„Kann sein, dass sie mich festnehmen“
Wajciushkevich über Kritik an Präsident Lukaschenko und Demokratie in Weißrussland
mokant.at: Ist Weißrussland noch nicht bereit für Demokratie?
Zmitser Wajciushkevich: Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass man in den letzten achtzehn Jahren sehr viele Möglichkeiten verpasst hat, wirtschaftlich, aber auch psychologisch. Ich kann nicht sagen, ob wir bereit sind oder nicht. Etwas in psychologischer Hinsicht zu verändern ist sehr schwierig. Der Großteil der erwachsenen Bevölkerung ist daran gewöhnt, dass es einen Chef gibt. 1991 hat man zum Beispiel die sowjetische Führungsriege verjagt, 1994 aber wieder zurückgeholt, weil sie gewusst haben, wie man ein Land regiert. Wir müssen verstehen, wer wir sind und welchen Platz wir einnehmen. Wir sollten einen Platz zwischen Russland und der EU einnehmen und zwar in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht. Vor allem in kultureller, darüber wird am wenigsten gesprochen, aber ich finde, dass man damit beginnen sollte.
mokant.at: Fehlt es den Weißrussen an einer eigenen Identität?
Zmitser Wajciushkevich: Das ist ein eigenes Problem. Wir haben offiziell zwei Amtssprachen, Russisch und Weißrussisch. Ich bin nicht gegen das Russische, aber die Machthaber sind aus irgendeinem Grund gegen das Weißrussische. Dass ich in Weißrussisch singe, ist für sie schon politisch.
mokant.at: Wenn wir auf die Frage zurückkommen, ob Weißrussland für eine Demokratie bereit wäre: Ist der Wille dazu in der Bevölkerung überhaupt da?
Zmitser Wajciushkevich: Im Jahr 2004, als in der Ukraine etwas los war (die orangene Revolution, Anmerkung der Redaktion), konnte man eher über den Willen dazu sprechen. Im Moment herrscht Angst vor der Demokratie. In den Medien wird immer das Negative herausgestrichen.
mokant.at: Hat die Enttäuschung, die nach der orangenen Revolution in der Ukraine aufgetreten ist, auch auf Weißrussland abgefärbt?
Zmitser Wajciushkevich: Ich persönlich habe mich sehr über die orangene Revolution gefreut. Natürlich sind nachher Probleme entstanden. Über Weißrussland kann man sagen: Ja, vor dem russischen und ukrainischen Hintergrund ist ein großer Teil der Bevölkerung von der Demokratie eingeschüchtert. Es ist einfacher, wenn es Stabilität gibt. Es gibt keine Verbrecher auf den Straßen, man kann ruhig in der Nacht auf der Straße gehen. Alles ist ruhig und sicher. Die Demokratie hingegen ist etwas Beängstigendes, etwas Unverständliches, da muss man selbst denken, Verantwortung übernehmen. Das ist sehr schwierig.
mokant.at: Bei der letzten Wahl haben 79 Prozent Lukaschenko gewählt. Wählen ihn die Menschen wirklich oder ist alles nur Manipulation?
Zmitser Wajciushkevich: Das ist alles Manipulation. Das verbirgt ja auch keiner. Er selbst hat sich verplappert, dass das Wahlkomitee ihm bei den letzten Wahlen zu viele Prozent hingeschrieben hat, weniger hätten auch gereicht.
mokant.at: Aber gibt es auch Menschen, die ihn aus Überzeugung wählen?
Zmitser Wajciushkevich: Ja, die gibt es. Das sind bestimmte Menschen, die - wie soll ich sagen? Das war zum Beispiel meine Mutter. Sie hat nicht viel gesehen. Sie ist nirgendwo hingefahren. Sie wollte nichts. Ihr hat ihre Pension gereicht. Es hat ihr gereicht, den schönen, großen Mann mit Schnurrbart im Fernsehen zu betrachten und zu genießen, wie er die ganzen anderen Trottel zurechtweist.
mokant.at: Wann haben Sie begonnen sich für Politik zu interessieren?
Zmitser Wajciushkevich: Ich bin eigentlich Lyriker, singe Lieder über die Liebe, über Frauen, lustige Lieder, Lieder über Tiere. Aber wenn du beginnst in der Kunst Fragen zu stellen, zieht es dich so oder so hin zu politischen Fragen. Ob du willst oder nicht. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, weil ich denke: Wenn du etwas willst, wenn du fühlst, dass du etwas tun musst, dann solltest du es tun. Die Musiker der weißrussischen Pop-Szene sagen, dass sie außerhalb der Politik sind. Aber sie treten auf Konzerten von Lukaschenko auf. Deswegen sage ich: Ja, ich bewege mich innerhalb der Politik, ich singe gegen Lukaschenko oder für Menschen, die gegen Lukaschenko sind.
mokant.at: Warum sind Sie auf der „schwarzen Liste“ gelandet?
Zmitser Wajciushkevich: Wegen meiner Überzeugungen.
mokant.at: Sagen Sie offen, dass Sie gegen Lukaschenko sind?
Zmitser Wajciushkevich: Nein, das ist bei uns sehr gefährlich. Siarhei Mikhalok (Sänger der weißrussischen Band Ljapis Trubetskoj, Anmerkung der Redaktion) hat das gesagt und jetzt kann er nicht mehr nach Weißrussland. Man hat zwar gesagt, dass es keine strafrechtliche Verfolgung geben wird, aber ich glaube, dass das nur eine Art Spiel ist. Ich selbst spreche immer nur ironisch.
mokant.at: Jetzt im Interview sprechen Sie aber ziemlich offen.
Zmitser Wajciushkevich: Das ist die Luft der Demokratie, ich bin schon eine Woche in der EU.
mokant.at: Wenn ich das Interview veröffentliche, könnte es dann Probleme geben?
Zmitser Wajciushkevich: Kann sein, dass etwas passiert, kann sein, dass nichts passiert. Es hängt nicht so sehr davon ab, was du jetzt sagst, sondern davon, wann sie dich fassen wollen. Kann sein, dass sie mich festnehmen, kann sein, dass sie es nicht tun. Ich bin nur ein Künstler.
mokant.at: Was für Auswirkungen hat es für Sie auf der schwarzen Liste zu sein?
Zmitser Wajciushkevich: In den letzten acht Jahren war ich praktisch nicht im Fernsehen. Alle meine Konzerte sind Untergrundkonzerte. Es werden Einladungen direkt an Menschen, zu denen ich Vertrauen habe, über Facebook verschickt.
mokant.at: Es gibt nicht einmal Plakate?
Zmitser Wajciushkevich: Nein. In letzter Zeit passiert es, dass Maskierte Veranstaltungen stürmen. Das ist bei einer Filmvorführung im Belarus Free Theatre passiert: Während der Vorstellung sind sie hineingestürmt, haben alle Zuschauer an die Wand gestellt, haben die Fenster zerbrochen.
mokant.at: Ist das bei einem Ihrer Konzerte auch schon mal passiert?
Zmitser Wajciushkevich: Nein, bisher noch nicht. Aber ich möchte das Risiko wegen meiner Zuseher trotzdem nicht auf mich nehmen.
mokant.at: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass Ihre Tante alle, die nach Ihnen gefragt haben, über die schwarze Liste aufklären musste. Wissen die Menschen gar nichts darüber?
Zmitser Wajciushkevich: Es gibt einen bestimmten Prozentsatz von Menschen, die Bescheid wissen, das sind die, die auf Facebook sind. Aber dann gibt es noch die Menschen, die in kleinen Städten leben, die nur staatliches Fernsehen sehen und nur die staatlichen Zeitungen lesen.
mokant.at: Also weiß nur eine Minderheit Bescheid?
Zmitser Wajciushkevich: Ich kann nicht sagen, dass es eine Minderheit ist. Ich habe keine Untersuchung dazu durchgeführt. Wenn die Menschen durch ihre Arbeit oder ihre Interessen damit zu tun haben, wissen sie es. Aber viele Leute leben einfach ihr Leben, versuchen irgendwie durchzukommen, ihre Familie durchzufüttern.
mokant.at: Warum hört man in Österreich so wenig über Weißrussland?
Zmitser Wajciushkevich: Erstens ist Weißrussland weit entfernt. Zweitens müssen wir Weißrussen selbst mehr sprechen. Wir sollten mehr auf einer kulturellen Ebene miteinander kommunizieren. Weißrussische Kultur und Musik ist kaum bekannt. Aber ich hoffe, dass sich das auch dank diesem Interview ändern wird.
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Interview with Zmitser Wajciushkevich in Russian
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Website von Wajciushkevich (in Weißrussisch)
Interview von
Cover: mokant.at montage > foto: Uladsimir Buturlia
Bild oben: Uladsimir Buturlia
Bildleiste: mokant.at collage > fotos: Uladsimir Buturlia, Iadsia Adamcyk, Sofia Khomenko
Video: Sofia Khomenko








