08. Juni 2012 | Politik

Ist Sport einfach nur Sport?

 
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Spitaler: „Speziell SportlerInnen haben eine politische Funktion“
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Timoschenkos Haftbedingungen stehen im Zentrum der Kritik

Sportliche Großereignisse enthüllen die politische Dimension des Sports

 

Die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine steht vor der Tür – und sorgt prompt für politische Kontroversen. Wegen der Behandlung der Oppositionellen und Ex-Premierministerin Julia Timoschenko steht die ukrainische Innenpolitik unter Präsident Wiktor Janukowytsch im Zentrum der Kritik. Politik im Rahmen von sportlichen Großveranstaltungen gibt es vermutlich schon so lange, wie die sportlichen Großveranstaltungen selbst. Darf man im Stadium große Feste feiern, während davor Unrecht und Unterdrückung herrschen? Wie sollen sich die Athletinnen und Athleten verhalten? Und warum muss der Sport überhaupt für politische Zwecke herhalten? Fragen, auf die es auch nach mehreren Großveranstaltungen in politisch dubiosen Ländern keine eindeutigen Antworten gibt.

 

Politische Akteure nutzen die Aufmerksamkeit

Der Wiener Politologe Georg Spitaler beschäftigt sich seit längerem mit der Verbindung von Sport und Politik. In der aktuellen EM-Diskussion erkennt er ein altes Muster: „Die enorme mediale Aufmerksamkeit, die ein sportliches Großevent mit sich bringt, wird von politischen Akteuren, wie NGOs, genutzt, um auf gesellschaftliche und politische Zustände aufmerksam zu machen.“ Das bestätigen die aktuellen Entwicklungen in der Ukraine, aber auch die Ausschreitungen in Tibet im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking. 

 

Sport und Politik seien ohnehin nur schwer von einander zu trennen. Speziell die Sportlerinnen und Sportler selbst hätten aufgrund ihrer Vorbildwirkung, des Interesses und der Emotionen, die sie durch den Sport befördern, eine politische Funktion. Außerdem träten sie in aller Regel als Vertreter eines Landes oder eines Teams auf, wodurch ihnen zusätzlich eine Identifikationsrolle zukomme. Bei großen Sportereignissen im umstrittenen Rahmen, bringe sie das in die Situation, zu politischen Themen befragt zu werden und sich äußern zu müssen – unabhängig davon, ob sie dazu eine Meinung haben und diese artikulieren wollen und obwohl sie keinerlei Einfluss auf den Austragungsort von sportlichen Großereignissen haben. Aus Sicht Georg Spitalers sollte es die persönliche Entscheidung der Athletinnen und Athleten bleiben, wie sie mit dieser Verantwortung umgehen.

 

„Den Boykott habe ich nicht bereut“

Die deutsche Degenfechterin Imke Duplitzer hat sich 2008 bei den Olympischen Sommerspielen in Peking für ihre Überzeugung entschieden. Sie nutzte die sportliche Bühne, um ihren Protest gegen die chinesische Regierung zum Ausdruck zu bringen. So blieb sie der feierlichen Eröffnung der Spiele demonstrativ fern, um nicht „Teil des inszenierten Gigantismus der politischen Führung Chinas zu werden“. Sie glaubt zwar nicht, dass ihr Protest beim Internationalen Olympischen Komitee oder der chinesischen Regierung viel bewirkt hat - abgesehen von ständigen Problemen bei der Einreise nach China, die dazu führten, dass sie nicht mehr an den dortigen Weltranglistenturnieren teilnimmt. Dennoch bereut sie den Boykott nicht und verspricht auch weiterhin für ihre Überzeugungen einzutreten.

 

Wenn es um Boykottierungen von sportlichen Großereignissen geht, sieht Duplitzer vor allem die großen Weltsportverbände gefordert. Diese sollten die Großereignisse nach erweiterterten und veränderten Kriterien vergeben. Ihrer Meinung nach geht es „maßgeblich darum, Demokratie als politisches System und die Achtung von Menschenrechten im Vergabekatalog an prominenter Stelle zu verankern“, auch wenn das zu Unstimmigkeiten mit Sponsoren führe.

 

Laut Georg Spitaler gibt es bereits Entwicklungen, nationale Sportverbände für soziales Engagement zu belohnen. Bei der Vergabe der EM 2008 an Österreich und die Schweiz konnte der heimische Fußballverband etwa durch die Unterstütung von Anti-Rassismus-Initiativen punkten. Spitaler weist jedoch darauf hin, dass in der Ukraine eine andere Regierung an der Macht war und andere Verhältnisse herrschten, als über die Vergabe der EM 2012 entschieden wurde.

 

Regierungen boykottieren

Auch Politikerinnen und Politiker nutzen die sportliche Bühne für Kritik, wie die aktuellen Diskussionen zeigen: Ebenso wie die Vertreter anderer EU-Staaten verzichten die Mitglieder der österreichischen Bundesregierung auf Besuche in der Ukraine. Das Ziel sei „ein Signal gegen den Umgang der ukrainischen Justiz mit Julia Timoschenko“ zu setzen, heißt es in einer Stellungnahme von Außenminister Michael Spindelegger. Zuvor sagte bereits Bundespräsident Heinz Fischer die Teilnahme an einem Gipfel europäischer Staatsoberhäupter in Jalta ab – offiziell aus Termingründen. Das Außenministerium begründet den Boykott damit, dass „für die privilegierten Beziehungen zwischen Österreich beziehungsweise der EU und der Ukraine die Einhaltung gemeinsamer Werte, wie die allgemein gültigen Menschenrechte, wesentlich sind“. 

 

Der Politologe Spitaler vermutet hinter dieser symbolischen Geste jedoch vor allem innenpolitische Motive. Schließlich biete die EM eine gute Gelegenheit, sich dem eigenen Wahlvolk als Verteidiger der Menschenrechte zu präsentieren: „Das geht einfach und kostet nichts.“ Wirkliche Auswirkungen hätten lediglich Interventionen auf wirtschaftliche Ebene. Doch dafür scheine die Situation nicht ernst genug. Außerdem vermutet er, dass es der Ukraine ziemlich egal sein wird, ob Österreichs Regierung bei der EM vertreten sein wird, zumal das Land ja nicht einmal an den Spielen teilnimmt. Aus dem Außenministerium gab es dazu bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme.

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