter Demokratie und unter den dominierenden Werten?

mokant.at: Was könnten Muslime unter den dominierenden Werten verstehen?
Abuzahra: Ich weiß es nicht, weil ich nicht weiß, wie die Studie aufgezogen wurde. Aber schon allein dieser Ausdruck „dominierende Werte“ hört sich wie etwas an, das mit dem Islam unvereinbar sein muss. Diese Fragestellung finde ich irreführend. Werte wie Gleichberechtigung, Freiheit und die Menschenrechte sind alle im Islam verankert.

mokant.at: Sie haben erwähnt, dass Islam und Demokratie keine Gegensätze sind. Letztes Jahr gab es eine Studie über Islamlehrer, wo herausgekommen ist, dass für etwa ein Viertel Islam und Demokratie nicht miteinander vereinbar sind.
Abuzahra: Das sind genau diese Sachen, die so polarisierend gefragt werden. Ich finde es immer schade, dass nur diese Studien bekannt werden. Es gibt sehr viele andere Studien, die positive Ergebnisse zeigen, über die von den Medien nicht berichtet wird. Da ist immer die Frage: Was für ein Bild versucht man zu zeigen, wenn die Realität eine andere ist? Was für ein Bild vom Islam will man darstellen?

Kritik ist wichtig, Selbstkritik ist noch wichtiger, auf beiden Seiten. Man muss die eigenen demokratischen Werte, wie Freiheit und Gleichheit, nicht nur in den Mund nehmen, sondern sich auch fragen, wie es in unserer Gesellschaft wirklich ist. Zum Beispiel auch auf die Frau bezogen: Frauen verdienen immer noch nicht so viel wie Männer, obwohl die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau eigentlich ganz ein großer Wert ist. Hier müssen alle sagen: Wir haben Defizite und die gilt es aufzuarbeiten.

mokant.at: Auch auf der JMÖ-Website sprecht ihr von „islamischen Feminismus“. Für viele hier ist islamisch und feministisch ein Widerspruch. Was verstehen Sie darunter?
Abuzahra: Ja, für viele ist feministisch gleich antiislamisch. Es gibt aber viele muslimische Frauen, die sich als muslimische Feministinnen bezeichnen. Sie nehmen nicht nur ihr Leben selbst in die Hand, sondern sie interpretieren auch Religion aus einer weiblichen Perspektive. Und sie versuchen damit der Gesellschaft zu zeigen, dass Frauen im Islam eine sehr positive und starke Rolle haben können.

Link dazu …
Junge Musliminnen Österreich (JMÖ)

Titelbild: (c) georg marlovics

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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