29. Mai 2012 | Politik

„Angst vor der Demokratie“

 
 Uladsimir Buturlia
Wajciushkevich ist weißrussischer Musiker und politischer Aktivist
 mokant.at collage > fotos: Uladsimir Buturlia, Iadsia Adamcyk, Sofia Khomenko
Wajciushkevich möchte auf die Lage in Weißrussland aufmerksam machen

Musiker Zmitser Wajciushkevich im Interview über die politische Situation in Weißrussland

 

„Ich möchte heute über zwei Dinge sprechen: über politische Gefangene und die schwarze Liste von Künstlern.“ Der Weißrusse Zmitser Wajciushkevich ist eigentlich Musiker, nicht Politiker. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen unterstützte er den Oppositionellen Uladzimir Niakliaeu und kam danach auf die „schwarze Liste“. Seither kann er nur bei Untergrundkonzerten auftreten. Mit seiner Gitarre reist er nun durch Europa; bei der Tour „Solidarität für Weißrussland“ möchte er seine Lieder singen und auf die menschenrechtliche Situation in seinem Land aufmerksam machen: „Wenn es keine Interventionen von außen gäbe, würden Menschen weiterhin einfach verschwinden, so wie es vor zehn Jahren war. Den Menschen, die Opfer von Verfolgung geworden sind, hilft die Solidarität der europäischen Länder sehr.“

 

 

Weißrussland - ein Land, abgeschottet, wie kein anderes in Europa. Ein Land, das oft als letzte Diktatur Europas bezeichnet wird und von dem man in Österreich kaum etwas hört. Seit 1994 ist Alexander Lukaschenko Präsident. Bei den letzten Wahlen wurde er mit fast achtzig Prozent gewählt, wobei die Wahlbeobachtermission der OSZE feststellte, dass die Wahlen nicht demokratischen Kriterien entsprachen. Die Proteste, die daraufhin folgten, wurden gewaltsam aufgelöst, siebenhundert Menschen verhaftet. Als mokant.at Zmitser Wajciushkevich vor seinem Auftritt in Wien trifft, meint er, dass auch er verhaftet werden könnte, wenn das Interview veröffentlicht wird. Er möchte aber trotzdem sprechen, denn: „Es hängt nicht davon ab, was du jetzt sagst, sondern, wann sie dich festnehmen wollen.“

 

mokant.at: Wie sieht die politische Situation in Weißrussland aus?

Zmitser Wajciushkevich: Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll. Sie ist sehr kompliziert. In einfachen Worten: Es gibt einen großen Chef, der es nicht gern hat, wenn sich andere Menschen um ihn herumtreiben. Diese Menschen müssen nicht irgendwelche Führungsambitionen haben, es reicht, wenn sie einfach eine eigene Meinung haben. Eine andere Meinung interessiert in Weißrussland niemanden, weil der große Chef sich in allem selbst auskennt. Das ist nicht nur innerhalb von Weißrussland so: Wir befinden uns „im Krieg“ mit allen unseren Nachbarstaaten. Die Atmosphäre im Land ist still und ruhig, so wie auf einem Friedhof. Die Menschen haben Angst. Man hat Angst, dass man im Gefängnis landen könnte.

 

mokant.at: Denkt die Regierung, dass das Land am besten alleine zurecht kommt?

Zmitser Wajciushkevich: Man kann schwer über die Regierung sprechen, weil die Regierung von einem einzigen Menschen abhängt. Alle sind zu Sklaven geworden. Niemand entscheidet etwas, außer diesem einen Menschen.

 

mokant.at: Aber wie gelingt ihm das? Wieso wird das zugelassen?

Zmitser Wajciushkevich: Ich habe ja nicht gesagt, dass er alleine daran schuld ist. Ich fürchte, dass es für viele so sehr bequem ist. Was Europa von Weißrussland unterscheidet, ist, dass die Menschen in Europa daran gewöhnt sind selbstständig zu leben, und zwar jeder. Es greift auch niemand deine Freiheit an. In Weißrussland gibt es das nicht, alle sind an dieses Kolchos-System (Kollektivwirtschaft – landwirtschaftliche Großbetriebe in der Sowjetunion, Anmerkung der Redaktion) gewöhnt, wo der Vorsitzende entscheidet, der Chef. Alle anderen führen dumpf irgendwelche Handlungen durch, ohne Verantwortung zu übernehmen.

 

mokant.at: Ist das eine weißrussische Eigenschaft oder die Nachwirkung des sowjetischen Systems?

Zmitser Wajciushkevich: Ich glaube, dass es eine sowjetische Tradition ist. Wenn sich politisch etwas in Weißrussland ändern würde, wäre es nicht sofort einfach. Es gibt immer Übergangsphasen. Wir werden einen Wegabschnitt gehen müssen, den wir bisher noch nicht gegangen sind. In erster Linie müssen wir begreifen, wer wir sind. Wir müssen uns anderen Ländern gegenüber öffnen. Ich bin kein Geopolitiker, ich bin Künstler. Meine Aufgabe ist es, die Menschen emotional aufzurütteln, oder einfach mit ihnen zu sprechen. Wir bitten um Aufmerksamkeit in Europa. Früher sind Menschen einfach verschwunden. Sie würden weiterhin verschwinden, wenn man nicht begonnen hätte, Weißrussland Aufmerksamkeit zu schenken.

 

mokant.at: Wie ist die menschenrechtliche Situation jetzt? Wie sieht es mit politischen Gefangenen aus?

Zmitser Wajciushkevich: Offiziell sind es um die sechzehn. Es gibt eine große Zahl an Menschen, die nicht im Gefängnis sitzen, die aber unter strenger Kontrolle und Überwachung stehen. Sie müssen jeden Abend zu Hause sein. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Uladsimir Njakljajeu muss immer um acht Uhr abends zu Hause sein. Die Polizei kommt und kontrolliert, ob er da ist. Er kann nirgendwo hinfahren. Er darf seine Meinung nicht öffentlich ausdrücken. Er hat schon zwei oder drei Verwarnungen - wenn er seine Meinung sagen würde, könnte er ins Gefängnis kommen.

 

mokant.at: Hat man gar keine Möglichkeit die eigene Meinung auszudrücken?

Zmitser Wajciushkevich: Im Moment besteht von Regierungsseite der Versuch den europäischen Dialog wieder aufleben zu lassen. Deshalb wird „Wir erlauben Proteste“ gespielt. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Menschen festnehmen können. Sie nehmen sie fest und sperren sie ein, für einen Tag, für zehn Tage, für fünfzehn.

 

mokant.at: Finden noch Proteste statt? Seit den Protesten nach den Wahlen hat man jedenfalls nichts mehr davon gehört.

Zmitser Wajciushkevich: In letzter Zeit hat man das Gefühl, dass wieder mehr los ist. Die Menschen haben unter der gewaltsamen Räumung vom Platz (die Proteste anlässlich der Wahlen wurden von der Polizei gewaltsam aufgelöst, Anmerkung der Redaktion) und dem, was danach kam, sehr gelitten. Viele wurden entmutigt, es war viel Angst und Niedergeschlagenheit da. Man hat etwa siebenhundert Menschen verhaftet. Manche sind lange gesessen, viele hat man verurteilt. Manche hat man wieder gehen lassen, aber jetzt stehen sie unter ständiger Kontrolle. Man hat niemanden rehabilitiert. Andrej Sannikau zum Beispiel, ehemaliger Präsidentschaftskandidat, ist jetzt ein Krimineller, verurteilt wegen Unruhestiftung, Extremismus und so weiter. Hab ich die Frage beantwortet?

 

mokant.at: Nicht ganz. Gibt es weiterhin Proteste?

Zmitser Wajciushkevich: Letztes Jahr hatte man das Gefühl, dass eine sogenannte Revolution über soziale Netzwerke beginnt und dann waren da die Schweigeproteste. Diese wurden auch unterbunden, man hat die Leute festgenommen - einfach, weil sie auf der Straße waren. Manche werden nach achtzehn Jahren Kampf einfach müde. Viele sind schon hier in Wien, in Amsterdam, in Paris, wo auch immer. Sie kämpfen nicht, sie leben einfach. Bisher ist der Moment, wo Hoffnung da gewesen wäre, dass sich wirklich etwas ändert, noch nicht gekommen. Aber das bedeutet nicht, dass man die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen sollte, dass Lukaschenko auf einmal stirbt oder ein guter Mensch wird.

 

mokant.at: Was ist, wenn er auf einmal sterben würde? Würde sich dann alles radikal ändern? 

Zmitser Wajciushkevich: Viele warten darauf. Es gibt so eine  Parole in Weißrussland: „SOZ – stob on zdoch“ (deutsch etwa: „Möge er verrecken“, Anmerkung der Redaktion). Manche sprechen zu Silvester sogar einen Toast darauf. Ich bin Christ, ich denke: Soll er doch in Frieden leben. Aber um die Frage zu beantworten: Ich glaube nicht, dass wir auf einmal zu einem superdemokratischen Land werden würden.

 

 

Interview weiterlesen ...

„Kann sein, dass sie mich festnehmen“

 

Mehr dazu ...

Interview with Zmitser Wajciushkevich in Russian

 

Links dazu ...

Website von Wajciushkevich (in Weißrussisch)

Wikipedia-Artikel zu Weißrussland

Thema Weißrussland auf Spiegel Online


Interview von

Cover: mokant.at montage > foto: Uladsimir Buturlia

Bild oben: Uladsimir Buturlia

Bildleiste: mokant.at collage > fotos: Uladsimir Buturlia, Iadsia Adamcyk, Sofia Khomenko

Video: Sofia Khomenko

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