24. Jänner 2012 | Politik

Politik = Chaos

 
flickr.com/stevenfernandez
Das Jahr 2011 stand im Zeichen des politischen Aufbegehrens
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Arabellion, Empörung, Occupy und das Internet
Das Protestjahr 2011 kennt viele Geschichten: eine Analyse von Bernhard Schinwald
 
Weltweit erheben sich junge Menschen, um gegen Unterdrückung und für Selbstbestimmung und Demokratie zu kämpfen. Sie stürzen Diktaturen und wählen ihre Regierungen ab. Der Protest hat viele Gesichter. Als tragendes Instrument und maßgebliche Triebfeder verbindet sie jedoch alle das Internet und eine gebildete Jugend, die es zu nutzen weiß. Das demokratisierende Potenzial dieser Kombination hat den politischen Protest in eine neue Ära geführt. Eine Analyse.
 
Der Protest hat viele Gesichter
Tunesien, New York, Ägypten, Revolution, Russland, We are the 99 Percent!, London, Occupy Wall Street, Benghazi, Spanien, Empört Euch!, Griechenland, Arabischer Frühling: So viele Städte, Länder und Schlagworte sich für die weltweiten Proteste auch finden lassen, so sehr funktionieren sie doch nach ähnlichen Mustern. Überall erhebt sich eine gebildete Jugend, die eigentlich an der Reihe wäre, in die Welt zu gehen und die Früchte ihrer Bildung zu ernten. Und überall ist es die Jugend, die das ihnen wohl vertraute Internet, wie schon 2009 im Iran, nun endgültig als Hauptinstrument politischen Aufbegehrens nutzt.
 
Welt in Echtzeit
Die New York Times berichtete 1982 von einer Studie, in der davon ausgegangen wird, dass in naher Zukunft eine Form vernetzter Kommunikation unseren Alltag verändern wird. 30 Jahre danach lassen sich die Vorhersagen dieser Studie checklistenartig abhacken. Die Proteste seit dem letzten Jahr zeigen, wie viele verschiedene Rollen das Internet dabei einnimmt.
 
Mittels sozialer Netzwerke, wie Facebook oder Twitter, wird organisiert, orchestriert und kommuniziert, sowohl nach innen als auch nach außen. Whistleblower-Seiten, wie WikiLeaks sorgen regelmäßig für weiteren Zündstoff und Hacker weltweit leisten unter dem Decknamen „Anonymous“ reichlich Schützenhilfe. Jeder und jede kann daran teilnehmen. Alles wird erledigt, obwohl niemand dafür zuständig ist. Die Aufstände organisieren sich von selbst. Keine Zentralstellen, deren Macht mittels staatlicher Gewalt leicht zu unterbinden ist. Die Hierarchien sind flach, heldenhafte Anführer irrelevant. Keine Menschen, deren Köpfe als Ikonen der Bewegung für Jahrzehnte T-Shirts und Poster subversiver Kids zieren werden.
 
Die Grundkonstellation bleibt gleich
Doch so sehr die Proteste auch in ihrer Struktur, Kommunikation und Organisation historische Neuerungen darstellen, herrscht noch weiterhin die notwendige Grundkonstellation: Es gibt unüberbrückbare Missstände, die die Menschen auf die Straßen treiben und es gibt deren Verantwortliche, gegen die sich der Protest richtet.
 
Der Arabische Frühling ist gespeist von der Unterdrückung und den Schikanen im diktatorischen System. Hingegen regiert sowohl in der europäischen Empörten-Bewegung als auch in der Occupy-Bewegung der Unmut über den Finanzkapitalismus. Sie kritisieren, dass Renditen, Profite und sonstige wirtschaftliche Ziele das gemeinschaftliche Wohl als oberstes Ziel politischen Handelns ersetzen.
 
Was übrig bleibt
Auch wenn die Demokratie nicht während eines Freitagsgebets vom Himmel fällt und der Weg dorthin voller Unsicherheiten und Gefahren ist, auch wenn sich systemische Probleme nicht zwischen den Börsenöffnungszeiten über Nacht beseitigen lassen, beginnt jeder politische Neuanfang mit dem Aufzeigen von Missständen und öffentlichen Unmutsbekundungen. Ob und wie sich die Proteste als zielführend erweisen werden, bleibt abzuwarten. Erst rückblickend lässt sich entschieden, ob die Ereignisse des Jahres 2011, ähnlich dem Jahr 1989, die Welt nachhaltig verändern. Fest steht aber schon jetzt, dass dank des Internets der politische Protest nie mehr so aussehen wird, wie zuvor. Vielleicht wird genau das im Nachhinein das Jahr 2011 als entscheidenden Wendepunkt markieren.

Analyse von

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Titelbild: mokant.at montage > foto: flickr.com/stevenfernandez (cc)

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