Und Überhaupt: Nachtbus-Persona

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina regelmäßig ihre Gedanken von der Seele

Es bin sicher nicht nur ich. Zumindest hoffe ich es. Überhaupt kann es fast nur so sein: Im Nachtbus sind wir alle nicht wir selbst.

Im Nachtbus sind wir folgende Personas: mäßig bis ziemlich betrunkener Fortgeher, auffällig seltsamer bis gruseliger Mann, müder Grantler, schlafender Obdachloser. Der Durchschnittsnachtbusfahrer ist also männlich, müde, betrunken und/oder gruselig, obdachlos oder hat einen Job mit beschissenen Arbeitszeiten. Dieser Passagiersumpf spiegelt nicht den realen Bevölkerungsquerschnitt wieder, oder? Nein. Die machen das sicher alle wie ich und legen sich zum Selbstschutz eine Rolle zu. Überhaupt macht man sich im Nachtbus keine Freunde.

Meine Nachtbus-Persona ist der desinteressierte Bitch-Angsthase. Stark angelehnt an meine übliche Tageslicht-Öffi-Bitch, erweitere ich in der Nacht um den Angsthasen. In der Nacht ist alles anders. Da eckst du nicht an, da sprichst du nicht gern, da hältst du dich im Hintergrund. Kurz gesagt: In der Nacht trau ich mich die Bitchiness nicht rauslassen. Das heißt so viel, wie dass ich zwar von vornherein bestimmt und grantig dreinschau’, ich aber nicht ganz so grantig reagiere, sollte ich trotz aller Vorkehrungen doch irgendwie reagieren müssen. Ich habe meine Kopfhörer auf um meinen Kommunikationsunwillen klar zu machen und um einen guten Grund für meine Nichtreaktion zu haben. Ich höre nur selten Musik, um sicherheitshalber trotzdem alles mitzubekommen.

Ich zeige mäßige Genervtheit über den Fortgeher (Ich hör’ ja eigentlich Musik), der neben mir sein Dürüm schmatzt, mit zwiebeligem Atem den Fortgehkollegen gegenüber angrölt und zwischendurch versucht, auch fremde Leute zu animieren. Ich erinnere mich daran, dass das nicht er ist, sondern nur seine Nachtbus-Persona. Bei Tag studiert er nämlich im vierten Semester Germanistik, traut sich im Seminar nichts sagen und bringt seine Wäsche alle zwei Wochen zur Mama nach Linz. Ich meide den beängstigend dauergrinsenden Herrn mittleren Alters, dessen Augen um zwei Uhr früh von Sonnenbrillen verdeckt sind und der immer wieder mit sich selbst redet und dabei seine knisternde Polyester-Jogginganzugjacke reibt. Aber das ist okay. Bei Tag sieht er Barbara-Salesch-Wiederholungen, bürstet seine Katze und isst Inzersdorfer Reisfleisch. Ich setze mich am Ende meistens zu den müden Grantlern – ihre Persona ist vermutlich am stärksten an die Wirklichkeit angelehnt: Sie sind müde und/oder grantig aufgrund ihrer frustrierende Arbeitszeiten, wollen einfach heimkommen und dabei von den lästigen Ausflugsnachtbusfahrern in Ruhe gelassen werden. Da passt meine Persona ganz gut rein, find’ ich.

Und liebe Männer: Bitte grabt nie, nie, nie eine Dame im Nachtbus (oder beim Warten auf den Nachtbus) an. Ich versprech euch, das funktioniert nicht. Im Nachtbus nehmen wir euch prinzipiell als Bedrohung wahr. Da könnt ihr noch so schön sein. Sollten wir uns tatsächlich mit euch unterhalten, dann machen wir das, um euch bei Laune zu halten und uns so eventuellen Vorsprung zu verschaffen. Lasst es einfach sein. Ihr seid unheimlich. Und vermutlich nicht ihr selbst.

Und überhaupt: Lauert uns lieber nach längerer Beobachtung bei Tag(!) auf – im Billa, beim Tierfrisör, am Buntglascontainer. Das ist romantisch.

Titelbild: flickr.com/Jorge Elías 

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

5 Comments

  1. a0988457@unet.univie.ac.at'

    tina

    13. Mai 2014 at 22:59

    Sehr witzig! Kann ich absolut nachvollziehen…

  2. -@gmx.at'

    -

    15. Mai 2014 at 12:00

    Ich bin dann wohl auch der desinteressierte Bitch-Angsthase!

  3. rebecca.steinbichler@gmx.at'

    rs

    15. Mai 2014 at 15:56

    Der gute alte Kopfhörer-Trick… der ist auch auf der Strecke Schottentor-Unterführung bis zur Uni sehr zu empfehlen 😉

  4. katharina.egg@mokant.at'

    Katharina Egg

    15. Mai 2014 at 16:36

    Also wenn mich ein schöner Mann anspricht, kann er das auch gerne beim Warten auf die Nightline tun. Just sayin.

  5. ms.andromeda.pendragon@gmail.com'

    hundeprinz

    16. Mai 2014 at 12:24

    das mit den kopfhörern kennen wir wohl alle. und auch den halbstarken kerl, der mit großem eifer versucht, den geruch seiner leberkässemmel/döner/burenwurst im gesamten nightlifevehikel zu verteilen.

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