10. Oktober 2011 | Politik

„Vertreten nicht alle Meinungen“

 
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Einem fairen Auswahlverfahren würde Grabuschnig zustimmen
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„Wir versuchen durch gute Arbeit positiv aufzufallen“

ÖH-Generalsekretär Grabuschnig über Chancengleichheit und Interessensvertretung

 

mokant.at: Die ÖH fordert eine Anpassung der Kapazitäten an die Anzahl der Studierenden anstatt einer Anpassung der Studierendenzahl durch Zugangsbeschränkungen. Ist es nicht illusorisch zu glauben, dass dem von Jahr zu Jahr entsprochen werden kann?

Peter Grabuschnig: Die Studierendenplanungs-Prognose zeigt ganz klar, dass die Spitze bald erreicht ist und die Studierendenzahlen in der Zukunft nicht extrem zunehmen werden. Starke Schwankungen der Zahlen gibt es auch nicht, daher ist alles gut planbar. Zurzeit haben wir wegen dem doppelten Maturajahrgang und dem Aussetzen des Präsenz- und Zivildienstes einen leichten Anstieg an deutschen Studierenden. Aber das ist eine einmalige Sache.

 

mokant.at: Du hast vorhin gemeint, dass es sich für den österreichischen Staat auszahlt in Bildung zu investieren, weil er dann mehr zurückbekommt. Für die deutschen Studierenden zahlt der Staat nur.

Grabuschnig: Eine österreichische Lösung zu finden, ist sehr schwierig, wir brauchen eine europäische Lösung. Wir wollen den europäischen Hochschulraum, also müssen wir in der EU über Ausgleichszahlungen diskutieren, die die Staaten leisten sollen.

 

Zugangsbeschränkungen sind jedenfalls keine Lösung. Ich bin selbst Student auf einer Fachhochschule in Wien und habe so ein tolles Aufnahmeverfahren durchlaufen. Ich habe gesehen, dass Chancengleichheit und Gerechtigkeit darunter leiden. Sobald ich Zugangsbeschränkungen einführe, ist es nicht mehr fair.

 

mokant.at: Aber schaffen es diejenigen, die wirklich studieren wollen und sich bemühen, nicht trotzdem?

Peter Grabuschnig: Es ist nur eine Leistung und auf Grund dieser werden Leute abgestempelt. Wenn Minister Töchterle einen Vorschlag auf den Tisch legt, der ein wirklich faires Auswahlverfahren bietet, stimme ich sofort zu. Aber den gibt es nicht. Beim Assessment Center kann die Tagesverfassung eine Rolle spielen. Jemand ist vielleicht das totale Genie und perfekt geeignet für das Studium, hat aber schlechtere Chancen, weil er introvertiert ist. Ich habe schon mit Geschäftsführerinnen und Geschäftsführen gesprochen, die es schrecklich finden, Menschen wegschicken zu müssen. Der Arbeitsmarkt fragt nach, aber es werden einfach nicht mehr Studienplätze finanziert.

 

mokant.at: Kann durch mehrstufige und mehrtägige Verfahren Fairness nicht garantiert werden?

Grabuschnig: Diese mehrstufigen Aufnahmeverfahren finden bereits auf den Fachhochschulen statt. Ich hatte als Erstes einen vierstündigen EDV-Test. Schafft man den Test, bekommt man eine Einladung zum Assessment Center. Zum Schluss ist es die subjektive Entscheidung von einigen Personen, die sagen, ob du für das Studium geeignet bist. Da spielt auch Sympathie eine wichtige Rolle. Das nimmt wahrscheinlich vielen, die das Studium gut abschließen könnten, die Chance überhaupt hineinzukommen. Solange es keine wirklich transparenten und fairen Auswahlverfahren gibt, gibt es keinen Grund sie einzuführen.

 

mokant.at: Vertretet ihr aber mit eurem radikalen „Nein“ zu Zugangsbeschränkungen wirklich die Interessen aller Studierenden? Es gibt genug, die dafür sind.

Peter Grabuschnig: Wir vertreten nicht alle Meinungen, sehr wohl aber alle Studierenden. Alle Meinungen unter einen Hut zu bringen, ist nicht möglich. Aber wenn ich in meiner Funktion für Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen wäre, würde ich nicht die Interessen aller Studierenden vertreten, denn das würde heißen, dass viele ihr Studium abbrechen müssen oder gar nicht erst zum Studieren kommen.

 

mokant.at: Der ÖH-Vorsitz ist so breit wie noch nie aufgestellt. Wie tut sich eine Viererkoalition bei der Konsensfindung?

Peter Grabuschnig: Wir vier Fraktionen vertreten sehr viele gleiche Grundsätze, wir verfolgen ein gleiches Ziel, deshalb ist es leicht zusammenzuarbeiten. Bis jetzt gab es noch keine Reibungspunkte, bei denen wir streiten mussten.  

 

mokant.at: Auch deshalb, weil ihr alle eher dem linken politischen Spektrum angehört?

Peter Grabuschnig: Ja natürlich. Wenn man die gleichen Ziele verfolgt, kann man gut zusammenarbeiten. Aber wir versuchen natürlich Einigkeit mit allen Fraktionen anzustreben. So sind wir beim Thema Hochschuldemokratie einer Meinung mit der Aktionsgemeinschaft.

 

mokant.at: Bei nur 28 Prozent Wahlbeteiligung muss sich die ÖH schon auch generell einen Legitimationsvorwurf gefallen lassen, oder?

Peter Grabuschnig: Die Studierenden, die nicht zur Wahl gegangen sind, haben keine Legitimation sich aufzuregen. Wenn sie ihre Meinung vertreten gewollt wissen, sollen sie bitte zur Wahl gehen. Wir sind demokratisch aufgestellt, das gibt uns jede Legitimation die Studierenden in Österreich zu vertreten.

 

mokant.at: Was könnten die Gründe für die geringe Wahlbeteiligung und das mangelnde Interesse sein?

Peter Grabuschnig: Das kann ich nicht sagen, da müsste man eine Umfrage dazu machen. Wir versuchen durch gute Arbeit positiv aufzufallen und die Studierenden auf die ÖH aufmerksam zu machen. Aber es hat natürlich viel mit Bewusstseinsbildung zu tun.

 

mokant.at: Könnte es nicht daran liegen, dass viele meinen, ihr macht viel für benachteiligte Gruppen, aber nichts für den Durchschnitts-Studierenden?

Peter Grabuschnig: Wir haben sehr viele Referate, die sich mit vielen Dingen beschäftigen. Wir haben unser Sozialreferat, das Sozialberatungen anbietet. Wir haben das Referat für Internationales, wo sich Studierende informieren kommen, wenn es darum geht im Ausland zu studieren. Wir haben unsere Studierenden- und Maturantinnenberatung. Wir haben sehr viele Serviceangebote, die letztlich allen Studierenden zugute kommen.

 

mokant.at: Wie stark engagiert ihr euch bei der Maturantenberatung? Vielfach sind Studien ja auch deshalb so überlaufen, weil Schüler kaum oder schlecht über das Studienangebot informiert werden.

Peter Grabuschnig: Die Beratung hat in den letzten Jahren sehr weiterentwickelt. Es ist ein spannender Ansatz, wenn Studierende in diesem Bereich beraten und für die ÖH ist es eine tolle Sache. Die Schülerinnen und Schüler sollten wissen, dass sie auch Biotechnologie auf der BOKU studieren können und nicht nur Biologie auf der Uni Wien oder Wirtschaft an der WU.

 

 

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