Bachelor in drei Jahren? „Utopie!“
ÖH-Generalsekretär Peter Grabuschnig über Bummelstudenten und überfüllte Kinosäle
„Investition in Bildung bringt jedem etwas“, davon ist der Generalsekräter der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH), Peter Grabuschnig, überzeugt. Schließlich bekomme der Staat das investierte Geld später durch Steuern auch wieder zurück. Von Studiengebühren hält er genauso wenig, wie von Zugangsbeschränkungen. Zwei Drittel der Studierenden würden bereits jetzt mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten, um sich ihr Studium zu finanzieren. In drei Jahren mit dem Bachelor fertig zu werden, sei für sie fast utopisch. Aufnahmetests seien nicht fair, meint Grabuschnig, der selbst an einer Fachhochschule studiert und ein Aufnahmeverfahren durchlaufen musste: Jemand, der intovertiert ist, könne nämlich das „totale Genie“ sein und hätte trotzdem schlechtere Chancen.
mokant.at: Die ÖH erarbeitet gerade ein Gegenpapier zum Hochschulplan von Minister Töchterle: Wo liegen eure Schwerpunkte?
Peter Grabuschnig: Wir wollen mit diesem alternativen Maßnahmenpapier, das unter dem Titel „Forum Hochschule“ läuft, der ÖVP und Minister Töchterle zeigen, dass es auch andere Lösungsansätze abseits von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen gibt. In fünf Arbeitsgruppen sollen Experten und Expertinnen in den Bereichen Hochschulfinanzierung, Hochschulorganisation, soziale Absicherung, Qualität der Lehre, Forschung und Wissenschaft neue Ansätze finden.
mokant.at: Das Papier wird ja als Gegenpapier angekündigt. Fördert das nicht das Image der ÖH als ewige „Nein-Sager“?
Peter Grabuschnig: Das wird von der ÖVP sehr stark propagiert. Deshalb sprechen wir von einem alternativen Hochschulplan: Er soll andere Möglichkeiten aufzeigen und vom Image der „Nein-Sager“ wegführen.
mokant.at: Kannst du uns konkrete Alternativmaßnahmen nennen?
Peter Grabuschnig: Eigentlich will ich dem Prozess nicht vorgreifen, weil das alles in den Arbeitsgruppen erst erarbeitet werden soll. Klarerweise sind Ziele vorgegeben, ein Ziel ist die Erhaltung des freien Hochschulzugangs. Es wird immer von Kapazitäten gesprochen, die begrenzt sind, aber nicht darüber, wie man die vorhandenen Kapazitäten besser nutzen könnte. Wir wollen mehr Aspekte in den Dialog einbringen.
mokant.at: Wie könnte man die vorhandenen Kapazitäten besser nutzen? Im riesigen Audimax müssen Studierende derzeit teilweise am Boden sitzen.
Peter Grabuschnig: Viele Kapazitäten werden nicht perfekt genutzt. Es werden Argumente gebracht, wie von Frau Cortolezis-Schlager (Wissenschaftssprecherin der ÖVP, Anm. der Redaktion), dass der Hörsaal wie ein Kino sei. Da gibt es Tickets und Plätze und wenn es voll ist, ist es voll. Es wird aber nicht darüber nachgedacht, dass man auch eine Doppelvorführung machen könnte. Dafür fehlt aber das Personal. Das Hochschulbudget sinkt real und die Universitäten müssen am größten Kostenblock, nämlich dem Personal, sparen. Je weniger Personal ich habe, desto weniger Lehrveranstaltungen kann ich anbieten.
mokant.at: Das große Problem liegt also im Moment nur darin, dass zu wenig Lehrpersonal vorhanden ist?
Peter Grabuschnig: Das ist ein Teil des Problems. Das große Problem ist das fehlende Geld. Der Nationalrat hat mehrmals beschlossen, dass das Budget für die Hochschulen auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gesteigert werden soll. Real wären das auch gewesen, ausgehend vom letzten BIP € 1,7 Milliarden. Aber wenn der Herr Töchterle mit seiner Hochschulmilliarde kommt – der Mogelpackung auf drei Jahre verteilt – dann bringt uns das nirgendwo hin.
mokant.at: Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle schlägt auch vor, mehr Geld aus der Wirtschaft zu holen.
Peter Grabuschnig: Das ist zwar ein interessanter Vorschlag, aber die Frage dabei ist: Was will man in der Forschung und in der Wissenschaft erreichen? Wie frei soll Wissenschaft sein? Wenn viele Mittel aus der Wirtschaft lukriert werden, beeinflusst das die Forschungsergebnisse. Das ist problematisch, wenn man gleichzeitig hinter dem Grundsatz steht, dass Wissenschaft und Bildung frei sein sollen.
mokant.at: Die ÖH will also, dass die Hochschulen ausschließlich vom Staat finanziert werden?
Peter Grabuschnig: Das wäre das Beste. Staatsfinanzierung bedeutet, dass die Bevölkerung die Universitäten finanziert. Im Moment ist in der Bevölkerung aber das Problem vorhanden, dass nicht gesehen wird, was Akademikerinnen und Akademiker und überhaupt die tertiäre Bildung für die Gesellschaft bringen. Es wird nicht gesehen, dass sich eine Gesellschaft dadurch weiterentwickelt.
mokant.at: Sagen wir einmal, euer Wunsch der zwei Prozent vom BIP geht wirklich in Erfüllung. Sind dann alle Probleme gelöst?
Peter Grabuschnig: Dieses Geld würde schon mal alles verändern. Wenn Hochschulen kein Geld haben, können auch Strukturen nicht verändert werden. Die kürzlich veröffentlichte OECD-Studie (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Anm. d. Red.) hat ganz klar gezeigt, dass sich Investitionen in Bildung auszahlen. Auch wenn der Staat derzeit ein Defizit eingehen würde, würde es im Endeffekt mehr bringen.
mokant.at: Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Peter Grabuschnig: Der „return of investment“ ist höher. Akademiker und Akademikerinnen leisten mehr für die Wirtschaft. Sie zahlen mehr Steuern und tragen dadurch auch mehr zum Budget bei. Natürlich zahlen auch diejenigen mit, die nicht studieren. Aber es muss einfach gesehen werden, dass Investition in Bildung jedem etwas bringt. Egal ob Billa-Verkäuferin oder Primarius, jeder muss gerne in Bildung investieren, weil es zu seinem Wohlstand und dem des Staates beiträgt.
mokant.at: Kann man das von Nicht-Studierenden verlangen? Vor allem, da Studierende derzeit ein Image zu haben scheinen, dass sie nur Geld verlangen und selber zu faul zum Arbeiten sind?
Peter Grabuschnig: Wenn ich eine Akademikerquote von 38 Prozent fordere, dann muss ich auch bereit sein den Weg dorthin zu gehen. In den Schulen wird auch nicht in Frage gestellt, warum Schülerinnen und Schüler nach der 9. Schulstufe nichts zahlen, obwohl es keine Pflichtschulausbildung mehr ist. Da gibt es auch keine Kapazitätenfrage: Wenn mehr Schüler vorhanden sind, dann wird einfach ausgebaut.
mokant.at: Aber warum sollen andere Menschen in die Bildung jener Studierenden investieren, die jahrelang fast nichts machen?
Peter Grabuschnig: Wenn Studierende keine Vorlesungen besuchen und keine Prüfungen absolvieren, kosten sie den Staat auch nichts. Der so genannte Bummelstudent ist nur eine Nummer im System, er bekommt weder Familien- noch Studienbeihilfe. Im Expertenbericht von Minister Töchterle ist von 60.000 Studierenden die Rede, die bloß 9 ECTS pro Semester absolvieren. Da fallen aber beispielsweise Diplomanden und Dissertanten, die nur wenige Seminare besuchen müssen, auch darunter. Auch die soziale Komponente darf man nicht vergessen: Zwei Drittel aller Studierenden arbeiten mehr als 20 Stunden pro Woche, um sich ihr Studium finanzieren zu können. Das ist durch die Studierenden-Sozialerhebung belegt. Die sollen in drei Jahren mit dem Bachelor-Studium fertig werden? Das ist ja fast schon Utopie!
mokant.at: Minister Töchterle sieht ja soziale Abfederungen vor.
Peter Grabuschnig: Die Einführung einer sozialen Absicherung ist im Prinzip super. Die ÖVP fordert aber seit Jahren Studiengebühren mit sozialer Abfederung. Das Problem liegt darin, dass viele positive Dinge aus seinem Vorschlag nur sehr kleine Gruppen betreffen. Das andere ist, dass die Hochschulen durch dieses System nicht mehr Geld erhalten würden. Wir haben das ausgerechnet: Eine gute soziale Absicherung würde mehr Geld kosten als mit Studiengebühren lukriert werden könnten.
mokant.at: Die ÖH ist also dagegen, die Studierenden während des Studiums zu belasten. Aber was spricht gegen Studiengebühren, die nach dem Studium zurückgezahlt werden sollen?
Peter Grabuschnig: Die finanzielle Belastung ist ein Punkt. Der zweite Aspekt ist, dass Bildung einfach frei und für alle zugänglich sein soll. So werden Akademikerinnen und Akademiker doppelt belastet, mit hohen Steuern auf ihr Einkommen und Schulden aus dem Studium. Junge Menschen nach dem Studium mit 5000 Euro Schulden zu belasten, ist einfach nicht gerecht.
mokant.at: Wenn man arbeiten muss, ist es praktisch unmöglich, Top-Leistungen in der Uni zu erbringen. Das Leistungsstipendium betrug für das letzte Jahr nur ca. 700 Euro, wovon man nicht leben kann. Warum setzt sich die ÖH nicht dafür ein, dass Leistung mehr gefördert wird?
Peter Grabuschnig: Leistungsförderung ist ein wichtiger Punkt. Es gibt derzeit sehr viele Baustellen im Hochschulsektor und in erster Linie sollte eine gute soziale Absicherung da sein. Erst in zweiter Linie die Leistungsorientiertheit. Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse: Österreich soll ein Vorzeigeland bleiben, wo jeder studieren kann, auch ohne extraordinäre Leistung.
mokant.at: Würden gute Leistungen mehr finanziell belohnt werden, könnte man sich mehr auf das Studium konzentrieren und müsste nicht arbeiten gehen.
Peter Grabuschnig: Ja absolut. Das ist kein Kontrapunkt zu einer grundsätzlichen finanziellen Absicherung für Studierende. Nur weil wir es nicht bewerben, heißt es nicht, dass wir dagegen sind.








